[Illustration: Abb. 176. +Bruder Martin.+ 1873. (Zu Seite 94.)]
Für Musik hatte Richter großes Interesse; besonders fesselnd und
anregend waren ihm die Trio- und Quartettabende, in denen die
hervorragendsten Künstler und Mitglieder der königlichen Hofkapelle
die beste Musik in edler, künstlerischer Weise vorführten; diese
Aufführungen waren ihm stets ein besonderer Hochgenuß. Den
Opernvorstellungen und dem Schauspiel war er in den letzten Jahren
seiner Augen und seines Gehörs wegen fern geblieben. Bach, Haydn,
Gluck, Mozart, Beethoven begeisterten ihn. Bei Wagners Opern
interessierten ihn besonders die Stoffe, wenn ihn auch manches in
Wagners Musik, insonderheit in der späteren Periode, die mit den
„Meistersingern“ beginnt, etwas befremdete; 1869 zeichnete er auf: „Die
Meistersinger von Wagner habe ich zweimal gehört. Prinzipiell nicht
einverstanden mit seiner Richtung, bin ich doch hingerissen von der
romantischen Schönheit seiner Musik und seiner Stoffe.“ Am liebsten
aber war es ihm, wenn er im eigenen Hause, in seinem behaglichen
Hauspelz, in einer Ecke sitzend, Musik hören konnte. Sein Sohn
Heinrich, der in Leipzig und München früher Musik studiert hatte und
in letzterer Stadt auch mit dem Sänger Ludwig Schnorr, dem Sohn Julius
Schnorrs, verkehrte, spielte ihm oft vor; es wurde auch viel vierhändig
gespielt, auch öfters von den weiblichen Verwandten gesungen. Und
so trug gute Musik, von kunstverständiger und kunstsicherer Hand
ausgeführt, zur Verschönerung seines Lebensabends wesentlich bei.
Ich mußte dabei oft an die Bilder des Meisters denken, in denen er
„Hausmusik“ schilderte und verherrlichte, wie in Abb. 133 und besonders
in dem schönen Titelblatt zu Riehls Hausmusik, das er 1855 gezeichnet
hatte.
[Illustration: Abb. 177. +Mailust.+ Aus „Altes und Neues“. 1873.
Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 94.)]
Der Kreis der alten Freunde lichtete sich mehr und mehr. 1879 nahm ihm
der Tod auch seine alten Freunde Krüger und Peschel. Carl Peschel,
einer der Getreuen aus der Zeit des römischen Aufenthaltes, war ihm
ein lieber und trefflicher Freund, der bis in sein hohes Alter (er
war 1798 geboren) sich Frische und Produktionskraft erhielt; zeigten
doch seine letzten Arbeiten, Kartons zu Fenstern für eine Kirche in
England, noch wesentliche Fortschritte. In seiner Kunst schloß er sich
den altdeutschen Meistern an. Er hat eine Reihe tüchtiger Altarbilder
aus innerster religiöser Überzeugung geschaffen, die zu den besten
Werken kirchlicher Kunst aus dieser Epoche gehören. Es sei hier nur
eine „Kreuzigung“ genannt, die er als Altarbild für die Kapelle des
Prinzenpalais in Dresden ausführte. War Richter eine produktive Natur,
so war die Peschels mehr kontemplativ, und so ergänzten sich beide sehr
gut. Peschel zählte zu den Hauptstützen der Dresdener Akademie; er
unterrichtete viele Jahre mit größter Gewissenhaftigkeit im Antiken-
und Aktsaal und zeigte warmes Interesse für seine Schüler. Die an seine
Braut gerichteten Briefe aus seiner römischen Studienzeit, die über die
Entwickelung der neudeutschen Kunst gewiß vieles Interessante enthalten
haben, sind seiner Witwe auf deren ausdrücklichen Wunsch mit in den
Sarg gelegt worden. -- Auch der alte Freund Julius Hübner schied Anfang
der achtziger Jahre von dieser Erde.
[Illustration: Abb. 178. +~Sub rosa.~+ Aus „Altes und Neues“. 1873. (Zu
Seite 94.)]
Unser Meister war nun recht einsam und verlassen, aber doch nicht
vergessen. Das sah er zu seiner Freude an seinem achtzigsten
Geburtstage, an welchem ihm so viele Zeichen und Beweise treuer
Liebe und dankbarer Verehrung aus allen Gegenden Deutschlands von
alt und jung entgegengebracht wurden. Er war tiefbewegt von alledem,
aber demütig und fast verlegen nahm er solche Huldigungen entgegen.
Am meisten freuten ihn Zuschriften und kleine Aufmerksamkeiten aus
dem Volke, die oft in recht drolliger und humoristischer Weise die
Verehrung für den Meister zum Ausdruck brachten. Wir wollen hier nur
eine Zusendung anführen, die aus Schlesien an diesem Tage einging:
[Illustration: Noten zum untenstehenden Liedtext]
„Wer uns den Rübezahl erschuf,
Wie unser Ludwig Richter,
Der ist ein Maler von Beruf
Und von Beruf ein Dichter.
Bei allem Herben leuchtet vor,
Aus Mensch- und Tiergestalten,
Des Lebens Trost, deutscher Humor,
Gott mög’ ihn dir erhalten!
Gott segne dich, du edler Greis,
Du Freund von Alt und Jungen!
Aus Schlesien wird’s zum Festtagspreis
Dem Achtziger gesungen!
Der Sänger und der Dichter
Ist auch (jedoch Amts-)Richter,
Reist stets noch mit dem Ränzel
Heißt Amtsgerichtsrat .......“
In seiner Biographie klagt er, daß die Anforderungen, die dieser Tag
an ihn gestellt, über seine Kräfte gingen, und schreibt dann: „Ich
fühlte mich noch an den folgenden Tagen durch diese vielen Ehren- und
Liebeszeichen freudig gehoben, aber ebensosehr innerlich gebeugt:
denn wodurch hatte ich dieses alles verdient? Meine Arbeiten waren
doch meine eigene höchste Lust und Freude gewesen, und das Gute und
Lobenswerte daran lag doch gerade in dem, was man nicht bloß lernen
oder sich selber geben kann, sondern es war das, was uns geschenkt
wird: die Gottesgabe, das Talent.“ Aus diesen Worten erkennt man wieder
den durch und durch demütigen Menschen und Künstler.
[Illustration: Abb. 179. +Wenn ich dich hätte.+ 1870. Aus „Altes und
Neues“. 1873. (Zu Seite 94.)]
Im Jahre 1856 war der bekannte feinsinnige Kunstfreund Eduard Cichorius
aus Leipzig zum erstenmal nach Dresden gekommen und hatte hier durch
August Gaber unseren Meister kennen gelernt. Es entwickelte sich
in der Folge ein warmes Freundschaftsverhältnis zwischen beiden
Männern. Cichorius fing an, Zeichnungen von Richter zu sammeln,
und mit sicherem Blick und feinem Verständnis für die Eigenart des
Meisters brachte er die größte und hervorragendste Sammlung zusammen,
der er auch eine stattliche Reihe von Handzeichnungen J. Schnorrs,
viele von den Zeichnungen zu dessen großem Bibelwerk und die früher
erwähnten Landschaften aus Italien einverleibte. Er erwarb auch eine
Reihe von Ölbildern Richters, von denen er einige dem Städtischen
Museum in Leipzig überwies. Der Meister kam, so oft Cichorius
wieder in Dresden weilte, viel zu ihm ins Hotel, wo sich dann beim
Betrachten der Zeichnungen die interessantesten Gespräche anknüpften.
Cichorius schreibt in der „Liebesspende“ für die Kinderheilanstalt in
Dresden (von Zahn & Jaensch, Dresden) im Dezember 1884 darüber: „Im
vertraulichen Gespräch, wo Richter sich gehen ließ, sich ganz frei
fühlte, war er der anziehendste, geistvollste Gesellschafter, der sich
nur denken läßt. Ein solches sich stundenlang ausdehnendes Zwiegespräch
war von hohem Genuß; ein lebhafter Austausch, ein gegenseitiges Geben
und Empfangen, bei wesentlicher Übereinstimmung im ganzen. Kleine
Abweichungen in den Ansichten bilden ja erst die rechte Würze der
Unterhaltung.“ Und weiter schreibt er an derselben Stelle: „Wohl
trennte uns vielfach Neigung und Meinung, vorzugsweise in politischen,
aber auch in Fragen nach den höchsten Dingen, und es traten hier oft
schärfere Gegensätze hervor, aber er bewährte sich auch hier als ein
echter Freund; er gab seine Meinung nicht auf, vertrat sie aber immer
auf sanfte und milde Weise. So blieb unser Verhältnis ungetrübt, und
dabei war das Verdienst ganz und gar auf seiner Seite.“ In diesen
vortrefflichen Aufsatz werden auch Briefe Richters an Cichorius aus
den Jahren 1876-1883 zum Abdruck gebracht, aus denen man ersieht, wie
freundschaftlich er ihm zugetan war. Das Freundschaftsverhältnis war
bis an Richters Lebensende das denkbar beste, Cichorius bewahrt ihm das
treueste Gedenken.
[Illustration: Abb. 180. +Heimkehr der Landleute nach Civitella.+