Nachdem ich lange genug bei den prächtigen Offizieren von Herzog
Albrechts Armee verweilt hatte, begann ich mich nach neuen Erlebnissen
zu sehnen, und am Vormittag des 8. Oktober entschloß ich mich, zunächst
nach Sedan zurückzukehren. Da um diese Zeit kein Militärzug abging,
benutzte ich auf den Rat des Stationskommandanten, Oberstleutnant
Böhlau, den Postautobus, in dessen Innern zwei Artillerieleutnants
Müller und Fuchs und meine Wenigkeit hinter den hochaufgestapelten
Briefsäcken noch eben Platz fanden. In Sedan nahm mich Oberstabsarzt
~Dr.~ Fröhlich, mit dem ich schon vorher, in Sedan selbst und in
Vouziers, zusammengewesen war, in einem Lazarettzug mit dreihundert
Patienten, den er nach Breslau zu führen hatte, bis nach Libramont
mit. Dort fragte ich den Stationsvorsteher, ob er mir nach Namur
weiterhelfen könnte.
»Nicht ganz bis dahin, aber bis Jemelle. Und sind Sie erst dort, so
wird sich wohl leicht eine Gelegenheit zur Weiterfahrt finden.«
»Schön, und wann geht der Zug?«
»Im nächsten Augenblick, aber es ist kein Zug, nur vier
zusammengesetzte Lokomotiven, die aus Jemelle requiriert wurden.«
Ich hatte schon manches Beförderungsmittel benutzt, von den Kamelen in
Takla-makan angefangen bis zu den Rikschas in Kyoto. Aber auf einer
Lokomotive war ich noch nie gefahren, und schon deswegen nahm ich den
Vorschlag mit größtem Dank an.
So verabschiedete ich mich denn von ~Dr.~ Fröhlich und wurde mit
meinem Gepäck von laternentragenden Landsturmleuten über einige
Schienenstränge bis zu den vier Lokomotiven geleitet. Auf der ersten
nahm ich Platz; sie hatte den Tender vorn, und ich hatte daher freie
Aussicht über die Landschaft, die sich nach und nach vor meinen Blicken
aufrollte. Aber kühl und zugig war es, eine dünne Schicht dichten
Reiffrostes deckte das Land, und diesen weißen Schein verstärkte noch
der Mond, der hoch und kalt über der durchfurchten Erde schwebte.
Lokomotivführer und Heizer waren kräftig gebaute, unerschütterlich
ruhige Männer. Ihre rußigen Gesichter verrieten keine Bewegung, keine
Unruhe, aber immer hielten sie den Blick fest auf die Bahn gerichtet,
bereit, die Maschine anzuhalten, sobald sich etwas Verdächtiges zeigen
sollte. Überanstrengt waren sie auch nicht, aber in der letzten Zeit
hatten sie auch leichteren Dienst gehabt als früher, wo sie oft
achtundvierzig Stunden, ja manchmal sechzig Stunden ununterbrochen
tätig waren! Die Schüsse der Franktireurs hatten aufgehört, und man
konnte mit einem Gefühl von Sicherheit fahren, was aber Vorsicht nicht
unnötig machte.
Die Nacht ist lautlos still. Wir begegnen langen Militärzügen, die
wunderlich aussehen in der ungewohnten Perspektive; und auf den
Bahnhöfen in Hatrival und Mirwart stehen endlose, leere Güterzüge.
Langsam wird es Tag. Gärten und Wälder erhalten Form, und die
Laubkronen der Bäume heben sich immer deutlicher vom Himmel und von
dem weißen Felde ab. Wir fahren über eine Brücke, die gesprengt,
aber von den Pionieren wieder hergestellt worden ist. Die Landschaft
ist unendlich schön, wellig und hier und da mit Wald geschmückt. Der
Lokomotivführer stellt mir einen kleinen, dreibeinigen Stuhl hin, und
als der Heizer den Ofen öffnet, um Kohlen nachzulegen, lächelt er, als
ich die Gelegenheit wahrnehme, meine Hände zu wärmen.
Forrières! Nun geht die Sonne auf und mit glitzerndem Gold färbt sie
Bäume, Äcker und Wiesen, Häuser und Wagen und die Landsturmleute, die
nicht mehr mit aufgeschlagenen Kragen zu gehen brauchen.
Wir sind in Jemelle und steigen aus. Ich danke für gute
Reisegesellschaft; ein Trinkgeld wird nicht angenommen. Auf dem
Bahnsteig erscheint ein Unteroffizier und fragt, wer ich bin. Er
bekommt meinen Ausweis zu sehen und bittet mich, im Zimmer des
Stationsvorstehers zu warten, bis dieser kommt, es ist ja erst ½7 Uhr.
Drinnen prasselt ein freundlicher Ofen, vor dem ich mich in einen
Lehnstuhl niederlasse und sofort einschlafe.
Nach einer Weile kommt Hauptmann Haaf, der Stationsvorsteher, und weckt
mich, sehr erstaunt darüber, einen wildfremden Menschen im Besitz
seiner Amtsstube zu finden! Aber die Bekanntschaft ist bald gemacht.
»Wann geht ein Zug nach Namur?« frage ich.
»½12 geht ein kleiner Zug Proviantwagen; wenn Sie den benutzen wollen,
lasse ich gern einen Personenwagen anhängen.«
»Natürlich, das paßt ausgezeichnet.« Und dann geleitet mich der
Hauptmann nach einem in der Nähe gelegenen belgischen Restaurant, in
dem ein paar muntere, gesprächige Frauen ein erstklassiges Frühstück
auftischen. Währenddem berichtet der Hauptmann, daß man immerhin noch
nicht ganz sicher vor Franktireurs sei. Vor einigen Tagen war ein
Büchsenschuß auf das Stationsgebäude in Jemelle abgefeuert worden. Man
hatte den Schützen ergriffen und vor das Kriegsgericht gestellt; wie
es ihm ergangen war, wußte man noch nicht. In der Gegend von Houyet
hatte vor kurzem eine Bande Zivilisten einige Deutsche überfallen,
und eine Strafexpedition von hundertunddreißig Mann war gegen sie
ausgesandt worden.
Die Abfahrtsstunde schlägt, und der Zug fährt durch hügeliges Land mit
wohlhabenden Dörfern und auf den Wiesen weidenden Herden. An den Krieg
erinnert nichts als die Landsturmleute, die an der Bahn Wacht halten,
die Eisenbahntruppen, die hier und da arbeiten, und die Militärzüge,
die an den Stationen halten. Auch bei Marloie stand einer, und wir
hielten unmittelbar neben ihm. In einem der Wagen saßen Schwestern vom
Roten Kreuz, und der Zufall wollte es, daß mein Fenster gerade ihnen
gegenüberlag. Einige Schwestern schlummerten, aneinander gelehnt,
andere lasen, die übrigen strickten. Durch das geöffnete Fenster sah
eine der Schwestern heraus. Sie sah lieblich aus in ihrer hellen Tracht
mit dem roten Kreuz am Arm.
»Woher kommen Sie und wohin gehen Sie?« fragte ich.
»Wir sind von Berlin«, antwortete sie, »und sollen nach Sedan.«
»Aber in Sedan ist ja kaum noch ein Verwundeter, die meisten sind nach
Deutschland gebracht worden.«
»Das haben wir gehört, aber es werden wohl bald neue von der Front
kommen. Woher kommen Sie selber?«
»Aus der Gegend südlich von Sedan.«
»Sind Sie Deutscher?«
»Nein, Schwede.« Es war nicht zu umgehen, ich mußte mich der jungen
Dame und ihren Mitschwestern vorstellen. Die Unterhaltung war bald
im besten Gang, und wir waren halbwegs miteinander bekannt geworden,
als mein Zug sachte weiterfuhr. Ich konnte ihnen bloß Glück zu ihrer
menschenfreundlichen Arbeit wünschen und erhielt aus ihrem Fenster
freundliche Abschiedswinke. Damit war diese kleine Idylle zu Ende.
Auf der Strecke zwischen Aye und Hogne machten einige Leute der
Kasseler Eisenbahntruppen Zeichen, daß sie aufsteigen wollten. Der Zug
fuhr langsamer, sie sprangen auf das Trittbrett und fuhren mit Gepäck
und Gewehren mit.
Die kleine Stadt Ciney kann sich eines besonders prächtigen
Stationsgebäudes rühmen, wo der Verkehr lebhafter ist als sonst.
Zuweilen begegnen uns kolossale leere Züge. In den Güterwagen liegen
Stroh und Bänke bunt durcheinander. Vielleicht haben sie Truppen nach
Antwerpen befördert. Oft sieht man bei den Stationen und zwischen
den solid gebauten Steinhäusern der Dörfer gemütliche, gutgepflegte
Küchengärten. In einiger Entfernung von der Bahn erblicken wir
schließlich das Fort Naninnes mit der deutschen Flagge, und dann fahren
wir über die Maas auf einer neuen Brücke, von der man eine Aussicht auf
die alte hat, die in den ersten Kriegstagen gesprengt wurde. Und damit
sind wir in dem bezaubernden, schön gelegenen Städtchen Namur angelangt.