Vom Fort Nr. ~I~ fuhren wir in die Stadt zurück, deren schönste
Partien am Zusammenfluß der Sambre und Maas gelegen sind. Südlich
von der Sambre windet sich eine unendlich malerische Straße zur
Zitadelle hinauf. Von dem prächtigen Grand Hotel Namur-Citadelle, das
auf der Höhe thronte, ist nur noch das Skelett von eisernen Balken
und Ziegelmauern vorhanden. Der Hotelwirt war ein Deutscher, und die
Belgier hatten ihn im Verdacht, daß er beim Anmarsch der Deutschen
seinen Landsleuten Lichtsignale gäbe. Deshalb steckten sie das Gebäude
in Brand. Aber die Aussicht ist noch vorhanden, und sie ist großartig,
besonders auf das Maastal mit seinen zahllosen Villen und Schlössern,
in denen reiche Belgier wohnen oder wohl besser gewohnt haben; denn die
meisten sind infolge der deutschen Okkupation weggezogen.
Die Stadt Namur selbst wurde von den Verheerungen des Kriegs nur
wenig betroffen. Das Rathaus ist eine Ruine, ebenso mehrere Häuser
in der Nachbarschaft; im ganzen sind aber nur etwa zwanzig Häuser
zusammengeschossen. Man hat die Deutschen wegen der Zerstörung
menschlicher Wohnungen, Kirchen, öffentlicher Gebäude und Gegenstände
von kunsthistorischem Wert getadelt. Solche Verluste sind ja an und
für sich beklagenswert, aber weder der Angreifer noch der Verteidiger
nehmen die geringste Rücksicht darauf, wenn es zu siegen oder zu
sterben gilt! Hegt der anrückende Feind, der eine Stadt erobern will,
den Verdacht, daß der Kirchturm der Stadt als Beobachtungsposten
benutzt wird, so schießt er den Kirchturm zusammen. Als die Belgier
den Verdacht gefaßt hatten, daß von Schloß Marche-les-Dames der
Herzogin von Arenberg bei Namur, berühmt wegen seiner kostbaren
Kunstschätze, Signale gegeben würden, steckten sie es in Brand. Wenn
es gilt, das Vorrücken eines Invasionsheeres aufzuhalten oder seine
Verbindungslinien abzuschneiden, scheut der Verteidiger keine Opfer,
wenn auch er selbst in erster Linie den materiellen Verlust erleidet.
Unter den unzähligen Brücken, die die Belgier in ihrem eigenen Lande
gesprengt haben, um den Deutschen den Weg zu verlegen, sind viele,
die für die Deutschen nicht die geringste Bedeutung hatten. Hierdurch
haben sich die Belgier selbst dreifach Schaden zugefügt: sie haben die
Brücken verloren, sie haben die Aufräumungsarbeit zu leisten und, wenn
der Krieg zu Ende ist, eine neue Brücke zu bauen -- alles das wird
durch eine einzige Bohrpatrone verursacht.
Wie oft schafft nicht ein Kriegsheer bei der Verteidigung des eigenen
Landes mehr Verwüstung als das Invasionsheer! Das Sprengen von Brücken
ist an und für sich ein Vandalismus, aber vollkommen berechtigt, wenn
man dadurch strategische Vorteile gewinnen kann. Die Verwüstung,
die die Deutschen bei ihrem Vordringen angerichtet haben, war teils
unfreiwillig, teils durch die Haltung der Zivilbevölkerung erzwungen;
aber niemals erfolgte sie aus Zerstörungswut und Vandalismus.
Entgegengesetzte Behauptungen gehen darauf aus, in der Öffentlichkeit
falsche Vorstellungen zu erwecken, und man kann sicher sein, daß
feindliche Heere, wenn es ihnen gelänge, in Deutschland einzudringen,
dieses Reich mindestens ebenso verwüsten würden, wie jetzt die Gegenden
verwüstet sind, in denen deutsche Heere stehen.
In der ersten Zeit nach der Einnahme Namurs mußten nach Einbruch der
Dunkelheit alle Fenster nach der Straße hinaus erleuchtet bleiben,
während die Straßen selbst im Dunkel lagen. Wer auf der Straße ging,
war daher nicht zu sehen; wer aber aus einem Fenster schoß, wäre
sofort ertappt worden. Alle Haustüren mußten zunächst unverschlossen
bleiben. Nach einiger Zeit wünschten aber die Einwohner aus Furcht vor
den Soldaten ihre Haustüren schließen zu dürfen, und der Wunsch wurde
bewilligt.
Bei meinem Besuch, also am 8. Oktober, machte Namur einen belebten
Eindruck. Noch ½8 Uhr abends waren die meisten Geschäfte offen und
auf den Straßen viel Verkehr. Sogar junge Damen, die anfangs nicht
auszugehen gewagt hatten, zeigten sich wieder. Aber noch durfte niemand
ohne besonderen Ausweis nach 9 Uhr abends außer dem Hause sein. Die
vielen Uniformen, Militärautos und Transporte verwandelten Namur in
eine deutsche Garnisonstadt. Aber Namur war auch noch etwas anderes;
das bewiesen die weißen Fahnen an vielen Fenstern, namentlich in den
Hauptstraßen; sie bedeuteten: wir, die wir in diesem Hause wohnen,
finden uns in die neue Ordnung der Dinge. Wer durch Belgien reist, muß
sein Herz verhärten, denn jeder Schritt erinnert daran, welches Unglück
es sein muß, die Freiheit im eigenen Lande verloren zu haben. Und man
denkt mit Schrecken daran, wie man selbst bei gleichem Unglück fühlen
würde. Ein Strafgericht geht jetzt über Europa. Wehe den Völkern, die
nicht beizeiten ihr Haus besorgt haben und sich auf Vereinbarungen und
papierne Erklärungen verlassen; denn nur die Macht gibt den Ausschlag,
und nur der Starke und Wachsame flößt Respekt ein nach _allen_ Seiten!