In Loschwitz hat Richter viel nach der Natur gezeichnet, viele seiner
Holzschnittbilder und Aquarellen geschaffen. Wie oft sah ich ihn „in
seinem stillen Taborplätzchen“, wie er sein schlichtes Hüttchen oben
am Berge gern nannte, an seinem Arbeitstisch! Durch die von Weinreben
umrankten Fenster schaute man über Obstbäume und Gärten und blühende
Büsche, über Hügel und Täler, über Felder und Wälder und über den wie
Silber glänzenden Elbstrom in die weiten, blauen Fernen des Erzgebirges
oder nach der im Sonnenduft schwimmenden Stadt und nach den Weinbergen
der Lößnitz, nach der alten Markgrafenstadt Meißen zu. In den an
der Rückseite des Hauses sich anschließenden Waldungen, fern vom
Geräusch der Stadt, erging er sich gern, in Betrachtungen versunken,
und dachte am Spätabend seines Lebens viel über seine arbeitsreiche
Künstlerlaufbahn und über die Wege, die ihn der Herr geführt, nach.
Fast jeden Morgen suchte er den alten Freund, Münzgraveur Krüger,
auf, den originellen Junggesellen, der im einsamen Häuschen oben am
Waldesrande hauste (siehe Abb. 171), -- oder er wandelte in schattigen
Waldwegen, oft von Freunden oder den Seinen begleitet, in anregendem
Gespräch und Gedankenaustausch. Der Dichter ~Dr.~ Moritz Heydrich,
Verfasser des Lustspiels „Prinz Lieschen“, der sich mit dramaturgischen
und literarhistorischen Studien beschäftigte, eine gutherzige frische
Natur, empfänglich für alles Gute und Schöne, bewohnte in stiller
Zurückgezogenheit ein kleines Häuschen in Loschwitz, an halber Höhe
des Berges gelegen, über dessen Eingangstür er die Worte „Immer heiter,
Gott hilft weiter“ hatte anbringen lassen. Er hatte sich auf allerhand
Umwegen zu einer christlichen Glaubensüberzeugung durchgerungen und
schloß sich in aufrichtiger Liebe und Verehrung an Richter an. Er holte
unseren Altmeister des öfteren zu Spaziergängen in den Wald ab. Auf
solchen Spaziergängen wurde viel über die höchsten Dinge gesprochen.
Thomas Carlyles und Charles Kingsleys treffliche Schriften und
Anschauungen, mit denen sich Heydrich viel beschäftigte, bildeten gar
oft den Stoff ihrer Unterhaltungen. Heydrich erwähnt in der von ihm
bei Gelegenheit der Enthüllung des Richterdenkmals in Loschwitz am 28.
September 1884 gehaltenen Rede diese Gespräche und läßt den Meister
u. a. sagen: „Wie ist es hier so schön! Wie ist hier beim Blick vom
Berge aus die weite Gegend so himmlisch schön! Ich danke Gott recht
von Herzen, wenn ich die schöne Morgenluft hier im Walde einatme, die
wie Balsam sich ans Herz legt, ans Herz, das in Gottes Stille ruht
und in dieser Burg sich sicher fühlt, wie im Vorhofe des Himmels.
Dies stille beglückende Wohlgefühl in der schönen, freien, ländlichen
Natur ist ja doch nicht so wohl im Selbstvergessen, als im Vergessen
des Leides, des Schmutzes, der allem Erdendasein anklebt. Psyche, die
so oft eingekerkert ist, wird auf Momente hier frei, dehnt die Flügel
und fühlt sich in ihrem Elemente, weil alles in Harmonie steht und ein
seliger Frieden des ganzen Daseins sich bemächtigt.“ Heydrich machte
unseren Meister mit Otto Ludwig, dem Verfasser von „Zwischen Himmel
und Erde“ und der trefflichen „Shakspearestudien“ bekannt. Richter und
Ludwig verstanden sich gut, begegneten sie sich doch in einem Punkte:
beide strebten nach Einfalt, Schlichtheit und Wahrhaftigkeit.
[Illustration: Abb. 131. +Dämmerstündchen.+ Sonst und Jetzt. Aus „Fürs
Haus“. 1859.