Es folgt das „Lied von der Glocke“. In sechzehn Bildern führt Richter
uns an der Hand der Dichtung durch das Leben. In einem Briefe an
seinen Freund Julius Thäter vom 1. November 1857 schreibt er: „Ich
wollte dem Dinge erst den Titel geben: ‚ebensbilder nach Motiven
aus Schillers Glocke‘, weil ich ganz frei gegangen und auf +meine+
Weise die Gegenstände aufgefaßt, aber mich nicht in die Schillersche
Anschauung versetzt habe. -- Zuletzt bin ich aber doch bei dem
einfachen Titel geblieben, und die Hauptsache bleibt mir, ob die Bilder
an und für sich lebendig genug ausgefallen sind.“ -- Man will in diesem
Werke eine gewisse Befangenheit herausfinden, und es deckt sich diese
Empfindung in etwas mit dieser seiner eigenen Äußerung. Die Richtersche
volkstümliche Schlichtheit war ja von dem hohen Schwung und Pathos
Schillers in der Tat weit entfernt. Doch auch diese Folge ist reich
an künstlerischen Schönheiten. Wie eine schöne leise Musik anmutet
das Blatt „O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, der ersten Liebe gold’ne
Zeit“ (Abb. 127). Lieblich und innig ist das Liebespaar, das über
der Mühle droben am Waldesrand auf der Moosbank im Abendsonnenschein
sitzt. Tauben girren in den Ästen der alten Eiche, ein Vogel huscht
über den Wald, das ist sicher der Kuckuck; still und feierlich geht der
Vollmond auf. Ein zweites Bild (Abb. 128) „Zum Begräbnis“: „Ach, die
Gattin ist’s, die teure, ach, es ist die treue Mutter“, -- das hatte
der Meister wenige Jahre vorher selbst erlebt und durchgelitten; der
Abschied des Mannes, -- er trägt des Meisters eigene Züge, -- und die
schluchzenden schmerzbewegten Kinder sind ergreifend gezeichnet.
[Illustration: Abb. 93. +Porträt Richters.+ Von Bendemann gezeichnet.
1852 (?). (Zu Seite 63.)]
1858 erscheint „Voer de Goern“, Kinderreime, alt und neu von Klaus
Groth mit zweiundfünfzig Zeichnungen, davon 38 von Richter. Der
Meister reiste, ehe er die Zeichnungen begann, nach Holstein, um an
Ort und Stelle sich mit Land und Leuten bekannt zu machen. Diese
Illustrationen sind von großer Frische, gesund und markig. Wir geben
davon die Handzeichnung: „Anna Susanna, geh du na Schol!“ (Abb. 129).
Die dralle, aber anmutige Anna Susanna und die hand- und wetterfesten,
gesundheitstrotzenden Jungen sind köstliche Kindergestalten. Abb.
130 im Holzschnitt: „Kleine Maus, große Maus“, ist eine liebliche
Kindergruppe im Rosenbusch. In demselben Jahre bringt uns der
Meister noch ein Bilderbuch für die Kleinen: „Der Kinderengel“, ein
Spruchbüchlein für fromme Kinder, mit „Luthers Brief an sein Söhnlein
Hänsigen“ und zwanzig Holzschnittzeichnungen, von denen einige von
C. Peschel gezeichnet sind. Aus diesem Kinderbüchel bringen wir nur
die reizende Gruppe „Gott zum Gruß“ (Abb. 184), das prächtige gesunde
Bübchen, die Mütze in der rechten, den Blumenstrauß in der linken Hand,
hinter ihm das Schutzengelchen, das ihm leise zuflüstert, als wollte es
beim Aufsagen des gelernten Versleins „wenn’s stockt“ nachhelfen. --
[Illustration: Abb. 94. Zu „+Der Müller und die Nixe+“. Bechsteins
Märchenbuch. 1853.