Es liegt nahe, bei dem Namen Schwind die Verwandtschaft und die
Unterschiede zwischen ihm und Richter zu beleuchten. Friedrich Pecht
sagt in dem trefflichen Aufsatz über Richter in „Deutsche Künstler des
XIX. Jahrhunderts“: „Am meisten verwandt ist Richter unstreitig mit
Schwind, der ja aus dem gleichen Dürerschen Quell geschöpft. Aber wo
der eine anfängt, hört der andere auf; sie ergänzen sich wechselseitig,
ohne sich eigentlich zu berühren, denn wie Richter, selbst dazu
gehörend, nur das Volk, den niederen Bürgerstand schildert, so Schwind,
ein geborener Edelmann, nur die höheren Stände, das Rittertum, kurz das
Aristokratische.“ H. W. Riehl schreibt in seinen „Kulturgeschichtlichen
Charakterköpfen“: „Schwind und Richter waren zwei so grundverschiedene
und zugleich so geistesverwandte Persönlichkeiten, -- der hagere,
ruhige, innerlich so warme Sachse und der gedrungene, korpulente,
vollblütige, lebensprühende Wiener. In ihrem Ideal und in neidloser
Anerkennung standen sich beide brüderlich nahe: Richter, der das Wahre
so poetisch, und Schwind, der die Poesie so wahr gemalt hat.“ -- Es
hat etwas Rührendes, wie beide Meister sich gegenseitig wahrhaft
hochschätzten. Für Schwind und dessen Kunst war unser Meister hoch
begeistert. Wie erglänzten seine Augen, wenn er über dessen romantische
Schöpfungen sprach! Es gab keinen Zeitgenossen, für den er so schwärmen
konnte, wie für Schwind. Beide Meister verstanden sich, wie es
wohl selten wieder der Fall sein wird. Über Schwinds etwas scharfe
„Ausdrucksweise“ und Bemerkungen, die dieser treffliche Künstler
oft beliebte, ging unser Meister, wenn ihm diese erzählt wurden,
mit Lächeln und Stillschweigen oder wenigstens mit großer Nachsicht
hinweg; ihm war die Kunst dieses Mannes so ans Herz gewachsen, daß er
solche kleine „Eigenheiten“ gern übersah. Um 1845 bemühte sich die
Dresdener Akademie, Schwind zu berufen; die Unterhandlungen zerschlugen
sich aber. Richard Wagner spricht sich bei Gelegenheit darüber aus,
wie es ihm imponiert habe, daß die Dresdener Maler sich so „neidlos“
um Schwinds Berufung bemüht; da wird wohl unser Richter mit einer
der ersten gewesen sein, der dem trefflichen Meister Sympathien
entgegenbrachte. -- Am 11. Februar 1871 schreibt unser Meister ins
Tagebuch: „Am 8. Februar, nachmittags fünf Uhr, ist der liebe Freund,
der große Meister Schwind, den ich verehrte fast wie keinen anderen,
gestorben. Sein letztes, tief ergreifendes, mit Mozartscher Schönheit
erfülltes Werk: ‚Die schöne Melusine‘, läßt den unersetzlichen Verlust
doppelt schmerzlich empfinden. (Schwinds Zyklus zur ‚Melusine‘ war,
als die Todesnachricht kam, in Dresden ausgestellt.) Die ‚Melusine‘
ist das wehmütige Ausklingen einer großen, herrlichen Kunstepoche.
Jetzt geht alles auf äußeren Glanz und Schein, mit wenig oder gar
keinem idealen Gehalt. Wo der Glaube an die höchsten Dinge schwindet,
wo unser heiliger Christenglaube nicht die Grundlage bildet, nicht
die Zentralsonne ist, entsprießt kein lebenquellender Frühling mehr,
entstehen nur künstlich glänzende Treibhausfrüchte einzelner Talente.
Das ist meine feste Überzeugung! Und darüber ließe sich gar viel sagen
und schreiben; aber wer versteht es, und wer nimmt es auf?“ Richter war
fest davon überzeugt, daß die eigentliche große Kunst nur im Dienst
der Kirche sich entwickeln und gedeihen könne; in den letzten Jahren
sah er aber, wie man in der Kunst immer mehr andere Wege einschlug.
Heute gibt es, wenigstens was die Malerei betrifft, eine kirchliche
Kunst kaum mehr. An den Pflegestätten der Kunst, den Kunstakademien in
Deutschland, wird sie nicht mehr gepflegt, es finden sich dafür auch
keine Lehrer mehr. In Wien suchte man 1895 eine akademische Lehrkraft
für katholische kirchliche Kunst, an Stelle Trenkwalds, des Nachfolgers
Josef von Führichs, fand aber für dieses Fach keine geeignete und hat
vorderhand davon absehen müssen, diese Stelle überhaupt zu besetzen.
Die Maler haben sich von den religiösen Darstellungen mehr und mehr
abgewendet, sie können die rechte Begeisterung dazu nicht mehr finden.
Die religiösen oder biblischen Werke der letzten Jahrzehnte vermochten
auch nicht mehr, im Volke innerlich anregend zu wirken. Was mag die
Ursache dieser auffallenden Erscheinung sein? Es hat den Anschein,
als bereite sich auf religiösem Gebiet eine große Umwandlung vor.
In vielen Schichten der germanischen Völker arbeitet es mächtig auf
„Vertiefung“ hin, auf Erweiterung der Anschauungen über die höchsten
Dinge, aus einem „tiefernsten, innerlichen religiösen Sehnen“ heraus.
Wir haben jetzt nur noch einen einzigen Künstler in Deutschland,
der, wenn auch mit einer gewissen Unfreiheit, an die alten Meister
anknüpfend, es versteht, mit wirklicher Begeisterung und innerem Feuer
biblische Stoffe uns wieder nahe zu bringen, das ist E. v. Gebhardt in
Düsseldorf. Am Anfang des Jahres 1884 sah Richter von ihm das Bild „Der
Leichnam Christi im Hause der Maria“. Er erwähnt das Bild in dem am
Schluß angefügten Briefe.
[Illustration: Abb. 115. +Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.+
Aus „Christenfreude“. 1855.
(Zu Seite 71.)]
Die Kriegsjahre von 1866 und 1870 forderten Richters ganze Teilnahme.
Mit einer wahrhaft gehobenen Stimmung ging er, begleitet von seinem
Sohn und vom Verfasser, zur Ausübung seiner Wahlpflicht für den
ersten +Norddeutschen Reichstag+ zur Wahlurne; es war, als ahnte er
die kommende große Zeit der endlichen Zusammenfügung unseres Deutschen
Reiches, unseres Vaterlandes. Die Einigung der deutschen Völker
innerhalb acht Tagen nach der Kriegserklärung im Jahre 1870 ist ihm
„wie ein Wunder“ und reißt ihn zu heiliger Begeisterung hin. Wie Gott
unsere Kriegsheere so herrlich von Sieg zu Sieg führte, der große Tag
von Sedan, der endliche Einzug in Paris und der Friede von Frankfurt,
der diesen Riesenkampf der Germanen mit den Romanen abschloß, --
das alles erfüllte ihn mit innigster Dankbarkeit gegen Gott. Seine
Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind durchdrungen von der Größe und
hohen Bedeutung dieser Ereignisse. Er erwartete wohl auch, daß diese
große Zeit befruchtend auf die deutsche Kunst einwirken würde, wie dies
in seiner Jugend die nationale Erhebung und die Befreiungskriege getan.
Es sind eine ziemliche Zahl von Zeichnungen vorhanden, die ursprünglich
Pausen zur Übertragung auf den Holzstock waren; in den letzten Jahren,
in denen Richter nur noch mit Mühe arbeiten konnte, ließ er sich
solche Pausen auf Börners Rat aufziehen, überarbeitete und färbte sie
leicht in seiner so geistreichen Art und vollendete auf diese Weise
noch manches reizvolle Blatt oder Blättchen; das im Gras sitzende
Mädchen (Abb. 173) ist ein solches Blatt und stammt wohl aus der
Zeit nach 1870. -- 1871 berichtet Richter in seinen Aufzeichnungen
von dem schon früher erwähnten Bilde von Schnorr zu dem Liede
„Jerusalem, du hochgebaute Stadt“: „daß der Meister Schnorr es selbst
seinen Schwanengesang nennt“, und fährt dann fort: „Der Gedanke ist
sehr schön, für die Ausführung reichen die Kräfte nicht mehr aus.
Es hat etwas tief Rührendes, eine solche Künstlergröße im letzten
Abendsonnenstrahl zu sehen; denn wenn er auch noch eine Reihe von
Jahren verleben sollte, so fühlt und sieht man doch, daß seine Kraft
sehr gebrochen ist. Die Größe seines Talentes bleibt unbestritten;
aber daß er ein edler, reiner, höchst gewissenhafter und frommer Mann
ist, das ist wohl das Erfreulichste und Schönste.“ Im Jahre 1872 nahm
der Tod unserem Meister auch diesen Freund, für den er sein ganzes
Leben hindurch seit den herrlichen Jugendtagen in Rom eine unbegrenzte
Verehrung hegte und bis an sein eigenes Lebensende bewahrte, wie ich so
oft aus seinem Munde zu hören Gelegenheit hatte.
[Illustration: Abb. 116. +Ein getreues Herz zu wissen.+