Im Hotel Croix d'Or in Sedan wohnte Exzellenz General Freiherr von
Seckendorff, der Etappeninspektor der vierten Armee. Der Chef seines
Stabs ist Oberst von Kemnitz; er hat eine gewaltige Schar Offiziere
unter sich, dazu die schwere Verantwortung für die Verbindungslinien
der vierten Armee. Man kann wohl sagen, daß durch seine Hände ganze
Armeen und endlose Reihen von Kolonnen gehen. Er muß Ankunft und Marsch
der Ersatztruppen kontrollieren und ist dafür verantwortlich, daß sie
zur rechten Zeit ankommen. Er hat dafür zu sorgen, daß Kleider, Waffen,
Munition und Verpflegung in genügender Menge vorhanden sind. Er hat
einen Generaloberarzt bei der Etappeninspektion unter sich, und dieser
ist wieder verantwortlich für jedes Lazarett an den achtundzwanzig
Etappenorten wie für Beförderung und Behandlung der Verwundeten im
allgemeinen. Die Bewegungen der Sanitätskolonnen fallen also auch
unter die Etappeninspektion. Der vielseitige General hat außerdem die
Gefangenentransporte und die ewig hin und her rollenden Motorwagen der
Feldposten zu überwachen.
General Seckendorff hatte demnach alle Hände voll zu tun und arbeitete
auch wie ein Pferd; des war ich Zeuge. Er hielt tadellose Disziplin auf
seinen Straßen und inspizierte sie täglich in eigener Person. Er war
schon zwölftausend Kilometer in seinem eleganten gedeckten Automobil
gefahren. Auf den Landstraßen führte er strenges Regiment und konnte,
wenn es nötig war, Soldaten und Offiziere anfahren wie ein Löwe. Zu mir
war er liebenswürdig und freundlich wie lauer Zephirwind. Er nahm mich
mit offenen Armen auf und lud mich ein, zum Abendessen im großen Saal
des Hotels zu bleiben.
Hier versammelten sich etwa vierzig von den dreihundert Offizieren,
die damals in Sedan wohnten, unter ihnen ein Fürst Hohenlohe, der
beim Roten Kreuz beschäftigt war. Bei unserm Eintreten standen die
Herren schon an ihren Plätzen vor dem langen Tisch und den kleinen
Nebentischen, und der General stellte mich gleich allen mit einigen
ebenso kräftigen wie liebenswürdigen Worten vor. Es gab dieselbe
Kost wie für die Soldaten, Reissuppe, Hammelfleisch mit Bohnen
und Kartoffeln und gefüllte Pfannkuchen -- das letzte Gericht ein
Sonntagsluxus.
Nach einem angenehm verbrachten Abend und nachdem mich der General
eingeladen hatte, ihn am nächsten Tage nach Vouziers zu begleiten, ging
ich um Mitternacht durch das stille, menschenleere Sedan. Der Weg von
der Place Turenne bis zum Bahnhof, wo ich wohnte, ist ziemlich lang,
und er wurde von den sechs Wachtposten nicht verkürzt, die einer nach
dem andern aus dem Dunkel auftauchten und mich anhielten als einen
verdächtigen Nachtwanderer, der vielleicht in ungesetzlichen Geschäften
unterwegs war. Jeder mußte General Moltkes Brief lesen und mich dann
meinem Schicksal und dem nächsten Wachtposten überlassen. Aber alle
waren ruhig und höflich, und sie taten ihre Pflicht. Als ich an den
letzten kam, kurz vor dem Bahnhof, trat ich auf ihn zu und fragte ihn,
ob er etwas dagegen hätte, meinen Ausweis zu lesen. Er antwortete
lächelnd: »Ich vermute, der ist schon oft genug gelesen worden;
übrigens hab' ich Sie in Gesellschaft des Chefs der Kommandantur
gesehen.«
Am 28. September begab ich mich frühmorgens in den Gasthof »Zum
goldenen Kreuz« und war bald darauf mit General Seckendorff und seinem
Adjutanten auf dem Weg an die Front der vierten Armee. Die Straße
führt nach Südwesten in der Nähe des Ardenner Kanals, der ein paarmal
gekreuzt wird. Unser erstes Ziel war die Stadt Vouziers, bis wohin die
Eisenbahn ging. Trotzdem benutzen zahlreiche Kolonnen die Chaussee,
neben der auf den Feldern malerische Biwaks sichtbar werden. Hier und
da raucht es noch von einem Lagerfeuer, über dessen Glut die Soldaten
ihr Frühstück zubereitet haben. Zwischen den Kastanien und Ahornen,
deren Laub sich schon verfärbt, bewegt sich das bunte, kriegerische
Landstraßenleben, an das wir schon gewöhnt sind: Soldaten und Fuhrwerk
einer großen Etappenlinie, Proviant- und Munitionswagen, Lazarettautos
und ganze Reihen altmodischer gelber Postwagen, die Feldpostbriefe
befördern und nach Deutschland über Trier fahren, wo die erste
Sortierung geschieht. Die unentbehrlichen Feldgendarmen in ihren grünen
Uniformen reiten auf und ab und passen auf. Ein ausgedientes Pferd hat
seinen Gnadenschuß erhalten und wird eben beiseite geschleppt; ein
Blutstrom fließt aus seinen Nüstern und rötet den Staub der Landstraße.
Wir fahren durch mehrere Dörfer, darunter Tannay und Lechesne am
Ardenner Kanal, und halten kurze Zeit in Vouziers am Westufer
der Aisne. Der General nimmt von ein paar Offizieren der
Etappenkommandantur die Berichte entgegen über das, was sich seit
gestern zugetragen hat. Dann geht die Fahrt weiter nach Süden auf der
Chaussee, die nach Séchault und Cernay führt. In dem zuletzt genannten
Dorf sind wir zwanzig Kilometer westlich von Varennes. Aber zwischen
diesen beiden Orten breitet sich der Argonner Wald aus, in dem noch
heiß gekämpft wird. Von Cernay geht nach Westen die große Landstraße
nach Reims. Auf den ersten sechzehn Kilometern dieser Straße, d. h. bis
zum Dorf Somme Py, hatte ich Gelegenheit, einige höchst interessante
Punkte zu besichtigen. Denn diese Straße war Ende September die letzte
nach Süden, die in dieser Gegend vom deutschen Heer besetzt worden war.
Das erste Dorf westlich von Cernay ist Rouvroy, und weiter wollten
wir heute nicht fahren. Wir machten einen kurzen Aufenthalt und aßen
unser einfaches, feldmäßiges Frühstück, lange, schmale Scheiben
von Kommißbrot mit Butter und Schinken und ein Glas Rotwein. Der
General hatte ein besonderes Automobil mit voll Weinflaschen, die er
an die Soldaten verteilen ließ. Mit dem Wein braucht man in diesen
Gegenden, wo auch die Bauern ihre wohlversehenen Weinkeller haben,
nicht zu sparen. Aber nichts wird ohne weiteres genommen, alles
wird den Eigentümern nach dem Krieg ersetzt, und es gehört zu den
Friedensbedingungen, daß der verlierende Teil jede Quittung über
Sachen bezahlt, die während der Besetzung requiriert worden sind. Der
einzelne darf nicht Schaden leiden unter dem Krieg; es ist Pflicht des
Staats, die persönlichen Verluste zu ersetzen, wenn er das Eigentum
des einzelnen nicht gegen die Invasion zu schützen vermocht hat. Und
wenn die Invasionsmacht den Krieg verliert, so ist es ihre rechtmäßige
Strafe, für die Verluste aufzukommen.
Vielleicht wird jemand sagen, es sei nicht recht, die Soldaten Wein
trinken zu lassen. Im Osten haben ja die Russen den Versuch gemacht,
während des Kriegs ein Generalverbot einzuführen, und sie sind mit dem
Ergebnis zufrieden. Ohne Zweifel ist diese Kraftäußerung an und für
sich bewundernswert. Aber ich glaube doch, daß ein Schluck Rot- oder
Weißwein hier und da den Soldaten nur guttut. Absolute Enthaltsamkeit
zu predigen, ist keine Kunst für den, der nicht die Nächte in kalten,
feuchten Schützengräben zu frieren braucht, in denen man nicht das
kleinste Feuer anzünden darf.
In Rouvroy stiegen wir aus und gingen das sacht ansteigende Gelände
zu Fuß weiter über Felder, Gräben und durch Wälder. Hier war das Land
voller Granatlöcher, und man konnte nicht wissen, wo der nächste
Feuerregen niedergehen würde. Zahlreiche Geschosse lagen rings
verstreut, und ich nahm einen sogenannten »Ausbläser« mit, der beim
Krepieren nicht geplatzt war.
Weiter oben hatten wir Gelegenheit, zu sehen, wie die Ersatztruppen
sich auf der Linie eingerichtet hatten, auf der sie warten, bis sie
ihre Kameraden in den Schützengräben ablösen. Sie lagen teils am
Waldrand, teils im Wald selbst, wo sie sich halb unterirdische, mit
Ästen, Zweigen und Laub gedeckte Höhlen gegraben hatten, die nicht nur
als Wohnstätten dienten, sondern auch zur Deckung vor den Fliegern.
Diese Lager sind immer nach Norden verlegt, damit sie vom Wald gedeckt
sind und von den französischen Stellungen aus nicht gesehen werden. Da
sie so gut maskiert sind, darf man in den Höhlen kleine Feuer anzünden.
An einer Stelle des Waldrandes hatte ein Sanitätswagen im Schutz
einiger dunklen Fichten haltgemacht. Er war beladen mit Verbandzeug,
Heilmitteln, Bahren und andern Sachen, die zur ersten Behandlung der
Verwundeten nötig sind. Das Gespann verfügte über ein Reservepferd, das
gut zu brauchen war, falls eins der gewöhnlichen Wagenpferde erschossen
werden mußte. Ein anderer Wagen, der zur selben Sanitätskolonne
gehörte, war mit einem graugelben Verdeck überspannt. Beide führten
Flagge und Zeichen des Roten Kreuzes. Über die Pferde waren graue
Decken gebreitet, um ihnen einen Farbton zu geben, der soviel als
möglich mit dem des Landes übereinstimmte, alles zum Schutz gegen
Flieger.
In einer kleinen Soldatenhütte in der Nähe hatten sich vier Ärzte der
Kolonne eingerichtet. Sie hatten eben ihr Frühstück beendet, das aus
der nächsten Feldküche geholt wurde, wo auch ich die ebenso kräftige
als wohlschmeckende Kost versuchte. Oben auf der Höhe, von wo aus sich
eine Aussicht über die französischen Stellungen darbot, trafen wir
mehrere Offiziere, und unter einem mächtigen Strohdach eine Anzahl
Soldaten verschiedener Waffengattungen. In der Nähe hatte man zwei
Soldaten im Schatten eines kleinen Wäldchens beerdigt. An den Querarmen
der Kreuze hingen frische Kränze, die verrieten, daß die Tapfern, die
hier ruhten, erst kürzlich dem französischen Feuer zum Opfer gefallen
waren. Ihre Helme schmückten die einfachen Grabhügel.
Auf der Rückfahrt, die auf einer östlicher gelegenen Straße über die
Dörfer Condé, Autry und Grand Pré führte, holten wir vier Kompagnien
Landsturm ein, an deren Spitze ein Musikkorps marschierte. Es ist
ungewöhnlich, so nahe der Front Regimentsmusik zu hören, wo alles
so still wie möglich sein soll und nur die Kanonen und Gewehre ihre
laute Sprache sprechen. Der General ließ unser Auto die ganze Truppe
entlangfahren; dann ließ er neben dem Weg halten, stieg aus und wir
folgten ihm. Die ganze Schar mußte nun vorüberziehen; als die erste
Kompagnie kam, rief er: »Guten Tag, erste Kompagnie!« Ebenso begrüßte
er die übrigen und wurde von ihnen wieder gegrüßt. Es war ein schöner
Anblick, diese kräftigen Männer und ihren elastischen Gang zu sehen
und ihre dunkelblauen Uniformen, die sich scharf von dem gelblichen
Laub der Bäume abhoben, und ebenso prächtig war der General mit dem
energischen, aber freundlichen Blick, dem weißen, wohlgepflegten
Schnurrbart und dem stahlgrauen Haar. Gerade und aufrecht stand er
in seinem grauen Mantel da, die Hände auf dem Rücken. Er hätte sich
nicht die Mühe zu machen brauchen, auszusteigen und zu grüßen, aber es
freute seine Kriegerseele, diese Männer zu betrachten, die Haus und
Heim, Frau und Kind verlassen hatten, um für das Vaterland zu siegen
oder zu sterben. Dann fuhren wir an ihnen zum zweitenmal vorüber und
lauschten wieder dem anfeuernden Parademarsch, der schließlich hinter
uns verklang.
Bei der Rückkehr nach Vouziers übergab mich der General dem Rittmeister
von Behr, einem Bruder des Kammerherrn, einem lebhaften, fröhlichen
Herrn, der dem General versprach, daß mir nichts abgehen solle. Und
er hielt Wort, denn die reichliche Woche, die ich bei ihm und seinen
Kameraden zubrachte, hatte ich Gelegenheit, viel zu sehen und zu lernen
und mit vielen tüchtigen Männern bekannt zu werden; von Behr hatte
schon längst seinen Abschied genommen, aber bei Kriegsausbruch trat er
wieder bei den Kürassieren ein und führte eine Reserveschwadron.
Am 29. September war ich zum Abendbrot bei dem Chef der vierten Armee
Herzog Albrecht von Württemberg eingeladen. Unter den Gästen waren auch
der Kriegsminister Exzellenz von Falkenhayn, der Stabschef General Ilse
und die drei jungen Söhne des Herzogs, alle drei prächtige, schöne
und begabte Jünglinge. Sie taten Dienst an der Front und hatten sich
schon bei mehreren Gelegenheiten durch Tüchtigkeit und Tapferkeit
ausgezeichnet. Gegen Schluß der Tafel erhob sich der jüngste von ihnen;
er stand an einem andern Teil der Front und mußte dorthin zurück. Er
ging um den Tisch herum, nahm von allen Abschied und kam schließlich
zu seinem Vater. Der Herzog nahm seinen Kopf zwischen beide Hände
und küßte ihn, sagte aber kein Wort. Keine Szene, keine Tränen,
keine Ermahnungen, sich nicht unnötig dem Feuer und andern Gefahren
auszusetzen. Es war wie ein gewöhnliches »Gute Nacht, morgen sehen wir
uns wieder«. Und doch, für wie viele Offiziere und Soldaten gibt es
in diesem Krieg kein »morgen«! Wie viele Familien sehen beim Abschied
von ihren Lieben diese zum letztenmal! Wie viele Bande werden für
immer zerrissen! Eine Schwester vom Roten Kreuz hatte vierundzwanzig
Verwandte im Feld, und man sprach von einem Vater, der acht Söhne
draußen hatte und einen neunten sechzehnjährigen, der sich darnach
sehnte, ihrem Beispiel zu folgen. Das ganze deutsche Volk hat in den
letzten Monaten eine Seelenstärke und -größe an den Tag gelegt, die in
unserer Zeit nicht ihresgleichen hat!