Zwei deutsche Soldaten mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett
eskortieren französische Gefangene nach Eclisfontaine. Die meisten
sehen gleichgültig aus, und ihr Blick verrät nur den einen Gedanken:
Nun ist alles verloren, nun ist es aus mit uns! Andere sehen tief
niedergeschlagen aus und haben geweint. Die Kraft ihrer Arme ist
Frankreich entzogen, jetzt, wo sie am meisten gebraucht werden.
Ich war gerade in Gesellschaft des Brigadegenerals Bernhard, als
die Franzosen in ihren blauen Waffenröcken und den weiten roten
Pumphosen daherkamen; die Uniformen waren abgerissen und schmutzig,
kein Wunder, wenn man Tage und Nächte im Schützengraben gelegen hat.
General Bernhard trat zu ihnen und kommandierte Halt; dann ließ er sie
einen Halbkreis bilden und begann, sich mit mehreren zu unterhalten.
Einer war in Auxerre ausgehoben und am elften Mobilisierungstag
über Bar-le-Duc nach Varennes transportiert worden, wo er seitdem
gestanden hatte. Man macht ein Verzeichnis der Gefangenen und gewinnt
so wertvolle Auskünfte über die Zusammensetzung der feindlichen
Truppen, über Regimenter, Brigaden und Armeekorps und ihre Stellung an
der Front. Der General fragte auch die Gefangenen, wie es mit ihrer
Verpflegung stünde; die Antworten lauteten sehr ungleich. Die meisten
waren zufrieden; nur einige behaupteten, sie hätten in der letzten
Woche nur zweimal warmes Essen bekommen, da sie zufällig weit entfernt
von der nächsten Feldküche gestanden hätten.
Schließlich wurde an die Gefangenen die Frage gerichtet, ob sie
Tagebücher hätten, und acht oder neun antworteten: Ja! Die Bücher
wurden dem General übergeben, der sie behielt. Auch dadurch gewinnt
man wichtige Aufschlüsse über die feindlichen Truppenbewegungen, oft
aus scheinbar bedeutungslosen Aufzeichnungen, die nur der Fachmann
zu deuten weiß. General Bernhard las uns später aus einem dieser
Tagebücher das letzte Stück vor, das der Gefangene tags vorher
geschrieben hatte. Da stand u. a.: »Die Preußen beschießen Varennes.
Sie schießen gut, heute nacht traf eine ihrer Granaten den General X.,
als er sich eben niedergelegt hatte.« General Bernhard sagte, die
französischen Gefangenen benähmen sich immer höflich und aufmerksam und
beantworteten alle Fragen korrekt und wahrheitsgetreu. In den meisten
Fällen redeten sie ihn »~mon général~« an und bewiesen damit, daß
sie über die deutschen Rangabzeichen orientiert waren, auch bei der
gleichmachenden Felduniform. Und der General sprach zu den Gefangenen
ohne jede Spur militärischer Strenge und ohne die Überhebung, die Rang
und Macht leicht einflößen können.
Während des Verhörs wandte sich ein französischer Unteroffizier mit
blondem Vollbart an mich und fragte: »Was wird man mit uns tun?« Ich
antwortete: »Man wird Ihnen warme Suppe und Brot geben, und Verwundete
werden ärztlicher Hilfe überantwortet.« Der Mann sah mich fragend und
erstaunt an, offenbar im Zweifel, ob das wirklich wahr wäre. Dann
wies er auf einen seiner Kameraden, der einen blutenden Streifschuß
am Nacken hatte. Ein deutscher Leutnant übergab ihn sofort einem
Sanitätssoldaten.
So bekam ich auch jetzt in unmittelbarer Nähe des Schlachtfeldes eine
Bestätigung dessen, was ich früher im Lazarett gesehen hatte: daß die
französischen Gefangenen bei den Deutschen eine in jeder Hinsicht
humane und wohlwollende Behandlung erfahren, und ich will im Namen
der Wahrheit feierlich erklären, daß die gegenteiligen Behauptungen
gewisser feindlicher Blätter niedrige Lüge und schändliche Verleumdung
sind. Wenn einmal der Tag des Friedens kommt und die französischen
Gefangenen nach Hause zurückkehren, werden sie selbst dafür Zeugnis
ablegen können. Vielleicht werden einige von ihnen sich auch an
Eclisfontaine erinnern.
Später kamen neue Scharen von Franzosen. Sie waren beim Bajonettangriff
der Deutschen gefangen genommen worden. Einer war am 5. August aus
Konstantinopel heimgerufen worden, ein anderer berichtete, er sei
Reservist, und es beginne an Leuten zu mangeln. Mit ihnen unterhielt
sich der Feldmarschall und sein vortrefflicher Adjutant Rechberg, der
ein beneidenswert gutes Französisch sprach.
In einer Gruppe waffenloser Franzosen befand sich auch ein Hauptmann.
Er hatte einen Schuß durch den Schenkel, hinkte stark und stützte sich
auf zwei Soldaten; er hatte ein vornehmes und offenes Aussehen. Als
seine Schar verhört werden sollte, wurde ihm ein Stuhl angeboten, denn
er sah sehr bleich aus.
»Schmerzt die Wunde sehr, ~mon capitaine~?« fragte ein deutscher
Offizier.
»Nein, gar nicht, sie ist ganz unbedeutend«, antwortete er.
»Haben Sie im Kampf große Verluste erlitten?«
»Keine besonderen, wir können alle Lücken ausfüllen.«
»Sie sehen müde aus, es ist Ihnen sicher in der letzten Zeit schlecht
gegangen?«
»Nein, durchaus nicht, ich habe keine Not gelitten.«
»Es tut Ihnen leid, unter den Gefangenen zu sein?«
»Ja«, antwortete er schwer und bestimmt und ohne aufzusehen.
Er gehörte nicht zu denen, die die Gefangennahme demoralisiert. Als das
Verhör geschlossen war, grüßte er und verschwand mit seiner blauroten
Schar an der nächsten Straßenkrümmung.