Ich habe mich bei meinem Besuch an der Front oft bei den Verwundeten
aufgehalten und werde auch weiter noch manchmal auf sie zurückkommen.
Es ist daher vielleicht an der Zeit, einen kurzen Überblick über System
und Organisation des deutschen Sanitätswesens im Felde zu geben.
Geographisch hat man zwischen zwei großen Gebieten zu unterscheiden,
dem Operationsgebiet, in dem die kämpfenden Armeen sich befinden, und
dem Etappengebiet, durch das die Verbindung mit der Heimat hergestellt
wird.
Jede Truppe hat ihr Truppensanitätspersonal; seine Aufgabe ist es,
für ihr Wohlbefinden zu sorgen, ihre Hygiene zu beaufsichtigen,
sie vor verdorbenen Nahrungsmitteln zu bewahren, das Brunnenwasser
zu untersuchen usw. So ist es Sache des Regiments-, Bataillons-
und Abteilungsarztes, sowohl die allgemeine Gesundheitspflege zu
überwachen, als auch die erste Hilfe im Felde zu leisten. Wenn die
Truppe in den Kampf geht, ist es Pflicht des Truppenarztes, einen
Truppenverbandplatz auszuwählen und einzurichten.
Jedes Armeekorps hat drei Sanitätskompagnien, und diese
richten unmittelbar hinter der Feuerlinie die drei sogenannten
Hauptverbandplätze ein. Jede der drei Sanitätskompagnien verfügt
über acht oder neun Ärzte, eine große Anzahl Krankenträger,
Sanitätssoldaten, Apotheker usw., alle unter der Bezeichnung
»Sanitätspersonal« zusammengefaßt. Jede Sanitätskompagnie hat
acht zweispännige Krankenwagen, die mit Arzneimitteln, Bahren und
Verbandzeug versehen sind.
Jedes Armeekorps hat zwölf Feldlazarette, die an geeigneten Stellen
hinter der Front eingerichtet werden. Sie müssen an möglichst
geschützte Orte gelegt werden und sind darauf eingerichtet, auch wenn
die Front vorrückt, dort zu bleiben. Von den Truppenverbandplätzen und
den Hauptverbandplätzen kommen die Verwundeten in das nächste fertige
Feldlazarett.
Dieses hat seine eigenen Wagen und eine vollständige
Lazarettausrüstung, als da sind Matratzen oder leere Säcke, die mit
Stroh gefüllt werden können, Kissen, Decken und Laken, Hemden und
andere notwendige Krankenkleidung, Porzellangeschirr und vieles
andere. In den Feldlazaretten werden die ersten chirurgischen
Eingriffe vorgenommen mit Ausnahme von solchen, die sofort und unter
freiem Himmel geschehen müssen, z. B. die Stillung von Blutungen aus
offenen Wunden. In den Feldlazaretten ist das Personal durch und
durch militärisch, da gibt es keine Schwestern und überhaupt keine
Freiwilligen.
An der Spitze des Sanitätswesens jedes Armeekorps steht der Korpsarzt;
er ist Chef der Truppenärzte, der Sanitätskompagnien und Feldlazarette.
Zur Seite hat er einen beratenden Chirurgen, gewöhnlich einen
Universitätsprofessor oder Dozenten, der auch die Feldlazarette
inspiziert.
Der Korpsarzt verfügt auch über einen beratenden Hygieniker, dies ist
gewöhnlich ebenfalls ein Universitätslehrer, der alle verdächtigen
Fälle von ansteckenden Krankheiten zu prüfen und alle notwendigen
Vorsichtsmaßregeln gegen den Ausbruch epidemischer Krankheiten zu
treffen hat. Er führt ein bakteriologisches Laboratorium mit sich und
muß jeden einzelnen Fall von Typhus, Ruhr, Dysenterie und ähnlichen
Krankheiten untersuchen, nachforschen, woher der Kranke gekommen
ist, ihn isolieren und den Ansteckungsherd auszurotten versuchen. In
gewissen Fällen kann er die Einrichtung eines Epidemiekrankenhauses im
Etappenbereich anordnen. Ein solches ist z. B. in Attigny bei Vouziers.
Die Leichtverwundeten, die sich nicht an das Feldlazarett zu wenden
brauchen, wandern an einen sogenannten »Leichtverwundeten-Sammelplatz«
und begeben sich von dort an einen Etappenort und weiterhin zu Fuß
oder in leeren Güterwagen nach Hause. Sobald ihre Wunden geheilt sind,
kehren sie zu ihrem Regiment zurück.
Das Feldlazarett wird nach einiger Zeit durch eine
Kriegslazarettabteilung abgelöst, die nur aus Personal, Arzt,
Sanitätssoldaten und freiwilligen Assistenten besteht. Jedes Armeekorps
verfügt über eine solche Abteilung von etwa dreißig Ärzten und der
entsprechenden Anzahl übrigen Personals.
Das Feldlazarett wird so durch das Vorrücken der Truppen in ein
Kriegslazarett verwandelt, oder mit andern Worten: wenn das
Feldlazarett mit den Truppen vorrückt, wird sein Platz von der
Kriegslazarettabteilung eingenommen. Geht das Vorrücken, wie bei meinem
Besuch, langsam, so tritt keine Veränderung ein, und das Personal hat
verhältnismäßig wenig zu tun.
Die Kriegslazarette liegen gewöhnlich in kleinen Dörfern, oft dreißig
oder vierzig Kilometer von der Eisenbahn. Ihre Aufgabe ist, die
Schwerverwundeten weiter zu behandeln, die das Feldlazarett verlassen
haben, und sie dann nach den Etappenlazaretten zu befördern und
nach Orten wie Sedan, die in regelmäßiger Eisenbahnverbindung mit
der Heimat stehen. Der Transport der Verwundeten geschieht nicht
nur zu Fuß und in leeren Lastwagen, sondern auch durch Kraftwagen
der Krankentransportabteilung, unter denen man Omnibusse aus allen
möglichen Städten findet, sowie Lastwagen mit Namen bekannter Fabriken
und Geschäfte. Sie können bis zu zehn Betten mit sich führen, und
kommen Leichtverwundete in Frage, so kann ein einziges Auto fünfzig
Mann befördern, aber dann sitzen sie auch dicht zusammengepfercht und
sogar auf dem Dach. Sie fahren nur nach den Etappenorten; von da geht
es auf Eisenbahnen, Kanälen oder Flüssen weiter.
Die ganze Etappenlinie entlang sind an geeigneten Punkten Verband-,
Verpflegungs- und Erfrischungsstationen eingerichtet, wo Schwestern,
Krankenwärter und Ärzte von Wagen zu Wagen gehen, um die Patienten
zu untersuchen und diejenigen herauszufinden, die nicht mehr weiter
können. Daheim werden die Verwundeten in die Lazarette geschickt oder
in Häuser, die im Krieg in Lazarette umgewandelt sind. Viele dürfen
auch direkt in ihre Heimat fahren. Von der Front bis in die Heimat
gilt der Hauptgrundsatz: Platz, Platz, Platz! Deswegen beeilt man sich
soviel wie möglich, die Verwundeten loszuwerden, um für neue Scharen
Raum zu bekommen. Jeder Sanitätswagen, der zum Train gehört, ist
genau in Fächer und Schubkästen eingeteilt, so daß jedes Ding seinen
bestimmten Platz hat und leicht zu finden ist. Ebenso mustergiltig und
genau ist schon in Friedenszeiten die Zusammensetzung und Ausrüstung
der Lazarettzüge bestimmt. Die eisernen Krankenbettstellen stehen
bereit; man hat nur die Bänke und Gestelle aus den Wagen dritter Klasse
herauszunehmen und dafür die eisernen Bettstellen festzuschrauben. Man
weiß, wie viele Matratzen, Kissen und Decken für jeden Wagen gebraucht
werden. In den Verband- und Apothekerwagen ist alles so genau geordnet,
daß der Arzt seine Jodtinktur, sein Chinin, sein Stück Heftpflaster
oder seine Sicherheitsnadel mit verbundenen Augen finden könnte. Alles
ist nach einem Schema eingerichtet. Wenn ein Anfänger sich nicht
sofort zurechtfindet, so braucht er nur den gedruckten Schlüssel zu
benutzen, der für die Tausende von deutschen Lazarettzügen gilt. Man
hat über die minutiöse Gründlichkeit der Deutschen in allen Dingen
gespöttelt und hat sie Pedanten genannt. Nun zeigt sich, wozu diese
Pedanterie gut ist! Alles geht wie ein Uhrwerk, und niemand braucht
zu suchen oder zu fragen. Und diese in Friedenszeiten geschaffene
Ordnung herrscht überall! Deshalb ziehen die Deutschen nicht in den
Krieg wie schlaftrunkene und aufgestörte Träumer, sondern als auf alles
vorbereitete und ausgebildete Kämpfer, sei es, daß ihre Pflicht sie in
Reih' und Glied oder an den Operationstisch ruft.
Die deutschen Soldaten haben ein wahres Grauen davor, in die Hand
französischer Ärzte zu fallen, sie sterben lieber! Wenn Gefangene und
Verwundete nach Kriegsschluß ausgetauscht werden, werden unparteiische
Richter in der medizinischen Welt urteilen können, auf welcher Seite
die sorgsamere Pflege und die größere Menschenliebe zu finden waren. In
mehr als einer Beziehung hat dieser Krieg die Ohnmacht und Nichtigkeit
aller Konferenzen und Übereinkünfte in Genf, Haag und andern Orten mit
Namen von einem jetzt leeren und trügerischen Klang dargelegt.