Die angeführten Strophen, von denen er bei Gelegenheit sagt:
„Jede Zeile eine Perle!“ -- „enthielten für Richters Denk- und
Empfindungsweise die Quintessenz aller praktischen, christlichen
Lebensweisheit“. Auch für die Schriften Gottfried Heinrich von
Schuberts, die wissenschaftlichen wie die erbaulichen, hatte er das
größte Interesse; er nennt ihn in der Biographie neben Kempis und
Claudius seinen Lehrer und Führer; er lernte ihn 1850 persönlich durch
Schnorr in München kennen. „Schubert galt ihm als der protestantische
und der edle Bischof Sailer von Regensburg († 1832) als der katholische
Hauptvertreter jener milden Geistesrichtung, welche das Christentum
universell zu fassen weiß und die konfessionellen Gegensätze und
formalen Differenzen innerhalb der Christenheit nicht zu Schranken
werden läßt, durch die sich glaubensbedürftige Menschen innerlich
voneinander getrennt sehen.“ „Sailers Gebetbuch, Kempis und der alte
Claudius tuen mir am wohlsten, und vor Allem die Bibel“, schreibt er
1873; (das Gebetbuch schenkte er seiner Enkelin Margarete als Mitgabe
in den Ehestand). Eckermanns Gespräche mit Goethe, Richard Rothes
„Stille Stunden“ und das von Fr. Nippold herausgegebene Buch „Richard
Rothe, ein christliches Lebensbild“, auf Grund der Briefe Rothes
entworfen (Wittenberg, Herm. Kölling), waren ihm höchst wertvoll und
hochsympathisch.
[Illustration: Abb. 169. +Der kreuzlahme Kraxelhuber.+ 1868. (Zu Seite
90.)]
Mit hoher Begeisterung betrachtete er die Werke Joseph Führichs,
die dieser hochbegabte Künstler in den letzten fünfzehn Jahren
seines Lebens dem deutschen Volke darbrachte. Die auffallend freiere
Entfaltung dieses großen Talentes in dessen späteren Jahren, das
hohe Stilgefühl, die Romantik und die tief religiöse Anschauung
erregten seine größte Bewunderung. Die Bilder zum Bethlehemitischen
Weg, zu Thomas von Kempens vier Büchern von der Nachfolge Christi,
zu den Psalmen usw. bereiteten ihm bei ihrem Erscheinen eine wahre
Herzensfreude. Auch die Overbeckschen sieben Sakramente erfüllten ihn,
als er sie um 1865 zum erstenmal sah, mit aufrichtiger Bewunderung,
obwohl in den späteren Overbeckschen Werken im Gegensatz zu dessen
Jugendarbeiten ihn manches innerlich weniger berührte; hier aber schien
ihm Overbeck auf der Höhe zu stehen. Daß ihn die Werke Rethels, dieses
größten Meisters auf dem Gebiet der Geschichtsmalerei im neunzehnten
Jahrhundert, dessen „Totentanz“, die Kompositionen zu den Fresken für
den Rathaussaal in Aachen aus dem Leben Karls des Großen, ferner der
„Tod als Freund“ und der „Tod als Erwürger“ und die früher erwähnten
Bibelblätter aufs höchste mit Bewunderung erfüllten, versteht sich von
selbst. Von den Kartons für Aachen sah er einige in Dresden entstehen.
Er sprach oft über den den Sturz der Irmensäule darstellenden Karton,
und wie ihm ganz besonders die stilvolle und so eigenartig behandelte
Landschaft behagte.
[Illustration: Abb. 170. +Wen solche Taten nicht erfreuen.+ 1868.
(Zu Seite 90.)]
Von Cornelius’ Kunst hatte er immer einen mächtigen Eindruck. Mit
ungewöhnlichem Interesse stand er Mitte der siebziger Jahre, als er
von einem Aufenthalt auf Sylt auf der Rückreise Berlin berührte, vor
den Camposantokartons in der Nationalgalerie. Die Cornelianischen
„Nachtreter“ lehnte er ab; hier sah er sicher und klar, was „Eigenes“
war, und zitierte oft scherzend, wenn er vor „cornelianisch“ sein
sollenden Kompositionen stand: „Wie er sich räuspert und spuckt, das
haben sie ihm glücklich abgeguckt.“ Besonders hoch hielt unser Meister
auch die Werke von Ludwig Knaus. Bei Gelegenheit eines Besuches in
der Privatgalerie von Johann Meyer in Dresden, wo die beiden Bilder
„Durchlaucht auf Reisen“ und die „Beerdigung auf dem Lande“ dieses
größten deutschen Genremalers des neunzehnten Jahrhunderts sich
befinden, wurde er nicht müde im Betrachten, kam auch immer wieder auf
diese beiden Werke zurück. Die treffliche Charakteristik in beiden
Gemälden, die scharfe Beobachtung, die Individualisierung jeder
einzelnen Gestalt, und nun gar der liebenswürdige Humor in „Durchlaucht
auf Reisen“ und die meisterhafte Durchführung beider Bilder machten
den größten und nachhaltigsten Eindruck auf ihn. Das in der Dresdener
Galerie befindliche Bild von Knaus „In der Kunstreiterbude“, die
Unterhaltung eines Roués mit einer „Kostümierten“, war ihm des
dargestellten Gegenstandes wegen unsympathisch; er war darüber
ungehalten, daß man von diesem von ihm so hochgeschätzten Meister
gerade dieses Bild erworben hatte. Über die Ausstellung in München
1869 schreibt er: „Mich interessierten nur die Bilder von Knaus und
Steinles ‚Christus geht bei Nacht mit den Jüngern‘ und sein herrlicher
Karton in Farben: ‚Schneeweißchen und Rosenrot‘. Ähnliches möcht’ ich
machen!“ Für die Landschaften von C. F. Lessing aus dessen +früherer+
Periode hatte Richter eine besondere Vorliebe; im Städelschen Institut
in Frankfurt a. M. befindet sich ein Bild von diesem Meister: Unter
schattigen Bäumen am Brunnen ruht ein Ritter, draußen sieht man auf
braune, im Mittagssonnenschein glänzende Heide; dahinter dunkler Wald.
Dieses Bild liebte er sehr, er besaß eine kleine Nachbildung davon, die
er gern und mit großer Freude betrachtete.
[Illustration: Abb. 171. +Den Stammtischgenossen.+ 1870.
(Zu Seite 90.)]
Sein Haus war schlicht und einfach, ebenso sein Tisch anspruchslos
bürgerlich; er sah gern einen oder zwei Tischgäste bei sich,
selbstverständlich möglichst Nahestehende aus der Verwandtschaft, dann
war er ungeniert und konnte in dem gewohnten Hauspelz sitzen. Das kurze
Tischgebet sprach er schlicht und einfach, daß man ihm mit Ehrfurcht
folgen mußte. Bei Tisch pflegte er eine gleichmäßig freundliche
Unterhaltung und würzte das Mahl durch manchen trefflichen Gedanken,
dabei immer demütig und voll innerster und wahrster Herzensgüte.
Seit einer Reihe von Jahren sorgte ein Hamburger Kunstfreund (ich
denke, es ist in dessen Sinne, wenn ich seinen Namen verschweige) für
vorzügliche Weine und sonstige Stärkungsmittel, deren sein hohes Alter
bedurfte. Wenn er solch kostbaren Stoff kredenzte, gedachte er stets
mit rührender Dankbarkeit, aber immer im Gefühl des Unverdienten, des
freundlichen Spenders. Ebenso einfach waren die Abende bei ihm; vor
dem Abendtisch wurde eine, auch zwei Stunden lang vorgelesen; das
Gehörte gab beim Abendessen Stoff zu anregender Unterhaltung. Der
Meister war oft heiter, erzählte gern fröhliche Episoden aus seinem
oder seiner Freunde Leben, ließ oft seinem wirklich guten und echten
Humor, den er in hohem Maße besaß, freien Lauf, hörte aber auch gern
zu. Nach Tisch wurde dann weiter gelesen, er saß dabei im bequemen
grauen Hauspelz in seiner Sofaecke, über den Augen einen großen, grünen
Schirm, die Hand am Ohr, da er schließlich auch schwerer hörte; so
konnte er stundenlang dem Vorleser zuhören und war stets mit regstem
Interesse dabei, sprach oft dazwischen, geistreich und lebendig
anknüpfend an irgendwelche Stelle des eben Vorgelesenen.
[Illustration: Abb. 172. +Melusine am Brunnen.+ 1870. (Zu Seite 90.)]
[Illustration: Abb. 173. +Sitzendes Mädchen.+ (Zu Seite 93.)]
[Illustration: Abb. 174. +Aus der Jugendzeit.+ 1871. (Zu Seite 93.)]
Sein Tagewerk begann Richter mit dem Lesen einer Morgenandacht und
der Herrnhuter Losungen; er wechselte bei diesen Morgenbetrachtungen
mit den Büchern und sprach oft längere Zeit über das Gelesene mit den
Seinen, belehrend und fördernd. Die Abb. 115 schildert eine solche
Morgenbetrachtung in seinem Hause, im Kreise der Seinen. In der Folge
mußten ihm auch diese Andachten vorgelesen werden. Darauf begab er
sich in sein Arbeitszimmer. In seiner Vaterstadt Dresden hat man jetzt
auf Betreiben des Stadtarchivars ~Dr.~ Richter im Stadtmuseum, in der
Nähe seiner Wohnung, in der er sein reiches Leben abschloß, ein Ludwig
Richter-Zimmer eingerichtet, in dem Reliquien des verehrten Altmeisters
aufgestellt sind. Hier ist der Arbeitstisch, an dem er viele Dezennien
so fleißig geschafft, mit allem, was darauf untergebracht war, bis
auf die kleine Vase, in der einige Blümchen, je nach der Jahreszeit,
sein Auge erfreuten, und was sonst noch von Inventar sich erhalten;
man hat annähernd dort einen Eindruck von der Anspruchslosigkeit
in seinem Hause. Über seinem Arbeitstisch hing das kleine, in Öl
gemalte Selbst-Porträt seines römischen Jugendfreundes Maydell und
das von Amsler so schön gestochene Porträt Fohrs; wie oft mögen, wenn
seine Augen über diese beiden Bildnisse hinstreiften, die römischen
Jugenderinnerungen an ihm vorübergezogen sein! „Karl Philipp Fohr
war sein künstlerisches Jugendvorbild auf dem Gebiete stilvoller und
dabei manierloser Naturauffassung.“ Zur Seite des Tisches standen
Mappen mit seinen Lieblingsblättern, Stiche und Radierungen, die er
oft betrachtend durch seine Finger gleiten ließ und sich zur eigenen
Arbeit daran erfrischte und anregte. Es war eine gewählte Gesellschaft,
die da, still aneinander gereiht, zusammenlag. Der größte Teil davon
waren, außer den trefflichen Radierungen J. C. Erhards, Blätter aus der
romantischen Zeit, in der er aufgewachsen war, aber auch Rembrandt,
Berghem, Dietrich, Ostade, Teniers, vor allem Dürer, Fiesole usw. waren
vertreten. Er bewahrte auch einen kleinen Schatz von Handzeichnungen
dabei, unter anderen solche von Schnorr, Schwind, Overbeck, Horny,
Fohr, Berthold, Erhard, Chodowiecki, Dreber, Hasse und anderen. Auch
Pausen nach Schwind, Reinhold usw. waren hier eingereiht. Ehe er
an seine Arbeit ging, skizzierte er oft nach Dürer oder anderen
altdeutschen Meistern eine oder mehrere charakteristische Figuren oder
Teile aus einem Blatt, Bäume, Hügel, ein Stück Ferne und Wolken. Diese
Handübungen wanderten dann in den Papierkorb. Sobald er bei seinen
eigenen Arbeiten über den darzustellenden Gegenstand im klaren war,
zeichnete er mit zartem Strich die Figuren und die ganze Komposition
hin. Oft machte er drei, vier und mehr Skizzen auf Papier verschiedenen
Formates und Tones, bis er das annähernd im Aufbau erreicht hatte,
was er suchte; das, was ihm nun am gelungensten erschien, führte er
weiter aus. Die Abbildungen 145 und 186 sind solche Entwürfe. Von der
Gruppe zu dem Bild „Die Laurenburger Els“ besitze ich allein sechs
Entwürfe. Wenn er später solche wieder zu Gesicht bekam, war er oft
verwundert über seine eigene Wahl, er fand, daß er nicht immer den
richtigen Entwurf zur weiteren Ausführung gewählt. Den einen oder
anderen dieser beiseite gelegten Entwürfe führte er später wohl auch
noch aus. Bei der Arbeit pflegte er manchmal leise vor sich hin zu
singen oder zu pfeifen, beliebige Volksliedmelodien, heitere und
ernste. Sobald der Tag sich neigte, legte er die Arbeit fort und eilte
zum Spaziergang nach dem „Großen Garten“, dem öffentlichen königlichen
Park in Dresden, wo er mit Freunden in einem kleinen engen Lokal
„Beim Hofgärtner“ seinen Kaffee einnahm und wo dann eine lebhafte
Unterhaltung gepflegt wurde. Früher hatten im Café Meißner solche
Zusammenkünfte stattgefunden, an denen außer Künstlern wie Rietschel,
Hähnel, Bendemann, Peschel usw. auch Schriftsteller und Schulmänner
teilgenommen; mit den Jahren hatte sich dieser Kreis aufgelöst. Später
finden wir dann den Meister, nachdem er seinen Spaziergang gemacht,
an dem Stammtisch im British Hotel, den wir schon erwähnten. Die
Abend- oder gar Nachtstunden hat er zur Arbeit nie mit herangezogen,
diese wurden nur für die laufenden Korrespondenzen und für das Lesen
ausgenützt, letzteres erstreckte in jüngeren Jahren sich oft bis in
späte Nachtstunden. Briefschreiben war ihm immer eine Last, er schreibt
einmal: „-- aber vor dem Tintenfasse habe ich eine Scheu, wie die
Kinder vor dem schwarzen Feuerrüpel“ (Schornsteinfeger). -- Sein Freund
E. Oehme z. B. hatte die Gewohnheit, zu jeder Stunde der Nacht, wenn
ihn irgend eine Stelle eines in Arbeit befindlichen Bildes beunruhigte,
wieder aufzustehen und sich vor die Staffelei zu setzen. Richter sprach
darüber oft, als über etwas, das er nicht verstehen könne.
[Illustration: Abb. 175. +Kartoffelernte.+ 1865. Aus „Altes und Neues“.
1873.