Eine der Fahrten, die ich von Sedan aus mit Rittmeister von Behr
unternahm, führte mich über Cernay, Condé und Challerange. In dem
ersten Dorf nahm ich ein paar Bilder von einer Munitionskolonne auf,
einigen Soldaten, die sich auf einem Hof ihr Mittagbrot zubereiten,
und einer marschbereiten Kompagnie, die ihre Instruktion erhält,
bevor sie an die Front geht. Im nächsten Dorf sahen wir eine Schar
prächtiger Landsturmleute, gleichfalls zur Instruktion aufgestellt, und
ein Biwak von überdeckten Wagen und Pferden. Am schönsten war aber doch
die Munitionskolonne, deren Wagen unter die überhängenden Zweige des
Waldrandes neben dem Weg gefahren und außerdem mit Laubbüschen bedeckt
waren, um gegen französische Flieger geschützt zu sein. Eine Kolonne
Feldlazarettwagen war womöglich noch gründlicher maskiert und wartete
unter den Bäumen, nachdem die Pferde abgespannt waren. Etwas weiterhin
hatte sich eine Sanitätsabteilung im Laubwald selbst niedergelassen, um
in der Nähe zu sein, falls Verwundete die ersten Verbände brauchten.
Ihre Flaggen, das Rote Kreuz auf weißem Grund, schimmerten aus
dem Laubwerk hervor. Dieselbe Vorsichtsmaßregel hatte man für die
Feldküchen getroffen, die ebenfalls unter den Bäumen Deckung gesucht
hatten.
Die französischen Flieger waren jeden Nachmittag zwischen 5 und 6 Uhr
in Tätigkeit. Sie haben eine doppelte Mission: teils mit ihren Bomben
Schaden anzurichten, teils Truppenbewegungen und Artilleriestellungen
zu beobachten. Die Brücke über die Dormoise in Autry war vor zwei
Tagen einem Bombenattentat ausgesetzt gewesen, das zwei Mann tötete,
die Brücke aber unbeschädigt ließ. An einem andern Platz in unserer
Nähe wurde ein Soldat von einem der scheußlichen eisernen Pfeile
getroffen, die die Flieger aus einer Höhe von etwa 2500 Metern
herabwerfen. Sie gehen noch durch das Pferd hindurch, nachdem sie
einen Mann am Kopf getroffen haben. Sie fallen nämlich mit der
Geschwindigkeit einer Flintenkugel und sind schwerer als diese. In
Grand Pré wurde vor einigen Tagen ein Hauptmann von einem Pfeil
getötet und siebenundzwanzig Mann wurden von einer Bombe desselben
Aeroplans verwundet. Als vorige Woche in einer kleinen Stadt hier
in der Nähe der Bau einer Eisenbahnlinie beendet wurde, fielen drei
Bomben in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs nieder, ohne jedoch Schaden
anzurichten. Der Flieger wurde mit Schrapnells aus einer sogenannten
Ballonabwehrkanone beschossen, aber nicht getroffen. An wichtigen
Stellen in Deutschland stehen ständig Wachen gegen feindliche Flieger.
Wenn einer nachts über einer Stadt schwebt, werden mehrere Scheinwerfer
auf ihn eingestellt; er wird vom Licht geblendet und verliert die
Möglichkeit, sich zu orientieren. Im nächsten Kirchturm beginnen die
Maschinengewehre zu singen und ihn mit einem Regen von Kugeln zu
überschütten.
Truppen, Batterien und Kolonnen suchen die Deckung, die das Gelände
bietet, nicht nur, um Bomben und Pfeilen zu entgehen, sondern auch
und vor allem, um ihre Stellungen und Bewegungen geheimzuhalten. Der
Flieger hat verschiedene Methoden, den Seinen Mitteilungen zugehen zu
lassen. Er gibt vermutlich teils direkte Signale, z. B. mit Flaggen
oder elektrischen Lampen, deren Licht man mit dem Fernrohr von der Erde
aus deutlich sehen kann. Wenn ein Flieger Kolonnen oder Truppen am Rand
eines kleinen Wäldchens liegen sieht oder sie dort vermutet, zeichnet
er am Himmelsgewölbe durch seinen Flug die Umrisse des fraglichen
Gebietes ab, und sofort werden Granaten dorthin geschleudert. Eine
der wichtigsten Aufgaben der Flieger ist es also, das Artilleriefeuer
zu lenken. Wenn eine französische Batterie sich die Aufgabe gestellt
hat, eine deutsche Batterie zu beschießen und womöglich zu zerstören,
deren ungefähre Lage dem Flieger bekannt ist, so steigt dieser in der
Nähe des Ziels auf und lenkt das französische Feuer. Wenn die Granaten
zu kurz niedergehen, beschreibt der Flieger einen Kreis mit kleinen
Durchmessern. Dann wird der Abstand verlängert. Wird dieser zu groß,
so daß die Granate hinter das Ziel fällt, dann beschreibt der Flieger
einen Kreis mit großem Durchmesser. Fallen die Granaten links vom Ziel,
dann macht er eine Schwenkung nach rechts, fallen sie rechts vom Ziel,
dann macht er eine Schwenkung nach links. Auf diese Weise stellt er das
Feuer immer näher auf das Ziel ein und erreicht das allein durch seine
Bewegungen in der Luft. Es versteht sich von selbst, daß alle diese
Kunstgriffe ebenso geschickt von den Deutschen pariert werden. Merkt
eine Batterie, daß ein feindlicher Flieger sie beobachtet und das
Feuer näher kommt, dann hört sie mit Schießen auf und verändert in der
Nacht ihren Standort.
Das im übrigen so unglückliche Verhängnis, daß der Kriegsschauplatz in
ihr eigenes Land verlegt ist, bietet den Franzosen den Vorteil, daß
sie von der Zivilbevölkerung wertvolle Erkundigungen einziehen können.
Unter ihr können natürlich leicht Personen verborgen werden, die durch
gewisse Zeichen oder durch nächtliche Lichtsignale die Bewegungen der
Deutschen verraten. Hat sich ein Stab oder ein Oberkommando in einem
Ort niedergelassen, dann werden die französischen Beobachter durch
vereinbarte Signale davon unterrichtet, und daß diese richtig aufgefaßt
werden, merkt man bald am Artilleriefeuer. Signale können auch tagsüber
gegeben werden, z. B. dadurch, daß ein Bauer seine Herde an eine
gewisse Stelle treibt. Über die Moral einer solchen Auskundschaftung
mögen die Ansichten geteilt sein. Aber es ist sicher, daß jedes Volk,
das ein Invasionsheer in seinem Lande dulden muß, mit denselben Mitteln
dem Feinde zu schaden suchen würde.
Fortdauernde Bewegungen sind das beste Mittel gegen Spionage und
direkte Auskundschaftung. Diese Bewegungen werden in der Nacht
vorgenommen. Am Tag hält man sich still unter den Bäumen verborgen.
Und die Deutschen sind Meister in der Verlegung ihrer Truppen. Die
große Beweglichkeit der deutschen Armee, die Schnelligkeit, mit der
ihre verschiedenen Einheiten hin und her geworfen werden, und die
hoch gesteigerte Marschfähigkeit der Infanterie, das sind so einige
Ursachen, die diese Armee zu der ersten der Welt gemacht haben.
Später fuhr ich mit Rittmeister von Behr auf den deutschen Flugplatz
bei X., wo sechs Gotha-Tauben mit Mercedes-Motoren in großen gelben
Zelten standen. Der einen Taube hatten Schrapnellkugeln einen Flügel
durchbohrt, und der Schwanz war mit kleinen Lappen geflickt; solche
»Pflaster« werden fast als Medaillen für Tapferkeit im Felde angesehen.
Je mehr Narben der Aeroplan hat, desto mehr Gefahren war der Flieger
ausgesetzt, desto mehr hat er über dem Feuer der Feinde aufs Spiel
gesetzt. Ich weiß nicht, welches Gefühl am unangenehmsten ist: einen
fremden Flieger gerade über sich zu haben oder zu wissen, daß eine
Ballonabwehrkanone gerade unter einem steht und zielt!
Während wir auf dem Flugplatz waren, stiegen zwei Tauben auf. Es ist
unendlich schön, ihre weichen, leichten Bewegungen zu sehen. Ehe man
weiß, wie es geschieht, verlassen die feinen Räder den Erdboden,
die Taube steigt langsam über das Feld empor und gleitet über die
Baumwipfel dahin. Dann erhebt sie sich in Spiralen immer mehr über
die Erde, und die zwei gewaltigen Eisernen Kreuze unter ihren Flügeln
werden immer kleiner. Sie macht es wie die Brieftaube, die erst bis
zu einer gewissen Höhe ansteigt, um einen orientierenden Überblick
über das Land zu gewinnen, und dann in gerader Linie auf ihr Ziel
losschießt. Denn als unsere erste Gotha-Taube genügend hoch gestiegen
war, ging sie aus der letzten Spirale direkt nach Süden auf die
französischen Stellungen zu und weit über diese hin. Dort muß der
Beobachter, der mit Karte, Notizbuch und Fernrohr vorn sitzt, seine
Beobachtungen machen und dann mit seinen Berichten zurückkommen,
wenn er nicht während der Fahrt heruntergeschossen wird. Über der
feindlichen Stellung geht man in eine Höhe von 2000 oder 2500 Metern,
um einigermaßen vor dem Feuer von unten sicher zu sein. Aber schon 600
Meter hoch bekommen der Flieger und sein Kamerad ein Gefühl von Ruhe,
das dann mit jeden weiteren hundert Metern zunimmt. Nach einer Weile
stieg die zweite Taube auf und folgte der Spur der ersten. --
Ein deutscher Flieger in Bapaume hat mir später mancherlei von seinen
Erfahrungen erzählt. Er braucht gewöhnlich dreiviertel Stunden, um
in eine Höhe von 2000 Metern zu gelangen, und erst wenn er so hoch
gekommen ist, fliegt er über die französischen Linien. Die Aussicht
ist brillant. Er hat die Landschaft, in der der Kampf ausgefochten
wird, direkt unter sich. Bei klarem, schönem Wetter sieht er alles, die
marschierenden Truppen, die Munitionskolonnen und die Trainwagen, auch
wenn sie mit Laub gedeckt sind. Er sieht die Artilleriestellungen, wenn
sie auch noch so gut in Hecken und Büschen versteckt sind; ja er sieht
auch einzelne Reiter und Wanderer auf den Landstraßen.
Aber noch anderes sieht er auf seiner luftigen Fahrt: das Feuer und
die Rauchwolken aus den deutschen und französischen Kanonen, die
Niederschläge und Explosionen. Es donnert und blitzt unter ihm von
allen Seiten, und nicht genug damit: die Franzosen richten ihre
Abwehrkanonen gegen ihn, um seine Flugmaschine zu zerstören und ihn
zu töten. Ein Schrapnell nach dem andern krepiert in seiner Nähe. Er
ist in ungeheurer Spannung, das gestand er gern zu. Noch war er nicht
verwundet worden, aber die Flügel seines Aeroplans zeigten mehrere
Schrapnellöcher, die mit kleinen Pflastern ausgebessert waren. Er hört
die Maschinengewehre und die Gewehre knattern und weiß, daß sie auf ihn
gerichtet sind, und daß er mit dem Fernrohr von allen Seiten beobachtet
wird. Wenn er dies ewige Donnern hört und weiß, daß er jeden Augenblick
getroffen werden und fallen kann, muß er sich zusammennehmen, um nicht
seine Kaltblütigkeit zu verlieren, denn in einer solchen Situation
geben auch die stärksten Nerven nach.
[Illustration: Roter-Kreuz-Wagen bei Rouvroy.]
Er tut seine Pflicht, er darf nicht nachgeben. Die Nervenspannung kann
er nicht überwinden, denn er ist ein Mensch. Aber er kehrt nicht um,
bevor er seinen Auftrag ausgeführt und erfahren hat, was er wissen
will. Seine Aufmerksamkeit ist aufs höchste angespannt, er sieht
und hört alles, nichts entgeht ihm. Er bemerkt auch schon auf weite
Entfernung den französischen Aeroplan, der auf ihn lossteuert. Aber er
ändert seinen Kurs nicht. Sie kommen sich immer näher. Keiner denkt
daran, auszuweichen. Ein Zuschauer muß sich sagen, sie gehen einer
unvermeidlichen Katastrophe entgegen, sie gehen ins Verderben. Aber so
weit setzen sie ihren Flug doch nicht fort, denn bei einem Zusammenstoß
stürzen sie beide herunter und finden den Tod, und das betrachtet
man auf beiden Seiten als unnütz und unpraktisch. Der eine weicht
daher rechtzeitig aus. Der Franzose ist oft mit einem Maschinengewehr
bewaffnet, das für seinen deutschen Kollegen bestimmt ist. Daher geht
der Deutsche mit Hilfe eines hastigen Griffs im rechten Augenblick
entweder unter oder über seinen Gegner hinweg. Kommt er unter ihn,
so wird das Maschinengewehr, das nicht nach unten schießen kann,
unschädlich. Steht er über seinem Gegner, dann erhält er einen Schutz
durch den leichtgepanzerten Boden des Aeroplans. Die Hauptsache ist,
daß er nicht in derselben Ebene wie der andere bleibt. Aber es kann
sein, daß auch der Franzose aufsteigt, und daß ein Wettstreit entsteht,
sich in der Höhe zu überbieten. Oft umkreisen sie sich lange wie ein
paar spielende Eintagsfliegen, nähern sich einander, trennen sich,
verfolgen und schießen, weichen aber immer einem Zusammenstoß aus. Es
ist eine unbeschreibliche Spannung, und unterdes donnern unten die
Kanonen und belauern die Soldaten sich in ihren Schützengräben.
[Illustration: Sanitätskraftwagen in Sedan.]
[Illustration: Verwundetentransport in Sedan.]
Wenn alles normal geht, kann der Flieger drei Stunden in der Luft
bleiben. Hat er seine Aufgabe ausgeführt, so fliegt er nach der
deutschen Seite zurück, hält den Motor an und gleitet in vier Minuten,
die jedoch unendlich lang erscheinen, herab. Er geht im Gleitflug
herunter und kann unter gewissen Verhältnissen landen, ohne wieder den
Motor in Gang zu setzen. Mit einem Gefühl des Behagens setzt er die
Füße wieder auf das feste Land. Wirkliche Ruhe hat er jedoch selten,
denn gerade die Fliegerstationen werden von feindlichen Bombenwerfern
gern aufgesucht.
Die französischen Flieger steigen oft ohne Beobachter auf, um mehr
Bomben mitnehmen zu können. Ist der Apparat mit zwei Personen belastet,
so können nur drei Bomben mitgenommen werden, sonst sechs oder mehr.
Eine Bombe wiegt 10 Kilogramm und ist einen halben Meter hoch. Die
Treffsicherheit richtet sich nach der Übung. Die meisten Bomben richten
keinen Schaden an. Am häufigsten werden Pferde getroffen. Als ich in
Bapaume war, flog ein Flieger über ein Biwak in der Nähe. Fünf Mann
hielten es für ratsam, unter einem schwer belasteten Bagagewagen Schutz
zu suchen. Aber der Wagen wurde getroffen, und von den Leuten fanden
sich nur noch Fetzen vor, als Hilfe anlangte.
Ich habe schon früher von der unerhört wichtigen Rolle gesprochen, die
die Flugmaschinen in diesem Krieg gespielt haben, und daß sie während
der ersten Monate des Kriegs immer mehr verfeinert und vervollkommnet
worden sind. Mein Gewährsmann in Bapaume glaubte behaupten zu können,
daß derjenige, der die besten Flugmaschinen und die geschicktesten
Flieger hat, in einem Stellungskrieg gewinnt, einem wirklichen
Festungskrieg, wie er jetzt an der Westfront ausgefochten wird.