Der nächste Weg nach Trier. -- »Nach Wittlich?« fragt Rittmeister von
Krum in einem Dorf, als er des Wegs nicht sicher ist. -- »Nach Paris!«
antworten ein paar muntere Mädchen, die uns die Richtung zeigen. Als
wir endlich vor dem »Trierischen Hof« in Trier haltmachten, war es
bereits dunkel. Wir waren durchnäßt und wollten uns nur trocknen, um
dann die Reise nach Luxemburg fortzusetzen. Da aber der unbarmherzige
Regen mehr zu- als abnahm und in Luxemburg kein Zimmer zu bekommen war,
beschlossen wir, zu bleiben, wo wir waren. Im Restaurant wimmelte es
von Offizieren, und auf den Straßen gingen die Soldaten in ihren grauen
Mänteln. »Wo ist das Große Hauptquartier?« fragten wir bald hier, bald
da. Keiner wußte es. Einige meinten, es sei in Luxemburg, andere, es
sei nach Belgien verlegt. Nun, dachten wir, wir werden schon allmählich
hinkommen.
Im »Trierischen Hof« waren wirklich noch ein paar Zimmer frei, in
denen wir es uns bequem machten. Mein prächtiger Freund Krum erzählte
mir, daß in Kriegszeiten alle Offiziere das Recht haben, sich
einzuquartieren, wo sie wollen. Ein Zimmer mit Frühstück soll kostenlos
zu ihrer Verfügung stehen; Mittagessen und sonstige Beköstigung müssen
sie bezahlen. Der Offizier hat nur eine gedruckte Quittung auszufüllen,
die er dem Wirt beim Aufbruch statt klingender Münze übergibt. Gegen
diese Quittung bekommt der Wirt von der betreffenden Militärbehörde
sein Geld, doch nicht die gleiche Summe wie in Friedenszeiten, denn
die Taxe wird niedriger angesetzt als unter normalen Verhältnissen.
Dasselbe gilt von Pferden, Wagen und allem, was im Krieg gebraucht
wird; es wird von besonderen Kommissionen abgeschätzt und mit
Quittungen bezahlt. In Trier war kein Auto aufzutreiben, nicht einmal
eine Droschke, da alle Pferde fort waren. Als daher unser Wirt ein
Telegramm erhielt, sein leicht verwundeter Sohn sei gegen 3 Uhr nachts
zu erwarten, konnte er kein Fahrzeug auftreiben, um ihn abzuholen.
Unser Automobil durften wir ihm nicht leihen; schließlich fand er das
Auto eines Arztes und traf seinen Sohn bei ganz gutem Humor.
In besserem Gang waren die Straßenbahnen, und einer solchen bedienten
wir uns, als wir am Abend die Horn-Kaserne aufsuchten, in der sonst das
Infanterieregiment Nr. 29 von Horn liegt. Jetzt war das ganze Regiment
im Feld und die Kaserne ein Lazarett. Sie kann tausend Soldaten
aufnehmen, aber nur fünfhundert Verwundete, denn diese brauchen mehr
Raum und Platz für Ärzte und Krankenwärter; außerdem werden mehrere
Zimmer als Operationssäle, Baderäume usw. in Anspruch genommen. Bei
unserem Besuch waren nur 220 Plätze belegt; 150 von ihnen hatten
Franzosen inne. Sechs Ärzte und ein Oberarzt, dazu eine ganze Schar von
Rote-Kreuz-Schwestern pflegten die Verwundeten.
Mit einigen jungen Ärzten schritten wir durch einen langen Korridor und
besahen zunächst einige Operationssäle, die beim Ausbruch des Krieges
in aller Eile hergerichtet und dann, soweit möglich, ganz modern
ausgerüstet worden waren. Die Operationstische standen in der Mitte der
Zimmer, die Wasserleitungen, Becken, Apparate, eine Masse chirurgischer
Instrumente, alles in bester Ordnung. Wände und Boden dieser Säle
waren mit Ölfarbe gestrichen. Es wurden hier im Durchschnitt fünfzehn
Operationen am Tage vorgenommen. Ähnlich waren mehrere andere Kasernen
in Trier in Krankenhäuser umgewandelt worden.
Dann betraten wir einen großen Saal mit deutschen Verwundeten. Alle
waren vergnügt und munter, befanden sich vortrefflich und konnten sich
keine sorgsamere Pflege denken, als sie in diesem Lazarett erhielten.
Nur wurde ihnen die Zeit allzu lang; sie mußten immer an ihre Kameraden
in den Schützengräben denken, sehnten sich in den Krieg zurück und
hofften, bald wieder auf die Beine zu kommen, d. h. diejenigen, die
wußten, daß sie nicht Krüppel fürs Leben waren!
In einem andern Saal wurden französische Soldaten gepflegt. Auch hier
unterhielten wir uns mit einigen Patienten. Sie waren alle höflich
und mitteilsam, ließen aber den fröhlichen Lebensmut der Deutschen
vermissen, was ja auch kein Wunder war, da sie sich in Feindesland
befanden und von aller Verbindung mit der Heimat abgeschnitten waren.
Einer von ihnen war bei Rossignol verwundet worden, wie Leutnant
Verrier, den er aber nicht kannte. Er hatte einen Schuß durch die linke
Hand und durch das linke Bein, das der Arzt hatte amputieren müssen.
Bei seiner Verwundung hatte er die Kraft und die Geistesgegenwart
gehabt, bis zu einem Graben zu kriechen, wo er vor Wind und Wetter und
Feuer geschützt war; einige Fetzen aus seinem Mantel hatte er um seine
Wunden gewickelt. Tags darauf fanden ihn deutsche Sanitätssoldaten,
legten ihm den ersten ordentlichen Verband an und trugen ihn ins
nächste Feldlazarett, von wo er vor kurzem mit der Eisenbahn ins
Trierer Kriegslazarett transportiert worden war.
Der andere Soldat hatte zwei Nächte auf dem Feld gelegen und
unsagbar an Durst gelitten. Einige Male hatten Deutsche, die an ihm
vorüberkamen, ihm Wasser und Schokolade gegeben. Schließlich hatte man
Gelegenheit gefunden, ihn in das Verwundetenlager zu bringen. Wie sein
Kamerad sprach er seine Dankbarkeit aus über die Behandlung, die ihm
in Trier zuteil wurde, und aus mehreren Betten in der Nachbarschaft
erscholl Zustimmung. Die beiden deutschen Ärzte, die uns begleiteten,
erzählten, die französischen Verwundeten wollten gewöhnlich das
Lazarett nicht verlassen, da sie wie einfache Gefangene behandelt
werden, sobald sie wieder auf die Beine gekommen sind. Diese Auffassung
ist ganz natürlich und wird sicher von allen Verwundeten geteilt,
welcher Nation sie auch angehören mögen, denn es ist behaglicher, in
seinem warmen Bett zu liegen und auf alle Weise gepflegt zu werden, als
in einer Baracke zu wohnen oder in einem Gefangenenlager inmitten von
Senegalnegern, Marokkanern und Indern!
Schließlich kamen wir in ein Zimmer, in dem drei französische Offiziere
lagen. Einer von ihnen, der einen Lungenschuß hatte, schlief gut und
ließ sich durch unsere Unterhaltung nicht stören. Der andere hatte
einen gefährlicheren Lungenschuß, wurde immer von einem bösen Husten
geplagt, der ihm bei jedem Anfall den Kopf vor- und rückwärts warf.
Sein Zustand wurde für kritisch angesehen; auch wenn man die Adresse
seiner Angehörigen gewußt hätte, wäre es keine Freude gewesen, sie von
seinem Befinden zu unterrichten. Der dritte, ein großer, wohlbeleibter
Kapitän, hatte mehrere Jahre im südlichsten Marokko Dienste getan und
war an Kämpfe mit den Tuaregs in der Sahara gewöhnt. Aber dieser Krieg
war doch etwas ganz anderes. »~Terrible!~« Von seiner afrikanischen
Garnison her war er in diesen furchtbaren Krieg gerufen worden.
In einem Gefecht in Belgien hatte eine Kugel ihm den rechten Fuß
zerschmettert, während eine andere ihm ein paar Finger abriß. Er meinte
sich zu erinnern, daß ihm bereits auf dem Schlachtfeld seine Wunden
von deutschen Sanitätssoldaten oder Ärzten sorgsam verbunden worden
seien; dann war in einem Feldlazarett sein Verband erneuert worden.
Als verhältnismäßig Leichtverwundeten hatte man ihn nach Luxemburg
gebracht und jetzt nach Trier. Wahrscheinlich wußte er, daß er, sobald
er geheilt war, mit all den Vorteilen seines Ranges in Gefangenschaft
gehalten und außerdem die Hälfte des Soldes bekommen würde, den er in
seiner Heimat bezog. Nun lag er da, der Kapitän mit den freundlichen
Augen, der Adlernase und dem Vollbart, und versicherte jovial und
gutmütig, daß er über absolut nichts zu klagen habe, nur über das
Geschick, das ihm versage, noch weiter für sein Land zu kämpfen. Aber
er trug sein hartes Schicksal als Philosoph und als Mann. Ein Lächeln
umschwebte seine Lippen, und er war dankbar für die Hilfe, die er
empfing, und für das Interesse, das ihm die unbekannten Gäste erwiesen.
Die jungen Ärzte, die uns führten, berichteten, daß die deutschen
Soldaten sich immer und ohne Ausnahme an die Front zurücksehnten,
soweit ihr Zustand solche Gedanken nicht einfach unmöglich machte. Bei
den Franzosen sei die Stimmung eine andere: »Alles -- nur nicht zurück
an die Front!« Auch das ist aus psychologischen Gründen ganz natürlich.
Nichts drückt den Soldaten so nieder und demoralisiert ihn so, wie
eben die Gefangenschaft. Er spielt die Rolle des Schwächeren, er lebt
ausschließlich von der Gnade anderer, seine Kraft ist erschöpft,
seine Initiative gelähmt und seine Kampflust vergebens. Da sagt er,
um persönliche Vorteile zu gewinnen und aus einer an und für sich
widrigen Situation das Beste herauszuschlagen, manches, was er jenseits
der Feuerlinie niemals gesagt hätte. Deshalb würde man jedem Heere
unrecht tun, wenn man seinen Kampfwert nach den Aussagen der Gefangenen
beurteilen wollte.
Hierin findet man vielleicht auch die Erklärung für das Faktum, daß in
dem Trierer Lazarett, wenigstens in der Horn-Kaserne, die Sterblichkeit
unter den Franzosen viel größer war als unter den Deutschen. Die Wunden
der Deutschen heilen leichter und schneller als die der Franzosen, und
das psychologische Moment ist dabei von unverkennbarer Wirkung. Der
deutsche Soldat kann Zeitungen lesen und mit seinen Angehörigen Briefe
wechseln. Der französische Soldat ist ganz und gar von der äußeren Welt
abgeschnitten, ein Nachteil, von dem bis Ende September auch die in
Frankreich gefangenen Deutschen betroffen wurden. (Vergl. oben S. 18.)
Und ein Gefangener, der nichts von dem Gang des Kampfes erfährt, leidet
doppelt unter dem Eindruck, besiegt zu sein. Diese trostlosen Gedanken
wirken auf seinen Zustand zurück und vermindern seine Widerstandskraft,
er wird Fatalist und vermag nicht gegen den Tod anzukämpfen. Er gibt
alles verloren und hofft nicht einmal auf Wiederherstellung und
Heimkehr.