Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 64.)]

Unser stillfriedfertiger Meister war in seiner Stellung an der

Kunstakademie als Vorstand eines Ateliers für Landschaftsmalerei

auch Mitglied des Senates, oder, wie man es in Dresden nennt, des

„akademischen Rates“; er hat in Ausübung dieser Amtsverpflichtung sich

oft recht unbehaglich gefühlt. 1853, am 6. November, schreibt er in

sein Tagebuch ein: „In einer großen Kunst- und Künstlerstadt gibt’s

Parteien, und die besten Leute, wenn sie einer Parteifahne folgen,

saufen Unrecht wie Wasser, wie schon Hiob sagt, und schütten das Kind

mit dem Bade aus. Es ist ja bei uns Malern auch so, und ich bin froh,

daß ich, wie ich glaube, einen Standpunkt über den Parteien gefunden

habe. Ich weiß, was die Kunst ist und was sie fordert, freue mich

ihrer vielfachen Abstufungen und Richtungen, kenne ihre Verirrungen

und Abwege und begnüge mich freudig mit dem Winkelchen, wo mir meine

Stellung angewiesen ist, mögen sie andere über- oder unterschätzen,

das macht mich nicht irre.“ Zu solchen Äußerungen wurde er offenbar

durch lokale Vorkommnisse veranlaßt: In den Sitzungen des akademischen

Rates waren die Verhältnisse unter den einzelnen Mitgliedern etwas

zugespitzt. Es standen die sogenannte Münchener und die Düsseldorfer

Malerschule, durch Schnorr einerseits und Bendemann und Hübner

andererseits vertreten, rivalisierend sich einander gegenüber,

ebenso der große Bildhauer Ernst Rietschel, der geniale Schöpfer der

Braunschweiger Lessingstatue, des Goethe-Schillerdenkmals in Weimar,

der Urheber der gewaltigen „Luthergestalt“ in Worms, gegenüber dem

Bildhauer Ernst Hähnel, und es mag unserem Meister, dem nichts ferner

lag als Parteigetriebe, oft der Unfriede das Herz beschwert haben. Wie

oft seufzte er über die Last solcher Sitzungen! Er schreibt am 13.

Dezember 1849: „Ich lege kein sonderliches Gewicht darauf, ob einer

ein Künstler Nummer eins oder Nummer fünf oder sechs werde. Darauf

aber lege ich alles Gewicht, daß einer die empfangenen Gaben in gutem

Sinne für den Bau des großen, zukünftigen und in der Entwicklung stets

vorhandenen Gottesreiches zu verwenden gelernt hat. Keine Kraft, auch

die kleinste nicht, geht da verloren; sie ist ein Baustein für den

großen Tempel, den der Herr in, aus und mit der Menschheit sich erbauen

will und erbauen wird.“ Eine weitere Niederschrift vom Jahre 1850

beginnt: „Mir ist jedes Kunstwerk mehr Ausströmung der Empfindung,

ein flüchtiges Tummeln im Blütengarten der Kunst. Wenn die Nachtigall

in den Blüten singt, so ist das herrlich, aber wenn eine kleine Biene

drinnen summt, so freut man sich auch darüber, sie gehört ebensogut

in den Frühlingsgarten hinein wie Lerche und Nachtigall, und sie kann

auch gerade so viel davon genießen als jene Hauptkünstler, wenn sie

eben nur ihrer Natur getreu ist. Nur der eitle Kuckuck ist lächerlich.“

In Dresden, der Hochburg des Klassizismus, wurde er vielfach, seiner

„Kleinkunst“ wegen, hochmütig von oben herab angesehen, wie aus solchen

Aufzeichnungen auch klar hervorgeht. Die Zeiten wurden aber andere.

1858 bestellte die Fürstin Wittgenstein eine Zeichnung zu einem

Geschenk für Franz Liszt. Unser Meister zeichnete die Kindersymphonie

(Abb. 144). Das reizende Blatt erregte aber bei der fürstlichen

Bestellerin „Bedenken“: sie sandte es zurück. (Im Verlag von Gaber

& Richter erschien davon eine Lithographie von A. Karst.) 1859, zu

Schillers hundertjährigem Geburtstage, ernannte die philosophische

Fakultät der Universität Leipzig unseren Meister zum Ehrendoktor.

[Illustration: Abb. 98. +Rotkäppchen im Walde.+ Bechsteins Märchenbuch.

1853.

(Zu Seite 64.)]

1859 vollendet Richter für E. Cichorius das Bild „Im Juni“, eine

Frühsommerlandschaft; es will scheinen, als wären römische Erinnerungen

in ihm wieder aufgetaucht, als hätte Tizians Landschaft in der Galerie

Camuccini (Abb. 11) ihn hierzu mit beeinflußt. Im Vorgrund in blumiger

Wiese unter blühenden Heckenrosen sitzt ein Liebespaar (ähnlich

wie in Rembrandts Radierung „die Landschaft mit den drei Bäumen“),

vielleicht Florizel und Perdita aus Shakespeares Wintermärchen; am

Rand eines Eichenwaldes lagert eine Hirtenfamilie, im Mittelgrund

erhebt sich junger Buchenwald, durch den über Felsen ein Wässerchen

rieselt, draußen sieht man einen in weite Fernen sich verlierenden

See, am Himmel schwimmen ballige Wolken, zwischen denen ein Stück

Regenbogen sichtbar ist. Abb. 145 ist nach einer flüchtigen Federskizze

zu diesem Bild, das in der Farbe schwer, aber in der Behandlung

weitaus breiter als frühere ist. Über zehn Jahre hatte das Ölmalen

des Illustrierens wegen ganz geruht. Die Frage drängt sich auf: Wie

würde der Meister sich fortentwickelt haben, wenn er im Anschluß an

den „Brautzug im Frühling“ weitere Ölbilder geschaffen hätte? Es ist

sein letztes größeres Ölbild. Eine etwas kleinere Wiederholung, von

seinem Schüler Adolf Arnold untermalt, vollendete er um das Jahr 1864

und stiftete es für die Lotterie zum Besten eines Fonds zur Erbauung

eines Künstlerhauses in Dresden. Für die Seinen, für seinen Sohn

Heinrich, für seinen Schwiegersohn Theodor Kretzschmar und seine beiden

Töchter Helene und Elisabeth, malte er in der Folge noch einige kleine

Ölbilder, meist Vorwürfe, die er bereits in Aquarell behandelt hatte.

Er ließ sich diese Bildchen von Schülern untermalen und machte sie dann

fertig. Eins dieser kleinen Bilder ist eine freie Wiederholung vom

„Kleinen Teich im Riesengebirge“. Eine „Ruhe auf der Flucht“, dasselbe

Motiv, das er in einer seiner letzten Aquarellen (Abb. 189) ähnlich

behandelte, ein Bild von nicht zu großem Umfang, untermalte er Anfang

der sechziger Jahre, auf Anraten eines sogenannten „Malenkönners“,

braun in braun; diese Untermalung ist aber, weil sie sich als ganz

unbrauchbar erwies, liegen geblieben; sein zunehmendes Augenleiden

erschwerte ihm das Malen mehr und mehr.

[Illustration: Abb. 99. +Hänsel und Gretel.+ Bechsteins Märchenbuch.

1853. (Zu Seite 64.)]

Bei der Radierung der Platte „Christnacht“ hatten des Meisters Augen,

wie vorher schon berichtet, sehr gelitten; um das Jahr 1859 steigert

sich das Augenleiden, und es machen sich bereits in den Figuren gewisse

Verschiebungen und ein auffallendes mehr in die Breite Ziehen der

Formen bemerklich, eine Erscheinung, die mit den Jahren sich immer

mehr steigert und augenscheinlicher wird. Von jetzt ab muß er beim

Aufzeichnen auf den Holzstock fremde Hilfe heranziehen; man merkt

an den Holzschnitten die andere Hand gar bald heraus, besonders am

Figürlichen. Die Freiheit und Kraft des Striches geht verloren,

trockene Linienführung und ebenso trockene Strichlagen zeigen sich mit

wenig Ausnahmen mehr und mehr in den Holzschnitten.

[Illustration: Abb. 100. +Die Christnacht.+ Radierung. 1854.

Ludwig Richter · 第 40 / 72 题