[Illustration: Abb. 95. +Goldener.+ Bechsteins Märchenbuch. 1853.
(Zu Seite 64.)]
[Illustration: Abb. 96. +Der kleine Däumling.+ Aus Bechsteins
Märchenbuch. 1853.
(Zu Seite 64.)]
1858 bis 1861 erscheinen die vier Hefte: „Frühling, Sommer, Herbst und
Winter“, unter dem Gesamttitel: „+Fürs Haus+“, des Meisters Hauptwerk,
im Verlage von Heinrich Richter. Die Vorrede dazu teilten wir in der
Hauptsache am Eingang bereits mit. Epiphanias leitet die Bilderdichtung
ein. Am Neujahrsmorgen sehen wir in das trauliche Wohnstübchen; die
Kinder sagen ihr Neujahrsverschen auf, die Stufen zur Haustür herauf
kommt der Briefträger und bringt Neujahrsgrüße von lieben Entfernten.
Schneeflocken fallen leise zur Erde; oben Englein, die das niedere
Dach mit Tannenreis bekränzen, um das neue Jahr festlich zu empfangen,
darüber Strahlen der aufgehenden Sonne. Wie lieb ist das Bild: „In
der Badestube“! Ein anderes Bild: „Marthens Fleiß, Mariens Glut“,
ist in der Brautzeit seiner früh verstorbenen Schwiegertochter Agnes
komponiert und die Originalzeichnung ihr gewidmet. Und weiter ein
Bild „Dämmerstündchen“ -- „Sonst und Jetzt“ (Abb. 131). Ein Alter im
Lehnstuhl, sein Pfeifchen rauchend, vergangener Zeiten gedenkend,
die auf demselben Blatt geschildert sind: ein junges Ehepaar am Ofen
in stiller Freudigkeit im beseligenden Glück harmonischen Daseins.
Im leichten Ornament hockt ein einsamer Spatz. Wie ist der Alte in
seiner Einsamkeit so trefflich gezeichnet! Es ist unser Meister
selbst! „Weine nicht, Helmchen“ (Abb. 132): Schwesterchen trocknet
dem frierenden Brüderchen die Tränen. „Tages Arbeit, abends Gäste,
saure Wochen, frohe Feste,“ und ferner die trauliche „Hausmusik“ (Abb.
133): wie ist es behaglich in dem vom Ofen durchwärmten Stübchen,
während es draußen regnet und stürmt! Solche Behaglichkeit verstehen
nur die Deutschen. Ein liebliches Frühlingsidyll ist das Blatt: „O
Himmelsschlüssel sind’s, so nennt das Volk sie mit dem Mund des
Kind’s!“ (Abb. 134.) Weiter folgt das Blatt: „Wem Gott will rechte
Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“ (Abb. 135). Flotten
Schrittes ziehen zwei junge Burschen ihre Straße, jubelnd schwenkt
der eine den Hut. Das ist deutsche Wanderlust! Am Rand des Bildes
unter dem Schriftband ist ein Vogelbauer gezeichnet, darin sitzt der
Philister mit seiner behäbigen Ehehälfte und sucht durch Wiegen den
schreienden Spätling zu beschwichtigen; draußen auf dem zugebundenen
Schmierbüchsel sitzt ein leichtbeschwingter Spatz. Ungemein reizvoll
schildert der Meister die Szene: „Hänsel und Gretel am Häuschen der
Hexe“ (Abb. 136). Das Herbstbild: „Am Rhein, am Rhein, da wachsen
unsre Reben,“ zeigt eine anmutige Mädchengruppe in der Weinlese (Abb.
137). -- Schwungvoll, wie ein vielstimmiger Chor, ist das Blatt:
Psalm 65: „Du krönst das Jahr mit deiner Güte“ (Abb. 138). Der Jubel
der Hirtenkinder auf sonniger Höhe, die wogenden Kornfelder, hinter
hohen Bäumen fast versteckt das Kirchlein, ein weiter, weiter See
mit vielen Einbuchtungen, blaue endlose Fernen in sonnigem Duft, der
Regenbogen, der das ganze Bild überspannt, in den Wolken Engel, die
Gefäße ausgießen, den befruchtenden Regen andeutend: das ist so ganz
der Jubelton der königlichen Harfe Davids. Ferner nennen wir das
hochromantische „Gefunden“ (Abb. 139). Auf stolzem Rößlein reitet ein
junger Rittersmann mit seinem Schätzchen durch den Wald unter einer
alten Eiche vorüber, in deren Stamm ein vielleicht von dem Mägdlein
selbst mit frischen Waldblumen geschmücktes Marienbild. Wilde Tauben
fliegen im Geäst, im üppigen Waldesvorgrund rieselt ein Wässerchen über
moosiges Gestein. Das Mägdlein, das der Ritter mit dem Arm schützend
umfaßt, schaut lieblich sinnend vor sich hin. Ein köstliches Bild
deutscher Waldpoesie! Im „Schlachtfest“ (Abb. 140) schildert er voller
Humor gewiß Jugendeindrücke. So ähnlich mag er solches „Ereignis“
wohl in Friedrichstadt-Dresden beim Großvater Müller gesehen haben.
Die Lokalität dazu wurde von mir 1861 in Meißen gezeichnet. Behaglich
schildert „Bürgerstunde“ (Abb. 141) das kleinbürgerliche Leben; es
sind köstliche humoristische Philistergestalten, denen die stattliche
Magd „heimleuchtet“; trefflich charakterisiert ist der im Helldunkel
hinschreitende „Schwärmer“, der zu den Sternen aufschaut, oder schaut
er nach seiner Liebsten Fenster? Wir wollen nun noch des vorletzten
Blattes „Heimweh“ gedenken, das die Tonart des kleinen Bildes Abb.
114 anklingt, er zeichnete es, als nach kurzer glücklicher Ehe seine
Schwiegertochter Agnes starb. Am Wege unter einem Betsäulchen sitzt,
den Kopf mit der Hand gestützt, ein müder alter Mann; neben ihm lagert
ein Mädchen, drüben ist der Eingang zum Friedhof. Heimweh durchklingt
und durchdringt unseren Meister: „Ich wollt’, daß ich daheime wär’!“
Von diesem Bilde hat er eine ganze Reihe von Varianten gezeichnet
und gemalt, immer aber klingt dieselbe Tonart an: Wehmut, Heimweh,
Wandernsmüdigkeit. Wir geben hier eine Abbildung (142) nach einer
Zeichnung vom Jahre 1865, mit etwas veränderter, reicher ausgestalteter
landschaftlicher Szenerie. Man sieht über einen weiten See hinaus;
draußen verschwimmen die Fernen in lichten, sich auftürmenden
Wolkenmassen; zur Rechten stehen herbstliche Eichen am Hang, wilde
Rosen ranken am Kreuz, im Vordergrund sprossen Herbstzeitlosen.
Der Alte sitzt mit ineinander gelegten Händen da, gebeugt, wie in
tiefes Nachdenken versunken. Das an der Erde liegende Mädchen schaut
träumerisch aus dem Bilde heraus. „Ein ergreifender Herbstgesang“,
wehmütig, melancholisch! Eine seiner größten und schönsten Aquarellen
behandelt dasselbe Thema; auch in kleinen Federzeichnungen begegnet es
uns des öfteren, so auch im Holzschnitt (Abb. 168). Aus dem „Sommer“
sei noch das schöne Blatt erwähnt: „Es ist ein Schnitter, der heißt
Tod“ (Abb. 143). Dieses Blatt hat er in Aquarell nach dem Tode seiner
Schwiegertochter seinem Sohne gemalt und der zarten weiblichen Gestalt
die Züge der Verstorbenen gegeben. Es ist heute noch im Besitz der
Witwe des Sohnes, welcher nach dem Tode seiner ersten Frau Agnes
Hantzsch deren Schwester Julie heiratete. Dieses Blatt war die
Veranlassung, daß der Sohn anfing, Zeichnungen und Aquarelle des Vaters
zu sammeln; mit den Jahren war diese Sammlung zu einer der größten und
reichsten geworden. Wie oft habe ich im Hause des Sohnes im Beisein des
Meisters diese Sammlung durchgesehen! Wie interessant waren dabei seine
Bemerkungen bei einzelnen Blättern, wenn er vielleicht Nebenumstände
schilderte, unter denen sie entstanden, oder was ihm dazu Anregung
gegeben, oder auch Urteile anderer Künstler über das eine oder andere
Blatt mitteilte! Diese Sammlung ist später zum größeren Teile in den
Besitz der Berliner Nationalgalerie übergegangen. Sie umfaßt die
allererste und früheste Jugendzeit Richters bis zu seinen letzten
Arbeiten im Alter. -- Damit schließen wir die Betrachtungen über „Fürs
Haus“. Es würde zu weit führen, Blatt um Blatt zu schildern; an Stoff
dazu würde es nicht fehlen. Es ist ein Reichtum von Gedanken mit
vollen Händen in diesen Kompositionen ausgestreut. Man gebe sich nur
der Betrachtung dieses Werkes hin, flüchte sich in diesen Zauberkreis,
den Richters Muse uns schuf, und lasse den stillen Frieden, der so
wohltuend aus diesen Bildern weht, und das durchaus „deutsche“,
gesunde, nie sentimentale Empfinden auf sich wirken.
[Illustration: Abb. 97. +Zum Geburtstage.+ Aus „Altes und Neues“. 1873.