14. Die »Brummer« bei Eclisfontaine.

Um ½7 ist Eclisfontaine erreicht. Der Nebel hängt in Fetzen und

Draperien, bald leichter, bald dichter, ist aber hartnäckig und trotzt

noch immer der aufgehenden Sonne. Es ist heute ein bedeutungsvoller Tag

für die Deutschen; sie wollen angreifen und nach Varennes vorrücken.

Nur der Nebel hindert sie, und es geht schon auf 8. Die Infanterie

soll schon im Vorrücken sein und an der äußersten Front in heftigem

Kampf stehen. Die Artillerie muß noch warten, ehe sie ihre Stellungen

vorschieben kann. Doch von den Plätzen, wo die Batterien jetzt stehen,

beginnen sie ihren Morgengesang. Die Schüsse fallen aus verschiedenen

Richtungen immer häufiger. Ganz nahe dem Dorf sind Feldhaubitzen und

schwere Mörser. Die Schüsse, die schwächer und dumpfer klingen, kommen

von französischer Seite. Manchmal hört man vier und sechs Schüsse fast

zu gleicher Zeit; dann vergeht eine Pause bis zur nächsten Salve.

Ein Offizier begleitet mich die Chaussee entlang durch das Dorf. In

einem kleinen Haus laufen alle Drähte des Feldtelephons zusammen;

hier sitzt ein halbes Dutzend Offiziere an einem langen Tisch,

Telephonhörer am Ohr und Karten vor sich. Hier sammeln sich von der

Front die Meldungen über den Verlauf der Schlacht, über Veränderungen

der französischen und deutschen Stellungen und über die daraus sich

ergebenden Wünsche und Bedürfnisse.

Mit Freund Matthiaß gehe ich ein Stück weiter nach Südwesten bis zu dem

Punkt, von wo aus die Generalität die deutschen Operationen leitet. Das

Gelände steigt bis zu diesem Punkt langsam an; er hat eine dominierende

Lage und erlaubt einen vortrefflichen Ausblick über das ganze Gebiet,

auf dem der Kampf tobt. Hier steht der kommandierende General von

Mudra; in seiner Gesellschaft auch der 78jährige Feldmarschall

von Haeseler, der jetzt kein Kommando hat, aber dem Wunsch nicht

widerstehen konnte, in der Nähe seines alten Korps zu sein, dort, wo

es für Deutschlands Ehre kämpft. Von mehreren Offizieren umgeben,

standen die beiden Generäle den ganzen Tag mitten auf der Landstraße.

Unmittelbar neben der Straße stand auf seinem Holzstativ ein

Scherenfernrohr, und an diesem Fernrohr ein Hauptmann, der unablässig

seine Beobachtungen meldete. Von Zeit zu Zeit trat der kommandierende

General selbst ans Fernrohr.

Der Ort, auf dem wir standen, war nicht ganz ungefährlich. Ein Soldat

in der Nähe der Telephonstation erhielt eine Gewehrkugel in den

Rücken, eigentümlicherweise ohne verwundet zu werden; er fiel nur

infolge des Stoßes oder vielleicht vor Schreck um. Die Kugel, die aus

weiter Entfernung kam, hatte ihre Kraft eingebüßt. Ein anderer wurde

leicht verwundet, ebenfalls von einer Gewehrkugel. Drei Schrapnells

explodierten ganz in unserer Nähe, aber in allzu großer Höhe, um

lebensgefährlich zu sein.

Von einem Punkt in der Nähe von Eclisfontaine hatte man eine

vortreffliche Aussicht nach Südwest in der Richtung auf Varennes.

Hier saß, wohlbeleibt und jovial, auf einem Stuhl mitten auf der

Landstraße der Divisionsgeneral Graf Pfeil. Seitdem der Nebel fast

spurlos verschwunden war, traten auch die Umrisse des Argonner Waldes

hervor. In einer Entfernung von drei Kilometern nach Varennes zu

steigt das Gelände zu einem flachen Kamm an, der ein paar deutsche

Feldartilleriebatterien schützt, die von hier aus mit bloßem Auge

leicht sichtbar sind. Gleich links von diesen Stellungen geht die

deutsche Infanterie vor. Durchs Fernglas sieht man die Soldaten in

stark gebückter Stellung vorrücken, um solange als möglich von der Höhe

geschützt zu sein, die die Kanonen deckt. Wahrscheinlich haben aber

die Franzosen die Infanterie schon gesichtet; unaufhörlich explodieren

Schrapnells über ihren Linien; ein weißes Wölkchen nach dem andern

taucht auf, und aus seiner Mitte schießt ein Blitz hervor. Einmal

zählten wir acht solcher Wölkchen, die gleichzeitig über den Soldaten

schwebten und sie mit einem Regen von Bleikugeln überschütteten.

Zuweilen schlagen in ihrer Nähe auch Granaten ein, leicht erkennbar

an den dunkelgrauen Säulen von Erde, Lehm und Pulver, die entstehen,

sobald sie auftreffen.

Gleich südlich von der Höhe im Südwesten und durch diese unsern

Blicken entzogen, liegen starke Kräfte der deutschen Infanterie in

langen Schützengräben. Diesseits der Batterien sieht man im Gelände

zwei halbmondförmige dunkle Flecke, die sich im Fernrohr in Soldaten

auflösen; sie sitzen und liegen, haben aber Gewehr und Bajonett zur

Hand, um die Kanonen gegen einen Überrumplungsversuch zu schützen.

Die Kanonen sind in die Erde eingegraben, durch Erdwälle gedeckt und

nach der Feuerseite zu stark maskiert. Heute morgen war noch keine

französische Infanterie und Kavallerie zu sehen; auf der feindlichen

Seite kämpfte bloß Artillerie, die nach Aussage der deutschen Offiziere

vortrefflich schoß; nur waren die Geschosse oft sogenannte Blindgänger,

die nicht explodieren.

Plötzlich donnert es um uns von allen Seiten, auch von hinten; eine

Batterie von vier 21-~cm~-Mörsern ist bis zum Dorfe vorgerückt und

steht nur hundert Meter von uns entfernt. Der Boden zittert bei jedem

Schuß. Die vier Schüsse fallen rasch hintereinander, nur ein paar

Sekunden Pause ist zwischen ihnen. Dann hört man eine halbe Minute

oder länger über sich ein zischendes, singendes Pfeifen und sieht

unwillkürlich nach oben. Doch sieht man die Geschosse nur, wenn man

hinter dem Mörser möglichst in der Verlängerung der Flugbahnfläche

steht. Die vier Geschosse fahren gemeinsam durch die Luft und singen

den gleichen Gesang in gleich hohem Ton. Zuweilen scheint er zu

ersterben, aber nach einer Weile ist er wieder deutlich vernehmbar; das

kommt vielleicht von der Windrichtung. Die Mörsergeschosse brauchen

ein paar Minuten bis zum Ziel; der Höhepunkt ihrer Flugbahn liegt

Tausende von Metern über der Erde -- eine schwindelerregende Reise für

diese zentnerschweren Geschosse. Die Geschosse der Feldkanonen, die

gewöhnlich auf nur drei Kilometer Entfernung eingestellt werden, kommen

in einer halben Minute ans Ziel.

Die vier »Brummer« der Batterie warfen ein ums andere Mal ihre schweren

Granaten zu den Franzosen hinüber; jeder Schuß sollte wer weiß wie

vielen Menschen den Tod bringen. Doch schien ihre Hauptaufgabe zu

sein, den Gegner aus Varennes zu vertreiben, das nur sechs Kilometer

südwestlich von Eclisfontaine liegt.

Am Abend fragte ich einen der Beobachter, was das heutige Feuer wohl

koste. Er machte schnell eine Berechnung für 24 Batterien Feldhaubitzen

und 8 Batterien schwere Kanonen und Mörser; die Durchschnittskosten

für jeden Schuß berechnete er auf 50 Mark, die Anzahl der Schüsse auf

zwölftausend; das macht 600000 Mark für einen einzigen Tag und für

einen ganz kleinen Teil der deutschen Front! Andere aber meinten, die

Berechnung sei in jeder Beziehung zu hoch. Auf alle Fälle verbraucht

die Artillerie ungeheure Summen in einem Krieg wie diesem, wo sie die

Hauptwaffe ist. --

Ein Volk in Waffen · 第 68 / 105 题