19. Longwy.

Bei der Ausfahrt hatte ich Longwy nicht besichtigen können, dessen

oberer Teil, in Vaubans Festung gelegen, so furchtbar durch den Krieg

gelitten hat, während die Fabrikstadt im Tal der Chiers unbeschädigt

blieb. Ich fuhr also bei der Rückkehr ins Große Hauptquartier am 24.

September hinauf und über die beiden Festungsgräben und bis zu dem Tor,

das eine Erinnerungstafel an Vauban schmückt. Jetzt wehte darüber die

deutsche Flagge.

Der Wachtposten forderte meinen Ausweis. In den Tunnelgängen

schulterten mehrere Posten ihr Gewehr; nach innen zu haben sie ihre

Wohnungen und ihre Küche. An den Mauern kleben große Plakate: »~Armée

de Terre et armée de Mer~« und darunter zwei sich kreuzende Trikoloren;

»~Ordre de mobilisation générale~« mit allem, was dazu gehört, und

schließlich die Bekanntgabe, daß Sonntag den 2. August 1914 der erste

Mobilisierungstag sei. Diese Order kostet Frankreich Ströme seines

edelsten Blutes, zerstört seine nordöstlichen Provinzen und hat die

kleine Stadt innerhalb der Mauern in einen einzigen Schutthaufen

verwandelt.

Am Anfang der Hauptstraße, die Longwy durchschneidet, standen einige

französische Arbeiter und nahmen das Pulver aus französischen

Handgranaten heraus, um sie unschädlich zu machen. Kein Erdbeben hätte

diese Straße in ihrer ganzen Länge schlimmer verwüsten können als

die Granaten. Nicht ein einziges Haus ist stehengeblieben. Als die

Artillerie des Invasionsheers Longwy zu beschießen begann, wurde den

Einwohnern befohlen, den Ort zu verlassen, und die meisten zogen ihres

Wegs. Einige jedoch wollten bleiben; von ihnen wurden etwa sechzig,

darunter mehrere Frauen, unter den Ruinen begraben.

In der Kirche eine Verwüstung ohnegleichen: die Wölbungen des

Seitenschiffs eingestürzt, an den übrigen klafften gewaltige Löcher

von Granaten, deren Splitter über die Säulen herabgeregnet sind und

tiefe Furchen in sie gerissen haben. Von den bunten Glasfenstern sind

kaum einige Splitter übrig; nur von den Bleieinfassungen sieht man

hier und da noch Spuren. Aber die Kanzel, von der aus die christlichen

Wahrheiten verkündet wurden, ist unberührt geblieben, und hätte ein

Priester dort während der Beschießung gestanden, wie der griechische

Patriarch in Konstantinopel, als die Türken die Hagia Sophia stürmten,

so wäre ihm nicht ein Haar gekrümmt worden, und man würde von einem

Wunder gesprochen haben. Vor dem Frieden des Hochaltars schreckten

die Granaten nicht zurück; er war ein Trümmerhaufen auf dem Boden des

Chors, und eine dicke Schicht Kalkstaub bedeckte ihn. Im Langschiff

war es nicht möglich, vorwärts zu dringen, denn die Orgel mit ihren

abgeplatteten Pfeifen und die Chöre mit ihren Bänken und Brüstungen

bildeten einen einzigen Haufen von Gerümpel, Brettern, Bewurf,

Ornamentbruchstücken, Betstühlen und kirchlichen Geräten, alles fast

bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert.

Der untere Teil der festen Kirchenmauern ist verhältnismäßig verschont

geblieben, und gerade hier sind die rechteckigen Bilder in Hochrelief

aus der Leidensgeschichte Jesu. Unter einem, das vollständig

unbeschädigt geblieben ist, standen die Worte: »~Jésus tombe pour la

deuxième fois.~« Das Gesicht des Erlösers drückt unsagbaren Schmerz

aus, wie unter der Last des Kreuzes und der Sünden der Menschen. O

Eitelkeit der Welt! Auf einer Steintafel liest man die gut erhaltene

Inschrift: »~Hanc ecclesiam Ludovici XIV jussu et pecunia procurante

Vauban erectam primar. benedixit lapidem 22 martii 1683~« ... usw.

Nun waren die Orgeltöne verstummt, und von der Kanzel erklangen keine

Trostworte mehr; durch die offenen Wölbungen klagte nur noch der Wind:

»Alles ist eitel.«

Draußen war die Verwüstung ebenso. Hier stand das Skelett eines

Automobils, dort lag das Gerippe eines Zweirads ohne Räder unter

Haufen von Tornistern und Uniformstücken, zerbeulten Blechtöpfen,

Säbelscheiden, Gewehrkolben und -- Pfeifen, Kinderspielsachen,

Farbenkästen und Holztieren, Leitungsrohren, Balkongeländern und

Gittern, Stühlen und Tischen, alles in einem Wirrwarr von Steinen,

Ziegeln und Schutt. Pompeji ist weniger verwüstet als diese Stadt, und

mein altes Lou-lan im Herzen der Wüste, wo die Vernichtung ebenso viele

Jahrhunderte ihre Ernte gehalten hat wie in Longwy Tage, sieht weniger

trostlos aus als Vaubans befestigte Stadt!

In den Straßen war es spukhaft still, nur hier und da tickte es in den

Fugen, und mit einem scharrenden Laut fielen kleine Steine von den

Mauern. Der Wind rumorte in den aufgerissenen flachen Dächern, und die

herunterhängenden Dachrinnen nickten wie festgebundene Schlangen. Hier

und da an einer Ecke war noch ein Straßennamen zu lesen: »~Rue des

Ecoles~« oder »~Rue Stanislas~«.

Im Schutt lagen noch Postkarten, gebleicht und zermürbt von Sonne

und Regen. Ich hob eine auf und las die Adresse: »~Monsieur Crombez,

Subsistant au 164 de Ligne, Longwy-haut.~« Die Karte enthielt nur die

Worte: »Le Mans, 22. August. Lieber Kamerad. Ich bin glücklich nach

Mans gekommen und habe meine Zeugnisse dem Chef direkt geschickt.

Hoffentlich habe ich bald das Vergnügen, Dich wiederzusehen. H....«

Ob dieser Crombez jemals den Gruß seines Kameraden erhalten und das

schöne Bild auf der Karte gesehen hat, das den Zusammenfluß der Huisne

und Sarthe darstellt? Oder steht er in den Verlustlisten als tot oder

vermißt?

Den kleinen Markt vor der Kirche bekränzt ein Viereck von Bäumen.

Viele von ihnen waren niedergeschlagen und lagen nun da, ein Haufen

Reisig und Brennholz. Auf diesen Markt hinaus ging auch die hohle,

zertrümmerte Fassade eines Hauses, über dessen Portal man die Worte

»~Hôtel de Ville~« zu erkennen glaubte und die Jahreszahl 1731.

Sein Vestibül mit Eingang zum ~Bureau de Police~ war ein einziger

Kehrichthaufen von Kleiderfetzen, Möbeln und Papier. Das Polizeiarchiv

lag umhergestreut; darunter die ganze Auflage einer kleinen Schrift:

»~Traité pour l'éclairage au gaz de la ville de Longwy, du 9 Janvier

1912 au 23 décembre 1961.~« Sie sollte also für ganze fünfzig Jahre

gelten. Bei der Drucklegung des Heftes ahnte noch niemand, daß das Gas

schon 1914 verlöschen würde. Die Blätter raschelten, wenn der Wind

durch die öden Räume strich.

Der untere Stadtteil zeigte dagegen keine andern Spuren vom Krieg als

wenige deutsche Uniformen. Das deutsche Militär wanderte seelenruhig

durch die Straßen der eroberten Stadt, in deren Zentrum die

Zivilbevölkerung ganz zahlreich war.

Kurze Zeit darauf fuhr ich über die Grenze nach Luxemburg und erreichte

bei Sonnenuntergang wieder die Hauptstadt des kleinen Großherzogtums.

Ein Volk in Waffen · 第 73 / 105 题