Sonntagmorgen in Vouziers (4. Oktober). Schon früh um 5 weckte mich ein
Franziskanerbruder, den ich im dortigen Lazarett des Professors Zinser
kennen gelernt hatte. Ich kleidete mich schnell an und in Begleitung
eines katholischen Soldaten, der von Behr bediente, wanderten wir
nach dem Altenheim, in dessen Kapelle der Geburtstag des heiligen
Franziskus mit Messe und Gesang gefeiert werden sollte. Es war noch
nicht Tag, der Mond schien nicht, die Nacht herrschte noch auf der
Erde, ein feuchter Nebel schwebte über Vouziers, und das Steinpflaster
der Straßen war naß. Hier und da brannte ein elektrisches Licht, einsam
gegen die Dunkelheit kämpfend. Ab und zu hörte man eilige Schritte;
es waren die Mönche, die zur Messe eilten, und vor einem Haus mit
irgendeiner militärischen Bestimmung ging eine Nachtwache auf und ab,
sonst war die Straße lautlos still.
Am Ziel angelangt, treten wir in einen kleinen Garten ein, an den der
Säulengang des Heims angrenzt, und sind bald darauf in der Kapelle.
Diese ist schon mit Zuhörern gefüllt. Da sitzen Elisabethschwestern aus
Essen in ihren weißen Schleiern und Vincentiusschwestern aus Hildesheim
in ihren schwarzen Schleiern, die Franziskanermönche haben ihre Plätze
eingenommen, und auf den Emporen sitzen mehrere Soldaten. Ihnen
schließe ich mich an.
Die Heiligenbilder am Altar werden von hohen Lichtern erleuchtet, die
eben angezündet werden; aber die beiden Kandelaber werden noch nicht
benutzt. Es ist draußen noch so dunkel, daß die gemalten Fenster nicht
zur Geltung kommen, da sie nur von innen beleuchtet werden. Man erkennt
kaum die Züge der Jungfrau Maria und der heiligen Helena.
Ein Bruder in weißem, goldgesticktem Ornat, umgeben von vier ebenso
prächtig gekleideten dienenden Brüdern, tritt an den Altar heran. Sie
tragen an langen, feinen Ketten Weihrauchkessel, auf deren glühende
Kohlen einer von ihnen ein wohlriechendes Pulver streut, und leichte,
blaue Wolken steigen bis zu meinem Platz auf dem Chor empor.
Nun beginnt das lateinische Altargebet. Ein Priester singt, und die
Versammelten antworten mit dem immer wiederkehrenden Refrain: »~Per
omnia saecula saeculorum.~ Amen.« »~Oremus~« erklingt es vom Altar, und
aus der Versammlung »~Per omnia saecula saeculorum.~ Amen.«
Dann folgt die Predigt. Der Redner knüpft seine Betrachtungen an das
Leben des heiligen Franziskus. Von der ganzen Erde steigen heute
Gebete zu ihm auf. Die Versammelten können sein Andenken nicht besser
feiern als dadurch, daß sie ihre Pflichten im Dienst der Menschenliebe
erfüllen und die Qualen der Verwundeten lindern.
Die Chorfenster bekommen Farbe. Es tagt draußen. Die Gemeinde singt
ein deutsches Lied zu Ehren des heiligen Franziskus. Ein Bruder
tritt an den Altar heran und klingelt ein paarmal mit einem kleinen
Glöckchen. Ich kann meine Augen nicht von diesen Brüdern und Schwestern
abwenden, die von den Schlachtfeldern und Lazaretten gekommen sind,
und deren Gedanken sich nun so friedlich um den Namen des großen
Heiligen sammeln. Wie sind sie davon ergriffen, wie andächtig machen
sie das Zeichen des Kreuzes. Auf einem stimmungsvollen Gemälde im
Chor gegenüber schaut der Gekreuzigte von der Höhe seines Leidens auf
die knienden Gestalten herab. »~Per omnia saecula saeculorum.~« --
»~Dominus vobiscum.~« -- »~Gratias agimus Domino, Deo nostro.~« --
»~Unus est Deus, unus est Dominus.~« Und das Glöckchen läutet wieder,
und der Weihrauchkessel schwingt in seinen Ketten, und es ist, als
träten die Jungfrau und die heilige Helena aus den Wolken um den Altar
hervor und kämen uns allen näher!
Die dienenden Brüder grüßen sich, indem sie sich gegenseitig die Hände
auf Schultern und Haupt legen. Das Abendmahl wird an die Gemeinde
ausgeteilt, und wieder erklingt der stete Refrain »~Per omnia saecula
saeculorum~«. Und man denkt an all die Tapferen, die draußen in den
Schützengräben sterben, und an die Blüte männlicher Jugend zweier
edlen Nationen, die dem Granatfeuer geopfert wird. Vielleicht waren
die Gedanken der Nonnen und Mönche stärker ergriffen von den unruhigen
Ereignissen, die jetzt die Welt erschütterten, als von dem Frieden,
der den Namen des heiligen Franziskus umschwebte. Sie gedachten all
der Soldaten, die in ihrem Beisein gestorben sind. Es ist schwer, zu
sterben, wenn man jung und stark ist und das ganze Leben noch vor sich
hat! Aber ewige Ehre verdienen die Männer, die sich fürs Vaterland
opfern, und ihr Andenken soll lebendig bleiben »~per omnia saecula
saeculorum~«.
[Illustration: Mörser.
(Vgl. Seite 103.)]
[Illustration: Unterirdische Hütten zur Deckung der Ersatztruppen.
(Vgl. Seite 104.)]
Nun werden die Kandelaber auf dem Altartisch angezündet, aber draußen
hat jetzt der Tag gesiegt, und das Gesicht der heiligen Helena
erstrahlt hell und rein vor aller Augen. Ihre Lippen umspielt ein
Lächeln voller Milde und Güte und sie, die Freundin der Wehrlosen und
Leidenden, scheint mit Freude so viel würdige Schwestern und Brüder um
sich zu sehen, die ihre besten Kräfte den verwundeten und sterbenden
Soldaten weihen.
Der Gottesdienst war zu Ende, und mein Franziskanerbruder führte mich
in den Säulengang, wo die Schwestern Kaffee mit feinem Weizenbrot und
Marmelade boten. Hier verbrachten wir bis zum Abschied eine angenehme
Stunde.
½10 Uhr fand der protestantische Feldgottesdienst statt. Das Gotteshaus
war eine Straßenecke unter freiem Himmel, ein sichrerer Platz als
das offene Feld vor der Stadt, wo eine große Menschenmasse immer ein
dankbares Ziel für die Bomben der französischen Flieger abgäbe. Einige
hundert Soldaten und etwa fünfzig Offiziere waren zur Stelle. Ein
Oktett der Regimentsmusik blies einen Choral -- wir kannten ihn nur zu
gut: »Ein' feste Burg ist unser Gott« -- und die Kriegsleute stimmten
mit starken, frischen Stimmen ein.
Dann trat auf der untersten Stufe einer Steintreppe der junge Pastor
Marguth aus Hessen hervor. Er trug einen schwarzen Rock und um den
Arm eine weißviolette Binde wie alle Geistlichen der Feldarmee. Er
sprach im Anschluß an den Römerbrief über die Kraft des Evangeliums,
und kam damit auf die welthistorischen Ereignisse, die aller Gedanken
erfüllten. Er sprach von der unwiderstehlichen Kraft eines Volkes,
das in solchen Zeiten einen Herrscher hat, der in Wahrheit ein Führer
ist. Der Kaiser habe alles getan, um den Krieg zu vermeiden; er habe
den Frieden gewollt, aber da er zum Krieg gezwungen worden sei, habe
er auch gewußt, wo sein Platz sei, und was das Volk von ihm verlangen
konnte. Und im Vertrauen auf dieses Volk habe er nicht gezaudert, für
Deutschlands Existenz und Zukunft loszuschlagen.
Pastor Marguth sprach vom Pflichtgefühl des Volkes als der vornehmsten
Bedingung des Siegs. Das Volk wisse, was es zu tun habe, wenn die
Pflicht es ruft. »Wir müssen Gott danken für seine Gnade, daß er uns
jetzt in der Stunde unserer Heimsuchung in unserer schwersten aber auch
größten Zeit so einig und stark gemacht hat.« Und zuletzt sprach er von
der Ausdauer der Soldaten und von ihrer Entschlossenheit, sich erst mit
dem letzten Mann und dem letzten Pferd zu ergeben.
Es war eine einfache Beredsamkeit ohne Redeblüten, ohne Phrasen;
der Geistliche sprach freimütig mit froher Zuversicht und
unerschütterlicher Siegesgewißheit, und die deutschen Worte weckten
ein klingendes Echo an den französischen Häusern. »Vater unser, der du
bist im Himmel ... Der Herr segne euch und behüte euch ...« Schließlich
wurde wieder ein Choral gesungen, mit so brausender Kraft, als sei es
am Tag vor dem siegreichen Einzug durch das Brandenburger Tor. Hier
standen nun diese breitschultrigen, kraftvollen und jugendfrischen
Germanen, und unter den Helmen flammten Augenpaare, die vielleicht
morgen in den Schützengräben erlöschen sollten! Es überlief mich kalt,
als ich den Choralgesang erschallen hörte und dachte, diese Männer
verstehen die Kunst, zu sterben! Aber ihr Volk wird nie sterben, und es
ist schade um die Mächte, die sich zu ihrem eigenen Untergang vereinigt
haben. Wieviel Blut muß noch fließen, bis sie einsehen, daß ihr Ziel,
Deutschlands Vernichtung, unerreichbar ist!
Die Feldprediger sind ein Geschlecht für sich. Immer froh, munter,
aufopfernd und freimütig. Sie sind die Seelsorger der Soldaten, den
Lebenden predigend, die Sterbenden tröstend und erquickend. Die
Konfession spielt keine Rolle mehr. Protestantische und katholische
Priester verkehren wie Brüder. Alle haben _einen_ Gott, und alle haben
_ein_ Ziel: die Wohlfahrt des Vaterlandes. Oft sieht man Priester zu
Pferde dahergesprengt kommen, das Kreuz um den Hals, den schwarzen
Filzhut auf dem Kopf, die weißviolette Binde am linken Arm des
Feldrocks. Nicht selten sind sie mit dem Eisernen Kreuz geschmückt.
Dann haben sie wohl mitten im Granatfeuer von der Auferstehung und
dem Leben gesprochen oder mit unerschütterlicher Ruhe gepredigt,
während feindliche Flieger über ihnen schwebten. Ja, vielleicht sind
sie Sonnabend nachts in Kälte und Regen zwischen Büschen und Gras
hindurchgekrochen, um an die Schützengräben zu gelangen und ihren
Bewohnern am Sonntag Gottes Wort zu verkünden.
Am Abend desselben Tages wurde in der Kirche zu Cernay Gottesdienst
abgehalten. Man hatte an Licht sparen müssen, und auf dem Altar
brannten nur ein paar Talgkerzen. Aber es war Vollmond und klares
Wetter, und der Mondschein sickerte durch die Fenster herein und
erleuchtete das Schiff und die Säulen und die wetterharten Männer, die
aus ihren Schützengräben oder von ihren Troßwagen gekommen waren. Von
Zeit zu Zeit schlugen französische Granaten in die Stadt ein, und es
donnerte und krachte von Explosionen und einstürzenden Häusern. Aber
der Priester ließ sich nicht stören. Er schien den Krieg draußen nicht
zu merken, sondern sprach, ohne mit der Stimme zu zittern, vom Frieden
in Gott und von den Pflichten gegen das Vaterland. Die Soldaten hörten
mit unerschütterlicher Ruhe zu, und als der Choralgesang schließlich
verklang und die Lichter ausgelöscht wurden, zerstreute sich die Schar
in den Gassen, die eigentümlich erleuchtet waren vom Mondschein und vom
Feuer der brennenden Häuser. --