6. Im Hauptquartier.

Als wir am Morgen des 18. September Trier verließen, waren wir über

die geographische Lage des Hauptquartiers genau so wenig unterrichtet

wie in Berlin. Wieder fuhren wir über die Mosel und warfen einen

Blick hinauf auf die Höhen, wo am 4. August Franzosen in Zivil den

Luftschiffern, die die deutsche Mobilisierung erkunden wollten,

Lichtsignale gegeben hatten. Bei der Flugstation machten wir halt und

betrachteten die »Tauben« in ihrem »Taubenschlag« von Zelttuch.

Dann nehmen wir Abschied von der Mosel. Links haben wir bereits die

Straßen nach Metz und Saarbrücken hinter uns, und nicht weit nach

Süden liegt die Grenze Lothringens. Hinter Wasserbillig kreuzen wir

den kleinen Fluß Sauer und sind damit im Großherzogtum Luxemburg. An

einem Eisenbahngleis hält uns ein unendlich langer, leerer Zug auf; er

fährt nach Deutschland, um Soldaten zu holen. Das Volk in Luxemburg

mustert uns mit gleichgültigen Blicken. Es ist vorbei mit dem Grüßen

und freundlichen Winken. Hier grüßt niemand, und niemand verrät seine

Gedanken -- freundliche Gedanken können es gerade nicht sein.

Schließlich schlängelt sich unser Weg in ein schönes Tal hinab. Auf

dessen Grund liegt ein Teil der kleinen und lieblichen Stadt Luxemburg.

Nunmehr aber beginnen wir zu suchen, denn ohne Zweifel ist hier das

Hauptquartier. Wachtposten mit geschultertem Gewehr stehen an den

Eingängen zu allen Hotels, überall werden Soldaten sichtbar, Offiziere

eilen in Automobilen vorüber. Auf einem Markt sind große Zelte für

Pferde aufgeschlagen, und vor ihnen stehen pfeiferauchende Wachtposten.

Und auf einem andern Markt stehen ganze Reihen von Kraftwagen, beladen

mit Benzin und Öl in zylindrischen Gefäßen.

Bei unsern Nachforschungen müssen wir die militärische Ordnung

beobachten und fahren daher auf das Haus zu, wo der Generalstab sich

einquartiert hat, und das unter gewöhnlichen Verhältnissen eine Schule

ist. Krum geht hinauf und kommt bald mit dem Bescheid zurück, daß

wir uns bei Oberstleutnant von Hahnke zu melden haben. Der schickt

uns zum Generalstabschef Exzellenz von Moltke, der eben mit seiner

liebenswürdigen schwedischen Gemahlin am Mittagstisch im »Kölnischen

Hof« sitzt. Frau von Moltke steht im Dienste des Roten Kreuzes und war

in dieser Eigenschaft zu kurzem Besuche in Luxemburg eingetroffen.

An ihrem Tische fühlte ich mich fast wie daheim, ich war ja so oft

in ihrem gastfreien Hause in Berlin gewesen. Ruhig, als wäre er im

Manöver, zündete sich der General seine Zigarre an und unterrichtete

sich genau über meine Pläne und Wünsche. Ich möchte die Front sehen,

erklärte ich ihm, soweit mir das überhaupt erlaubt werden könne, und

ich hätte die Absicht, zu schildern, was ich mit eigenen Augen vom

Krieg sehen würde. Wenn möglich, wollte ich einen Eindruck von einer

modernen Schlacht gewinnen; auch hoffte ich Gelegenheit zu finden, die

okkupierten Teile von Belgien zu besuchen.

Der General dachte eine Weile nach. Die Erlaubnis zum Besuch der Front

hatte ich bereits erhalten; es blieb also nur noch zu bestimmen, wo ich

am besten meine Studien beginnen konnte. Die Armee des Kronprinzen war

die nächste und in ein paar Stunden zu erreichen. Der General erklärte

sich also bereit, alles für meine Reise ordnen zu lassen; binnen kurzem

sollte ich über das Programm näheres hören. »Sicher sind Sie natürlich

nicht innerhalb des Operationsgebietes, es ist nicht weit bis dahin,

wenn Sie genau aufpassen, hören Sie den Kanonendonner von Verdun.«

Im Lauf des Tages wurde mir ein vom Generalstabschef unterzeichneter

»Ausweis« zugestellt. Er enthielt die Erlaubnis, dem Gang der

Ereignisse bei den verschiedenen Truppenteilen des Heeres beizuwohnen,

ferner die Bitte an alle Kommandobehörden, mir das weiteste

Entgegenkommen zu bezeigen und mich mit Rat und Tat zu unterstützen.

Dieses Papier war ein »Sesam öffne dich«; es gab mir fast unbeschränkte

Bewegungsfreiheit.

Das Große Hauptquartier ist das Herz der Armee, oder richtiger

sein Gehirn; hier werden alle Pläne entworfen, von hier gehen

alle Befehle aus. Ähnlich verhält es sich auch in Frankreich,

Rußland und Österreich. Deshalb ist das Große Hauptquartier ein

unerhört verwickelter Apparat mit einer im voraus bis ins einzelne

festgestellten Organisation. Wenn sich so ein Apparat in einer kleinen

Stadt wie Luxemburg niederläßt, werden alle Hotels, Schulen, Kasernen,

alle öffentlichen Gebäude und viele Privathäuser für die Einquartierung

in Anspruch genommen. Das Land, das Gegenstand der Invasion ist,

kann nichts tun, als sich in sein Schicksal finden. Aber nichts wird

ohne weiteres genommen, alles wird nach dem Krieg ersetzt. In einem

Hotel war das Kriegsministerium einquartiert, in einer Schule der

Generalstab, in einem Privathaus das Bureau des Automobilkorps usw.

General Moltke wohnte im »Kölnischen Hof«, der Reichskanzler und der

Minister des Äußeren in einem äußerst eleganten Privathaus, die meisten

Herren vom Stab und vom Gefolge des Kaisers im Hotel Staar, wo auch mir

ein Zimmer zur Verfügung stand.

Wenn ich mich aus leichtbegreiflichen Gründen nicht weiter beim

Großen Hauptquartier aufhalten kann, so muß ich doch etwas über Einen

Mann sagen, den ich dort traf, und den ich für eine der größten

und merkwürdigsten Gestalten der Geschichte, den mächtigsten und

imposantesten Herrscher unserer Zeit, und außerdem für einen der

genialsten und interessantesten Menschen halte.

Ein Volk in Waffen · 第 60 / 105 题