5. Verwundete und Gefangene.

Der nächste Weg nach Trier. -- »Nach Wittlich?« fragt Rittmeister von

Krum in einem Dorf, als er des Wegs nicht sicher ist. -- »Nach Paris!«

antworten ein paar muntere Mädchen, die uns die Richtung zeigen. Als

wir endlich vor dem »Trierischen Hof« in Trier haltmachten, war es

bereits dunkel. Wir waren durchnäßt und wollten uns nur trocknen, um

dann die Reise nach Luxemburg fortzusetzen. Da aber der unbarmherzige

Regen mehr zu- als abnahm und in Luxemburg kein Zimmer zu bekommen war,

beschlossen wir, zu bleiben, wo wir waren. Im Restaurant wimmelte es

von Offizieren, und auf den Straßen gingen die Soldaten in ihren grauen

Mänteln. »Wo ist das Große Hauptquartier?« fragten wir bald hier, bald

da. Keiner wußte es. Einige meinten, es sei in Luxemburg, andere, es

sei nach Belgien verlegt. Nun, dachten wir, wir werden schon allmählich

hinkommen.

Im »Trierischen Hof« waren wirklich noch ein paar Zimmer frei, in

denen wir es uns bequem machten. Mein prächtiger Freund Krum erzählte

mir, daß in Kriegszeiten alle Offiziere das Recht haben, sich

einzuquartieren, wo sie wollen. Ein Zimmer mit Frühstück soll kostenlos

zu ihrer Verfügung stehen; Mittagessen und sonstige Beköstigung müssen

sie bezahlen. Der Offizier hat nur eine gedruckte Quittung auszufüllen,

die er dem Wirt beim Aufbruch statt klingender Münze übergibt. Gegen

diese Quittung bekommt der Wirt von der betreffenden Militärbehörde

sein Geld, doch nicht die gleiche Summe wie in Friedenszeiten, denn

die Taxe wird niedriger angesetzt als unter normalen Verhältnissen.

Dasselbe gilt von Pferden, Wagen und allem, was im Krieg gebraucht

wird; es wird von besonderen Kommissionen abgeschätzt und mit

Quittungen bezahlt. In Trier war kein Auto aufzutreiben, nicht einmal

eine Droschke, da alle Pferde fort waren. Als daher unser Wirt ein

Telegramm erhielt, sein leicht verwundeter Sohn sei gegen 3 Uhr nachts

zu erwarten, konnte er kein Fahrzeug auftreiben, um ihn abzuholen.

Unser Automobil durften wir ihm nicht leihen; schließlich fand er das

Auto eines Arztes und traf seinen Sohn bei ganz gutem Humor.

In besserem Gang waren die Straßenbahnen, und einer solchen bedienten

wir uns, als wir am Abend die Horn-Kaserne aufsuchten, in der sonst das

Infanterieregiment Nr. 29 von Horn liegt. Jetzt war das ganze Regiment

im Feld und die Kaserne ein Lazarett. Sie kann tausend Soldaten

aufnehmen, aber nur fünfhundert Verwundete, denn diese brauchen mehr

Raum und Platz für Ärzte und Krankenwärter; außerdem werden mehrere

Zimmer als Operationssäle, Baderäume usw. in Anspruch genommen. Bei

unserem Besuch waren nur 220 Plätze belegt; 150 von ihnen hatten

Franzosen inne. Sechs Ärzte und ein Oberarzt, dazu eine ganze Schar von

Rote-Kreuz-Schwestern pflegten die Verwundeten.

Mit einigen jungen Ärzten schritten wir durch einen langen Korridor und

besahen zunächst einige Operationssäle, die beim Ausbruch des Krieges

in aller Eile hergerichtet und dann, soweit möglich, ganz modern

ausgerüstet worden waren. Die Operationstische standen in der Mitte der

Zimmer, die Wasserleitungen, Becken, Apparate, eine Masse chirurgischer

Instrumente, alles in bester Ordnung. Wände und Boden dieser Säle

waren mit Ölfarbe gestrichen. Es wurden hier im Durchschnitt fünfzehn

Operationen am Tage vorgenommen. Ähnlich waren mehrere andere Kasernen

in Trier in Krankenhäuser umgewandelt worden.

Dann betraten wir einen großen Saal mit deutschen Verwundeten. Alle

waren vergnügt und munter, befanden sich vortrefflich und konnten sich

keine sorgsamere Pflege denken, als sie in diesem Lazarett erhielten.

Nur wurde ihnen die Zeit allzu lang; sie mußten immer an ihre Kameraden

in den Schützengräben denken, sehnten sich in den Krieg zurück und

hofften, bald wieder auf die Beine zu kommen, d. h. diejenigen, die

wußten, daß sie nicht Krüppel fürs Leben waren!

In einem andern Saal wurden französische Soldaten gepflegt. Auch hier

unterhielten wir uns mit einigen Patienten. Sie waren alle höflich

und mitteilsam, ließen aber den fröhlichen Lebensmut der Deutschen

vermissen, was ja auch kein Wunder war, da sie sich in Feindesland

befanden und von aller Verbindung mit der Heimat abgeschnitten waren.

Einer von ihnen war bei Rossignol verwundet worden, wie Leutnant

Verrier, den er aber nicht kannte. Er hatte einen Schuß durch die linke

Hand und durch das linke Bein, das der Arzt hatte amputieren müssen.

Bei seiner Verwundung hatte er die Kraft und die Geistesgegenwart

gehabt, bis zu einem Graben zu kriechen, wo er vor Wind und Wetter und

Feuer geschützt war; einige Fetzen aus seinem Mantel hatte er um seine

Wunden gewickelt. Tags darauf fanden ihn deutsche Sanitätssoldaten,

legten ihm den ersten ordentlichen Verband an und trugen ihn ins

nächste Feldlazarett, von wo er vor kurzem mit der Eisenbahn ins

Trierer Kriegslazarett transportiert worden war.

Der andere Soldat hatte zwei Nächte auf dem Feld gelegen und

unsagbar an Durst gelitten. Einige Male hatten Deutsche, die an ihm

vorüberkamen, ihm Wasser und Schokolade gegeben. Schließlich hatte man

Gelegenheit gefunden, ihn in das Verwundetenlager zu bringen. Wie sein

Kamerad sprach er seine Dankbarkeit aus über die Behandlung, die ihm

in Trier zuteil wurde, und aus mehreren Betten in der Nachbarschaft

erscholl Zustimmung. Die beiden deutschen Ärzte, die uns begleiteten,

erzählten, die französischen Verwundeten wollten gewöhnlich das

Lazarett nicht verlassen, da sie wie einfache Gefangene behandelt

werden, sobald sie wieder auf die Beine gekommen sind. Diese Auffassung

ist ganz natürlich und wird sicher von allen Verwundeten geteilt,

welcher Nation sie auch angehören mögen, denn es ist behaglicher, in

seinem warmen Bett zu liegen und auf alle Weise gepflegt zu werden, als

in einer Baracke zu wohnen oder in einem Gefangenenlager inmitten von

Senegalnegern, Marokkanern und Indern!

Schließlich kamen wir in ein Zimmer, in dem drei französische Offiziere

lagen. Einer von ihnen, der einen Lungenschuß hatte, schlief gut und

ließ sich durch unsere Unterhaltung nicht stören. Der andere hatte

einen gefährlicheren Lungenschuß, wurde immer von einem bösen Husten

geplagt, der ihm bei jedem Anfall den Kopf vor- und rückwärts warf.

Sein Zustand wurde für kritisch angesehen; auch wenn man die Adresse

seiner Angehörigen gewußt hätte, wäre es keine Freude gewesen, sie von

seinem Befinden zu unterrichten. Der dritte, ein großer, wohlbeleibter

Kapitän, hatte mehrere Jahre im südlichsten Marokko Dienste getan und

war an Kämpfe mit den Tuaregs in der Sahara gewöhnt. Aber dieser Krieg

war doch etwas ganz anderes. »~Terrible!~« Von seiner afrikanischen

Garnison her war er in diesen furchtbaren Krieg gerufen worden.

In einem Gefecht in Belgien hatte eine Kugel ihm den rechten Fuß

zerschmettert, während eine andere ihm ein paar Finger abriß. Er meinte

sich zu erinnern, daß ihm bereits auf dem Schlachtfeld seine Wunden

von deutschen Sanitätssoldaten oder Ärzten sorgsam verbunden worden

seien; dann war in einem Feldlazarett sein Verband erneuert worden.

Als verhältnismäßig Leichtverwundeten hatte man ihn nach Luxemburg

gebracht und jetzt nach Trier. Wahrscheinlich wußte er, daß er, sobald

er geheilt war, mit all den Vorteilen seines Ranges in Gefangenschaft

gehalten und außerdem die Hälfte des Soldes bekommen würde, den er in

seiner Heimat bezog. Nun lag er da, der Kapitän mit den freundlichen

Augen, der Adlernase und dem Vollbart, und versicherte jovial und

gutmütig, daß er über absolut nichts zu klagen habe, nur über das

Geschick, das ihm versage, noch weiter für sein Land zu kämpfen. Aber

er trug sein hartes Schicksal als Philosoph und als Mann. Ein Lächeln

umschwebte seine Lippen, und er war dankbar für die Hilfe, die er

empfing, und für das Interesse, das ihm die unbekannten Gäste erwiesen.

Die jungen Ärzte, die uns führten, berichteten, daß die deutschen

Soldaten sich immer und ohne Ausnahme an die Front zurücksehnten,

soweit ihr Zustand solche Gedanken nicht einfach unmöglich machte. Bei

den Franzosen sei die Stimmung eine andere: »Alles -- nur nicht zurück

an die Front!« Auch das ist aus psychologischen Gründen ganz natürlich.

Nichts drückt den Soldaten so nieder und demoralisiert ihn so, wie

eben die Gefangenschaft. Er spielt die Rolle des Schwächeren, er lebt

ausschließlich von der Gnade anderer, seine Kraft ist erschöpft,

seine Initiative gelähmt und seine Kampflust vergebens. Da sagt er,

um persönliche Vorteile zu gewinnen und aus einer an und für sich

widrigen Situation das Beste herauszuschlagen, manches, was er jenseits

der Feuerlinie niemals gesagt hätte. Deshalb würde man jedem Heere

unrecht tun, wenn man seinen Kampfwert nach den Aussagen der Gefangenen

beurteilen wollte.

Hierin findet man vielleicht auch die Erklärung für das Faktum, daß in

dem Trierer Lazarett, wenigstens in der Horn-Kaserne, die Sterblichkeit

unter den Franzosen viel größer war als unter den Deutschen. Die Wunden

der Deutschen heilen leichter und schneller als die der Franzosen, und

das psychologische Moment ist dabei von unverkennbarer Wirkung. Der

deutsche Soldat kann Zeitungen lesen und mit seinen Angehörigen Briefe

wechseln. Der französische Soldat ist ganz und gar von der äußeren Welt

abgeschnitten, ein Nachteil, von dem bis Ende September auch die in

Frankreich gefangenen Deutschen betroffen wurden. (Vergl. oben S. 18.)

Und ein Gefangener, der nichts von dem Gang des Kampfes erfährt, leidet

doppelt unter dem Eindruck, besiegt zu sein. Diese trostlosen Gedanken

wirken auf seinen Zustand zurück und vermindern seine Widerstandskraft,

er wird Fatalist und vermag nicht gegen den Tod anzukämpfen. Er gibt

alles verloren und hofft nicht einmal auf Wiederherstellung und

Heimkehr.

Ein Volk in Waffen · 第 59 / 105 题