_23. September._ Den Tag verbrachte ich in Dun an der Maas, das durch
die Beschießung besonders seitens der Franzosen sehr gelitten hatte.
Gegen ½6 Uhr kehrte der Kronprinz mit seinen Herren von Romagne
zurück; ich sollte ihn in Dun erwarten. Ich ging über die Brücke zur
Stadt hinaus, als eben die vornehmen Automobile mit der Bezeichnung
»Generaloberkommando der fünften Armee« in voller Fahrt dahergerast
kamen. Beim Chauffeur auf dem ersten saß der Kronprinz im Mantel mit
rotem Kragen. Er gab mir ein Zeichen, aufzusteigen, und ich nahm
hinter ihm Platz. Er unterhielt sich eine Weile mit den Offizieren;
dann ging es weiter. Aber langsam, denn wir begegneten gerade einem
Infanterieregiment. Die Mannschaften faßten ihre Helme an der Spitze,
hoben sie in die Höhe und stimmten ein Hurra an, als gelte es einen
Bajonettangriff auf einen französischen Schützengraben; es galt aber
dem Chef der fünften Armee und dem Erben des Reichs. Wir fuhren wie
durch ein brausendes Meer von donnernden Hurrarufen, bis zu den
letzten kleinen Gruppen von zwei und drei Mann. Zuletzt stand noch ein
einsamer Wachtposten an der Straße; auch er schrie aus Leibeskräften!
Als dann der Kronprinz wieder seine Automobilbrille aufsetzte und den
Mantelkragen hochschlug, war er nicht mehr zu erkennen, am wenigsten
von den Reitern, die auf ihre Pferde aufzupassen hatten. Aber, so
versicherte er mir, nichts freue ihn mehr, als sich so von den Soldaten
geschätzt und verstanden zu sehen; sei es doch die vornehmste Pflicht
eines Fürsten, sich des Vertrauens seines Volkes würdig zu zeigen, und
für ihn kein größeres Glück, als so zum deutschen Volk zu stehen.
Bei Tisch war die Stimmung so fröhlich und ungezwungen wie gewöhnlich,
trotzdem man begeisterte Reden, Trinksprüche und Hurrarufe hätte
erwarten können. Varennes war genommen worden, und die Nachricht von
Weddigens Tat auf dem Meer war eingelaufen. Aber man hielt keine Reden
und rief auch nicht Hurra. Der Kronprinz nahm die Neuigkeiten mit
derselben würdigen Ruhe auf, er freute sich, verzog aber keine Miene,
nur seine Augen bekamen einen feuchteren Glanz. Die Unterhaltung drehte
sich dann eine Weile um die Frage, ob die Unterseeboote gegenüber den
schwimmenden Festungen die gleiche Bedeutung erhalten würden wie die
42-~cm~-Mörser gegenüber den Landbefestigungen. Dann sprach man von
andern Dingen, und die Stimmung war kameradschaftlich und gemütlich
wie immer an diesem Tisch. Die unerschütterliche Ruhe der Deutschen,
besonders der Oberbefehlshaber, gegenüber den Erfolgen hat mich oft
in Erstaunen und Bewunderung versetzt. Sie nehmen die Erfolge als
die natürlichste Sache von der Welt, und wenn ein Erfolg Woche für
Woche ausbleibt, so bewahren sie dieselbe Ruhe in dem Bewußtsein, daß
er kommen wird und kommen muß! Die Oberleitung weiß, was sie zu tun
hat, um das Ziel zu erreichen; alle andern, vom Feldmarschall bis zum
Rekruten, hegen blindes Vertrauen zu ihr, und das ganze deutsche Volk
vertraut ebenso blind dem Heer und der Flotte. Solch ein Volk kann
nicht besiegt werden! Alles geht mit mathematischer Genauigkeit und
Notwendigkeit. Daher diese Sicherheit und Ruhe, und daher war am Tisch
des Kronprinzen die Stimmung nicht aufgeräumter als sonst.
Gleich vor Dun, auf der nördlichen Seite der Straße nach Romagne, liegt
ein einsames Grab, das Kreuz mit Kränzen überschüttet. Dort ruht ein
Hauptmann, der mit seiner kleinen Schar inmitten des Feuers aushielt,
als die Franzosen ihre eigene Stadt beschossen, und schließlich auf
seinem Posten fiel. Sein Andenken war unter der Besatzung von Dun
ebenso frisch wie die Blumen auf seinem Grab, die stets erneuert
wurden. Und er war bloß einer unter Millionen! Dem Deutschen scheint es
die einfachste Sache von der Welt, sein Blut hinzugeben und zu sterben.
Nein, ein solches Volk kann nicht besiegt werden!
Während des Essens kam der Generaloberarzt Professor Widenmann; er
hatte im Lazarett nach unserm Freunde Freiherrn von Maltzahn gesehen,
dem ein Automobilunglück zugestoßen war. Das Auto war an einer
Straßenwendung gestürzt und kam mit seiner ganzen Schwere auf von
Maltzahns Brust zu liegen. Ein paar Rippen waren ihm gebrochen, dazu
ein Beinbruch, eine Gehirnerschütterung und der allgemeine Chock.
Sein Zustand war sehr beunruhigend, aber der Arzt hoffte auf seine
Wiederherstellung. Professor Widenmann wird mir unvergeßlich sein. Er
hatte die ganze Welt bereist, war wohlbekannt in Afrika und nahe am
Gipfel des Kilimandscharo gewesen, als Wind und Wetter ihn zwangen,
umzukehren. Wir hatten gemeinsame Freunde nah und fern und unterhielten
uns noch lange, nachdem die andern ihre Zimmer aufgesucht hatten, an
diesem letzten Abend, den ich beim Kronprinzen des Deutschen Reichs
verlebte.