29. Am Scherenfernrohr.

Der über der Erde liegende Teil des Beobachtungsplatzes war eine

gemütliche Laube im Gebüsch, und hierhin kamen von Zeit zu Zeit

Boten auf Zweirädern gefahren. Wohlgeschützt und versteckt stand ein

Scherenfernrohr auf seinem Dreifuß, ein anderes auf der Landstraße

vor der Laube. Durch solch ein Fernrohr sieht man so gut wie alles

bis an den Rand des Horizonts, und die vertikale Stellung der Tuben

ermöglicht es, daß der Kopf des Beobachters bei der Arbeit ganz im

Schutz eines Eisenschilds oder einer Mauer bleiben kann. Von unserm

hochgelegenen Platz aus hatten wir eine vortreffliche Aussicht über den

ganzen Bereich der nächsten Schützengräben. Oberst Fischer erklärte

mir alles. Er stellte den Horizontalfaden des Fadenkreuzes auf den

deutschen Schützengraben ein, und dieser wurde ganz deutlich als eine

etwas ungerade dunkle Linie sichtbar. Man sah sogar, wie ein Mann aus

dem Graben herausstieg, wahrscheinlich nachdem er dreimal mit dem

Spaten gewinkt hatte! Dann wurde das Haarkreuz auf den französischen

Schützengraben eingestellt, der etwas schwächer sichtbar wurde, aber

doch vollkommen deutlich.

Noch weiter südlich, 3550 Meter von unserm Beobachtungsplatz, sah man

das brennende Dorf Souain und die Wäldchen, in denen man gut versteckte

Artilleriestellungen vermutete; in Ostsüdost, d. h. links von uns,

deutlich eine Batterie von vier Geschützen, und diesseits von dieser

eine jetzt aufgegebene Artilleriestellung.

Plötzlich rief der Oberst: »Deckung!« Eine französische Flugmaschine,

ein Blériot, näherte sich. Man stellte sich schleunigst unter die

Bäume, um seiner Aufmerksamkeit zu entgehen. Einige Ordonnanzpferde,

die in einem Hohlweg standen, wurden an einen sicheren Platz gebracht.

Der Flieger kam näher. Schwach, aber deutlich hörte man das Surren

seines Motors. Er segelte gerade über unsere Köpfe hinweg. Wird er eine

Bombe werfen oder uns mit Pfeilen überschütten? Es wäre ein guter Fang

für ihn, einen Beobachtungsstand zu zerstören, von dem aus das Feuer

geleitet wird und an dem alle Telephondrähte der Gegend zusammenlaufen.

Ein Zivilkundschafter kann ihn ja signalisiert haben. Aber der Flieger

zog vorüber, es erfolgte keine Explosion, und mit einem Gefühl der

Erleichterung sah man ihn verschwinden. Er suchte ein anderes Ziel für

seine Bomben.

Obgleich es mit großer Gefahr verbunden war, gingen wir noch

zweihundert Meter in der Richtung auf die Schützengräben vor. Das

Gelände senkte sich hier langsam. Wir verfolgten die Straße in

zerstreuter Ordnung und im Schatten der Bäume, und wo Gebüsch war,

hielten wir uns darin. Glücklich kamen wir bis zur ersten Linie

der Reservetruppen für die Schützengräben. In diesen wechselt die

Mannschaft jeden Morgen um 6 Uhr. Die Leute können sich also jeden

zweiten Tag ausruhen. Sie haben sich in die Erde eingegraben, und

ihre Wohnungen sind mit Stangen, Zweigen und Heu gedeckt. Sie waren

am Morgen aus dem Schützengraben gekommen und sollten nun bis Mittag

schlafen. Dann wird exerziert, und bei Dunkelheit kommen die Feldküchen

mit ihren dampfenden Kochtöpfen. Es gab eine ganze Reihe solcher

Reservelager an der Nordseite des Gebüschs.

Niemand riet uns, von hier aus den Weg fortzusetzen, denn dann

wären wir unfehlbar von französischen Beobachtern gesehen und mit

mörderischem Feuer bedeckt worden. Ausgerechnet eine Feldküche, die

sich hier doch nur in der Nacht bewegt, war dieser Tage von einer

Granate getroffen worden und hatte vier Mann verloren. Und jetzt

hatten wir Tageslicht und offenes Gelände vor uns. Vor kurzem erst

waren die deutschen Soldaten bei Einbruch der Dunkelheit plötzlich aus

einem nahegelegenen Schützengraben herausgestürmt und hatten einen

Bajonettangriff unternommen. Der Angriff war zurückgeschlagen worden

und mehrere Deutsche auf dem Platze geblieben. Die Leichtverwundeten

wurden in französische Gefangenschaft geführt. Drei Mann waren so

schwer verwundet, daß sie für verloren galten und liegen bleiben

mußten. Die nächsten französischen Soldaten hatten aber Mitleid mit

den armen Verwundeten und brachten ihnen jede Nacht Speise und Wasser,

auch Zigaretten. Eines Tags kam ein mutiger deutscher Arzt mit einigen

Krankenträgern in die deutschen Schützengräben. Sie führten eine Flagge

des Roten Kreuzes mit sich. Erst knallten einige feindliche Schüsse;

als aber die Franzosen erkannten, was die Absicht war, wurde es lautlos

still; niemand wollte das Rettungswerk stören.

Bei einer andern Reservekompagnie, wo wir uns eine Weile mit den

Feldgrauen unterhielten, war vor einiger Zeit ein Leutnant Johannes

gefallen. Rings um sein Grab stand eine ganze Batterie von Granaten wie

ein Bataillon Kegel, das Kreuz war der König! Auch junge Fichten waren

um den Grabhügel des Leutnants gepflanzt.

Nachdem wir uns ein paar Stunden bei diesen liebenswürdigen, fröhlichen

und tapferen Männern aufgehalten hatten, traten wir den Rückweg nach

der Fliegerstation an, wo die diensthabende Wache dem Hauptmann Rapport

erstatten mußte. Sie äußerte dabei: »Es ist gut, daß die Herren nicht

vor einer Viertelstunde gekommen sind, da kam ein Flieger über die

Station und warf eine Bombe ab, die hier gleich in der Nähe krepierte,

aber ohne Schaden anzurichten.« Zur Erinnerung daran erhielt ich einen

Bombensplitter, den man lieber in der Tasche fühlt als im Körper!

Ein Volk in Waffen · 第 83 / 105 题