23. Bei der vierten Armee.

Im Hotel Croix d'Or in Sedan wohnte Exzellenz General Freiherr von

Seckendorff, der Etappeninspektor der vierten Armee. Der Chef seines

Stabs ist Oberst von Kemnitz; er hat eine gewaltige Schar Offiziere

unter sich, dazu die schwere Verantwortung für die Verbindungslinien

der vierten Armee. Man kann wohl sagen, daß durch seine Hände ganze

Armeen und endlose Reihen von Kolonnen gehen. Er muß Ankunft und Marsch

der Ersatztruppen kontrollieren und ist dafür verantwortlich, daß sie

zur rechten Zeit ankommen. Er hat dafür zu sorgen, daß Kleider, Waffen,

Munition und Verpflegung in genügender Menge vorhanden sind. Er hat

einen Generaloberarzt bei der Etappeninspektion unter sich, und dieser

ist wieder verantwortlich für jedes Lazarett an den achtundzwanzig

Etappenorten wie für Beförderung und Behandlung der Verwundeten im

allgemeinen. Die Bewegungen der Sanitätskolonnen fallen also auch

unter die Etappeninspektion. Der vielseitige General hat außerdem die

Gefangenentransporte und die ewig hin und her rollenden Motorwagen der

Feldposten zu überwachen.

General Seckendorff hatte demnach alle Hände voll zu tun und arbeitete

auch wie ein Pferd; des war ich Zeuge. Er hielt tadellose Disziplin auf

seinen Straßen und inspizierte sie täglich in eigener Person. Er war

schon zwölftausend Kilometer in seinem eleganten gedeckten Automobil

gefahren. Auf den Landstraßen führte er strenges Regiment und konnte,

wenn es nötig war, Soldaten und Offiziere anfahren wie ein Löwe. Zu mir

war er liebenswürdig und freundlich wie lauer Zephirwind. Er nahm mich

mit offenen Armen auf und lud mich ein, zum Abendessen im großen Saal

des Hotels zu bleiben.

Hier versammelten sich etwa vierzig von den dreihundert Offizieren,

die damals in Sedan wohnten, unter ihnen ein Fürst Hohenlohe, der

beim Roten Kreuz beschäftigt war. Bei unserm Eintreten standen die

Herren schon an ihren Plätzen vor dem langen Tisch und den kleinen

Nebentischen, und der General stellte mich gleich allen mit einigen

ebenso kräftigen wie liebenswürdigen Worten vor. Es gab dieselbe

Kost wie für die Soldaten, Reissuppe, Hammelfleisch mit Bohnen

und Kartoffeln und gefüllte Pfannkuchen -- das letzte Gericht ein

Sonntagsluxus.

Nach einem angenehm verbrachten Abend und nachdem mich der General

eingeladen hatte, ihn am nächsten Tage nach Vouziers zu begleiten, ging

ich um Mitternacht durch das stille, menschenleere Sedan. Der Weg von

der Place Turenne bis zum Bahnhof, wo ich wohnte, ist ziemlich lang,

und er wurde von den sechs Wachtposten nicht verkürzt, die einer nach

dem andern aus dem Dunkel auftauchten und mich anhielten als einen

verdächtigen Nachtwanderer, der vielleicht in ungesetzlichen Geschäften

unterwegs war. Jeder mußte General Moltkes Brief lesen und mich dann

meinem Schicksal und dem nächsten Wachtposten überlassen. Aber alle

waren ruhig und höflich, und sie taten ihre Pflicht. Als ich an den

letzten kam, kurz vor dem Bahnhof, trat ich auf ihn zu und fragte ihn,

ob er etwas dagegen hätte, meinen Ausweis zu lesen. Er antwortete

lächelnd: »Ich vermute, der ist schon oft genug gelesen worden;

übrigens hab' ich Sie in Gesellschaft des Chefs der Kommandantur

gesehen.«

Am 28. September begab ich mich frühmorgens in den Gasthof »Zum

goldenen Kreuz« und war bald darauf mit General Seckendorff und seinem

Adjutanten auf dem Weg an die Front der vierten Armee. Die Straße

führt nach Südwesten in der Nähe des Ardenner Kanals, der ein paarmal

gekreuzt wird. Unser erstes Ziel war die Stadt Vouziers, bis wohin die

Eisenbahn ging. Trotzdem benutzen zahlreiche Kolonnen die Chaussee,

neben der auf den Feldern malerische Biwaks sichtbar werden. Hier und

da raucht es noch von einem Lagerfeuer, über dessen Glut die Soldaten

ihr Frühstück zubereitet haben. Zwischen den Kastanien und Ahornen,

deren Laub sich schon verfärbt, bewegt sich das bunte, kriegerische

Landstraßenleben, an das wir schon gewöhnt sind: Soldaten und Fuhrwerk

einer großen Etappenlinie, Proviant- und Munitionswagen, Lazarettautos

und ganze Reihen altmodischer gelber Postwagen, die Feldpostbriefe

befördern und nach Deutschland über Trier fahren, wo die erste

Sortierung geschieht. Die unentbehrlichen Feldgendarmen in ihren grünen

Uniformen reiten auf und ab und passen auf. Ein ausgedientes Pferd hat

seinen Gnadenschuß erhalten und wird eben beiseite geschleppt; ein

Blutstrom fließt aus seinen Nüstern und rötet den Staub der Landstraße.

Wir fahren durch mehrere Dörfer, darunter Tannay und Lechesne am

Ardenner Kanal, und halten kurze Zeit in Vouziers am Westufer

der Aisne. Der General nimmt von ein paar Offizieren der

Etappenkommandantur die Berichte entgegen über das, was sich seit

gestern zugetragen hat. Dann geht die Fahrt weiter nach Süden auf der

Chaussee, die nach Séchault und Cernay führt. In dem zuletzt genannten

Dorf sind wir zwanzig Kilometer westlich von Varennes. Aber zwischen

diesen beiden Orten breitet sich der Argonner Wald aus, in dem noch

heiß gekämpft wird. Von Cernay geht nach Westen die große Landstraße

nach Reims. Auf den ersten sechzehn Kilometern dieser Straße, d. h. bis

zum Dorf Somme Py, hatte ich Gelegenheit, einige höchst interessante

Punkte zu besichtigen. Denn diese Straße war Ende September die letzte

nach Süden, die in dieser Gegend vom deutschen Heer besetzt worden war.

Das erste Dorf westlich von Cernay ist Rouvroy, und weiter wollten

wir heute nicht fahren. Wir machten einen kurzen Aufenthalt und aßen

unser einfaches, feldmäßiges Frühstück, lange, schmale Scheiben

von Kommißbrot mit Butter und Schinken und ein Glas Rotwein. Der

General hatte ein besonderes Automobil mit voll Weinflaschen, die er

an die Soldaten verteilen ließ. Mit dem Wein braucht man in diesen

Gegenden, wo auch die Bauern ihre wohlversehenen Weinkeller haben,

nicht zu sparen. Aber nichts wird ohne weiteres genommen, alles

wird den Eigentümern nach dem Krieg ersetzt, und es gehört zu den

Friedensbedingungen, daß der verlierende Teil jede Quittung über

Sachen bezahlt, die während der Besetzung requiriert worden sind. Der

einzelne darf nicht Schaden leiden unter dem Krieg; es ist Pflicht des

Staats, die persönlichen Verluste zu ersetzen, wenn er das Eigentum

des einzelnen nicht gegen die Invasion zu schützen vermocht hat. Und

wenn die Invasionsmacht den Krieg verliert, so ist es ihre rechtmäßige

Strafe, für die Verluste aufzukommen.

Vielleicht wird jemand sagen, es sei nicht recht, die Soldaten Wein

trinken zu lassen. Im Osten haben ja die Russen den Versuch gemacht,

während des Kriegs ein Generalverbot einzuführen, und sie sind mit dem

Ergebnis zufrieden. Ohne Zweifel ist diese Kraftäußerung an und für

sich bewundernswert. Aber ich glaube doch, daß ein Schluck Rot- oder

Weißwein hier und da den Soldaten nur guttut. Absolute Enthaltsamkeit

zu predigen, ist keine Kunst für den, der nicht die Nächte in kalten,

feuchten Schützengräben zu frieren braucht, in denen man nicht das

kleinste Feuer anzünden darf.

In Rouvroy stiegen wir aus und gingen das sacht ansteigende Gelände

zu Fuß weiter über Felder, Gräben und durch Wälder. Hier war das Land

voller Granatlöcher, und man konnte nicht wissen, wo der nächste

Feuerregen niedergehen würde. Zahlreiche Geschosse lagen rings

verstreut, und ich nahm einen sogenannten »Ausbläser« mit, der beim

Krepieren nicht geplatzt war.

Weiter oben hatten wir Gelegenheit, zu sehen, wie die Ersatztruppen

sich auf der Linie eingerichtet hatten, auf der sie warten, bis sie

ihre Kameraden in den Schützengräben ablösen. Sie lagen teils am

Waldrand, teils im Wald selbst, wo sie sich halb unterirdische, mit

Ästen, Zweigen und Laub gedeckte Höhlen gegraben hatten, die nicht nur

als Wohnstätten dienten, sondern auch zur Deckung vor den Fliegern.

Diese Lager sind immer nach Norden verlegt, damit sie vom Wald gedeckt

sind und von den französischen Stellungen aus nicht gesehen werden. Da

sie so gut maskiert sind, darf man in den Höhlen kleine Feuer anzünden.

An einer Stelle des Waldrandes hatte ein Sanitätswagen im Schutz

einiger dunklen Fichten haltgemacht. Er war beladen mit Verbandzeug,

Heilmitteln, Bahren und andern Sachen, die zur ersten Behandlung der

Verwundeten nötig sind. Das Gespann verfügte über ein Reservepferd, das

gut zu brauchen war, falls eins der gewöhnlichen Wagenpferde erschossen

werden mußte. Ein anderer Wagen, der zur selben Sanitätskolonne

gehörte, war mit einem graugelben Verdeck überspannt. Beide führten

Flagge und Zeichen des Roten Kreuzes. Über die Pferde waren graue

Decken gebreitet, um ihnen einen Farbton zu geben, der soviel als

möglich mit dem des Landes übereinstimmte, alles zum Schutz gegen

Flieger.

In einer kleinen Soldatenhütte in der Nähe hatten sich vier Ärzte der

Kolonne eingerichtet. Sie hatten eben ihr Frühstück beendet, das aus

der nächsten Feldküche geholt wurde, wo auch ich die ebenso kräftige

als wohlschmeckende Kost versuchte. Oben auf der Höhe, von wo aus sich

eine Aussicht über die französischen Stellungen darbot, trafen wir

mehrere Offiziere, und unter einem mächtigen Strohdach eine Anzahl

Soldaten verschiedener Waffengattungen. In der Nähe hatte man zwei

Soldaten im Schatten eines kleinen Wäldchens beerdigt. An den Querarmen

der Kreuze hingen frische Kränze, die verrieten, daß die Tapfern, die

hier ruhten, erst kürzlich dem französischen Feuer zum Opfer gefallen

waren. Ihre Helme schmückten die einfachen Grabhügel.

Auf der Rückfahrt, die auf einer östlicher gelegenen Straße über die

Dörfer Condé, Autry und Grand Pré führte, holten wir vier Kompagnien

Landsturm ein, an deren Spitze ein Musikkorps marschierte. Es ist

ungewöhnlich, so nahe der Front Regimentsmusik zu hören, wo alles

so still wie möglich sein soll und nur die Kanonen und Gewehre ihre

laute Sprache sprechen. Der General ließ unser Auto die ganze Truppe

entlangfahren; dann ließ er neben dem Weg halten, stieg aus und wir

folgten ihm. Die ganze Schar mußte nun vorüberziehen; als die erste

Kompagnie kam, rief er: »Guten Tag, erste Kompagnie!« Ebenso begrüßte

er die übrigen und wurde von ihnen wieder gegrüßt. Es war ein schöner

Anblick, diese kräftigen Männer und ihren elastischen Gang zu sehen

und ihre dunkelblauen Uniformen, die sich scharf von dem gelblichen

Laub der Bäume abhoben, und ebenso prächtig war der General mit dem

energischen, aber freundlichen Blick, dem weißen, wohlgepflegten

Schnurrbart und dem stahlgrauen Haar. Gerade und aufrecht stand er

in seinem grauen Mantel da, die Hände auf dem Rücken. Er hätte sich

nicht die Mühe zu machen brauchen, auszusteigen und zu grüßen, aber es

freute seine Kriegerseele, diese Männer zu betrachten, die Haus und

Heim, Frau und Kind verlassen hatten, um für das Vaterland zu siegen

oder zu sterben. Dann fuhren wir an ihnen zum zweitenmal vorüber und

lauschten wieder dem anfeuernden Parademarsch, der schließlich hinter

uns verklang.

Bei der Rückkehr nach Vouziers übergab mich der General dem Rittmeister

von Behr, einem Bruder des Kammerherrn, einem lebhaften, fröhlichen

Herrn, der dem General versprach, daß mir nichts abgehen solle. Und

er hielt Wort, denn die reichliche Woche, die ich bei ihm und seinen

Kameraden zubrachte, hatte ich Gelegenheit, viel zu sehen und zu lernen

und mit vielen tüchtigen Männern bekannt zu werden; von Behr hatte

schon längst seinen Abschied genommen, aber bei Kriegsausbruch trat er

wieder bei den Kürassieren ein und führte eine Reserveschwadron.

Am 29. September war ich zum Abendbrot bei dem Chef der vierten Armee

Herzog Albrecht von Württemberg eingeladen. Unter den Gästen waren auch

der Kriegsminister Exzellenz von Falkenhayn, der Stabschef General Ilse

und die drei jungen Söhne des Herzogs, alle drei prächtige, schöne

und begabte Jünglinge. Sie taten Dienst an der Front und hatten sich

schon bei mehreren Gelegenheiten durch Tüchtigkeit und Tapferkeit

ausgezeichnet. Gegen Schluß der Tafel erhob sich der jüngste von ihnen;

er stand an einem andern Teil der Front und mußte dorthin zurück. Er

ging um den Tisch herum, nahm von allen Abschied und kam schließlich

zu seinem Vater. Der Herzog nahm seinen Kopf zwischen beide Hände

und küßte ihn, sagte aber kein Wort. Keine Szene, keine Tränen,

keine Ermahnungen, sich nicht unnötig dem Feuer und andern Gefahren

auszusetzen. Es war wie ein gewöhnliches »Gute Nacht, morgen sehen wir

uns wieder«. Und doch, für wie viele Offiziere und Soldaten gibt es

in diesem Krieg kein »morgen«! Wie viele Familien sehen beim Abschied

von ihren Lieben diese zum letztenmal! Wie viele Bande werden für

immer zerrissen! Eine Schwester vom Roten Kreuz hatte vierundzwanzig

Verwandte im Feld, und man sprach von einem Vater, der acht Söhne

draußen hatte und einen neunten sechzehnjährigen, der sich darnach

sehnte, ihrem Beispiel zu folgen. Das ganze deutsche Volk hat in den

letzten Monaten eine Seelenstärke und -größe an den Tag gelegt, die in

unserer Zeit nicht ihresgleichen hat!

Ein Volk in Waffen · 第 77 / 105 题