Aus Klaus Groth, Voer de Goern. 1858. (Zu Seite 73.)]

In Loschwitz hat Richter viel nach der Natur gezeichnet, viele seiner

Holzschnittbilder und Aquarellen geschaffen. Wie oft sah ich ihn „in

seinem stillen Taborplätzchen“, wie er sein schlichtes Hüttchen oben

am Berge gern nannte, an seinem Arbeitstisch! Durch die von Weinreben

umrankten Fenster schaute man über Obstbäume und Gärten und blühende

Büsche, über Hügel und Täler, über Felder und Wälder und über den wie

Silber glänzenden Elbstrom in die weiten, blauen Fernen des Erzgebirges

oder nach der im Sonnenduft schwimmenden Stadt und nach den Weinbergen

der Lößnitz, nach der alten Markgrafenstadt Meißen zu. In den an

der Rückseite des Hauses sich anschließenden Waldungen, fern vom

Geräusch der Stadt, erging er sich gern, in Betrachtungen versunken,

und dachte am Spätabend seines Lebens viel über seine arbeitsreiche

Künstlerlaufbahn und über die Wege, die ihn der Herr geführt, nach.

Fast jeden Morgen suchte er den alten Freund, Münzgraveur Krüger,

auf, den originellen Junggesellen, der im einsamen Häuschen oben am

Waldesrande hauste (siehe Abb. 171), -- oder er wandelte in schattigen

Waldwegen, oft von Freunden oder den Seinen begleitet, in anregendem

Gespräch und Gedankenaustausch. Der Dichter ~Dr.~ Moritz Heydrich,

Verfasser des Lustspiels „Prinz Lieschen“, der sich mit dramaturgischen

und literarhistorischen Studien beschäftigte, eine gutherzige frische

Natur, empfänglich für alles Gute und Schöne, bewohnte in stiller

Zurückgezogenheit ein kleines Häuschen in Loschwitz, an halber Höhe

des Berges gelegen, über dessen Eingangstür er die Worte „Immer heiter,

Gott hilft weiter“ hatte anbringen lassen. Er hatte sich auf allerhand

Umwegen zu einer christlichen Glaubensüberzeugung durchgerungen und

schloß sich in aufrichtiger Liebe und Verehrung an Richter an. Er holte

unseren Altmeister des öfteren zu Spaziergängen in den Wald ab. Auf

solchen Spaziergängen wurde viel über die höchsten Dinge gesprochen.

Thomas Carlyles und Charles Kingsleys treffliche Schriften und

Anschauungen, mit denen sich Heydrich viel beschäftigte, bildeten gar

oft den Stoff ihrer Unterhaltungen. Heydrich erwähnt in der von ihm

bei Gelegenheit der Enthüllung des Richterdenkmals in Loschwitz am 28.

September 1884 gehaltenen Rede diese Gespräche und läßt den Meister

u. a. sagen: „Wie ist es hier so schön! Wie ist hier beim Blick vom

Berge aus die weite Gegend so himmlisch schön! Ich danke Gott recht

von Herzen, wenn ich die schöne Morgenluft hier im Walde einatme, die

wie Balsam sich ans Herz legt, ans Herz, das in Gottes Stille ruht

und in dieser Burg sich sicher fühlt, wie im Vorhofe des Himmels.

Dies stille beglückende Wohlgefühl in der schönen, freien, ländlichen

Natur ist ja doch nicht so wohl im Selbstvergessen, als im Vergessen

des Leides, des Schmutzes, der allem Erdendasein anklebt. Psyche, die

so oft eingekerkert ist, wird auf Momente hier frei, dehnt die Flügel

und fühlt sich in ihrem Elemente, weil alles in Harmonie steht und ein

seliger Frieden des ganzen Daseins sich bemächtigt.“ Heydrich machte

unseren Meister mit Otto Ludwig, dem Verfasser von „Zwischen Himmel

und Erde“ und der trefflichen „Shakspearestudien“ bekannt. Richter und

Ludwig verstanden sich gut, begegneten sie sich doch in einem Punkte:

beide strebten nach Einfalt, Schlichtheit und Wahrhaftigkeit.

[Illustration: Abb. 131. +Dämmerstündchen.+ Sonst und Jetzt. Aus „Fürs

Haus“. 1859.

Ludwig Richter · 第 56 / 72 题