Aus „Fürs Haus“. 1860. (Zu Seite 76.)]

In dem damals noch einfachen, ländlichen Gasthof in Loschwitz trafen an

einem bestimmten Abend in der Woche in den Sommermonaten die Genossen

vom Stammtisch des Winters zusammen. In liebenswürdigster Unterhaltung

wußte unser Altmeister immer den Gesprächen eine ernstere Wendung zu

geben, war immer anregend und geistig belebend, oft schalkhaft launig

und konnte auch recht herzlich lachen; immer lag aber über seinem Wesen

eine wohltuende Stille und Zartheit. Die Stammtischgenossen waren meist

hohe Staatsbeamte, Professoren von verschiedenen Lehranstalten und

unser Münzgraveur Krüger, Peschel, des Meisters Sohn und Schwiegersohn,

~Dr.~ Heydrich, Bildhauer Professor ~Dr.~ Gustav Kietz, der Freund

Richard Wagners, dem wir ein treffliches Buch „Richard Wagner in den

Jahren 1842 bis 1849 und 1873 bis 1875“ verdanken (Dresden, Carl

Reißner), und so mancher andere treffliche Mann. Beim Nachhausegehen

war unser Münzgraveur stets der Lichtspender; er kam nie zu solchen

Abenden, ohne sein Laternchen mitzubringen, und in den dunklen

Weinbergswegen leistete das auch seine guten Dienste. Unserem Meister

waren freilich die Wege längst vertraut. Wie oft in der langen Reihe

von Jahren ist er dieselben hinauf- und hinabgestiegen! Künstlerische

Gestalt haben solche Abende z. B. gewonnen in dem Bilde: „Bürgerstunde“

(Abb. 141). Der „Eingeweihte“ fand in solchen Bildern Richters oft

Gestalten aus der Tafelrunde. Des Abends nach dem Abendbrot ging er

oft noch im Vorgärtchen des Häuschens, in dem er die Sommermonate

zubrachte, mit sich beschäftigt, auf und ab, im Nachdenken über

manches Schwere, das ihm zu tragen beschieden war. Besonders sein Sohn

Heinrich, der so viel an Melancholie litt, machte seinem Vaterherzen

große Sorgen. Wir finden in der Biographie eine Aufzeichnung vom

28. August 1872: „Ich ging des Nachts im Weingang vor dem Hause auf

und ab. Das niedere Häuschen lag schwarz vor mir, die Haustür offen

und vom Licht in der Küche erhellt. Oben funkelte das Sternbild des

‚Himmelswagen‘ über dem Dache. Es war mir so traurig im Herzen über

das viele Elend auf Erden. Und gibt es denn etwa noch mehr Not und

Jammer auch auf all den Sternen? Vielleicht sind das aber Welten voll

Jauchzens oder voll stillseligen Glückes?“ Wir sehen, wie seine Seele

leidet unter der Last, wie er die Blicke nach oben richtet.

[Illustration: Abb. 144. +Kindersymphonie.+ Verlag von Alphons Dürr in

Leipzig. 1858. (Zu Seite 78.)]

[Illustration: Abb. 145. Skizze zu dem Ölbilde „+Im Juni+“. 1857. 1858.

(Zu Seite 78.)]

Wie oft habe ich den würdigen Greis in diesem Weingang wandeln sehen,

wie oft ging ich im Gespräch an seiner Seite! In stiller, friedlicher

Abgeschlossenheit lag des Meisters kleines Asyl, in dem er in den

letzten zwölf Jahren mit seiner Tochter Elisabeth die Sommermonate

zubrachte, in Obstbäumen und Weinstöcken halb versteckt, abseits von

den modernen Villen und vom lärmenden Fremdenverkehr, so ganz nach

seinem Sinn. Kleine, niedrige Zimmer zu ebener Erde, die auf einen

Flur mündeten, von dem man in den Garten und durch den Weingang zur

Gartentür gelangte; vor der Tür wogende Kornfelder, hinter denen sich

der Wald erhob. 1871 schrieb er nieder: „Ein stilles, friedliches

Daheim, ein kleines, freundliches Asyl, mit einem Blick ins Weite,

in das kleinste Stück Natur, mit der Kunst und mit Gott, ist mir

das Beste, Liebste und Höchste. Alles so äußerliche, bloß kluge,

anspruchsvolle und dem Schein huldigende Treiben, wie es jetzt in den

großen Städten vorherrscht, ist mir im Innersten zuwider.“ In der

Hauptsache entsprach dieses Häuschen seinen bescheidenen Wünschen und

Anforderungen, und wie war es hier so traulich, bei ihm zu sitzen und

ihm zuzuhören oder ihm vorzulesen, wie war er immer mitteilsam und

voller Interesse für alles das, was in seinem Ideenkreise lag! Man

ging nie von ihm, ohne irgend welche Anregung empfangen zu haben, und

wie war er dankbar, wenn man ihm, dem mehr und mehr Vereinsamten, von

der Welt draußen berichtete, von den neuen Strömungen in der Kunst ihm

mitteilte, die nach ganz anderen Zielen als die seinen drängten. Mit

seinen schwachen Augen konnte er neue Bilder ja kaum mehr sehen! Am

Silvesterabend 1874 schreibt er nieder: „Die letzten Lebensjahre haben

mich zu tieferer Einkehr und Prüfung geführt, ich danke Gott von Herzen

dafür und fühle in mir einen Frieden und ein Glück, wie es die Welt

nicht geben kann. Der Herr sei ewig dafür gelobt!“ Freilich wurde ihm

dieser innere Friede oft genug gestört, aber er blieb stets ruhig und

gottergeben.

[Illustration: Abb. 146. +Heimkehr vom Felde.+ 1858. (Zu Seite 80.)]

[Illustration: Abb. 147. +In der Kirche.+ Aus dem „Sonntag“. 1861.

Ludwig Richter · 第 58 / 72 题