In Loschwitz haben Richters Schüler viel Studien gesammelt und sich
so manches Motiv zu Bildern geholt. Die alten behaglichen Hütten,
die Waldwege und Stege, die lieblichen Wiesengründe, die Bäche und
Mühlen, die bunten Gärtchen, Obsthänge und Weingelände, -- wie wußte
er den Schülern die Schönheit und Poesie dieser idyllischen Natur zu
erschließen! Die strohbedeckten Häuser unter blühenden Linden- oder
Obstbäumen, mit einem Blick in die blaue Ferne, waren ihm wie Bilder
von Van Eyck.
Bei Gelegenheit eines Ausfluges von Ostende, wo er zur Stärkung seiner
angegriffenen Nerven weilte, nach Brügge, schreibt er unter dem
Eindruck der herrlichen Bilder Eycks und Memmlings am 19. August 1849
in sein Tagebuch: „Ich möchte jetzt nur meine sächsischen Gegenden und
Hütten malen und dazu die Menschen, wie sie jetzt sind, nicht einmal
mittelalterliches Kostüm. Ein Frühlingstag mit grünen Korn- und gelben
Rübsenfeldern, jungbelaubte Linden- und Obstbäume, der Bauer, der da
ackert im Schweiße seines Angesichts und auf Hoffnung von Gottes Segen,
und die kleinen talkigen, unschuldigen Bauernkinder, die dem Vater
einen Trunk bringen oder heiter spielen und Sträuße binden, da sie
noch im Paradieszustände der Kindheit leben, während der Alte arbeiten
muß; dazu Schwalben in der Luft, Gänse auf der Wiese und Goldammer im
Gebüsch, der Hausspitz oder die Kühe auch bei der Hand; das alles,
so recht treu, streng, innig und lieblich wiedergegeben in Memmlings
Sinn und frommer, einfältiger und liebevoller Weise, das hätte gewiß
Interesse und Bedeutung genug. Wir können nicht immer und nicht alle
Heiligenbilder machen.“
[Illustration: Abb. 132. +Weine nicht, Helmchen.+ Aus „Fürs Haus“. 1858.
(Zu Seite 74.)]
Man nennt Ludwig Richter den Maler und Jean Paul Richter den Dichter
der deutschen Gemütswelt. Unser Meister schreibt darüber, wie er
Jean Paul mit innigster Freude betrachtet und in wie wundervoller
Poesie dieser die Schönheit kleinster Verhältnisse und Dinge
schildert: „Ist es nicht verdienstlich, auch in malerischer Form die
Schönheit des Lebens und seiner Erscheinung, selbst in den kleinsten
und gewöhnlichsten Gegenständen, aufzudecken? Die Liebe macht ja
alles bedeutend und wirft einen Himmelsschimmer auf alles, was sie
betrachtet. Was sie anrührt, wird Gold.“
[Illustration: Abb. 133. +Hausmusik.+ Aus „Fürs Haus“. 1858. (Zu Seite
74.)]
Richter verstand es wie wenige Künstler, dem kleinen und engen
Erdendasein Schönheit abzugewinnen und es in künstlerisch-schöner Form
wiederzugeben; ihm war ein Hüttchen am blumigen Hang unter Obstbäumen
mit dem stillen Getriebe seiner Bewohner der Darstellung wert; er
verstand es, uns solch ein einfaches Motiv sympathisch ans Herz zu
legen, solche einfache Vorwürfe in der ihm eigenen Art in Form und
Farbe und immer mit entsprechender reizvoller und liebenswürdiger
Staffage belebt, künstlerisch beseelt zu verklären. -- Seinen Schülern
gegenüber war unser Meister sehr teilnehmend und ermunternd. Seine
Schule trägt ein ganz bestimmtes Gepräge; die Zeichnungen seiner
Schüler haben einen ganz bestimmten Typus. Leicht mit der Feder
gezeichnet oder leicht mit Farben angehaucht, angetönt, haben sie etwas
von der Innigkeit des Meisters in der treuen Wiedergabe der Natur, je
nach der individuellen Veranlagung, wie das ja selbstverständlich ist;
auch in der Art der Staffage ist ein gewisser Schnitt unverkennbar. Es
geht ein liebenswürdiger Zug durch alle Arbeiten aus seiner Schule.
[Illustration: Abb. 134. +Auf der Wiese.+ Aus „Fürs Haus“. 1859. (Zu
Seite 74.)]
[Illustration: Abb. 135. +Wanderschaft.+ Aus „Fürs Haus“. 1859. (Zu
Seite 75.)]
[Illustration: Abb. 136. +Hänsel und Gretel.+ Aus „Fürs Haus“. 1860.
(Zu Seite 75.)]
[Illustration: Abb. 137. +Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben.+
Aus „Fürs Haus“. 1861.
(Zu Seite 75.)]
Zu Anfang ließ er die jungen Schüler die ihm von früher Jugend an
so lieb gewordenen landschaftlichen Radierungen J. C. Erhards oder
die des geistreichen Franzosen Eugen Bleury oder solche von A. van
Everdingen, A. Waterloo, H. van Svanefelt, J. de Boissieu oder
Zeichnungen nach der Natur von ihm, seinem Jugendfreund Oehme oder von
seinen früheren Schülern in Blei, Feder oder Aquarell kopieren. Die
köstlichen Federzeichnungen von Franz Dreber bevorzugte er besonders
und wußte auf das eingehendste die Schönheiten solcher Zeichnungen,
das Besondere oder Eigenartige in der Auffassung des Gegenstandes,
dem Studierenden klar zu machen, das Verständnis zu fördern und ihn
für die Arbeit zu begeistern. Daß es ihm oft schwer wurde, mit dem
weniger veranlagten Schüler etwas „anzufangen“, besagt eine Stelle
aus einem Briefe: „Das Atelier macht mir jetzt wenig Freude, obwohl
alle (Schüler) recht liebe Leute sind, nur zu viel Prosa und damit
verstehe ich nichts zu machen.“ Wer lehrt oder gelehrt hat, gleichviel
in welchem Fache, weiß, wie schwer es ist, dem weniger Veranlagten
als Lehrer wirklich „etwas zu sein“. Obwohl es ihm ganz fern lag,
bestimmenden Einfluß auf die Schüler auszuüben, wirkte doch die Macht
der Persönlichkeit des edlen Meisters auf die Nachstrebenden. Er
wußte, wie wenige Lehrer, das heilige Feuer der Begeisterung in seinen
jungen Schülern anzuzünden und ihnen die Augen zu öffnen für das
Verständnis der altdeutschen Meister, vor allem der Brüder van Eyck,
Memmlings und Dürers, der großen Niederländer Rubens und Rembrandt,
für Holbein und den großen Venezianer Tizian, ganz besonders aber für
die Romantiker, Schwind obenan. Wie verstand er, die Schüler für seine
Kunstideale zu erwärmen und sie auf die eigentlichen Aufgaben wahrer
Kunst hinzuweisen! Gern zog er hierbei das Gebiet der Literatur, in dem
er wohl bewandert war, mit heran und versuchte, Kunst und Literatur
mit- und durcheinander vergleichend, seine Anschauungen zu begründen.
Durch derartige Belehrungen, an welche sich oft die eifrigsten
Disputationen anschlossen, wurde so manches Samenkorn in die jungen
Künstler versenkt. -- Solcher höchst anregender Gespräche erinnere ich
mich gern; sie fielen meist in die Zeit der beginnenden Abenddämmerung,
in welcher der würdige Meister des öfteren zwanglos zum Atelier kam,
das neben seiner Wohnung lag, im üblichen grauen Hauspelz, mit der
langen holländischen Tonpfeife. -- Das Studium der Natur war ihm das
Wichtigste, und wenn der Frühling eingezogen war, litt er keinen
der Schüler mehr im Atelier, dann mußten sie hinaus und sammeln und
arbeiten für den Winter. Es gehörte gewissermaßen zu den feierlichen
Momenten, wenn im Spätherbst das ganze Ergebnis der Arbeiten des
Sommers dem Meister vorgelegt und etwaige Pläne zur Verwertung der
Studien besprochen wurden, sofern nicht schon Entwürfe für Bilder
nach den Studien vorhanden waren. Mit wenigen Worten wußte er die
Phantasie anzuregen und Fingerzeige zu geben, in welcher Art dies oder
jenes Motiv, sei es durch Beleuchtung oder Staffage, künstlerisch zu
gestalten und zu verwerten sei. Oft griff er dabei ein und rückte, mit
sicherster Hand ordnend, die Pläne zusammen, und man konnte sicher
sein, daß es dann das Rechte war. Nach den alten Meistern in der
Gemäldegalerie mußten die Schüler skizzieren und kopieren. Das Studium
der menschlichen Figur hielt er für unerläßlich nötig und äußerst
wichtig für den Landschaftsmaler; er betonte, wenn er zu diesem Studium
dringend ermahnte, wie die Figurenmaler aller Zeiten doch eigentlich
das weitaus Hervorragendste in der „Landschaft“ geleistet, und wies
dabei immer besonders auf Tizian hin. Die historische Landschaft war
ihm die höchste Aufgabe (nur wollte er von dem „Poussinschen Rezept“
nichts wissen), er freute sich herzlich, wenn er unter vorgelegten
Entwürfen solche sah, die aufs „Historische“ hinzielten. Der Hoffsche
Katalog zählt fast die ganze Reihe seiner Schüler aus der Dresdener
Zeit auf. Schon an früherer Stelle wurde einer seiner ersten Schüler
in Dresden, Dreber, als der talentvollste, und Hasse genannt. Mehrere
sehr veranlagte Schüler, Heinrich Müller, W. von Döring, L. Nitzschke
und H. Lungwitz, gingen Ende der 40er Jahre, ihrem Freiheitsdrange
folgend, nach Amerika. Von den Schülern aus den sechziger Jahren
seien nur Adolf Thomas, C. W. Müller und Albert Venus, aus dem Anfang
der siebziger Jahre Rudolph Schuster genannt. Letzterer hat auch
eine Reihe tüchtiger Ölbilder in Düsseldorf, Stuttgart, Berlin usw.
gemalt, wurde aber durch Krankheit vielfach an freierer Entfaltung
seines Talentes verhindert. Das betrifft die Landschaftsschule.
Eine eigentliche Schule für das Illustrationsfach hat Richter nicht
gemacht. Wie und was sollte er hier auch lehren? Sein Schaffen darin
hatte etwas „Unbewußtes“, „wie der Blütenbaum, der von seiner Pracht
nichts weiß“. Aber anregend und befruchtend hat er auf das ganze
Illustrationsgebiet und auf die Entwickelung des Holzschnittes gewirkt.
Ein Richterscher Holzschnitt mit seinem kräftigen gesunden Strich wirkt
heute nicht veraltet, er hält sich neben der sonst so anders gewordenen
Art und dem später herrschenden Streben, die diesem Kunstfache
gezogenen Grenzen zu verschieben, die einfache schlichte Art der
Formengebung durch dem „Kupferstich“ ähnliche Tonwirkung zu steigern.
Gegenwärtig ist der Holzschnitt ebenso wie der Kupferstich durch die
verschiedenen mechanischen Reproduktionsverfahren fast ganz verdrängt.
Der Holzschnitt dient fast ausschließlich nur noch der Industrie, der
Kupferstich wird noch mühsam durch die Kunstakademien über Wasser
gehalten. Nur die Radierkunst wird seit längerer Zeit wieder eifriger
gepflegt.
[Illustration: Abb. 138. +Psalm 65.+ Aus „Fürs Haus“. 1860. (Zu Seite
75.)]
[Illustration: Abb. 139. +Gefunden.+ Aus „Fürs Haus“. 1861. (Zu Seite
75.)]
[Illustration: Abb. 140. +Schlachtfest.+ Aus „Fürs Haus“. 1861. (Zu
Seite 75.)]
[Illustration: Abb. 141. +Bürgerstunde.+ Aus „Fürs Haus“. 1861. (Zu
Seite 75.)]
Unser Altmeister fühlte sich in den letzten Jahren seines Lebens mehr
und mehr vereinsamt, er schreibt zu Anfang des Jahres 1871 nieder:
„Unsereins fühlt sich jetzt als Künstler unter seinen Berufsgenossen
wie ein Fremdling, welcher die Sprache der anderen nicht versteht
und von ihnen nicht verstanden wird. Was man schätzt und liebt und
hochhält, daran geht die jüngere Generation kalt und unberührt vorüber;
was sie hochpreist und entzückt bewundert, erregt unsere Teilnahme
wenig.“ Weiter schreibt er auch 1882: „‚Propheten und Sibyllen male
ich nicht, denn ich habe noch keine gesehen‘, sagte N. N. Freilich
laufen in den Gassen der Stadt keine mehr herum, aber eben der ideale
Mensch +sieht sie+ in seinem Innern und etwas von ihnen zuweilen auch
außen. Vor allem muß er aber eine Verwandtschaft mit ihnen selbst
haben; denn in dieser Sphäre kann sich nur das Verwandte wirklich
erkennen.“ Am 15. August 1870 schreibt er an seinen Freund Thäter in
München: „Ich komme mir jetzt vor wie ein Schauspieler, der, von der
Bühne heruntergestiegen, in den Reihen des Publikums sitzt und sich
nun von anderen Kollegen was vorspielen läßt, denn meine künstlerische
Tätigkeit reduziert sich beinahe auf Null -- teils, weil meine Augen so
schlecht geworden, auch die Hand sehr unsicher ist, hauptsächlich aber,
weil die Phantasie sehr lange ausruht, ehe sie wieder einmal -- nicht
zum Auffliegen -- nein, nur zum Aufstehen kommt. Die nervösen Zufälle
im vorigen Jahre haben mich nun in der Tat alt gemacht; das fühle ich,
und schon lange gehe ich mit dem Gedanken um, mich pensionieren zu
lassen und ganz vom Kunstschauplatz zurückzuziehen; wenigstens von den
akademischen Tätigkeiten, die mir keine Freude machen und in welchen
ich vermöge meiner Kränklichkeit nicht mehr belebend wirksam sein kann.
Es muß junges Blut an die Stelle der Alten.“ -- In den Lichtungen des
Loschwitzer Waldes wurde mit Eifer an den Sonntagnachmittagen, wenn
die zahlreichen Glieder der Familie versammelt waren, Boccia gespielt,
jenes bekannte italienische Spiel, bei dem mit Holzkugeln nach einem
Ziele, dem Lecco, geworfen wird. Wie war der Altmeister mit Interesse
dabei, selbstverständlich aber nie leidenschaftlich erregt, immer
gleich freundlich und liebenswürdig!
[Illustration: Abb. 142. +Heimweh.+ 1865. (Zu Seite 76.)]
[Illustration: Abb. 143. +Es ist ein Schnitter, der heißt Tod.+