1842 zeichnet er das Köpfchen seiner dritten Tochter Helene (Abb.
41). In demselben Jahre vollendet er das Bild „Abendandacht“, das von
Quandt für seine Galerie erwarb, jetzt im Museum zu Leipzig (Abb. 42).
Frauen und Kinder, vom Ährenlesen kommend, vor einem mit Gewinden von
Kornblumen und Feldmohn geschmückten Marienbilde unter alten Linden.
Aus der Höhlung eines alten Baumes schauen fröhliche Kindergesichter.
Rechts halb versteckt ein Mönch, der das in den Ästen der Linde
befestigte Glöckchen läutet, -- es ist „Ave Maria“. Im schattigen
Vorgrund lagert eine reizende Gruppe von Kindern mit Schäfchen. Draußen
im letzten Abendschimmer sieht man ein Stückchen flachen Landes, von
einer schmalen blauen Ferne umsäumt. Das poesievolle Bild schildert
Eindrücke aus dem Ostragehege in der Friedrichstadt-Dresden, alten
schönen Lindenalleen, die sich durch Elbwiesen nach dem Schloß Uebigau
hinziehen und jetzt zum Teil neuen Hafenanlagen gewichen sind.
[Illustration: Abb. 60. +Maria.+ Gezeichnet 1846.]
Bei Georg Wigand erschienen im selben Jahre J. K. A. Musäus’
„Volksmärchen der Deutschen“, herausgegeben von Ludwig Klee. Hier
sollte Richter in Verbindung mit den beiden Düsseldorfer Figurenmalern
R. Jordan und A. Schrödter illustrieren. Da erfaßte ihn wieder große
Bangigkeit, ob sein „figurales Können“ auch ausreichen würde, neben
solchen Männern einigermaßen bestehen zu können. Der Erfolg hat
es gelehrt, daß er diesen Künstlern wohl gewachsen war. Die zwölf
Haupttitelblätter zu diesem Buche, lithographisch vervielfältigt,
sind erst 1845 erschienen; sie sind hochvollendet in Silberstift
ausgeführt und gehören mit zu den herrlichsten Zeichnungen, die
Richter geschaffen. Sie befinden sich im Städelschen Institut in
Frankfurt a. M. Wir geben eine spätere Wiederholung eines solchen
Blattes zu „Stumme Liebe“ (Abb. 43). Von den übrigen Illustrationen zu
Musäus’ Volksmärchen bringen wir drei Abbildungen nach Zeichnungen:
zu den „Legenden von Rübezahl“ (Abb. 44), zu „Stumme Liebe“ (Abb.
45) und zu „Melechsala“ (Abb. 46). Richter zeichnete zu diesem Buche
hunderteinundfünfzig Blätter. In dieser Zeit kamen Alfred Rethel
und Richters alter Freund, der Kupferstecher Julius Thäter, nach
Dresden. Rethel zeichnete im Winter in Dresden Kartons für seine
großartigen Freskomalereien im Rathaussaale zu Aachen, die mit zu den
mächtigsten, gewaltigsten und epochemachendsten Werken deutscher Kunst
im neunzehnten Jahrhundert gehören. Rethel verkehrte viel im Hause
Richters, wo er sich besonders wohl fühlte, und noch, als sich bereits
die ersten Anzeichen der späteren geistigen Umnachtung bemerkbar
machten, die sich über diesen unglücklichen Künstler so viele Jahre bis
zu seiner endlichen Erlösung durch den Tod legte, suchte er das stille
Haus Richters gern und oft auf.
[Illustration: Abb. 61. +Studie zu Genoveva.+ (Zu Seite 58.)]
1836 erschien „Reinecke Fuchs“ bei Renger in Leipzig, jetzt Amelangs
Verlag, mit elf Lithographien nach Zeichnungen Richters, zehn Jahre
vor dem Erscheinen des von Kaulbach gezeichneten Reinecke. Wie
grundverschieden treten beide Künstler an diese Aufgabe heran! Unser
Meister hat es auch hier verstanden, in der ihm eigenen Weise ohne
Schärfe und Bissigkeit, aber mit großem Humor der Dichtung seine Bilder
abzugewinnen! Anschließend erschienen 1841 bei Volkmar in Leipzig zwölf
Holzschnitte zum Reinecke Fuchs, neun von den vorher lithographiert
erschienenen Blättern und drei nach neuen Zeichnungen.
Bis ungefähr zum Jahre 1840 sah es mit den Bilderbüchern für Kinder in
Deutschland sehr traurig aus; das Minderwertige, Handwerksmäßige, das
der Kinderwelt bis zu dieser Zeit geboten wurde, war geradezu kläglich.
Nun aber macht sich eine Bewegung bemerklich, die erkennen läßt, daß
man bestrebt ist, „den Kindern das Beste“ zu bieten. Und hier haben nun
eine Anzahl von Verlegern, vor allem die Wigands, im Verein mit unserem
Künstler mit sicherer und glücklichster Hand eingegriffen und wirklich
wie im Sprunge Versäumtes nachzuholen sich bemüht. Ihr Bestreben war
aber auch vom schönsten Erfolg gekrönt, die Bücher mit Bildern von
unserem Ludwig Richter wurden von alt und jung mit Jubel aufgenommen.
[Illustration: Abb. 62. +An der Krippe.+ Aus „Illustrierte
Jugendzeitung“. 1847.