33. »Vandalismus.«

Vom Fort Nr. ~I~ fuhren wir in die Stadt zurück, deren schönste

Partien am Zusammenfluß der Sambre und Maas gelegen sind. Südlich

von der Sambre windet sich eine unendlich malerische Straße zur

Zitadelle hinauf. Von dem prächtigen Grand Hotel Namur-Citadelle, das

auf der Höhe thronte, ist nur noch das Skelett von eisernen Balken

und Ziegelmauern vorhanden. Der Hotelwirt war ein Deutscher, und die

Belgier hatten ihn im Verdacht, daß er beim Anmarsch der Deutschen

seinen Landsleuten Lichtsignale gäbe. Deshalb steckten sie das Gebäude

in Brand. Aber die Aussicht ist noch vorhanden, und sie ist großartig,

besonders auf das Maastal mit seinen zahllosen Villen und Schlössern,

in denen reiche Belgier wohnen oder wohl besser gewohnt haben; denn die

meisten sind infolge der deutschen Okkupation weggezogen.

Die Stadt Namur selbst wurde von den Verheerungen des Kriegs nur

wenig betroffen. Das Rathaus ist eine Ruine, ebenso mehrere Häuser

in der Nachbarschaft; im ganzen sind aber nur etwa zwanzig Häuser

zusammengeschossen. Man hat die Deutschen wegen der Zerstörung

menschlicher Wohnungen, Kirchen, öffentlicher Gebäude und Gegenstände

von kunsthistorischem Wert getadelt. Solche Verluste sind ja an und

für sich beklagenswert, aber weder der Angreifer noch der Verteidiger

nehmen die geringste Rücksicht darauf, wenn es zu siegen oder zu

sterben gilt! Hegt der anrückende Feind, der eine Stadt erobern will,

den Verdacht, daß der Kirchturm der Stadt als Beobachtungsposten

benutzt wird, so schießt er den Kirchturm zusammen. Als die Belgier

den Verdacht gefaßt hatten, daß von Schloß Marche-les-Dames der

Herzogin von Arenberg bei Namur, berühmt wegen seiner kostbaren

Kunstschätze, Signale gegeben würden, steckten sie es in Brand. Wenn

es gilt, das Vorrücken eines Invasionsheeres aufzuhalten oder seine

Verbindungslinien abzuschneiden, scheut der Verteidiger keine Opfer,

wenn auch er selbst in erster Linie den materiellen Verlust erleidet.

Unter den unzähligen Brücken, die die Belgier in ihrem eigenen Lande

gesprengt haben, um den Deutschen den Weg zu verlegen, sind viele,

die für die Deutschen nicht die geringste Bedeutung hatten. Hierdurch

haben sich die Belgier selbst dreifach Schaden zugefügt: sie haben die

Brücken verloren, sie haben die Aufräumungsarbeit zu leisten und, wenn

der Krieg zu Ende ist, eine neue Brücke zu bauen -- alles das wird

durch eine einzige Bohrpatrone verursacht.

Wie oft schafft nicht ein Kriegsheer bei der Verteidigung des eigenen

Landes mehr Verwüstung als das Invasionsheer! Das Sprengen von Brücken

ist an und für sich ein Vandalismus, aber vollkommen berechtigt, wenn

man dadurch strategische Vorteile gewinnen kann. Die Verwüstung,

die die Deutschen bei ihrem Vordringen angerichtet haben, war teils

unfreiwillig, teils durch die Haltung der Zivilbevölkerung erzwungen;

aber niemals erfolgte sie aus Zerstörungswut und Vandalismus.

Entgegengesetzte Behauptungen gehen darauf aus, in der Öffentlichkeit

falsche Vorstellungen zu erwecken, und man kann sicher sein, daß

feindliche Heere, wenn es ihnen gelänge, in Deutschland einzudringen,

dieses Reich mindestens ebenso verwüsten würden, wie jetzt die Gegenden

verwüstet sind, in denen deutsche Heere stehen.

In der ersten Zeit nach der Einnahme Namurs mußten nach Einbruch der

Dunkelheit alle Fenster nach der Straße hinaus erleuchtet bleiben,

während die Straßen selbst im Dunkel lagen. Wer auf der Straße ging,

war daher nicht zu sehen; wer aber aus einem Fenster schoß, wäre

sofort ertappt worden. Alle Haustüren mußten zunächst unverschlossen

bleiben. Nach einiger Zeit wünschten aber die Einwohner aus Furcht vor

den Soldaten ihre Haustüren schließen zu dürfen, und der Wunsch wurde

bewilligt.

Bei meinem Besuch, also am 8. Oktober, machte Namur einen belebten

Eindruck. Noch ½8 Uhr abends waren die meisten Geschäfte offen und

auf den Straßen viel Verkehr. Sogar junge Damen, die anfangs nicht

auszugehen gewagt hatten, zeigten sich wieder. Aber noch durfte niemand

ohne besonderen Ausweis nach 9 Uhr abends außer dem Hause sein. Die

vielen Uniformen, Militärautos und Transporte verwandelten Namur in

eine deutsche Garnisonstadt. Aber Namur war auch noch etwas anderes;

das bewiesen die weißen Fahnen an vielen Fenstern, namentlich in den

Hauptstraßen; sie bedeuteten: wir, die wir in diesem Hause wohnen,

finden uns in die neue Ordnung der Dinge. Wer durch Belgien reist, muß

sein Herz verhärten, denn jeder Schritt erinnert daran, welches Unglück

es sein muß, die Freiheit im eigenen Lande verloren zu haben. Und man

denkt mit Schrecken daran, wie man selbst bei gleichem Unglück fühlen

würde. Ein Strafgericht geht jetzt über Europa. Wehe den Völkern, die

nicht beizeiten ihr Haus besorgt haben und sich auf Vereinbarungen und

papierne Erklärungen verlassen; denn nur die Macht gibt den Ausschlag,

und nur der Starke und Wachsame flößt Respekt ein nach _allen_ Seiten!

Ein Volk in Waffen · 第 87 / 105 题