26. Deutsches Sanitätswesen im Felde.

Ich habe mich bei meinem Besuch an der Front oft bei den Verwundeten

aufgehalten und werde auch weiter noch manchmal auf sie zurückkommen.

Es ist daher vielleicht an der Zeit, einen kurzen Überblick über System

und Organisation des deutschen Sanitätswesens im Felde zu geben.

Geographisch hat man zwischen zwei großen Gebieten zu unterscheiden,

dem Operationsgebiet, in dem die kämpfenden Armeen sich befinden, und

dem Etappengebiet, durch das die Verbindung mit der Heimat hergestellt

wird.

Jede Truppe hat ihr Truppensanitätspersonal; seine Aufgabe ist es,

für ihr Wohlbefinden zu sorgen, ihre Hygiene zu beaufsichtigen,

sie vor verdorbenen Nahrungsmitteln zu bewahren, das Brunnenwasser

zu untersuchen usw. So ist es Sache des Regiments-, Bataillons-

und Abteilungsarztes, sowohl die allgemeine Gesundheitspflege zu

überwachen, als auch die erste Hilfe im Felde zu leisten. Wenn die

Truppe in den Kampf geht, ist es Pflicht des Truppenarztes, einen

Truppenverbandplatz auszuwählen und einzurichten.

Jedes Armeekorps hat drei Sanitätskompagnien, und diese

richten unmittelbar hinter der Feuerlinie die drei sogenannten

Hauptverbandplätze ein. Jede der drei Sanitätskompagnien verfügt

über acht oder neun Ärzte, eine große Anzahl Krankenträger,

Sanitätssoldaten, Apotheker usw., alle unter der Bezeichnung

»Sanitätspersonal« zusammengefaßt. Jede Sanitätskompagnie hat

acht zweispännige Krankenwagen, die mit Arzneimitteln, Bahren und

Verbandzeug versehen sind.

Jedes Armeekorps hat zwölf Feldlazarette, die an geeigneten Stellen

hinter der Front eingerichtet werden. Sie müssen an möglichst

geschützte Orte gelegt werden und sind darauf eingerichtet, auch wenn

die Front vorrückt, dort zu bleiben. Von den Truppenverbandplätzen und

den Hauptverbandplätzen kommen die Verwundeten in das nächste fertige

Feldlazarett.

Dieses hat seine eigenen Wagen und eine vollständige

Lazarettausrüstung, als da sind Matratzen oder leere Säcke, die mit

Stroh gefüllt werden können, Kissen, Decken und Laken, Hemden und

andere notwendige Krankenkleidung, Porzellangeschirr und vieles

andere. In den Feldlazaretten werden die ersten chirurgischen

Eingriffe vorgenommen mit Ausnahme von solchen, die sofort und unter

freiem Himmel geschehen müssen, z. B. die Stillung von Blutungen aus

offenen Wunden. In den Feldlazaretten ist das Personal durch und

durch militärisch, da gibt es keine Schwestern und überhaupt keine

Freiwilligen.

An der Spitze des Sanitätswesens jedes Armeekorps steht der Korpsarzt;

er ist Chef der Truppenärzte, der Sanitätskompagnien und Feldlazarette.

Zur Seite hat er einen beratenden Chirurgen, gewöhnlich einen

Universitätsprofessor oder Dozenten, der auch die Feldlazarette

inspiziert.

Der Korpsarzt verfügt auch über einen beratenden Hygieniker, dies ist

gewöhnlich ebenfalls ein Universitätslehrer, der alle verdächtigen

Fälle von ansteckenden Krankheiten zu prüfen und alle notwendigen

Vorsichtsmaßregeln gegen den Ausbruch epidemischer Krankheiten zu

treffen hat. Er führt ein bakteriologisches Laboratorium mit sich und

muß jeden einzelnen Fall von Typhus, Ruhr, Dysenterie und ähnlichen

Krankheiten untersuchen, nachforschen, woher der Kranke gekommen

ist, ihn isolieren und den Ansteckungsherd auszurotten versuchen. In

gewissen Fällen kann er die Einrichtung eines Epidemiekrankenhauses im

Etappenbereich anordnen. Ein solches ist z. B. in Attigny bei Vouziers.

Die Leichtverwundeten, die sich nicht an das Feldlazarett zu wenden

brauchen, wandern an einen sogenannten »Leichtverwundeten-Sammelplatz«

und begeben sich von dort an einen Etappenort und weiterhin zu Fuß

oder in leeren Güterwagen nach Hause. Sobald ihre Wunden geheilt sind,

kehren sie zu ihrem Regiment zurück.

Das Feldlazarett wird nach einiger Zeit durch eine

Kriegslazarettabteilung abgelöst, die nur aus Personal, Arzt,

Sanitätssoldaten und freiwilligen Assistenten besteht. Jedes Armeekorps

verfügt über eine solche Abteilung von etwa dreißig Ärzten und der

entsprechenden Anzahl übrigen Personals.

Das Feldlazarett wird so durch das Vorrücken der Truppen in ein

Kriegslazarett verwandelt, oder mit andern Worten: wenn das

Feldlazarett mit den Truppen vorrückt, wird sein Platz von der

Kriegslazarettabteilung eingenommen. Geht das Vorrücken, wie bei meinem

Besuch, langsam, so tritt keine Veränderung ein, und das Personal hat

verhältnismäßig wenig zu tun.

Die Kriegslazarette liegen gewöhnlich in kleinen Dörfern, oft dreißig

oder vierzig Kilometer von der Eisenbahn. Ihre Aufgabe ist, die

Schwerverwundeten weiter zu behandeln, die das Feldlazarett verlassen

haben, und sie dann nach den Etappenlazaretten zu befördern und

nach Orten wie Sedan, die in regelmäßiger Eisenbahnverbindung mit

der Heimat stehen. Der Transport der Verwundeten geschieht nicht

nur zu Fuß und in leeren Lastwagen, sondern auch durch Kraftwagen

der Krankentransportabteilung, unter denen man Omnibusse aus allen

möglichen Städten findet, sowie Lastwagen mit Namen bekannter Fabriken

und Geschäfte. Sie können bis zu zehn Betten mit sich führen, und

kommen Leichtverwundete in Frage, so kann ein einziges Auto fünfzig

Mann befördern, aber dann sitzen sie auch dicht zusammengepfercht und

sogar auf dem Dach. Sie fahren nur nach den Etappenorten; von da geht

es auf Eisenbahnen, Kanälen oder Flüssen weiter.

Die ganze Etappenlinie entlang sind an geeigneten Punkten Verband-,

Verpflegungs- und Erfrischungsstationen eingerichtet, wo Schwestern,

Krankenwärter und Ärzte von Wagen zu Wagen gehen, um die Patienten

zu untersuchen und diejenigen herauszufinden, die nicht mehr weiter

können. Daheim werden die Verwundeten in die Lazarette geschickt oder

in Häuser, die im Krieg in Lazarette umgewandelt sind. Viele dürfen

auch direkt in ihre Heimat fahren. Von der Front bis in die Heimat

gilt der Hauptgrundsatz: Platz, Platz, Platz! Deswegen beeilt man sich

soviel wie möglich, die Verwundeten loszuwerden, um für neue Scharen

Raum zu bekommen. Jeder Sanitätswagen, der zum Train gehört, ist

genau in Fächer und Schubkästen eingeteilt, so daß jedes Ding seinen

bestimmten Platz hat und leicht zu finden ist. Ebenso mustergiltig und

genau ist schon in Friedenszeiten die Zusammensetzung und Ausrüstung

der Lazarettzüge bestimmt. Die eisernen Krankenbettstellen stehen

bereit; man hat nur die Bänke und Gestelle aus den Wagen dritter Klasse

herauszunehmen und dafür die eisernen Bettstellen festzuschrauben. Man

weiß, wie viele Matratzen, Kissen und Decken für jeden Wagen gebraucht

werden. In den Verband- und Apothekerwagen ist alles so genau geordnet,

daß der Arzt seine Jodtinktur, sein Chinin, sein Stück Heftpflaster

oder seine Sicherheitsnadel mit verbundenen Augen finden könnte. Alles

ist nach einem Schema eingerichtet. Wenn ein Anfänger sich nicht

sofort zurechtfindet, so braucht er nur den gedruckten Schlüssel zu

benutzen, der für die Tausende von deutschen Lazarettzügen gilt. Man

hat über die minutiöse Gründlichkeit der Deutschen in allen Dingen

gespöttelt und hat sie Pedanten genannt. Nun zeigt sich, wozu diese

Pedanterie gut ist! Alles geht wie ein Uhrwerk, und niemand braucht

zu suchen oder zu fragen. Und diese in Friedenszeiten geschaffene

Ordnung herrscht überall! Deshalb ziehen die Deutschen nicht in den

Krieg wie schlaftrunkene und aufgestörte Träumer, sondern als auf alles

vorbereitete und ausgebildete Kämpfer, sei es, daß ihre Pflicht sie in

Reih' und Glied oder an den Operationstisch ruft.

Die deutschen Soldaten haben ein wahres Grauen davor, in die Hand

französischer Ärzte zu fallen, sie sterben lieber! Wenn Gefangene und

Verwundete nach Kriegsschluß ausgetauscht werden, werden unparteiische

Richter in der medizinischen Welt urteilen können, auf welcher Seite

die sorgsamere Pflege und die größere Menschenliebe zu finden waren. In

mehr als einer Beziehung hat dieser Krieg die Ohnmacht und Nichtigkeit

aller Konferenzen und Übereinkünfte in Genf, Haag und andern Orten mit

Namen von einem jetzt leeren und trügerischen Klang dargelegt.

Ein Volk in Waffen · 第 80 / 105 题