7 Uhr morgens am 10. Oktober befand ich mich auf dem Weg zum Palast des
Generalgouvernements an der Rue de la Loi. Am Eingang kamen drei junge
Offiziere auf mich zu, fröhlich und guter Dinge, und begrüßten mich,
als wären wir Jugendfreunde. Sie hätten, sagten sie, vom Feldmarschall
den Auftrag bekommen, mich nach Antwerpen zu begleiten. »Wenn es Ihnen
recht ist, fahren wir sofort, das Auto steht bereit.« Natürlich! Der
Chauffeur setzte den Motor in Gang und nahm seinen Platz am Steuer ein.
Neben ihm saß ein Soldat und im offenen Automobil die drei Deutschen
und ich. Alle Deutschen trugen Revolver; außerdem hatten wir drei
Karabiner zur Hand. Offenbar hielt man die Straße noch für unsicher und
den Besuch in der eben eingenommenen Stadt mit Gefahren verbunden. Man
hatte noch keine genaueren Nachrichten über die Stimmung Antwerpens
während der Nacht und am frühen Morgen. »Mir ist es komplett egal, ob
ich jetzt oder ein anderes Mal erschossen werde, sterben muß man ja auf
alle Fälle«, sagte Leutnant Classen, der ein großer Spaßvogel und voll
lustiger Einfälle und Geschichten war. Die übrigen zwei Reisekameraden
waren Leutnant ~Dr.~ Hütten aus Stettin und Leutnant ~Dr.~ Walter Kes
aus Steglitz. ~Dr.~ Kes war auch in Friedenszeiten aktiv und dabei
Doktor der Philosophie, was sehr ungewöhnlich ist.
Sobald alles in Ordnung war, erscholl der Ruf: Los! Und vom ersten
Augenblick an fuhr das Automobil mit wahnsinniger Geschwindigkeit.
Ehe man noch recht wußte wie, lag die große Stadt Brüssel mit ihren
in dieser frühen Morgenstunde stillen und leeren Straßen hinter uns,
und wir waren draußen auf dem ebenen Lande, wo vereinzelte Häuser und
Dörfer, Wäldchen und Heufeime aus dem Nebel auftauchen, der noch mit
dem Morgen kämpft, aber bald von der Sonne zerstreut sein wird. Durch
ein herrliches, altes Tor zwischen zwei runden Türmen sausen wir in
unvorsichtig rascher Fahrt nach Mecheln hinein.
[Illustration: Volltreffer im Fort Koningshoyckt, Antwerpen.]
[Illustration: Gesprengter Turm der Redoute ~Chemin de fer~,
Antwerpen.]
[Illustration: Redoute von Antwerpen.]
Wir lassen rechts die Grand' Place mit dem Rathaus und andern
altertümlichen Gebäuden und der schönen Bildsäule der Margarethe von
Österreich liegen, kreuzen wieder einen Kanal und gelangen auf die
Antwerpener Chaussee. Hier fahren wir zwischen den bedeutenden Forts
Waelhem und Ste. Cathérine, die von häßlichen Stacheldrahtnetzgürteln
und Wolfsgruben umgeben sind, und vorsichtig zwischen den tiefen
Löchern, die krepierende Granaten mitten in die Landstraße gerissen
haben.
Zu beiden Seiten der Straße sehen wir vortreffliche Schützengräben,
die die Belgier auf ihrem Rückzug nach Norden gebaut haben; in den
Landstraßengräben sind schalenförmige Nischen ausgehöhlt, um gegen den
Hagel des Schrapnellfeuers Schutz zu bieten. Links stehen noch weite
Strecken des Landes unter Wasser, und neben der Straße liegen noch
provisorische Pontons, hergestellt aus einem Gitterwerk von Balken, die
auf zylinderförmigen Petroleumfässern ruhen; die Deutschen brauchten
sie beim Übergang über die Wasserläufe.
Die Bewohner des Landes sind wie weggeblasen. Nur ganz selten zeigt
sich noch ein verirrter Bauer oder ein Wächter, der zurückgeblieben
ist, während der Sturm über das Land raste. Aber das Leben auf der
großen Landstraße spottet doch jeder Beschreibung, und der Verkehr
nimmt zu, je weiter wir nach Norden kommen. Es sind die alten,
wohlbekannten Kolonnen, in denselben endlosen Zügen, von gleichem
Aussehen und in der gleichen mustergültigen Ordnung, die wir von den
südlicheren Heerstraßen her kennen. Landwehrtruppen rasten neben den
Wegen und Straßen; sie haben die Gewehre zusammengestellt, an deren
Bajonetten die Mützen, Leibriemen und Patronentaschen hängen. Und dort
biegen mehr als vierzigjährige Landsturmleute in ganzen Regimentern
nach Gent ab. Ihnen fehlt es nicht an gutem Humor und Courage, sie
marschieren wie Jünglinge und singen, als ginge es zum Erntefest!
An den Gewehrmündungen tragen sie Blumen, Kränze um den Hals. Nach
fünftägiger ununterbrochener Eisenbahnfahrt marschieren sie nun
fünfundvierzig Kilometer bis zu den Gefechtsstellungen, vielleicht
um fürs Vaterland zu fallen. Deshalb singen sie. Und doch haben sie
Frau und Kinder daheim gelassen. Für Freiheit und Glück kämpfen und
fallen sie. Sie wissen, was es gilt. Je mehr Kinder sie dem Vaterland
geschenkt haben, desto mehr haben sie zu verteidigen, und desto
wichtiger ist es für sie, daß Deutschlands Freiheit und zukünftige
Größe gesichert wird.
Einigen der vornehmen Villen und Schlösser an der Straße statten wir
unsern Besuch ab. Teils werden sie von einem zurückgebliebenen alten
Diener oder einer Dienerin bewacht, teils sind sie leer und verlassen.
Nirgends ist der Besitzer selbst zurückgeblieben, worüber man sich ja
auch nicht wundern kann. Die Häuser, die wir besuchten, waren völlig
unberührt und zeigten keine Spur von Plünderung oder Verwüstung. Wir
waren auch unter den allerersten, die nach der Eroberung die Straße
daherkamen. Soldaten werden für Diebstahl oder boshafte Zerstörung
streng bestraft. Solche Fälle gehören auch zu den Seltenheiten. Und
wie sollten sich Ausnahmen in einer Millionenarmee vermeiden lassen!
In einer Kolonne, die vielleicht aus hundert oder hundertundfünfzig
Wagen und vierhundert Pferden besteht, und wo siebzig oder achtzig
Mann Karabiner tragen und die Eskorte im übrigen sehr klein ist --
wie soll in einer solchen Kolonne der verantwortliche Führer alles,
was geschieht, kontrollieren können! Man muß auch bedenken, daß eine
Hafenstadt wie Antwerpen, einer der Hauptpunkte des Welthandels, eine
Masse internationales Gesindel beherbergt, das gerade in unruhigen
Zeiten losgelassen wird und auf Raub ausgeht. Es wäre daher nicht
zu verwundern, wenn sich nach Beendigung des Krieges Privateigentum
verwüstet fände. Aber so etwas war bei meinem Besuch noch nicht
geschehen, soweit ich beobachten konnte. Die Schlösser, die wir
besuchten, befanden sich in dem Zustand, in dem ihre Besitzer sie
verlassen hatten.
Es geht an Ruinen und nackten, beschädigten Mauern vorüber und auf
einer hölzernen Pionierbrücke mit der gewöhnlichen Landsturmwache
fahren wir über die Nethe, wo die alte Brücke während des Rückzugs
gesprengt wurde.
Die Schützengräben liegen immer dichter nebeneinander und sind mit
bewundernswerter Sorgfalt angelegt. Die unterirdischen Gänge sind
oft zu kleinen Zimmern ausgebaut, mit Holz- und Erddächern versehen,
die Wände mit Brettern belegt. An einer Stelle ganz nahe der Stadt
sieht man quer über die Straße Spuren von Barrikaden. Sie sind wie
Steinmauern aufgeführt, aber leicht zu umgehen, da Lücken in sie
geschlagen sind. Oft liegen auf und neben der Straße tote Pferde. In
der Nähe des innern Fortgürtels mit den Stacheldrahtnetzen begegnen wir
ein paar Batterien schwerer Mörser, die in dieser Gegend nicht mehr
gebraucht werden und nun wohl auf dem Weg nach dem westlichen Flandern
sind. In derselben Richtung wie wir fährt eine Kolonne, die auf langen,
schmalen Wagen Pontons befördert; sie sollen bald an der Schelde in
Anwendung kommen.
Die Stadt selbst umgibt ein grasbewachsener Wall, den viele Tore
durchbrechen, und vor dem Wall zieht sich ein fortlaufender Graben,
über den Brücken führen. Von den Toren wehen die deutschen Fahnen
herab. Durch das Mechelner Tor gelangen wir in den Stadtteil Berchem
und fahren dann die Mechelner Chaussee nach Nordwesten. Die ganze
Straße ist voll von rastenden Kolonnen und Truppen. Sie stehen
offenbar bereit zu neuen Taten. Hier und da sind Häuser von Granaten
getroffen und an einigen Stellen ist das Straßenpflaster von Granaten
aufgerissen. In der breiten, vornehmen Avenue des Arts sind einige
Bäume von Bomben zersplittert. Place de Meir, eine große, schöne Straße
im Zentrum der Stadt, ist überfüllt von rastenden Munitionskolonnen und
Truppen. Sie stehen froh im Sonnenschein und zeigen eine Haltung und
Miene, als wäre Antwerpens Eroberung die leichteste Sache von der Welt.
Frauen und Kinder sind nicht zu sehen, und der Männer, die die
Truppen betrachten, wenige. Die ganze Bevölkerung ist nach Holland
geflohen, die Reichen nach England oder an die Riviera. Alle Läden sind
geschlossen. An den Banken halten deutsche Soldaten Wacht. Aber die
durch Waffenmacht unterdrückte Stadt ist doch wie zu einem Siegesfest
geschmückt! Ganz Antwerpen flaggt mit -- belgischen Fahnen! Wie ist
es möglich, daß sie aushängen dürfen? Nun, die Stadt ist ja erst
gestern gefallen -- da flaggte man noch für die belgische Armee und die
englischen Hilfstruppen! An den folgenden Tagen verschwanden nach und
nach die schwarz-gelb-roten Flaggen.
Über den Häusern an der Westseite der Place de Meir wirbeln
braunschwarze Rauchwolken zum Himmel empor, und wir gelangen zum
Marché aux Souliers, wo ein ganzes Viertel in Flammen steht. Aber das
Feuer verbreitet keinen unheimlichen Schein in dieser im Sonnenlicht
gebadeten Stadt. Die Flammen schlagen nur wie gelbe, flatternde Flaggen
aus den Fenstern, und von der Straße her sieht man, wie es im Innern
glüht. Mehrere Häuser sind bis auf den Grund zusammengeschossen, und
aus Balken und Gerümpel steigt der Rauch in dichten, schwarzen Wolken
auf. Keine neugierig gaffende Menschenmenge betrachtet dies unheimliche
Schauspiel. Eine Feuersbrunst mehr oder weniger ist nichts Merkwürdiges
in dieser Zeit, die so reich an aufregenden Ereignissen ist. Deutsche
Soldaten halten auch an den Eingängen der Straßen Wacht, an der Place
Verte und Place de Meir. Und es kann ja auch nicht viel Schaulustige in
einer Stadt geben, die zum größten Teil verlassen ist. »Weshalb tut man
nichts, um das Feuer zu löschen?« frage ich. -- »Die Wasserleitung in
Waelhem ist zusammengeschossen, und das einzige, was getan werden kann,
ist, zu sorgen, daß das Feuer sich nicht ausbreitet. Im Notfall müssen
die benachbarten Häuser niedergerissen werden, aber es sieht so aus,
als wolle das Feuer von selber verlöschen.«
Keinem Teil der inneren Stadt Antwerpen ist so übel mitgespielt worden
wie dem Marché aux Souliers, doch nur den Häusern an der Nordseite
der Straße. Ohne Zweifel haben nur ein paar Schüsse in diese Häuser
eingeschlagen. Die Granaten zünden gewöhnlich beim Krepieren, und
dann hat sich das Feuer auf die Nachbarhäuser ausgedehnt. Aber das
Viertel ist von offenen Plätzen und Straßen umgeben, und so blieb das
Feuer begrenzt. Freilich sind diese Straßen sehr eng. Über Marché aux
Souliers wurde vordem ein langwieriger Rechtsstreit geführt zwischen
den Hausbesitzern, der Kommune, die über die Fußsteige verfügt, und dem
Staat, dem Eigentümer der Straße. Der Streit ging um die Erweiterung
der Straße; sie war zu eng für den gerade hier sehr lebhaften Verkehr.
Aber niemand wollte nachgeben. Da kam die deutsche Artillerie und
machte dem Streit mit einem Schlag ein Ende. Nun ist die Straße breiter
als zuvor!
Wir fahren durch die Avenue Sud, die gelb ist vom herabgefallenen
Laub, aber hier sieht man kaum eine Spur des Bombardements, höchstens
die Wirkung einer vereinzelten Granate. Am Südhafen fahren wir an
den langen Reihen Pavillons vorüber, den Lagerhäusern und Kontoren,
welche nach der Straße zu wohlbekannte Firmenschilder tragen:
Hamburg-Amerika-Linie, Norddeutscher Lloyd, Compagnie Maritime
Belge du Congo, Nippon Yusen Kaisha, Red Star Line, Peninsular &
Oriental usw. Gewaltige Wagenparks stehen mit oder ohne Ladung auf
Schienen, ein ganzer Zug ist mit Benzin belastet, ein Fund, der die
deutschen Offiziere hoch erfreute. Ein anderer hat kolossale Heuhaufen
hergebracht, die unter Planen aufgestapelt sind. In den Hallen fand man
bedeutende Vorräte von Kolonialwaren, Hafer, Mehl, Kaffee und andern
Vorräten, die requiriert und verbraucht werden sollten. In einigen
Hallen standen etwa tausend Automobile aller Art, meist Last- und
Droschkenautomobile; sie waren samt und sonders mit Äxten, Spießen und
Hämmern zerschlagen und unbrauchbar gemacht. Sie repräsentierten einen
Wert von etwa neun Millionen Mark!
Wachtposten waren noch nicht aufgestellt, der ganze Hafen lag offen
da, es war fast unheimlich öde und still in den Hallen. Ein paar
Dampfschiffbureaus und das des Südbahnhofs waren in bester Verfassung
zurückgelassen worden. Alles Wertvolle war fort, nur Quittungen
und Rechnungen lagen da, und die Röcke der Beamten hingen noch an
ihren Haken, als ob ihre Besitzer an einem der nächsten Tage hätten
zurückkehren wollen.
Was mehr als alles andere die Aufmerksamkeit im Hafen auf sich lenkte,
waren die kolossalen Petroleumtanks, die nun ein einziges Feuer- und
Rauchmeer bildeten. Das belgisch-englische Heer hatte bei seinem
Aufbruch nicht versäumt, diese Vorräte anzuzünden. Kann man den Feind
nicht hindern, einzudringen, so kann man ihm wenigstens den Vorteil
allzu großen Gewinnes rauben. Deshalb waren die Automobile zerstört und
die Petroleumvorräte in Brand gesetzt worden. Höchst eigentümlich sah
es aus, wie sich die schwarzen Wolken mit ihren grauen und bräunlichen
Rändern zum Himmel emporwälzten und -wirbelten. Man hörte es drinnen
zischen und fauchen, und zuweilen drangen rote Flammen durch den Rauch.
Ab und zu erschollen dumpfe Explosionen, und es war nicht ratsam, nahe
heranzugehen. An einigen Stellen wehte noch, vom Rauch umwirbelt, die
amerikanische Flagge. Nur herrenlose Kühe und Hunde streiften in dieser
Gegend herum.
Gerade gegenüber dem Fort de la Tête de Flandre brannten auf dem Fluß
ein paar große Leichter; sie waren offenbar verankert und hatten
als Pontons für eine provisorische Brücke gedient, die das Heer der
Verbündeten benutzte, als es über die Schelde zurückging und seinen
Rückzug bis Gent fortsetzte. Gewisse Verteidigungsanstalten im Hafen
auf dem Weg zu dieser Brücke bewiesen, daß das belgisch-englische Heer
die Absicht gehabt hatte, bis aufs äußerste zu kämpfen. An einigen
Stellen waren zum Beispiel unter den Hallen Barrikaden aus dicken
Eisenplatten errichtet, und an einer von ihnen standen drei geschützte
Kanonen, die den offneren Teil des Hafens bestrichen. Hier und da waren
Stacheldrahtnetze gespannt und allem Anschein nach so eingerichtet, daß
sie mit Elektrizität geladen werden konnten. Aber zum Gebrauch dieser
Verteidigungsvorrichtungen war es nicht gekommen.
Auf einer Rundfahrt durch die Stadt kamen wir auch in die Rue Carel
Ooms. Dort stand hinter einem eisernen Gitter eine größere Villa, in
deren Park eine alte vornehme Dame, auf zwei jüngere Frauen gestützt,
spazieren ging. Sonst war niemand von den reichen Bürgern der Stadt zu
sehen. Ich trat ein und grüßte, und die Dame berichtete mit schlichter
Würde, sie hätte es nicht über sich gebracht, Antwerpen in der Zeit
seiner harten Heimsuchung zu verlassen, und bei ihren siebzig Jahren
auch nicht gewagt, sich den Gefahren einer Reise auszusetzen. In ihren
Park hatten fünf Granaten eingeschlagen, ihr Haus aber unbeschädigt
gelassen. Doch hatte sie, wie man wohl begreifen kann, in Todesangst
geschwebt. Nun ging sie zum erstenmal aus und schöpfte nach der
qualvollen Stimmung der letzten Tage frische Luft. Unglücklicher waren
ihre nächsten Nachbarn, denn von ihrem Haus standen nur noch die
nackten Mauern. Sie selbst waren fortgereist, doch schienen ihre Diener
dageblieben zu sein, denn man wollte aus der Richtung, wo die Granaten
einschlugen, Hilferufe gehört haben. Schließlich erfuhr ich, die Dame
sei die Witwe des berühmten belgischen Historienmalers Carel Ooms; sie
bewohnte die Villa seit dem 1900 erfolgten Tod ihres Mannes, dem zu
Ehren die Straße benannt worden war.
Nach einem einfachen Frühstück unternahmen wir schließlich eine Tour
nach der Nordseite des Hafens und besichtigten flüchtig die Dampfer in
den Hafenbassins und Docks. Ich ging an Bord eines deutschen Dampfers,
»Celadon«, der auf dem Vorderdeck Spuren eines Sprengschusses zeigte.
Wie ich später hörte, waren in allen diesen Fahrzeugen die Dampfkessel
zerstört, damit sie nicht von den Deutschen benutzt werden konnten.
»Comte de Smet de Naeyer« war der Name eines schönen belgischen
Schulschiffes mit graublauem Rumpf, weißen Masten und feinem
Takelwerk. Aber an Bord war nichts von Interesse. Ich stattete auch
dem großen Australiendampfer »Tasmania« einen kurzen Besuch ab. In den
Offizierskajüten waren alle Schubfächer ausgezogen und alle Wertsachen
fortgenommen, nur Bücher, Papiere, Rechnungen und andere wertlose
Dinge fanden sich noch vor. Aber auf einem Schreibtisch in der Kajüte
des Kapitäns stand das Porträt einer Frau und die Photographie einer
Gruppe blühender Kinder. Im Speisesaal stand ein gedeckter Tisch mit
noch nicht geleerter silberner Kaffeekanne und Tassen, sowie einer fast
leeren Zigarrenkiste. Alle Passagierkajüten waren leer und verlassen.
Wir wanderten durch die langen Korridore, wo unsere Schritte hohl und
laut widerhallten, und blieben zuweilen stehen, um zu lauschen, ob
es unsere eigenen Schritte waren, die wir hörten, oder ob uns jemand
nachging. Man konnte ja in diesen Zeiten alles mögliche annehmen.
Vielleicht hielten sich Flüchtlinge an Bord verborgen. Wir riefen,
aber unsere Stimmen verhallten in dem leeren Schiffsrumpf, und niemand
antwortete. Wir sahen in die Mannschaftskajüten hinein, aber niemand
schlief mehr in diesen Kojen, die sich so oft auf den Wogen des Ozeans
geschaukelt hatten. Alles gleich still, gleich stumm und verlassen.
Es konnte einem an Bord dieses Gespensterschiffs, dieses fliegenden
Holländers mit einer Besatzung von unsichtbaren Geistern, die uns aus
allen Winkeln und Ecken anstarrten, unheimlich zumute werden. --
Die Zeit zum Aufbruch nahte heran, und wir kehrten wieder nach Brüssel
zurück. Weit waren wir nicht gekommen, als wir drei Reservebataillonen
begegneten. An der Spitze marschierte ein Musikkorps, und jedem
Bataillon wurde eine Fahne vorangetragen. Die Soldaten hatten ihre
Gewehre mit Blumensträußchen geschmückt, und ihre Gesichter strahlten
wie gewöhnlich von guter Laune.
Auch diesmal besichtigte ich ein Schloß am Wege. Nie werde ich
die Eindrücke vergessen, die auf mich eindrangen, als ich durch
die leeren, dämmerigen Zimmer wanderte. Im Schlaf- und Gastzimmer
im ersten Stock standen die Betten unverändert, wie sie von den
Besitzern und Gästen des Hauses verlassen worden. Decken und Laken
waren beiseite geworfen, über die Stuhllehnen hingen nachlässig
die Handtücher, die Waschschüsseln standen halbvoll von benutztem
Wasser, und die Seifestücke lagen in ihren Schalen festgetrocknet.
In dem großen prächtigen Speisesaal im Erdgeschoß war der Tisch noch
gedeckt, auf einer Schüssel lag etwa die Hälfte des zuletzt servierten
Gerichts, einer Eierspeise. Etwa zehn Personen hatten an dem Essen
teilgenommen. Einige Teller waren leer, andere noch bedeckt mit Resten
der Mahlzeit. Messer und Gabeln -- Brotstücke -- Gedecke -- ein paar
Champagnerflaschen waren geleert, eine dritte enthielt noch einen Rest
des Weins, der nun seine schäumende Frische verloren hatte. Servietten
auf dem Tisch -- auf den Stuhllehnen -- auf dem Boden -- schnell und
überstürzt waren die Gäste aufgebrochen, als der Kanonendonner näher
kam oder vielleicht eine Granate in der Nachbarschaft einschlug.
Vielleicht hatte auch ein Bote gemeldet, die äußeren Forts seien
gefallen und die Deutschen marschierten geradeswegs auf Antwerpen los.
Und wer waren die Gäste, die hier am Tisch gestört wurden? Die Familie
des Hauses, oder Offiziere, die auf ihrem Rückzug eine Nacht in dem
verlassenen Haus zugebracht hatten?
Auf dem Heimweg konnten wir nicht so schnell dahinrasen wie am Morgen.
Die Straße wimmelte von Kolonnen und Lanzenreitern, sie sollten
nach Antwerpen und von dort nach Gent. Fern aus dem Westen ertönte
Kanonendonner. Die Deutschen ließen sich keine Ruhe. Das uneinnehmbare
Antwerpen war im Lauf weniger Tage gefallen, und sofort zogen die
Eroberer weiter nach Westen. Thalatta, Thalatta! Ans Meer! England
hatte den Krieg haben wollen -- es sollte ihn mehr als je seit
Wellingtons Tagen satt bekommen!