22. Sedan -- 1870!

Am Nachmittag machte ich mit Major Heyn und ein paar andern

Offizieren, von denen einer Richter in Frankfurt a. M. war und jetzt

Kriegsgerichtsrat, eine Automobilfahrt zu geschichtlich berühmten

Orten außerhalb Sedans, Plätzen, deren bloßer Name bei allen Franzosen

Gefühle der Trauer weckt.

[Illustration: Das Weberhaus bei Donchery, wo am 2. Sept. 1870 Napoleon

und Bismarck ihre Unterredung hatten.

(Vgl. Seite 82.)]

[Illustration: Landstürmer am Grabe eines Kameraden.]

In der Nähe des Dorfes Frénois, wo am Vormittag des 2. September 1870

die Kapitulation unterzeichnet wurde, besuchen wir das kleine Schloß

Bellevue, wo König Wilhelm am selben Tage seine Zusammenkunft mit

Kaiser Napoleon ~III.~ hatte. Die beiden Monarchen trafen sich in der

kleinen Glasveranda im Erdgeschoß, die eine Art Vorhalle bildet. Die

Möbel von damals sind alle verschwunden, und kein Andenken aus jener

Zeit ist erhalten. Doch nein! Die alte, würdige und vornehme Dame, die

noch jetzt das Schloß besitzt und, von Alter und Kummer gebeugt,

jetzt zum zweitenmal nach vierundvierzig Jahren alle Phasen eines

französisch-deutschen Krieges erlebt hat! Ihr Haar war schneeweiß,

und sie ging gebückt, aber sie trug ihr Haupt hoch und war stolz und

ehrfurchtgebietend. Wir fragten sie, ob wir das Innere des Schlosses

besichtigen könnten, aber sie bat uns, davon abzustehen, und wir

achteten diesen Wunsch natürlich. Daß die Soldaten, die ihr Weg an

Bellevue vorüberführt, gern die berühmte Veranda sehen wollen, ist ja

weiter nicht zu verwundern, aber die alte Dame bat, man möge diese

Besuche einstellen. Sie wolle Frieden haben und mit ihrem Kummer allein

sein. »~C'est bien malheureux, c'est très, très triste~«, sagte sie ein

ums andere Mal, und sie selber wie ihre Worte erweckten das tiefste

Mitgefühl. Bellevue erhebt seinen runden Turm wie eine Klippe, die von

den Sturmwogen der beiden größten Kriege der neueren Geschichte umspült

ist.

[Illustration: Ärzte in einer Soldatenhütte hinter den Schützenlinien

bei Rouvroy.

(Vgl. Seite 88.)]

Unser nächstes Ziel ist die kleine Stadt Donchery, die jetzt einen

doppelt traurigen Eindruck macht. Hier verhandelten am Spätabend

des 1. September 1870 die Generäle Moltke und Wimpffen über die

Kapitulation. Auch Bismarck war dabei und mehrere Offiziere von

beiden Seiten. Das Haus, in dem die Verhandlung stattfand, wurde in

dem jetzigen Krieg zerstört. Aber Anton von Werners Gemälde existiert

noch. Es wirkt auf den Beschauer fast erschütternd. Rechts die

germanische Eisenkraft, die Entschlossenheit, die keine Kompromisse

duldet, links das geschlagene Frankreich in seinem tiefsten Unglück.

Wohl zieht Moltke unsere Blicke auf sich, wie er, die Hand auf den

Tisch gestützt, dasteht und kategorisch verlangt, daß sich das ganze

französische Heer gefangen geben soll, und wohl betrachten wir mit

gespannter Aufmerksamkeit den eisernen Kanzler, wie er, die Hände am

Säbelknauf, dasitzt und auf die Antwort wartet. Die Hauptfigur des

Bildes ist aber doch Wimpffen. Er ist gerade von dem Schlag getroffen,

den die Übergabebedingungen für ihn und ganz Frankreich bedeuten. Er

hält es nicht mehr aus, er ist aufgestanden, um zu gehen. Aber er

schwankt und muß sich auf den Tisch und einen Stuhl stützen. Das

Licht der Lampe fällt auf sein Gesicht, das den tiefsten Schmerz und

Kummer verrät. Weshalb hat er sich zum Oberbefehl über die Armee

gedrängt, nachdem Mac Mahon verwundet worden war und Ducrot zu seinem

Stellvertreter ausersehen hatte? Nun wird sein Name in der Erinnerung

auf ewig mit diesem Unglückstag verbunden bleiben. Ein Bild Bonapartes

hängt an der Wand; der große Kaiser scheint dem unglücklichen General

einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Die Gesichter seiner Begleiter

verraten tiefsten Schmerz und Demütigung. Nicht weniger ernst stehen

die Preußen auf der andern Seite des Zimmers. Ihre Züge zeigen

Bewunderung für die glänzende Tapferkeit des französischen Heers und

für eine Todesverachtung, die eines besseren Geschicks würdig gewesen

wäre. Der Künstler hat eine Stimmung hervorgerufen, die uns ahnen

läßt: alle Anwesende sind sich dessen bewußt, daß dieser Tag in der

Erinnerung als einer der unglücklichsten in Frankreichs, als einer der

größten in Preußens Geschichte fortleben wird.

Auf der Rückkehr nach Sedan besuchten wir auch das Haus, in dem am

frühen Morgen des 2. September Napoleon und Bismarck ihre Unterredung

hatten. Von seinem Gefolge und ein paar Reitern begleitet, kam der

Kaiser in einem Landauer nach Sedan gefahren. Er war ausgestiegen und

stand, gebrochen und vorzeitig gealtert, auf seinen Stock gestützt,

als Bismarck heranritt. Auch diesen Augenblick hat Werner auf einem

seiner Gemälde verewigt. Sie gingen dann ins Haus, stiegen die schmale,

halsbrecherische Treppe hinauf und nahmen im hintersten der beiden

größeren Zimmer Platz. Der Wirt, der Weber Fournaise, wurde entfernt,

aber seine siebenundzwanzigjährige Frau hielt sich im Vorderzimmer auf.

Und Madame Fournaise ist noch am Leben, eine freundliche alte Frau,

die das Leben mit philosophischer Ruhe betrachtet, das doch so schlimm

mit ihrem Eigentum verfahren ist. Das einzige, was sie empörte, war,

daß zwei Gewehrkugeln durch ihr Fenster gegangen waren und sich in die

Decke gebohrt hatten. Sie hielt uns im übrigen einen richtigen Vortrag

über den denkwürdigen Tag vor vierundvierzig Jahren und entsann sich

jeder Kleinigkeit. Der Kaiser war freundlich und herablassend, Bismarck

lustig und scherzhaft zu ihr gewesen. Und als die Unterhaltung zu Ende

war und die beiden Herren ihrer Wege gingen, hatte der Kaiser ihr

vier Zwanzigfrankstücke geschenkt, die sie noch unter Glas und Rahmen

und mit folgender Unterschrift aufbewahrt: »~Donnés par sa Majesté

l'Empereur Napoléon III à Madame Fournaise le 2 Septembre 1870.~« Zur

Erinnerung an unsern Besuch sollten wir den Stempel bewahren, den

sie in unsere Notizbücher drückte: »~Maison de la 1^{re} entrevue

Donchery~.« Das Haus selbst ist bekannt unter dem Namen ~Maison du

Tisserand~ oder das Weberhaus.

Wir fuhren auf einer andern Straße nach Sedan zurück, um einen

flüchtigen Blick auf die Festungswerke zu werfen, die seit 1870

geschleift sind, und von den Höhen der Umgebung die schöne Aussicht auf

die unglückliche Stadt zu genießen. In Sedan kann man nicht fröhlich

sein. Es liegt einem bleischwer auf der Brust. Da ist ein Volk, das

gelitten hat und leidet, ein edles, fleißiges und sparsames Volk, das

am Gängelband der republikanischen Demokratie an einen Abgrund von

Unglück geführt wurde, ein Volk, das eines besseren Schicksals würdig

wäre als für eigennützige Freunde zu verbluten, dessen Kinder vergebens

die anscheinend stolzen, in Wirklichkeit aber leeren und hohlen Worte

stammeln: »~Liberté, Egalité, Fraternité!~« Was ist das für eine

Brüderlichkeit, die nie an etwas anderes denkt als an Rache! Was ist

das für eine Gleichheit, die politischen Zwecken die Ersparnisse des

Volks aufopfert! Und was ist das für eine Freiheit, die dieses selbe

Volk der am despotischsten regierten Macht der Erde in die Arme treibt!

Ein Volk in Waffen · 第 76 / 105 题