32. Die 42-~cm~-Mörser vor Namur.

Um die etwa nötigen Aufklärungen zu erhalten, wandte ich mich an

einen Hauptmann, einen großen Herrn mit schneeweißem Haar und Bart.

Es stellte sich heraus, das es kein Geringerer war als der Professor

emeritus ~Dr.~ B. Lepsius, der trotz seines hohen Alters mit in

den Krieg gezogen war, ein guter Freund des berühmten schwedischen

Physikers Professor Svante Arrhenius; er hat während meines kurzen

Aufenthalts in Namur wie ein Vater für mich gesorgt.

Nachdem meine Sachen in einem Hotel am Bahnhof untergebracht waren,

machte ich einen Besuch beim Gouverneur, General von Hirschberg, der

nichts dagegen einzuwenden hatte, daß ich eines der Forts besichtigte.

Außer Professor Lepsius begleitete mich Major Friederich vom

Generalstab.

Wir fuhren an die Nordfront und waren bald beim Fort Marchovelette

angelangt, jetzt Fort Nr. ~I~ genannt. Die Deutschen haben alle die

Stadt umgebenden Forts mit römischen Ziffern bezeichnet. Der erste

Eindruck vom Fort Nr. ~I~ ist der, daß die Verwüstung geringer gewesen

ist als bei dem Fort in Port Arthur, wo General Kondratenko fiel; denn

dieses Fort glich, als ich es vor sechs Jahren besuchte, einem einzigen

Schutthaufen. Betrachtet man aber Nr. ~I~ genauer, so erstaunt man über

die unheimliche Wirkung der neuen deutschen schweren Artillerie. Das

Fort hat die Form eines Dreiecks mit einer Spitze nach Nordosten. Sein

Glacis ist mit Stacheldrahtnetzen bedeckt, die zwischen Eisenpfeilern

von einem Meter Höhe ausgespannt sind. Das Netz ist dicht und sein

Gürtel etwa dreißig oder vierzig Meter breit. Innerhalb dieses Gürtels

ist der Graben, der nach außen von der Kontereskarpe, nach innen von

der Eskarpe begrenzt wird. Noch einen Schritt weiter nach innen folgt

ein Wall oder ein kleinerer Graben für Infanteriestellungen und zuletzt

der Kern des Forts mit den Panzertürmen.

In einer Entfernung von zehn oder fünfzehn Metern vor dem

Stacheldrahtnetz sah man das Loch, das ein 42-~cm~-Geschoß in den

Erdboden gegraben hatte; es maß etwa dreißig Meter im Umkreis und war

etwa acht Meter tief. An den fast senkrechten Betonwänden der Eskarpe

und Kontereskarpe sah man die Spuren von gewöhnlichen Granaten, die

strahlenförmig von der Explosionsstelle sich ausbreitende Löcher

hinterlassen hatten. Hier lagen auch Splitter von Sprengbomben

verschiedenen Kalibers. Ein Splitter eines 42-~cm~-Geschosses war

so schwer, daß man ihn nur mit Aufgebot seiner ganzen Kraft bewegen

konnte! Dafür wiegt aber auch ein solches Geschoß in ganzer Gestalt

mehrere hundert Kilo! Ein kleiner Splitter, den ich mitnahm, zeigte,

daß sich die Masse um ein Viertel ihrer ursprünglichen Dicke ausgedehnt

hatte.

Alles, was diese Riesenmörser betrifft, wird geheim gehalten. So viel

aber erfährt man doch, daß diese unerhört schweren Geschosse mehrere

Kilometer hoch geschleudert werden und meilenweit vom Ausgangspunkt

entfernt einschlagen! Man schießt sich mit den großen Mörsern sehr

sorgfältig ein und muß doch darauf gefaßt sein, daß ein Schuß oder

ein paar ihre Wirkung verfehlen. Man stellt aber den Schuß mit einer

solchen Sicherheit ein, daß die Fehlerquelle nur gering ist. Bevor

man die Schüsse abgibt, werden die genauesten Berechnungen und

Beobachtungen angestellt. Während des Einschießens sind Beobachter in

geeignet gelegenen Wäldchen vor der Front aufgestellt, die telephonisch

mit der Bedienung verbunden sind und melden, in welchem Verhältnis

zum Ziel der Aufschlag erfolgt. Wenn ein Ding von der Größe dieser

Geschosse aus einer Höhe von einigen Kilometern herabkommt, kann ja

kein von Menschenhänden errichteter Bau widerstehen!

Im Fort Nr. ~I~ konnte man auch die Wirkung der Geschosse sehen. Ein

Schuß hatte den ringförmigen Panzer der Kuppel des größten Panzerturms

getroffen, war durch diesen wohl einen halben Meter dicken Panzer

hindurchgegangen wie durch Butter und hatte dann noch fünf Meter Beton

durchschlagen. Durch einen sinnreichen Mechanismus ist das Geschoß

so eingerichtet, daß es erst ein paar Sekunden nach dem Auftreffen

explodiert. Es hat, wie die Deutschen sagen, einen Zünder mit

Verzögerung. Daher ist seine Wirkung so furchtbar.

Kruppsche Ingenieure waren zurzeit damit beschäftigt, die Forts

von Namur und Lüttich wieder instand zu setzen, und bedeutende

Arbeitermassen hatten vollauf damit zu tun. Durch die Instandsetzung

der eroberten Befestigungen verstärken die Deutschen ihre strategische

Stellung und können große Truppenkontingente freimachen und in andere

Gegenden schicken.

Welche Wirkung diese schwere Artillerie auf die Besatzung der

beschossenen Forts ausübt, kann man aus der Tatsache ermessen, daß in

einem Fort siebzig Prozent der Verteidiger fielen und dreißig Prozent

schwer verwundet wurden. Unter den Verwundeten war in einem solchen

Falle der tapfere General Leman, der in der Gefangenschaft seinen Degen

wieder erhielt. In einem andern Fort fand man vierzig unverwundete,

aber tote Soldaten. Sie waren offenbar durch die Gase der Geschosse

getötet oder im Betonstaub erstickt, der aufs unheimlichste aufwirbelt

und überall eindringt. Der Luftdruck hatte auch viele gegen die

Kasemattenwände geschleudert; sie wurden mit zerschmetterter Hirnschale

aufgefunden.

Eine der Lehren, die man aus dem jetzigen Kriege ziehen zu

können meint, ist die, daß auch die modernsten Festungen mit den

vorzüglichsten Panzertürmen gegenüber einer Artillerie vom Kaliber der

großen deutschen Mörser ohnmächtig sind. Gerade der Umstand, daß die

Geschosse erst explodieren, wenn sie in die Kasematte eingedrungen

sind, bewirkt, daß die Zerstörung aller Beschreibung spottet. Die

Geschosse wirken erst von oben nach unten durch das Einschlagen selber,

und dann von unten nach oben durch die Explosion. Die 42-~cm~-Mörser

werden in ihre Stellungen auf Eisenbahnschienen befördert, die jedesmal

besonders gelegt werden.

Ein Volk in Waffen · 第 86 / 105 题