Einige Schritte davon entfernt besuchten wir die Telephonstation,
die in dem gemauerten Keller eines im übrigen zusammengeschossenen
Hauses eingerichtet war. An den Wänden dieser unterirdischen Kammer
war eine ganze Reihe Telephonapparate befestigt; davor saßen einige
Offiziere und Soldaten auf Wandbänken. Solange ich unten war, klingelte
es ununterbrochen in mehreren Telephonen zu gleicher Zeit. Personal
mußte also immer da sein, um zu antworten. Die Station stand mit der
ganzen vierten Armee durch ihr Oberkommando in Verbindung, ebenso
mit dem Großen Hauptquartier. Ja, man konnte sogar jede Verbindung
mit Deutschland erhalten, obgleich natürlich Privatgespräche nicht
zugelassen waren. Zwei junge Flieger, Graf Rambaldi und Leutnant
Bürger, waren eben von einer Erkundung der französischen Stellungen
zurückgekehrt und berichteten ungemein klar und sicher über das, was
sie gesehen hatten. Rambaldi stand lange, den Telephonhörer in der
einen, seine Karte mit den eingezeichneten Beobachtungen in der andern
Hand, und sprach mit einem Offizier des Oberkommandos, der das gleiche
Kartenblatt vor sich hatte und sicher auch Bleistift und Notizbuch.
Der Rapporteur sagte z. B.: »550 Meter nordwestlich von X. sah ich
eine Artilleriestellung von wahrscheinlich nur zwei Kanonen. Auf der
Straße, die westlich davon nach Y. führt, war eine stillstehende
Kolonne von acht Wagen; konnte nicht unterscheiden, ob Munitions- oder
Proviantkolonne. Die Batterie, die gestern in dem Tal südlich von
Z. stand, ist heute verlegt worden; wohin? ist im Augenblick nicht
festzustellen.«
Durch solche Erkundungen bekommt das Oberkommando viel Wichtiges zu
wissen und richtet das Artilleriefeuer darnach ein. Die deutsche
Batterie, die die französische bei dem Dorfe Z. beschossen hat, stellt
natürlich das Feuer ein, sobald bekannt wird, daß das Ziel die Lage
geändert hat, was immer während der Nacht geschieht. Die Geschütze
einer französischen Batterie stehen gewöhnlich weit voneinander, teils,
um die Gefahr zu vermindern, teils auch, um sie leichter vor Fliegern
verbergen zu können.
Von dem Beobachtungsplatz aus waren es etwa zwei Kilometer bis zu den
vordersten deutschen Schützengräben, die dreihundert bis fünfhundert
Meter von den französischen entfernt liegen, ja, zuweilen tausend
Meter. Hier liegen nun die feindlichen Soldaten und belauern einander.
Es ist ein Hundeleben in diesen Gräben! Steckt man die Nase über den
Rand hinaus, ist man des Todes. Gestern vormittag 10 Uhr sah man eine
Schar französische Soldaten aus einem nahen Wald herausschleichen, um
sich vorsichtig dem Schützengraben zu nähern. Zwei Salven Schrapnells
wurden auf sie abgegeben. Hundertundfünfzig Mann blieben liegen, die
übrigen zogen sich zurück. Sie bezahlen mit derselben Münze, sobald
sie Gelegenheit dazu haben, und ihre Artillerie steht auf der Höhe,
ebenso ihre Zielsicherheit. Ihre Munition soll dagegen weniger gut
sein; gestern krepierten von sechsunddreißig Granaten nur sieben, alle
übrigen waren sogenannte »Blindgänger«.
Die deutschen Soldaten bewahren sich mitten in Todesgefahr ihre gute
Laune und setzen zuweilen spaßeshalber einen herrenlosen Helm auf
einen Stock und halten ihn in nickender Bewegung über den Rand des
Schützengrabens. Sofort wird er das Ziel des feindlichen Feuers, und
die Soldaten wetten, wie viele Treffer es geben wird!
Übertriebene Reinlichkeit kann in diesen Gräben nicht herrschen, wenn
man auch das Menschenmögliche tut, um allen Schmutz zu entfernen. In
dieser Gegend hatte sich zwischen den beiden Fronten ein Übereinkommen
ergeben, daß bei gewissen Gelegenheiten die Soldaten den Graben
unbehelligt verlassen konnten, aber nur immer ein Mann, unbewaffnet
und in der Richtung auf den feindlichen Schützengraben zu. Der Soldat
brauchte bloß einen Spaten über den Grabenrand zu heben und ihn
dreimal auf und ab zu schwingen. Nach diesem Signal konnte er ruhig
seine Promenade antreten und wieder an seinen Platz zurückkehren.
Einmal hatten sich zwei weidende Kühe zwischen zwei in kurzem Abstand
voneinander verlaufende Schützengräben verirrt. In der geheimen
Zeichensprache der Soldaten kam die Übereinkunft zustande, ein
französischer Soldat sollte die eine, ein deutscher die andere Kuh
melken! So geschah es, und dann kehrte jeder ruhig in seinen Graben
zurück. Das beweist, daß auch die französischen Soldaten ihren guten
Humor nicht verloren haben.
Die Schützengräben stehen gleichfalls in telephonischer Verbindung mit
der Beobachtungsstation. Einer unserer Freunde fragte mich, ob ich
hören wollte, wie sich die Bewohner des am weitesten vorgeschobenen
Schützengrabens gerade jetzt befänden. Natürlich wollte ich das! Ich
bekam den einen Hörer in die Hand und wurde zunächst nach allen Regeln
der Höflichkeit dem Major vorgestellt, der im Schützengraben auf den
Anruf antwortete. »Wie geht es, Herr Major?« -- »Danke, gut.« -- »Haben
Sie etwas Besonders zu berichten?« -- »Ja, heute nacht wurden einige
Schüsse gewechselt, aber ohne Verluste.« -- »Wie ist die Stimmung bei
der Mannschaft?« -- »Vortrefflich, wie gewöhnlich.« -- »Haben Sie die
acht Maschinengewehre bekommen, die Ihnen gestern nacht geschickt
werden sollten?« -- »Ja, sie sind da und schon aufgestellt, aber für
eines fehlt der Panzerschutz. Wir behelfen uns bis auf weiteres mit
Erdschutz.« -- »Haben Sie sonst noch Wünsche?« -- »Danke, nein, alles
in Ordnung.«
Der Major sprach ruhig und sicher, aber man hörte doch einen Unterton
von Ernst in seinen Antworten.