Der über der Erde liegende Teil des Beobachtungsplatzes war eine
gemütliche Laube im Gebüsch, und hierhin kamen von Zeit zu Zeit
Boten auf Zweirädern gefahren. Wohlgeschützt und versteckt stand ein
Scherenfernrohr auf seinem Dreifuß, ein anderes auf der Landstraße
vor der Laube. Durch solch ein Fernrohr sieht man so gut wie alles
bis an den Rand des Horizonts, und die vertikale Stellung der Tuben
ermöglicht es, daß der Kopf des Beobachters bei der Arbeit ganz im
Schutz eines Eisenschilds oder einer Mauer bleiben kann. Von unserm
hochgelegenen Platz aus hatten wir eine vortreffliche Aussicht über den
ganzen Bereich der nächsten Schützengräben. Oberst Fischer erklärte
mir alles. Er stellte den Horizontalfaden des Fadenkreuzes auf den
deutschen Schützengraben ein, und dieser wurde ganz deutlich als eine
etwas ungerade dunkle Linie sichtbar. Man sah sogar, wie ein Mann aus
dem Graben herausstieg, wahrscheinlich nachdem er dreimal mit dem
Spaten gewinkt hatte! Dann wurde das Haarkreuz auf den französischen
Schützengraben eingestellt, der etwas schwächer sichtbar wurde, aber
doch vollkommen deutlich.
Noch weiter südlich, 3550 Meter von unserm Beobachtungsplatz, sah man
das brennende Dorf Souain und die Wäldchen, in denen man gut versteckte
Artilleriestellungen vermutete; in Ostsüdost, d. h. links von uns,
deutlich eine Batterie von vier Geschützen, und diesseits von dieser
eine jetzt aufgegebene Artilleriestellung.
Plötzlich rief der Oberst: »Deckung!« Eine französische Flugmaschine,
ein Blériot, näherte sich. Man stellte sich schleunigst unter die
Bäume, um seiner Aufmerksamkeit zu entgehen. Einige Ordonnanzpferde,
die in einem Hohlweg standen, wurden an einen sicheren Platz gebracht.
Der Flieger kam näher. Schwach, aber deutlich hörte man das Surren
seines Motors. Er segelte gerade über unsere Köpfe hinweg. Wird er eine
Bombe werfen oder uns mit Pfeilen überschütten? Es wäre ein guter Fang
für ihn, einen Beobachtungsstand zu zerstören, von dem aus das Feuer
geleitet wird und an dem alle Telephondrähte der Gegend zusammenlaufen.
Ein Zivilkundschafter kann ihn ja signalisiert haben. Aber der Flieger
zog vorüber, es erfolgte keine Explosion, und mit einem Gefühl der
Erleichterung sah man ihn verschwinden. Er suchte ein anderes Ziel für
seine Bomben.
Obgleich es mit großer Gefahr verbunden war, gingen wir noch
zweihundert Meter in der Richtung auf die Schützengräben vor. Das
Gelände senkte sich hier langsam. Wir verfolgten die Straße in
zerstreuter Ordnung und im Schatten der Bäume, und wo Gebüsch war,
hielten wir uns darin. Glücklich kamen wir bis zur ersten Linie
der Reservetruppen für die Schützengräben. In diesen wechselt die
Mannschaft jeden Morgen um 6 Uhr. Die Leute können sich also jeden
zweiten Tag ausruhen. Sie haben sich in die Erde eingegraben, und
ihre Wohnungen sind mit Stangen, Zweigen und Heu gedeckt. Sie waren
am Morgen aus dem Schützengraben gekommen und sollten nun bis Mittag
schlafen. Dann wird exerziert, und bei Dunkelheit kommen die Feldküchen
mit ihren dampfenden Kochtöpfen. Es gab eine ganze Reihe solcher
Reservelager an der Nordseite des Gebüschs.
Niemand riet uns, von hier aus den Weg fortzusetzen, denn dann
wären wir unfehlbar von französischen Beobachtern gesehen und mit
mörderischem Feuer bedeckt worden. Ausgerechnet eine Feldküche, die
sich hier doch nur in der Nacht bewegt, war dieser Tage von einer
Granate getroffen worden und hatte vier Mann verloren. Und jetzt
hatten wir Tageslicht und offenes Gelände vor uns. Vor kurzem erst
waren die deutschen Soldaten bei Einbruch der Dunkelheit plötzlich aus
einem nahegelegenen Schützengraben herausgestürmt und hatten einen
Bajonettangriff unternommen. Der Angriff war zurückgeschlagen worden
und mehrere Deutsche auf dem Platze geblieben. Die Leichtverwundeten
wurden in französische Gefangenschaft geführt. Drei Mann waren so
schwer verwundet, daß sie für verloren galten und liegen bleiben
mußten. Die nächsten französischen Soldaten hatten aber Mitleid mit
den armen Verwundeten und brachten ihnen jede Nacht Speise und Wasser,
auch Zigaretten. Eines Tags kam ein mutiger deutscher Arzt mit einigen
Krankenträgern in die deutschen Schützengräben. Sie führten eine Flagge
des Roten Kreuzes mit sich. Erst knallten einige feindliche Schüsse;
als aber die Franzosen erkannten, was die Absicht war, wurde es lautlos
still; niemand wollte das Rettungswerk stören.
Bei einer andern Reservekompagnie, wo wir uns eine Weile mit den
Feldgrauen unterhielten, war vor einiger Zeit ein Leutnant Johannes
gefallen. Rings um sein Grab stand eine ganze Batterie von Granaten wie
ein Bataillon Kegel, das Kreuz war der König! Auch junge Fichten waren
um den Grabhügel des Leutnants gepflanzt.
Nachdem wir uns ein paar Stunden bei diesen liebenswürdigen, fröhlichen
und tapferen Männern aufgehalten hatten, traten wir den Rückweg nach
der Fliegerstation an, wo die diensthabende Wache dem Hauptmann Rapport
erstatten mußte. Sie äußerte dabei: »Es ist gut, daß die Herren nicht
vor einer Viertelstunde gekommen sind, da kam ein Flieger über die
Station und warf eine Bombe ab, die hier gleich in der Nähe krepierte,
aber ohne Schaden anzurichten.« Zur Erinnerung daran erhielt ich einen
Bombensplitter, den man lieber in der Tasche fühlt als im Körper!