Auf der Rückfahrt nach Stenay müssen wir gerade vor dem Feldlazarett
halten. Der Stabsarzt steht auf der Straße und gibt seine Befehle
über Behandlung und Verteilung der neu angekommenen Verwundeten. Ich
werde ihm vorgestellt, und er will mich nicht loslassen, ehe ich das
Feldlazarett gesehen habe. »An die Front kommen, den Krieg studieren
und das Lazarett in Romagne nicht sehen, nein, Herr Doktor, das geht
nicht! Sie haben den ganzen Tag gesehen, wie die Verwundeten von der
Feuerlinie hereinkommen, nachdem sie ihre erste provisorische Pflege
auf dem Schlachtfeld erhielten. Sie haben den Hauptsammelplatz bei
Eclisfontaine gesehen. Nun müssen Sie auch die dritte Etappe sehen, das
Feldlazarett hier.«
Und damit führte mich der Stabsarzt in die kleine, schöne, alte
katholische Kirche. Die Sonne war untergegangen, und Dämmerung breitete
sich über Frankreich. Es war dunkel in der Kirche, aber noch waren
die kostbaren gemalten Fenster zu unterscheiden, und vorn am Altar
brannte ein einsamer Leuchter, der die Dunkelheit eher vermehrte als
verminderte. Achtzig verwundete Deutsche lagen hier. Die Kirchenbänke
waren paarweise zusammengestellt, so daß sie mit den Rückenlehnen
geräumige Kisten bildeten, die mit Stroh gefüllt waren. In jedem
solchen Bett lag ein schwer verwundeter Soldat. Die Bänke reichten aber
nicht für alle. Die übrigen lagen an den Wänden auf aufgeschüttetem
Stroh. Jeder hatte seine Decke, und der Zwischenraum zwischen den
Lagern war so groß, daß Arzt und Sanitätssoldaten ungehindert an jedes
Bett herantreten konnten. Sobald es der Zustand der Patienten erlaubt,
werden sie weiter nach Deutschland geschickt, um neuen Verwundeten
Platz zu machen. Nur die lebensgefährlich Verletzten, die den Transport
nicht ertragen, bleiben da, um in Frieden zu sterben oder, wenn
möglich, zu Krüppeln geheilt zu werden.
Am Altar, im Schein des Leuchters, waren mehrere junge Ärzte mit einem
eben angekommenen Patienten beschäftigt, der sich einer Operation
unterziehen mußte. Ein Licht wurde herbeigeschafft, und der Stabsarzt
führte mich von Bett zu Bett und berichtete unermüdlich über die
verschiedenen Fälle. Die Pforten der Kirche waren geschlossen; von
draußen hörte man das Gerassel der Kolonnen und das Trappeln der
Pferde. Aber eine seltsame, fast unheimliche Stille herrschte hier
im Innern; man fühlte, daß hier ein Kampf zwischen Leben und Tod
ausgefochten wurde. Schwere Atemzüge, aber keine Klagen, ab und zu
ein Seufzer, aber kein Jammern. Keiner zeigte sich schwächer als der
andere, keiner störte die Ruhe der Kameraden. Die meisten schliefen
oder schienen zu schlafen, todmüde von den Kämpfen des Tages.
Wir schreiten von einem Bett zum andern und flüstern, um nicht die
Schlafenden zu wecken und nicht die feierliche Stimmung zu stören.
Achtzig Helden, die heute mit Freuden ihr Blut für ihr Land geopfert
haben! Noch schlummern sie unter den Eisernen Kreuzen -- bald werden
viele von ihnen unter den Holzkreuzen auf dem Kirchhof zu Romagne
schlummern. Hier einer, der einen Schuß durch das empfindlichste
Organ des Unterleibes erhalten hat. Er ist so bleich wie seine
sonnenverbrannte, in den Schützengräben verwitterte Haut es zuläßt, und
sein Puls ist am Verlöschen, aber seine Augen stehen offen, und sein
Blick wandert weit von der Erde in unbekannte Länder. Andere Bilder
sieht er jetzt als vor kurzem in den Schützengräben. Welch himmelweiter
Unterschied! Nach der Unruhe draußen an der Front versinkt er schon
in die große lange Ruhe. Mitten unter seinen Kameraden kam er mir so
einsam und verlassen vor, und ich mußte der Verwandten daheim denken,
die noch hofften und nun bald weinen sollten. »Er lebt nicht bis zum
Sonnenaufgang?« fragte ich den Stabsarzt. »Nein, er beginnt schon zu
erkalten.«
Ein Schulgebäude in unmittelbarer Nähe der Kirche war ebenfalls
Feldlazarett. In allen Zimmern, wo sonst französische Kinder ~Liberté,
Egalité, Fraternité~ lernen, lagen nun verwundete Deutsche. Ein
Schulzimmer war zum provisorischen Operationssaal geworden. Im Feld muß
man sich helfen, so gut man kann. Und man leistet das denkbar Mögliche
mit dem, was gerade zu Gebote steht. Ein paar junge Chirurgen standen,
weiß gekleidet, an einer auf hohen Böcken stehenden Tischplatte,
auf die ein lebensfrischer, schöner junger Soldat gelegt wurde.
Beide Füße waren ihm durchschossen, aber er war noch froh und munter
und rief seelenruhig: »Schneiden Sie mich nicht.« Eine barmherzige
Schwester, die einzige, die so nahe an der Front war, denn sonst
herrscht im Operationsbereich des Feldheers ausschließlich militärische
Organisation, löste den ersten Verband, der mit dem ausgetretenen Blut
zu einer festen Masse zusammengebacken war. Es tat weh, als der Verband
abgerissen und die Wunde entblößt wurde. Aber der Soldat biß die Zähne
zusammen und gab keinen Laut von sich. Das linke Bein war über dem
Fußgelenk zerschmettert; selbst ein Laie konnte erkennen, daß es eine
sehr schlimme Wunde war. Im Augenblick konnte nichts getan werden; er
bekam eine Schiene und einen neuen Verband und dankte herzlich dafür,
daß man so gut zu ihm war. Dann wurde er von zwei Sanitätssoldaten
in ein freies Bett getragen und schien entschlossen, nur zu schlafen
und alles zu vergessen. »Wird er seine Füße behalten?« fragte ich den
Arzt. »Bei dem einen ist keine Gefahr, aber der andere, den wir eben
verbunden haben -- nun, in drei Tagen werden wir sehen. Ich werde schon
mein Bestes tun --« und er schüttelte den Kopf.
Die verwundeten französischen Gefangenen waren auf Strohlagern in
einem Vorratsraum untergebracht; hier sollten sie die erste Pflege
erhalten und dann in ein Lazarett gebracht werden. Sie waren gerade
dabei, Brot und eine nahrhafte warme Suppe zu essen. Und sie aßen mit
glänzendem Appetit und waren allem Anschein nach guten Muts; ein paar
waren geradezu lustig und lachten über ihre Scherze. Auf meine Frage
nach ihrem Befinden antworteten sie: »Wenn es uns die letzten vierzehn
Tage so gut gegangen wäre wie jetzt, dann wäre es uns gar nicht
schlecht gegangen.«
Draußen auf der Straße stand eine große Schar verwundeter Deutscher und
Franzosen, die Pflege suchten. An der Front wurde immer noch gekämpft,
neue Scharen von Verwundeten waren im Lauf der Nacht zu erwarten, die
Ärzte kamen nicht zur Ruhe. Die Franzosen standen in einem Haufen für
sich. Ich trat an einen von ihnen heran; er hatte den ganzen Kopf
verbunden; man sah wenig mehr als Augen und Nase. Auf meine Frage,
wo er verwundet sei, zeigte er mit der linken Hand auf die linke
Scheitelhälfte und dann auf die Unterseite des rechten Unterkiefers.
Ich fragte den Stabsarzt, ob es möglich sei, daß der Mann stehen
und gehen, sehen und hören könne, nachdem ihm ein Schuß senkrecht
durch den Kopf gegangen war. Er antwortete, man habe den Verwundeten
noch nicht untersucht, aber es kämen die merkwürdigsten Verwundungen
vor. Die Kugeln schlagen in den armen Menschenleibern, die oft die
erstaunlichsten Prüfungen bestehen müssen, die seltsamsten Wege ein.
Die Franzosen, versicherte der Stabsarzt, seien bewundernswert
geduldig. Sie könnten wer weiß wie lange warten, ohne ein Wort oder
eine Miene der Ungeduld. Wenn der Arzt einen Franzosen behandeln wolle,
sei es obendrein fast Regel, daß der Verwundete sage: »Meine Kameraden
brauchen die Hilfe nötiger; ich kann warten.« Oder: »Behandeln Sie
bitte erst den Mann da -- er ist Familienvater, und seine Frau lebt
in kümmerlichen Verhältnissen.« Das gleiche Urteil habe ich auch von
andern deutschen Ärzten gehört.
[Illustration: Ordonnanzen.]
[Illustration: Kaffeeküche im Felde.]
[Illustration: Die Kirche in Longwy mit durchschossenem Gewölbe und
erhaltener Kanzel.
(Vgl. Seite 68.)]
So folgt die Barmherzigkeit in Gestalt der Heilkunst den Spuren
des grauenvollen Krieges. Was sind all diese Ärzte, Assistenten,
Sanitätssoldaten, Schwestern anderes als rettende Engel, die mit dem
Engel des Todes um das Leben der Verwundeten kämpfen! Was sind die
Krankenautomobile, Bahren und die eifrigen Schäferhunde anderes als der
Verblutenden Freunde und Bundesgenossen, die die Ernte auf den blutigen
Feldern bergen. Hier geht die Versöhnung getreulich mit dem Krieg Hand
in Hand, wie das Symbol des Roten Kreuzes die Farben des Bluts mit dem
Sinnbild der christlichen Liebe vereint.