16. Sturm auf Varennes.

Nach und nach merkt auch der Uneingeweihte gewisse Veränderungen

in der Situation. Die Artilleristen reiten mit ihren prächtigen

Gespannen zu den zwei Batterien im Südwesten mit dem Argonner Wald im

Hintergrund. Eine Munitionskolonne folgt ihnen. Die Kanonen haben eine

Weile geschwiegen; jetzt wird aufgeprotzt, die Pferde vorgespannt,

die Munition in die Wagen gepackt, die Bedienung springt auf ihre

Plätze, die Reiter in die Sättel, und als alles fertig ist, rollen die

Batterien in einem schönen Bogen in voller Fahrt davon und verschwinden

bald hinter der Anhöhe. Westlich davon sieht man neue Schützenlinien

in südwestlicher Richtung zum Sturm vorgehen. Man hört deutlich

das unbehagliche schnarrende Geräusch der Maschinengewehre bei der

Infanterie. Die Angreifer haben Gelände gewonnen und rücken in neue

Stellungen vor.

Ich gehe zum Beobachtungsplatz zurück. Der alte Feldmarschall, der

schon 1870 mitgekämpft hat und nun das Recht hätte, müde zu sein, hat

sich endlich bewegen lassen, auf einem Rohrstuhl Platz zu nehmen. Da

sitzt er nun, lebt in seinen Erinnerungen auf und kann die Augen nicht

vom Kampf und von den weißen Schrapnellwolken abwenden. Sein Blick ist

streng und ernst, sein Gesicht von tiefen, scharfen Falten und Runzeln

gefurcht, sein graues Haar hängt um ihn wie eine Mähne. Er scheint am

liebsten mit sich allein zu sein, aber wenn man ihn anredet, ist er

voller Leben. In stattlicher, militärischer Haltung steht General von

Mudra an seinem Scherenfernrohr und beobachtet. Den roten Kragen auf

dem sonst hellblaugrauen Mantel hat er in die Höhe geschlagen, in der

Hand hält er eine Karte der Gegend, links trägt er eine Feldtasche mit

Karten, Aufzeichnungen, Feder, Zirkeln und dergleichen.

Eine dritte Batterie deutsche Feldartillerie ist vorgerückt und hat

sich eine neue Stellung gesucht. Und eine dritte Linie Infanterie

folgt den beiden ersten und stürmt in der Richtung auf Varennes. Die

Mannschaften springen mit gesenktem Bajonett in stark zerstreuter

Ordnung, um dem feindlichen Feuer ein weniger kompaktes Ziel zu geben,

und verschwinden hinter der nächsten Anhöhe -- Gewehrfeuer knallt im

Tal, begleitet vom Geknatter der Maschinengewehre -- nach ein paar

Minuten laute Hurrarufe: eine neue feindliche Stellung ist genommen!

Die kleine Aktion, die nur ein Glied in einer Kette ist, verursacht

lebhafte Bewegung in Eclisfontaine. Zuerst fahren die Wagen des

Feldlazaretts in voller Fahrt dahin, wo der Kampf stattgefunden

hat; dann ziehen einige Kompanien Infanterie vorüber, um die Lücken

auszufüllen. Kleine Patrouillen von Ulanen mit wagrecht gehaltenen

Lanzen reiten im Galopp nach Varennes. Schließlich fährt die Feldküche

vorüber mit rauchenden Schornsteinen; die Köche sitzen auf den

Küchenwagen.

Auf den Abhängen südlich sieht man kleine Gruppen von acht oder zehn

Mann mit Bahren und einem Schäferhund, der verstreute und vergessene

Verwundete in den Gräben und Furchen suchen muß. Sobald er einen

Verwundeten gefunden hat, bleibt er stehen und ruft durch Bellen die

Sanitätssoldaten mit der Bahre herbei.

Das Artilleriefeuer der Franzosen hat nachgelassen, da sie ihre

Stellungen in dem Maße, wie die Deutschen vorrückten, weiter

zurückverlegen mußten.

Varennes, die kleine Stadt, in der Ludwig ~XVI.~ am 22. Juni 1791

erkannt und gefangen genommen wurde, um nach Paris zurückgeführt zu

werden, steht nun in hellen Flammen, und eine braungelbe Rauchsäule

steigt aus seinen brennenden Häusern empor. Auch Cheppy brennt und

weiterhin Bourcuilles. Der Kirchturm von Cheppy reckt seine trotzige

Spitze aus dem Gewölk von Rauch und Funken empor.

Westlich liegt das weite Tal, das von der Aire durchflossen wird, einem

Nebenfluß der Aisne. Varennes liegt an der Aire, die im Osten den

berühmten Argonner Wald begrenzt. Nach Süden zu durch das Tal stürmen

württembergische Truppen; ein Teil ihres rechten Flügels zieht durch

die Ausläufer des Argonner Waldes. Man erkennt ihr Vorrücken ganz

deutlich durch das Scherenfernrohr, das jederzeit zu meiner Verfügung

steht. Um aber die kleinen weißen mörderischen Buketts zu sehen,

die entstehen, wenn die Schrapnells gerade über den Württembergern

explodieren, dazu braucht man kein Fernrohr. Das Feuer wird von

deutschen Schrapnells erwidert, die in weiterer Entfernung und mehr

nach links sichtbar werden.

Eine Munitionskolonne, die hinter der flachen Anhöhe südlich Schutz

gefunden hat, erhält Befehl, vorzurücken. Der nächste Weg wäre, nach

Südwesten die Chaussee zu verfolgen, auf der ich mich den ganzen Tag

aufgehalten habe. Aber dieser Weg ist gefährlich; die dunkle Linie

der Kolonne wäre von den neuen französischen Stellungen aus sichtbar

und würde ein vortreffliches Ziel geben, außerdem das Feuer auf die

deutsche Oberleitung lenken. Die Kolonne hatte sich eben auf der

Chaussee in Bewegung gesetzt, als ihr Führer den Befehl erhielt, hinter

den großen Mörsern zu fahren. Die Kolonne führte leichte Munition für

Gewehre und Maschinengewehre. Dahin, wo Munition gebraucht wird, fahren

sie erst in der Nacht. Doch tritt selten oder nie Patronenmangel ein,

da die Patronentaschen der Verwundeten und Gefallenen von ihren noch

kampffähigen Kameraden geleert werden.

Eine Batterie leichte Haubitzen wird jetzt im Norden der Chaussee

sichtbar. Ihre Gespanne schwenken mit ihren Feldstücken in schönem

Bogen nach Süden. In Westsüdwest springen sechs Granaten in einer

Entfernung von zwei Kilometern. Sie waren für die dort kurz vorher

vorrückenden Württemberger bestimmt. Aber jetzt ist keine Seele

mehr auf dem Platz, außer vielleicht einem zurückgebliebenen

Sanitätssoldaten.

Um 6 Uhr zählte ich acht brennende Dörfer, von denen jedoch eins

links vom Argonner Wald und im Operationsbereich des benachbarten

Armeekorps lag. Wie viel verwüstete Häuser, wie viel vernichtetes

Privateigentum! Zwar wird die Bevölkerung sich und ihre transportfähige

Habe rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben; aber wie mag es in den

tausend Wohnungen aussehen, wenn die Menschen zurückkehren! Kann man

ohne tiefes Mitgefühl mit den unschuldigen Leuten sein, die am meisten

unter dem Krieg zu leiden haben? Und ist man ein Feind Frankreichs,

wenn man eine Ententepolitik verurteilt, die so namenloses Unglück über

die nordöstlichen Provinzen der Republik gebracht hat? Wer mit eigenen

Augen all diese Folgen des Krieges, Kummer, Armut und Vernichtung

sah, müßte sich selbst verachten, wenn er nicht laut die Politik

verurteilte, die allein an all diesem Unglück Schuld trägt!

»Aber warum rückt nicht auch die Armeeleitung vor?« fragte ich, nachdem

die Truppen sechs oder sieben Kilometer vor der letzten Linie Stellung

genommen hatten.

»Weil man die Telegraphen- und Telephonleitungen nicht sofort

verlängern und das ganze System von Verbindungen mit der neuen

Frontlinie ändern kann.«

Am folgenden Tag wurde Varennes genommen und damit die ganze

Maschinerie ein Stück weiter nach Südwesten vorgeschoben.

Aber nun begann der heutige Tag zur Neige zu gehen; die Sonne näherte

sich den Wipfeln des Argonner Waldes. Ein lehrreicher Tag für mich!

Von der Tätigkeit an der deutschen Front hatte ich eine klare

Vorstellung bekommen, von den Franzosen aber nichts anderes gesehen

als ihr Feuer und die Gefangenen. Ich hatte die unglaublich sichere

und ruhige Leitung des deutschen Oberkommandos bewundert. Es war wie

ein Spiel, das unter gewissen Voraussetzungen gewonnen werden mußte.

Und wenn all diese Voraussetzungen im voraus gegeben und bekannt

waren, dann hegte niemand den geringsten Zweifel am Ausgang. Und die

Voraussetzungen waren: ausgezeichnetes Menschenmaterial, wirkliche

Ritter ohne Furcht und Tadel, ein Volk, das in Friedenszeiten willig

ist, genug und mehr als genug für die Verteidigung des Reiches zu

opfern und, wenn der Krieg ausbricht, bereit ist, auch das Leben zu

opfern zur Verteidigung der Heimat für seine Freiheit und seine Ehre,

eine Ausbildung, die genügend lang ist, um die einzelnen Soldaten und

die großen Truppenverbände unwiderstehlich zu machen, und ein Material,

bei dessen Anschaffung man weder geschachert noch kompromisselt hat.

Der Ausgang des Tageskampfes erweckte daher keine Verwunderung. Man

hörte keine Glückwünsche, keinen Jubel -- man sprach davon wie von der

natürlichsten Sache der Welt!

Ein Volk in Waffen · 第 70 / 105 题