31. Nach Belgien.

Nachdem ich lange genug bei den prächtigen Offizieren von Herzog

Albrechts Armee verweilt hatte, begann ich mich nach neuen Erlebnissen

zu sehnen, und am Vormittag des 8. Oktober entschloß ich mich, zunächst

nach Sedan zurückzukehren. Da um diese Zeit kein Militärzug abging,

benutzte ich auf den Rat des Stationskommandanten, Oberstleutnant

Böhlau, den Postautobus, in dessen Innern zwei Artillerieleutnants

Müller und Fuchs und meine Wenigkeit hinter den hochaufgestapelten

Briefsäcken noch eben Platz fanden. In Sedan nahm mich Oberstabsarzt

~Dr.~ Fröhlich, mit dem ich schon vorher, in Sedan selbst und in

Vouziers, zusammengewesen war, in einem Lazarettzug mit dreihundert

Patienten, den er nach Breslau zu führen hatte, bis nach Libramont

mit. Dort fragte ich den Stationsvorsteher, ob er mir nach Namur

weiterhelfen könnte.

»Nicht ganz bis dahin, aber bis Jemelle. Und sind Sie erst dort, so

wird sich wohl leicht eine Gelegenheit zur Weiterfahrt finden.«

»Schön, und wann geht der Zug?«

»Im nächsten Augenblick, aber es ist kein Zug, nur vier

zusammengesetzte Lokomotiven, die aus Jemelle requiriert wurden.«

Ich hatte schon manches Beförderungsmittel benutzt, von den Kamelen in

Takla-makan angefangen bis zu den Rikschas in Kyoto. Aber auf einer

Lokomotive war ich noch nie gefahren, und schon deswegen nahm ich den

Vorschlag mit größtem Dank an.

So verabschiedete ich mich denn von ~Dr.~ Fröhlich und wurde mit

meinem Gepäck von laternentragenden Landsturmleuten über einige

Schienenstränge bis zu den vier Lokomotiven geleitet. Auf der ersten

nahm ich Platz; sie hatte den Tender vorn, und ich hatte daher freie

Aussicht über die Landschaft, die sich nach und nach vor meinen Blicken

aufrollte. Aber kühl und zugig war es, eine dünne Schicht dichten

Reiffrostes deckte das Land, und diesen weißen Schein verstärkte noch

der Mond, der hoch und kalt über der durchfurchten Erde schwebte.

Lokomotivführer und Heizer waren kräftig gebaute, unerschütterlich

ruhige Männer. Ihre rußigen Gesichter verrieten keine Bewegung, keine

Unruhe, aber immer hielten sie den Blick fest auf die Bahn gerichtet,

bereit, die Maschine anzuhalten, sobald sich etwas Verdächtiges zeigen

sollte. Überanstrengt waren sie auch nicht, aber in der letzten Zeit

hatten sie auch leichteren Dienst gehabt als früher, wo sie oft

achtundvierzig Stunden, ja manchmal sechzig Stunden ununterbrochen

tätig waren! Die Schüsse der Franktireurs hatten aufgehört, und man

konnte mit einem Gefühl von Sicherheit fahren, was aber Vorsicht nicht

unnötig machte.

Die Nacht ist lautlos still. Wir begegnen langen Militärzügen, die

wunderlich aussehen in der ungewohnten Perspektive; und auf den

Bahnhöfen in Hatrival und Mirwart stehen endlose, leere Güterzüge.

Langsam wird es Tag. Gärten und Wälder erhalten Form, und die

Laubkronen der Bäume heben sich immer deutlicher vom Himmel und von

dem weißen Felde ab. Wir fahren über eine Brücke, die gesprengt,

aber von den Pionieren wieder hergestellt worden ist. Die Landschaft

ist unendlich schön, wellig und hier und da mit Wald geschmückt. Der

Lokomotivführer stellt mir einen kleinen, dreibeinigen Stuhl hin, und

als der Heizer den Ofen öffnet, um Kohlen nachzulegen, lächelt er, als

ich die Gelegenheit wahrnehme, meine Hände zu wärmen.

Forrières! Nun geht die Sonne auf und mit glitzerndem Gold färbt sie

Bäume, Äcker und Wiesen, Häuser und Wagen und die Landsturmleute, die

nicht mehr mit aufgeschlagenen Kragen zu gehen brauchen.

Wir sind in Jemelle und steigen aus. Ich danke für gute

Reisegesellschaft; ein Trinkgeld wird nicht angenommen. Auf dem

Bahnsteig erscheint ein Unteroffizier und fragt, wer ich bin. Er

bekommt meinen Ausweis zu sehen und bittet mich, im Zimmer des

Stationsvorstehers zu warten, bis dieser kommt, es ist ja erst ½7 Uhr.

Drinnen prasselt ein freundlicher Ofen, vor dem ich mich in einen

Lehnstuhl niederlasse und sofort einschlafe.

Nach einer Weile kommt Hauptmann Haaf, der Stationsvorsteher, und weckt

mich, sehr erstaunt darüber, einen wildfremden Menschen im Besitz

seiner Amtsstube zu finden! Aber die Bekanntschaft ist bald gemacht.

»Wann geht ein Zug nach Namur?« frage ich.

»½12 geht ein kleiner Zug Proviantwagen; wenn Sie den benutzen wollen,

lasse ich gern einen Personenwagen anhängen.«

»Natürlich, das paßt ausgezeichnet.« Und dann geleitet mich der

Hauptmann nach einem in der Nähe gelegenen belgischen Restaurant, in

dem ein paar muntere, gesprächige Frauen ein erstklassiges Frühstück

auftischen. Währenddem berichtet der Hauptmann, daß man immerhin noch

nicht ganz sicher vor Franktireurs sei. Vor einigen Tagen war ein

Büchsenschuß auf das Stationsgebäude in Jemelle abgefeuert worden. Man

hatte den Schützen ergriffen und vor das Kriegsgericht gestellt; wie

es ihm ergangen war, wußte man noch nicht. In der Gegend von Houyet

hatte vor kurzem eine Bande Zivilisten einige Deutsche überfallen,

und eine Strafexpedition von hundertunddreißig Mann war gegen sie

ausgesandt worden.

Die Abfahrtsstunde schlägt, und der Zug fährt durch hügeliges Land mit

wohlhabenden Dörfern und auf den Wiesen weidenden Herden. An den Krieg

erinnert nichts als die Landsturmleute, die an der Bahn Wacht halten,

die Eisenbahntruppen, die hier und da arbeiten, und die Militärzüge,

die an den Stationen halten. Auch bei Marloie stand einer, und wir

hielten unmittelbar neben ihm. In einem der Wagen saßen Schwestern vom

Roten Kreuz, und der Zufall wollte es, daß mein Fenster gerade ihnen

gegenüberlag. Einige Schwestern schlummerten, aneinander gelehnt,

andere lasen, die übrigen strickten. Durch das geöffnete Fenster sah

eine der Schwestern heraus. Sie sah lieblich aus in ihrer hellen Tracht

mit dem roten Kreuz am Arm.

»Woher kommen Sie und wohin gehen Sie?« fragte ich.

»Wir sind von Berlin«, antwortete sie, »und sollen nach Sedan.«

»Aber in Sedan ist ja kaum noch ein Verwundeter, die meisten sind nach

Deutschland gebracht worden.«

»Das haben wir gehört, aber es werden wohl bald neue von der Front

kommen. Woher kommen Sie selber?«

»Aus der Gegend südlich von Sedan.«

»Sind Sie Deutscher?«

»Nein, Schwede.« Es war nicht zu umgehen, ich mußte mich der jungen

Dame und ihren Mitschwestern vorstellen. Die Unterhaltung war bald

im besten Gang, und wir waren halbwegs miteinander bekannt geworden,

als mein Zug sachte weiterfuhr. Ich konnte ihnen bloß Glück zu ihrer

menschenfreundlichen Arbeit wünschen und erhielt aus ihrem Fenster

freundliche Abschiedswinke. Damit war diese kleine Idylle zu Ende.

Auf der Strecke zwischen Aye und Hogne machten einige Leute der

Kasseler Eisenbahntruppen Zeichen, daß sie aufsteigen wollten. Der Zug

fuhr langsamer, sie sprangen auf das Trittbrett und fuhren mit Gepäck

und Gewehren mit.

Die kleine Stadt Ciney kann sich eines besonders prächtigen

Stationsgebäudes rühmen, wo der Verkehr lebhafter ist als sonst.

Zuweilen begegnen uns kolossale leere Züge. In den Güterwagen liegen

Stroh und Bänke bunt durcheinander. Vielleicht haben sie Truppen nach

Antwerpen befördert. Oft sieht man bei den Stationen und zwischen

den solid gebauten Steinhäusern der Dörfer gemütliche, gutgepflegte

Küchengärten. In einiger Entfernung von der Bahn erblicken wir

schließlich das Fort Naninnes mit der deutschen Flagge, und dann fahren

wir über die Maas auf einer neuen Brücke, von der man eine Aussicht auf

die alte hat, die in den ersten Kriegstagen gesprengt wurde. Und damit

sind wir in dem bezaubernden, schön gelegenen Städtchen Namur angelangt.

Ein Volk in Waffen · 第 85 / 105 题