Voller Innigkeit und edler Anmut sind auch die übrigen Bilder, von
denen wir zwei in Nachbildungen nach Handzeichnungen bringen: „Ich
und mein Haus wollen dem Herrn dienen“ (Abb. 115); hier zeichnet der
Meister sich wieder selbst im Kreise der Seinen bei der Hausandacht,
und zu Paul Flemmings herrlichem Liede: „Ein getreues Herz zu wissen,
hat des höchsten Schatzes Preis“; die Abb. 116 ist nach einer späten
Wiederholung aus „Altes und Neues“. Weiter folgen die Holzschnitte
zu Matthias Claudius’ Lied: „Der Mond ist aufgegangen“ (Abb. 117),
zu: „Jesu, komm doch selbst zu mir“ (Abb. 118), zu: „Es kostet viel,
ein Christ zu sein“ (Abb. 119) und zu: „Müde bin ich, geh zur Ruh’“
(Abb. 120). Zur „Christenfreude“ zeichnete auch Julius Schnorr die
schöne Komposition für das Lied: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt!“
Unser Meister erzählte oft, wie Schnorr in Rom in der Kapelle der
preußischen Gesandtschaft im Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol, damals
der einzigen protestantischen Kirche in der Tiberstadt, mit anderen
jungen Künstlern als Kirchensänger bei den Gottesdiensten mitgewirkt
und als Vorsänger gerade dieses Lied mit so ergreifender Innigkeit und
Gläubigkeit gesungen habe. Diese Komposition malte Schnorr in späten
Jahren noch als sein letztes Ölgemälde.
Auch aus dem Jahre 1855 datiert die Zeichnung: „Kunst bringt Gunst“
(Abb. 121). 1856 zeichnete Richter zu „Das rote Buch, neue Märchen
für mein Kind“, von Julius Stern (Leipzig, Breitkopf & Härtel), ein
Titelblatt, überschrieben „Der Spielengel“, ein überaus ergreifendes
Blatt. Auf den Untersatzbogen der Originalzeichnung hat er geschrieben:
„Der Kindheitsengel besucht den kindisch gewordenen Greis.“ -- Der Alte
lauscht mit ineinander gelegten Händen dem Englein, das ihm ins Ohr
flüstert und nach „oben“ zeigt (Abb. 122). In demselben Jahre erschien
das „Vaterunser“, eine köstliche Folge von neun Holzschnitten. Wir
geben davon drei Blätter: „Geheiliget werde dein Name“ (Abb. 123) --:
Bauersleute gehen am Sonntagmorgen durchs Gärtchen hinaus zur Kirche,
die runden Mädel pflücken sich Rosen, über wogende Kornfelder sieht man
in die lachende Landschaft, in der Höhe schwebt ein Engel mit Glöckchen
und Weihrauchgefäß -- ein liebliches Sonntagsbild, es ist, als hörte
man die Lerchen jubilieren. „Dein Reich komme“ (Abb. 124): Die Mutter
lehrt die Kinder beten, Englein lauschen dazu. Hochromantisch ist die
Komposition „Erlöse uns von dem Übel“ (Abb. 125): Durch das Fensterchen
des engen Stübchens fällt der letzte Strahl der untergehenden
Sonne, eine sterbende Mutter auf ihrem Krankenlager streckt die
Arme verlangend nach der Tür, in der eine lichte Engelsgestalt mit
Wanderstab steht und leise winkt. Die Kinder wehklagen und jammern:
das kleinste schaut den Engel erstaunt, aber auch wie vertraut an, im
dunklen Wald ein einsames Reh. Ein ergreifendes Bild! Das „Vaterunser“
erschien im Verlage des Schwiegersohnes August Gaber und des Sohnes
Heinrich Richter. Später führte Heinrich Richter den Verlag allein,
bis ums Jahr 1873 sein Freund Franz Meyer in diesen mit eintrat. Der
gesamte Verlag ging dann schließlich in den Besitz von Alphons Dürr
in Leipzig über. Heinrich Richter hat (er war ein geistvoller und
außerordentlich belesener Mann, auch von großer musikalischer Begabung)
dem Vater bei der Inszenesetzung neuer Folgen mit Rat und Tat zur Seite
gestanden. Er war es, der Richters Lieblingsidee, „Ein Werk fürs Haus“
zu zeichnen, in die Wege leitete und hat sich um dieses hervorragende
Werk wie um die späteren Veröffentlichungen große Verdienste erworben.
Dieser Kunstverlag wurde für Vater und Sohn die Quelle wechselseitiger
Anregung und befriedigenden Schaffens. Ebenso hat er sich auch um die
Herausgabe der Selbstbiographie seines Vaters sowie der Auszüge aus
den Tagebüchern sehr verdient gemacht. Er war in Meißen am 11. März
1830 geboren, litt seit frühester Jugend an Melancholie und hat daran
schwer zu tragen gehabt. „Durch sein ganzes Leben zieht sich ein Faden
menschlichen Mißlingens.“ Er stand mit vielen hervorragenden Männern
der Kunst und Wissenschaft in Verbindung und suchte sich auf allen
Gebieten der Wissenschaft Kenntnisse zu erwerben, doch sein Innerstes
blieb unbefriedigt, sein Suchen und Ringen dauerte fort, und seine
Seele litt oft sehr. Der wundervolle 47. Psalm „Wie der Hirsch schreiet
nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir. Meine
Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ usf. erklang oft in
ihm wieder. Er beschloß sein Erdendasein am 12. Juli 1890 in Bad Boll,
wo er oft und gern, Ruhe und Frieden suchend, verweilte.
1857 erschien „Aus Ludwig Richters Skizzenbuch“. Zwölf Blatt
landschaftliche Studien mit Staffagen, nach den Originalen
lithographiert von Woldemar +Rau+. Die Übertragung auf den Stein durch
fremde Hand hat von der reizvollen Zeichnung viel verloren gehen
lassen. Annähernd aus dieser Zeit stammt das Fragment zum Märchen
„Marienkind“ (Abb. 126).
[Illustration: Abb. 91. Titelbild zu „+Der arme Mann im Toggenburg+“.
1852.
(Zu Seite 63.)]
[Illustration: Abb. 92. +Dornröschen bei der Alten im Turmstübchen.+
Aus Bechsteins Märchenbuch. 1853.