25. Der Krieg in der Luft.

Eine der Fahrten, die ich von Sedan aus mit Rittmeister von Behr

unternahm, führte mich über Cernay, Condé und Challerange. In dem

ersten Dorf nahm ich ein paar Bilder von einer Munitionskolonne auf,

einigen Soldaten, die sich auf einem Hof ihr Mittagbrot zubereiten,

und einer marschbereiten Kompagnie, die ihre Instruktion erhält,

bevor sie an die Front geht. Im nächsten Dorf sahen wir eine Schar

prächtiger Landsturmleute, gleichfalls zur Instruktion aufgestellt, und

ein Biwak von überdeckten Wagen und Pferden. Am schönsten war aber doch

die Munitionskolonne, deren Wagen unter die überhängenden Zweige des

Waldrandes neben dem Weg gefahren und außerdem mit Laubbüschen bedeckt

waren, um gegen französische Flieger geschützt zu sein. Eine Kolonne

Feldlazarettwagen war womöglich noch gründlicher maskiert und wartete

unter den Bäumen, nachdem die Pferde abgespannt waren. Etwas weiterhin

hatte sich eine Sanitätsabteilung im Laubwald selbst niedergelassen, um

in der Nähe zu sein, falls Verwundete die ersten Verbände brauchten.

Ihre Flaggen, das Rote Kreuz auf weißem Grund, schimmerten aus

dem Laubwerk hervor. Dieselbe Vorsichtsmaßregel hatte man für die

Feldküchen getroffen, die ebenfalls unter den Bäumen Deckung gesucht

hatten.

Die französischen Flieger waren jeden Nachmittag zwischen 5 und 6 Uhr

in Tätigkeit. Sie haben eine doppelte Mission: teils mit ihren Bomben

Schaden anzurichten, teils Truppenbewegungen und Artilleriestellungen

zu beobachten. Die Brücke über die Dormoise in Autry war vor zwei

Tagen einem Bombenattentat ausgesetzt gewesen, das zwei Mann tötete,

die Brücke aber unbeschädigt ließ. An einem andern Platz in unserer

Nähe wurde ein Soldat von einem der scheußlichen eisernen Pfeile

getroffen, die die Flieger aus einer Höhe von etwa 2500 Metern

herabwerfen. Sie gehen noch durch das Pferd hindurch, nachdem sie

einen Mann am Kopf getroffen haben. Sie fallen nämlich mit der

Geschwindigkeit einer Flintenkugel und sind schwerer als diese. In

Grand Pré wurde vor einigen Tagen ein Hauptmann von einem Pfeil

getötet und siebenundzwanzig Mann wurden von einer Bombe desselben

Aeroplans verwundet. Als vorige Woche in einer kleinen Stadt hier

in der Nähe der Bau einer Eisenbahnlinie beendet wurde, fielen drei

Bomben in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs nieder, ohne jedoch Schaden

anzurichten. Der Flieger wurde mit Schrapnells aus einer sogenannten

Ballonabwehrkanone beschossen, aber nicht getroffen. An wichtigen

Stellen in Deutschland stehen ständig Wachen gegen feindliche Flieger.

Wenn einer nachts über einer Stadt schwebt, werden mehrere Scheinwerfer

auf ihn eingestellt; er wird vom Licht geblendet und verliert die

Möglichkeit, sich zu orientieren. Im nächsten Kirchturm beginnen die

Maschinengewehre zu singen und ihn mit einem Regen von Kugeln zu

überschütten.

Truppen, Batterien und Kolonnen suchen die Deckung, die das Gelände

bietet, nicht nur, um Bomben und Pfeilen zu entgehen, sondern auch

und vor allem, um ihre Stellungen und Bewegungen geheimzuhalten. Der

Flieger hat verschiedene Methoden, den Seinen Mitteilungen zugehen zu

lassen. Er gibt vermutlich teils direkte Signale, z. B. mit Flaggen

oder elektrischen Lampen, deren Licht man mit dem Fernrohr von der Erde

aus deutlich sehen kann. Wenn ein Flieger Kolonnen oder Truppen am Rand

eines kleinen Wäldchens liegen sieht oder sie dort vermutet, zeichnet

er am Himmelsgewölbe durch seinen Flug die Umrisse des fraglichen

Gebietes ab, und sofort werden Granaten dorthin geschleudert. Eine

der wichtigsten Aufgaben der Flieger ist es also, das Artilleriefeuer

zu lenken. Wenn eine französische Batterie sich die Aufgabe gestellt

hat, eine deutsche Batterie zu beschießen und womöglich zu zerstören,

deren ungefähre Lage dem Flieger bekannt ist, so steigt dieser in der

Nähe des Ziels auf und lenkt das französische Feuer. Wenn die Granaten

zu kurz niedergehen, beschreibt der Flieger einen Kreis mit kleinen

Durchmessern. Dann wird der Abstand verlängert. Wird dieser zu groß,

so daß die Granate hinter das Ziel fällt, dann beschreibt der Flieger

einen Kreis mit großem Durchmesser. Fallen die Granaten links vom Ziel,

dann macht er eine Schwenkung nach rechts, fallen sie rechts vom Ziel,

dann macht er eine Schwenkung nach links. Auf diese Weise stellt er das

Feuer immer näher auf das Ziel ein und erreicht das allein durch seine

Bewegungen in der Luft. Es versteht sich von selbst, daß alle diese

Kunstgriffe ebenso geschickt von den Deutschen pariert werden. Merkt

eine Batterie, daß ein feindlicher Flieger sie beobachtet und das

Feuer näher kommt, dann hört sie mit Schießen auf und verändert in der

Nacht ihren Standort.

Das im übrigen so unglückliche Verhängnis, daß der Kriegsschauplatz in

ihr eigenes Land verlegt ist, bietet den Franzosen den Vorteil, daß

sie von der Zivilbevölkerung wertvolle Erkundigungen einziehen können.

Unter ihr können natürlich leicht Personen verborgen werden, die durch

gewisse Zeichen oder durch nächtliche Lichtsignale die Bewegungen der

Deutschen verraten. Hat sich ein Stab oder ein Oberkommando in einem

Ort niedergelassen, dann werden die französischen Beobachter durch

vereinbarte Signale davon unterrichtet, und daß diese richtig aufgefaßt

werden, merkt man bald am Artilleriefeuer. Signale können auch tagsüber

gegeben werden, z. B. dadurch, daß ein Bauer seine Herde an eine

gewisse Stelle treibt. Über die Moral einer solchen Auskundschaftung

mögen die Ansichten geteilt sein. Aber es ist sicher, daß jedes Volk,

das ein Invasionsheer in seinem Lande dulden muß, mit denselben Mitteln

dem Feinde zu schaden suchen würde.

Fortdauernde Bewegungen sind das beste Mittel gegen Spionage und

direkte Auskundschaftung. Diese Bewegungen werden in der Nacht

vorgenommen. Am Tag hält man sich still unter den Bäumen verborgen.

Und die Deutschen sind Meister in der Verlegung ihrer Truppen. Die

große Beweglichkeit der deutschen Armee, die Schnelligkeit, mit der

ihre verschiedenen Einheiten hin und her geworfen werden, und die

hoch gesteigerte Marschfähigkeit der Infanterie, das sind so einige

Ursachen, die diese Armee zu der ersten der Welt gemacht haben.

Später fuhr ich mit Rittmeister von Behr auf den deutschen Flugplatz

bei X., wo sechs Gotha-Tauben mit Mercedes-Motoren in großen gelben

Zelten standen. Der einen Taube hatten Schrapnellkugeln einen Flügel

durchbohrt, und der Schwanz war mit kleinen Lappen geflickt; solche

»Pflaster« werden fast als Medaillen für Tapferkeit im Felde angesehen.

Je mehr Narben der Aeroplan hat, desto mehr Gefahren war der Flieger

ausgesetzt, desto mehr hat er über dem Feuer der Feinde aufs Spiel

gesetzt. Ich weiß nicht, welches Gefühl am unangenehmsten ist: einen

fremden Flieger gerade über sich zu haben oder zu wissen, daß eine

Ballonabwehrkanone gerade unter einem steht und zielt!

Während wir auf dem Flugplatz waren, stiegen zwei Tauben auf. Es ist

unendlich schön, ihre weichen, leichten Bewegungen zu sehen. Ehe man

weiß, wie es geschieht, verlassen die feinen Räder den Erdboden,

die Taube steigt langsam über das Feld empor und gleitet über die

Baumwipfel dahin. Dann erhebt sie sich in Spiralen immer mehr über

die Erde, und die zwei gewaltigen Eisernen Kreuze unter ihren Flügeln

werden immer kleiner. Sie macht es wie die Brieftaube, die erst bis

zu einer gewissen Höhe ansteigt, um einen orientierenden Überblick

über das Land zu gewinnen, und dann in gerader Linie auf ihr Ziel

losschießt. Denn als unsere erste Gotha-Taube genügend hoch gestiegen

war, ging sie aus der letzten Spirale direkt nach Süden auf die

französischen Stellungen zu und weit über diese hin. Dort muß der

Beobachter, der mit Karte, Notizbuch und Fernrohr vorn sitzt, seine

Beobachtungen machen und dann mit seinen Berichten zurückkommen,

wenn er nicht während der Fahrt heruntergeschossen wird. Über der

feindlichen Stellung geht man in eine Höhe von 2000 oder 2500 Metern,

um einigermaßen vor dem Feuer von unten sicher zu sein. Aber schon 600

Meter hoch bekommen der Flieger und sein Kamerad ein Gefühl von Ruhe,

das dann mit jeden weiteren hundert Metern zunimmt. Nach einer Weile

stieg die zweite Taube auf und folgte der Spur der ersten. --

Ein deutscher Flieger in Bapaume hat mir später mancherlei von seinen

Erfahrungen erzählt. Er braucht gewöhnlich dreiviertel Stunden, um

in eine Höhe von 2000 Metern zu gelangen, und erst wenn er so hoch

gekommen ist, fliegt er über die französischen Linien. Die Aussicht

ist brillant. Er hat die Landschaft, in der der Kampf ausgefochten

wird, direkt unter sich. Bei klarem, schönem Wetter sieht er alles, die

marschierenden Truppen, die Munitionskolonnen und die Trainwagen, auch

wenn sie mit Laub gedeckt sind. Er sieht die Artilleriestellungen, wenn

sie auch noch so gut in Hecken und Büschen versteckt sind; ja er sieht

auch einzelne Reiter und Wanderer auf den Landstraßen.

Aber noch anderes sieht er auf seiner luftigen Fahrt: das Feuer und

die Rauchwolken aus den deutschen und französischen Kanonen, die

Niederschläge und Explosionen. Es donnert und blitzt unter ihm von

allen Seiten, und nicht genug damit: die Franzosen richten ihre

Abwehrkanonen gegen ihn, um seine Flugmaschine zu zerstören und ihn

zu töten. Ein Schrapnell nach dem andern krepiert in seiner Nähe. Er

ist in ungeheurer Spannung, das gestand er gern zu. Noch war er nicht

verwundet worden, aber die Flügel seines Aeroplans zeigten mehrere

Schrapnellöcher, die mit kleinen Pflastern ausgebessert waren. Er hört

die Maschinengewehre und die Gewehre knattern und weiß, daß sie auf ihn

gerichtet sind, und daß er mit dem Fernrohr von allen Seiten beobachtet

wird. Wenn er dies ewige Donnern hört und weiß, daß er jeden Augenblick

getroffen werden und fallen kann, muß er sich zusammennehmen, um nicht

seine Kaltblütigkeit zu verlieren, denn in einer solchen Situation

geben auch die stärksten Nerven nach.

[Illustration: Roter-Kreuz-Wagen bei Rouvroy.]

Er tut seine Pflicht, er darf nicht nachgeben. Die Nervenspannung kann

er nicht überwinden, denn er ist ein Mensch. Aber er kehrt nicht um,

bevor er seinen Auftrag ausgeführt und erfahren hat, was er wissen

will. Seine Aufmerksamkeit ist aufs höchste angespannt, er sieht

und hört alles, nichts entgeht ihm. Er bemerkt auch schon auf weite

Entfernung den französischen Aeroplan, der auf ihn lossteuert. Aber er

ändert seinen Kurs nicht. Sie kommen sich immer näher. Keiner denkt

daran, auszuweichen. Ein Zuschauer muß sich sagen, sie gehen einer

unvermeidlichen Katastrophe entgegen, sie gehen ins Verderben. Aber so

weit setzen sie ihren Flug doch nicht fort, denn bei einem Zusammenstoß

stürzen sie beide herunter und finden den Tod, und das betrachtet

man auf beiden Seiten als unnütz und unpraktisch. Der eine weicht

daher rechtzeitig aus. Der Franzose ist oft mit einem Maschinengewehr

bewaffnet, das für seinen deutschen Kollegen bestimmt ist. Daher geht

der Deutsche mit Hilfe eines hastigen Griffs im rechten Augenblick

entweder unter oder über seinen Gegner hinweg. Kommt er unter ihn,

so wird das Maschinengewehr, das nicht nach unten schießen kann,

unschädlich. Steht er über seinem Gegner, dann erhält er einen Schutz

durch den leichtgepanzerten Boden des Aeroplans. Die Hauptsache ist,

daß er nicht in derselben Ebene wie der andere bleibt. Aber es kann

sein, daß auch der Franzose aufsteigt, und daß ein Wettstreit entsteht,

sich in der Höhe zu überbieten. Oft umkreisen sie sich lange wie ein

paar spielende Eintagsfliegen, nähern sich einander, trennen sich,

verfolgen und schießen, weichen aber immer einem Zusammenstoß aus. Es

ist eine unbeschreibliche Spannung, und unterdes donnern unten die

Kanonen und belauern die Soldaten sich in ihren Schützengräben.

[Illustration: Sanitätskraftwagen in Sedan.]

[Illustration: Verwundetentransport in Sedan.]

Wenn alles normal geht, kann der Flieger drei Stunden in der Luft

bleiben. Hat er seine Aufgabe ausgeführt, so fliegt er nach der

deutschen Seite zurück, hält den Motor an und gleitet in vier Minuten,

die jedoch unendlich lang erscheinen, herab. Er geht im Gleitflug

herunter und kann unter gewissen Verhältnissen landen, ohne wieder den

Motor in Gang zu setzen. Mit einem Gefühl des Behagens setzt er die

Füße wieder auf das feste Land. Wirkliche Ruhe hat er jedoch selten,

denn gerade die Fliegerstationen werden von feindlichen Bombenwerfern

gern aufgesucht.

Die französischen Flieger steigen oft ohne Beobachter auf, um mehr

Bomben mitnehmen zu können. Ist der Apparat mit zwei Personen belastet,

so können nur drei Bomben mitgenommen werden, sonst sechs oder mehr.

Eine Bombe wiegt 10 Kilogramm und ist einen halben Meter hoch. Die

Treffsicherheit richtet sich nach der Übung. Die meisten Bomben richten

keinen Schaden an. Am häufigsten werden Pferde getroffen. Als ich in

Bapaume war, flog ein Flieger über ein Biwak in der Nähe. Fünf Mann

hielten es für ratsam, unter einem schwer belasteten Bagagewagen Schutz

zu suchen. Aber der Wagen wurde getroffen, und von den Leuten fanden

sich nur noch Fetzen vor, als Hilfe anlangte.

Ich habe schon früher von der unerhört wichtigen Rolle gesprochen, die

die Flugmaschinen in diesem Krieg gespielt haben, und daß sie während

der ersten Monate des Kriegs immer mehr verfeinert und vervollkommnet

worden sind. Mein Gewährsmann in Bapaume glaubte behaupten zu können,

daß derjenige, der die besten Flugmaschinen und die geschicktesten

Flieger hat, in einem Stellungskrieg gewinnt, einem wirklichen

Festungskrieg, wie er jetzt an der Westfront ausgefochten wird.

Ein Volk in Waffen · 第 79 / 105 题