Um die etwa nötigen Aufklärungen zu erhalten, wandte ich mich an
einen Hauptmann, einen großen Herrn mit schneeweißem Haar und Bart.
Es stellte sich heraus, das es kein Geringerer war als der Professor
emeritus ~Dr.~ B. Lepsius, der trotz seines hohen Alters mit in
den Krieg gezogen war, ein guter Freund des berühmten schwedischen
Physikers Professor Svante Arrhenius; er hat während meines kurzen
Aufenthalts in Namur wie ein Vater für mich gesorgt.
Nachdem meine Sachen in einem Hotel am Bahnhof untergebracht waren,
machte ich einen Besuch beim Gouverneur, General von Hirschberg, der
nichts dagegen einzuwenden hatte, daß ich eines der Forts besichtigte.
Außer Professor Lepsius begleitete mich Major Friederich vom
Generalstab.
Wir fuhren an die Nordfront und waren bald beim Fort Marchovelette
angelangt, jetzt Fort Nr. ~I~ genannt. Die Deutschen haben alle die
Stadt umgebenden Forts mit römischen Ziffern bezeichnet. Der erste
Eindruck vom Fort Nr. ~I~ ist der, daß die Verwüstung geringer gewesen
ist als bei dem Fort in Port Arthur, wo General Kondratenko fiel; denn
dieses Fort glich, als ich es vor sechs Jahren besuchte, einem einzigen
Schutthaufen. Betrachtet man aber Nr. ~I~ genauer, so erstaunt man über
die unheimliche Wirkung der neuen deutschen schweren Artillerie. Das
Fort hat die Form eines Dreiecks mit einer Spitze nach Nordosten. Sein
Glacis ist mit Stacheldrahtnetzen bedeckt, die zwischen Eisenpfeilern
von einem Meter Höhe ausgespannt sind. Das Netz ist dicht und sein
Gürtel etwa dreißig oder vierzig Meter breit. Innerhalb dieses Gürtels
ist der Graben, der nach außen von der Kontereskarpe, nach innen von
der Eskarpe begrenzt wird. Noch einen Schritt weiter nach innen folgt
ein Wall oder ein kleinerer Graben für Infanteriestellungen und zuletzt
der Kern des Forts mit den Panzertürmen.
In einer Entfernung von zehn oder fünfzehn Metern vor dem
Stacheldrahtnetz sah man das Loch, das ein 42-~cm~-Geschoß in den
Erdboden gegraben hatte; es maß etwa dreißig Meter im Umkreis und war
etwa acht Meter tief. An den fast senkrechten Betonwänden der Eskarpe
und Kontereskarpe sah man die Spuren von gewöhnlichen Granaten, die
strahlenförmig von der Explosionsstelle sich ausbreitende Löcher
hinterlassen hatten. Hier lagen auch Splitter von Sprengbomben
verschiedenen Kalibers. Ein Splitter eines 42-~cm~-Geschosses war
so schwer, daß man ihn nur mit Aufgebot seiner ganzen Kraft bewegen
konnte! Dafür wiegt aber auch ein solches Geschoß in ganzer Gestalt
mehrere hundert Kilo! Ein kleiner Splitter, den ich mitnahm, zeigte,
daß sich die Masse um ein Viertel ihrer ursprünglichen Dicke ausgedehnt
hatte.
Alles, was diese Riesenmörser betrifft, wird geheim gehalten. So viel
aber erfährt man doch, daß diese unerhört schweren Geschosse mehrere
Kilometer hoch geschleudert werden und meilenweit vom Ausgangspunkt
entfernt einschlagen! Man schießt sich mit den großen Mörsern sehr
sorgfältig ein und muß doch darauf gefaßt sein, daß ein Schuß oder
ein paar ihre Wirkung verfehlen. Man stellt aber den Schuß mit einer
solchen Sicherheit ein, daß die Fehlerquelle nur gering ist. Bevor
man die Schüsse abgibt, werden die genauesten Berechnungen und
Beobachtungen angestellt. Während des Einschießens sind Beobachter in
geeignet gelegenen Wäldchen vor der Front aufgestellt, die telephonisch
mit der Bedienung verbunden sind und melden, in welchem Verhältnis
zum Ziel der Aufschlag erfolgt. Wenn ein Ding von der Größe dieser
Geschosse aus einer Höhe von einigen Kilometern herabkommt, kann ja
kein von Menschenhänden errichteter Bau widerstehen!
Im Fort Nr. ~I~ konnte man auch die Wirkung der Geschosse sehen. Ein
Schuß hatte den ringförmigen Panzer der Kuppel des größten Panzerturms
getroffen, war durch diesen wohl einen halben Meter dicken Panzer
hindurchgegangen wie durch Butter und hatte dann noch fünf Meter Beton
durchschlagen. Durch einen sinnreichen Mechanismus ist das Geschoß
so eingerichtet, daß es erst ein paar Sekunden nach dem Auftreffen
explodiert. Es hat, wie die Deutschen sagen, einen Zünder mit
Verzögerung. Daher ist seine Wirkung so furchtbar.
Kruppsche Ingenieure waren zurzeit damit beschäftigt, die Forts
von Namur und Lüttich wieder instand zu setzen, und bedeutende
Arbeitermassen hatten vollauf damit zu tun. Durch die Instandsetzung
der eroberten Befestigungen verstärken die Deutschen ihre strategische
Stellung und können große Truppenkontingente freimachen und in andere
Gegenden schicken.
Welche Wirkung diese schwere Artillerie auf die Besatzung der
beschossenen Forts ausübt, kann man aus der Tatsache ermessen, daß in
einem Fort siebzig Prozent der Verteidiger fielen und dreißig Prozent
schwer verwundet wurden. Unter den Verwundeten war in einem solchen
Falle der tapfere General Leman, der in der Gefangenschaft seinen Degen
wieder erhielt. In einem andern Fort fand man vierzig unverwundete,
aber tote Soldaten. Sie waren offenbar durch die Gase der Geschosse
getötet oder im Betonstaub erstickt, der aufs unheimlichste aufwirbelt
und überall eindringt. Der Luftdruck hatte auch viele gegen die
Kasemattenwände geschleudert; sie wurden mit zerschmetterter Hirnschale
aufgefunden.
Eine der Lehren, die man aus dem jetzigen Kriege ziehen zu
können meint, ist die, daß auch die modernsten Festungen mit den
vorzüglichsten Panzertürmen gegenüber einer Artillerie vom Kaliber der
großen deutschen Mörser ohnmächtig sind. Gerade der Umstand, daß die
Geschosse erst explodieren, wenn sie in die Kasematte eingedrungen
sind, bewirkt, daß die Zerstörung aller Beschreibung spottet. Die
Geschosse wirken erst von oben nach unten durch das Einschlagen selber,
und dann von unten nach oben durch die Explosion. Die 42-~cm~-Mörser
werden in ihre Stellungen auf Eisenbahnschienen befördert, die jedesmal
besonders gelegt werden.