Um ½7 ist Eclisfontaine erreicht. Der Nebel hängt in Fetzen und
Draperien, bald leichter, bald dichter, ist aber hartnäckig und trotzt
noch immer der aufgehenden Sonne. Es ist heute ein bedeutungsvoller Tag
für die Deutschen; sie wollen angreifen und nach Varennes vorrücken.
Nur der Nebel hindert sie, und es geht schon auf 8. Die Infanterie
soll schon im Vorrücken sein und an der äußersten Front in heftigem
Kampf stehen. Die Artillerie muß noch warten, ehe sie ihre Stellungen
vorschieben kann. Doch von den Plätzen, wo die Batterien jetzt stehen,
beginnen sie ihren Morgengesang. Die Schüsse fallen aus verschiedenen
Richtungen immer häufiger. Ganz nahe dem Dorf sind Feldhaubitzen und
schwere Mörser. Die Schüsse, die schwächer und dumpfer klingen, kommen
von französischer Seite. Manchmal hört man vier und sechs Schüsse fast
zu gleicher Zeit; dann vergeht eine Pause bis zur nächsten Salve.
Ein Offizier begleitet mich die Chaussee entlang durch das Dorf. In
einem kleinen Haus laufen alle Drähte des Feldtelephons zusammen;
hier sitzt ein halbes Dutzend Offiziere an einem langen Tisch,
Telephonhörer am Ohr und Karten vor sich. Hier sammeln sich von der
Front die Meldungen über den Verlauf der Schlacht, über Veränderungen
der französischen und deutschen Stellungen und über die daraus sich
ergebenden Wünsche und Bedürfnisse.
Mit Freund Matthiaß gehe ich ein Stück weiter nach Südwesten bis zu dem
Punkt, von wo aus die Generalität die deutschen Operationen leitet. Das
Gelände steigt bis zu diesem Punkt langsam an; er hat eine dominierende
Lage und erlaubt einen vortrefflichen Ausblick über das ganze Gebiet,
auf dem der Kampf tobt. Hier steht der kommandierende General von
Mudra; in seiner Gesellschaft auch der 78jährige Feldmarschall
von Haeseler, der jetzt kein Kommando hat, aber dem Wunsch nicht
widerstehen konnte, in der Nähe seines alten Korps zu sein, dort, wo
es für Deutschlands Ehre kämpft. Von mehreren Offizieren umgeben,
standen die beiden Generäle den ganzen Tag mitten auf der Landstraße.
Unmittelbar neben der Straße stand auf seinem Holzstativ ein
Scherenfernrohr, und an diesem Fernrohr ein Hauptmann, der unablässig
seine Beobachtungen meldete. Von Zeit zu Zeit trat der kommandierende
General selbst ans Fernrohr.
Der Ort, auf dem wir standen, war nicht ganz ungefährlich. Ein Soldat
in der Nähe der Telephonstation erhielt eine Gewehrkugel in den
Rücken, eigentümlicherweise ohne verwundet zu werden; er fiel nur
infolge des Stoßes oder vielleicht vor Schreck um. Die Kugel, die aus
weiter Entfernung kam, hatte ihre Kraft eingebüßt. Ein anderer wurde
leicht verwundet, ebenfalls von einer Gewehrkugel. Drei Schrapnells
explodierten ganz in unserer Nähe, aber in allzu großer Höhe, um
lebensgefährlich zu sein.
Von einem Punkt in der Nähe von Eclisfontaine hatte man eine
vortreffliche Aussicht nach Südwest in der Richtung auf Varennes.
Hier saß, wohlbeleibt und jovial, auf einem Stuhl mitten auf der
Landstraße der Divisionsgeneral Graf Pfeil. Seitdem der Nebel fast
spurlos verschwunden war, traten auch die Umrisse des Argonner Waldes
hervor. In einer Entfernung von drei Kilometern nach Varennes zu
steigt das Gelände zu einem flachen Kamm an, der ein paar deutsche
Feldartilleriebatterien schützt, die von hier aus mit bloßem Auge
leicht sichtbar sind. Gleich links von diesen Stellungen geht die
deutsche Infanterie vor. Durchs Fernglas sieht man die Soldaten in
stark gebückter Stellung vorrücken, um solange als möglich von der Höhe
geschützt zu sein, die die Kanonen deckt. Wahrscheinlich haben aber
die Franzosen die Infanterie schon gesichtet; unaufhörlich explodieren
Schrapnells über ihren Linien; ein weißes Wölkchen nach dem andern
taucht auf, und aus seiner Mitte schießt ein Blitz hervor. Einmal
zählten wir acht solcher Wölkchen, die gleichzeitig über den Soldaten
schwebten und sie mit einem Regen von Bleikugeln überschütteten.
Zuweilen schlagen in ihrer Nähe auch Granaten ein, leicht erkennbar
an den dunkelgrauen Säulen von Erde, Lehm und Pulver, die entstehen,
sobald sie auftreffen.
Gleich südlich von der Höhe im Südwesten und durch diese unsern
Blicken entzogen, liegen starke Kräfte der deutschen Infanterie in
langen Schützengräben. Diesseits der Batterien sieht man im Gelände
zwei halbmondförmige dunkle Flecke, die sich im Fernrohr in Soldaten
auflösen; sie sitzen und liegen, haben aber Gewehr und Bajonett zur
Hand, um die Kanonen gegen einen Überrumplungsversuch zu schützen.
Die Kanonen sind in die Erde eingegraben, durch Erdwälle gedeckt und
nach der Feuerseite zu stark maskiert. Heute morgen war noch keine
französische Infanterie und Kavallerie zu sehen; auf der feindlichen
Seite kämpfte bloß Artillerie, die nach Aussage der deutschen Offiziere
vortrefflich schoß; nur waren die Geschosse oft sogenannte Blindgänger,
die nicht explodieren.
Plötzlich donnert es um uns von allen Seiten, auch von hinten; eine
Batterie von vier 21-~cm~-Mörsern ist bis zum Dorfe vorgerückt und
steht nur hundert Meter von uns entfernt. Der Boden zittert bei jedem
Schuß. Die vier Schüsse fallen rasch hintereinander, nur ein paar
Sekunden Pause ist zwischen ihnen. Dann hört man eine halbe Minute
oder länger über sich ein zischendes, singendes Pfeifen und sieht
unwillkürlich nach oben. Doch sieht man die Geschosse nur, wenn man
hinter dem Mörser möglichst in der Verlängerung der Flugbahnfläche
steht. Die vier Geschosse fahren gemeinsam durch die Luft und singen
den gleichen Gesang in gleich hohem Ton. Zuweilen scheint er zu
ersterben, aber nach einer Weile ist er wieder deutlich vernehmbar; das
kommt vielleicht von der Windrichtung. Die Mörsergeschosse brauchen
ein paar Minuten bis zum Ziel; der Höhepunkt ihrer Flugbahn liegt
Tausende von Metern über der Erde -- eine schwindelerregende Reise für
diese zentnerschweren Geschosse. Die Geschosse der Feldkanonen, die
gewöhnlich auf nur drei Kilometer Entfernung eingestellt werden, kommen
in einer halben Minute ans Ziel.
Die vier »Brummer« der Batterie warfen ein ums andere Mal ihre schweren
Granaten zu den Franzosen hinüber; jeder Schuß sollte wer weiß wie
vielen Menschen den Tod bringen. Doch schien ihre Hauptaufgabe zu
sein, den Gegner aus Varennes zu vertreiben, das nur sechs Kilometer
südwestlich von Eclisfontaine liegt.
Am Abend fragte ich einen der Beobachter, was das heutige Feuer wohl
koste. Er machte schnell eine Berechnung für 24 Batterien Feldhaubitzen
und 8 Batterien schwere Kanonen und Mörser; die Durchschnittskosten
für jeden Schuß berechnete er auf 50 Mark, die Anzahl der Schüsse auf
zwölftausend; das macht 600000 Mark für einen einzigen Tag und für
einen ganz kleinen Teil der deutschen Front! Andere aber meinten, die
Berechnung sei in jeder Beziehung zu hoch. Auf alle Fälle verbraucht
die Artillerie ungeheure Summen in einem Krieg wie diesem, wo sie die
Hauptwaffe ist. --