15. Verhör französischer Gefangener.

Zwei deutsche Soldaten mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett

eskortieren französische Gefangene nach Eclisfontaine. Die meisten

sehen gleichgültig aus, und ihr Blick verrät nur den einen Gedanken:

Nun ist alles verloren, nun ist es aus mit uns! Andere sehen tief

niedergeschlagen aus und haben geweint. Die Kraft ihrer Arme ist

Frankreich entzogen, jetzt, wo sie am meisten gebraucht werden.

Ich war gerade in Gesellschaft des Brigadegenerals Bernhard, als

die Franzosen in ihren blauen Waffenröcken und den weiten roten

Pumphosen daherkamen; die Uniformen waren abgerissen und schmutzig,

kein Wunder, wenn man Tage und Nächte im Schützengraben gelegen hat.

General Bernhard trat zu ihnen und kommandierte Halt; dann ließ er sie

einen Halbkreis bilden und begann, sich mit mehreren zu unterhalten.

Einer war in Auxerre ausgehoben und am elften Mobilisierungstag

über Bar-le-Duc nach Varennes transportiert worden, wo er seitdem

gestanden hatte. Man macht ein Verzeichnis der Gefangenen und gewinnt

so wertvolle Auskünfte über die Zusammensetzung der feindlichen

Truppen, über Regimenter, Brigaden und Armeekorps und ihre Stellung an

der Front. Der General fragte auch die Gefangenen, wie es mit ihrer

Verpflegung stünde; die Antworten lauteten sehr ungleich. Die meisten

waren zufrieden; nur einige behaupteten, sie hätten in der letzten

Woche nur zweimal warmes Essen bekommen, da sie zufällig weit entfernt

von der nächsten Feldküche gestanden hätten.

Schließlich wurde an die Gefangenen die Frage gerichtet, ob sie

Tagebücher hätten, und acht oder neun antworteten: Ja! Die Bücher

wurden dem General übergeben, der sie behielt. Auch dadurch gewinnt

man wichtige Aufschlüsse über die feindlichen Truppenbewegungen, oft

aus scheinbar bedeutungslosen Aufzeichnungen, die nur der Fachmann

zu deuten weiß. General Bernhard las uns später aus einem dieser

Tagebücher das letzte Stück vor, das der Gefangene tags vorher

geschrieben hatte. Da stand u. a.: »Die Preußen beschießen Varennes.

Sie schießen gut, heute nacht traf eine ihrer Granaten den General X.,

als er sich eben niedergelegt hatte.« General Bernhard sagte, die

französischen Gefangenen benähmen sich immer höflich und aufmerksam und

beantworteten alle Fragen korrekt und wahrheitsgetreu. In den meisten

Fällen redeten sie ihn »~mon général~« an und bewiesen damit, daß

sie über die deutschen Rangabzeichen orientiert waren, auch bei der

gleichmachenden Felduniform. Und der General sprach zu den Gefangenen

ohne jede Spur militärischer Strenge und ohne die Überhebung, die Rang

und Macht leicht einflößen können.

Während des Verhörs wandte sich ein französischer Unteroffizier mit

blondem Vollbart an mich und fragte: »Was wird man mit uns tun?« Ich

antwortete: »Man wird Ihnen warme Suppe und Brot geben, und Verwundete

werden ärztlicher Hilfe überantwortet.« Der Mann sah mich fragend und

erstaunt an, offenbar im Zweifel, ob das wirklich wahr wäre. Dann

wies er auf einen seiner Kameraden, der einen blutenden Streifschuß

am Nacken hatte. Ein deutscher Leutnant übergab ihn sofort einem

Sanitätssoldaten.

So bekam ich auch jetzt in unmittelbarer Nähe des Schlachtfeldes eine

Bestätigung dessen, was ich früher im Lazarett gesehen hatte: daß die

französischen Gefangenen bei den Deutschen eine in jeder Hinsicht

humane und wohlwollende Behandlung erfahren, und ich will im Namen

der Wahrheit feierlich erklären, daß die gegenteiligen Behauptungen

gewisser feindlicher Blätter niedrige Lüge und schändliche Verleumdung

sind. Wenn einmal der Tag des Friedens kommt und die französischen

Gefangenen nach Hause zurückkehren, werden sie selbst dafür Zeugnis

ablegen können. Vielleicht werden einige von ihnen sich auch an

Eclisfontaine erinnern.

Später kamen neue Scharen von Franzosen. Sie waren beim Bajonettangriff

der Deutschen gefangen genommen worden. Einer war am 5. August aus

Konstantinopel heimgerufen worden, ein anderer berichtete, er sei

Reservist, und es beginne an Leuten zu mangeln. Mit ihnen unterhielt

sich der Feldmarschall und sein vortrefflicher Adjutant Rechberg, der

ein beneidenswert gutes Französisch sprach.

In einer Gruppe waffenloser Franzosen befand sich auch ein Hauptmann.

Er hatte einen Schuß durch den Schenkel, hinkte stark und stützte sich

auf zwei Soldaten; er hatte ein vornehmes und offenes Aussehen. Als

seine Schar verhört werden sollte, wurde ihm ein Stuhl angeboten, denn

er sah sehr bleich aus.

»Schmerzt die Wunde sehr, ~mon capitaine~?« fragte ein deutscher

Offizier.

»Nein, gar nicht, sie ist ganz unbedeutend«, antwortete er.

»Haben Sie im Kampf große Verluste erlitten?«

»Keine besonderen, wir können alle Lücken ausfüllen.«

»Sie sehen müde aus, es ist Ihnen sicher in der letzten Zeit schlecht

gegangen?«

»Nein, durchaus nicht, ich habe keine Not gelitten.«

»Es tut Ihnen leid, unter den Gefangenen zu sein?«

»Ja«, antwortete er schwer und bestimmt und ohne aufzusehen.

Er gehörte nicht zu denen, die die Gefangennahme demoralisiert. Als das

Verhör geschlossen war, grüßte er und verschwand mit seiner blauroten

Schar an der nächsten Straßenkrümmung.

Ein Volk in Waffen · 第 69 / 105 题