[Illustration: Abb. 63. +Rübezahl.+ Radierung. 1848. Verlag von Alphons
Dürr in Leipzig. (Zu Seite 58.)]
Außer einer Anzahl von Blättern für Lithographie zu Erzählungen von
Karl Stöber folgen 1842 bis 1856 siebzig Zeichnungen für Radierungen
und Holzschnitt zu Nieritz’ Volkskalender. Die sehr vollendeten
Zeichnungen: „Harmlose Freude“ (Abb. 47) und „Wir gratulieren“ (Abb.
48), radierte Hugo Bürkner. Zu Jeremias Gotthelfs Erzählung „Der
Besenbinder“ ist die Zeichnung Abb. 49. Unter diesen Blättern befinden
sich auch die ungemein humoristischen Weinproben vom Most, Rheinwein,
Burgunder, Steinwein bis herab zum Grüneberger. Hieran reiht sich noch
ein Ölbild nach einem Motiv aus Böhmen, „Hirten mit der Herde durchs
Wasser gehend“, im Besitz des Herrn Hoff in Frankfurt a. M.
[Illustration: Abb. 64. +Betendes Kind.+ Aus „Illustrierte
Jugendzeitung“. 1847. Keils Märchen. Verlag von Otto Wigand in Leipzig.
(Zu Seite 59.)]
1844-1846 erschienen bei Gustav Mayer in Leipzig „Alte und neue
Studenten- und Volkslieder“ mit hunderteinunddreißig Bildern. Die
ebenda erschienenen „Soldaten- und Jägerlieder“ hatte Pocci, vor dessen
Geschicklichkeit Richter großen Respekt hatte, illustriert. Franz Graf
Pocci, 1807 in München als Sohn des Grafen Pocci aus Viterbo und der
Freiin Xaveria von Posch aus Dresden geboren, war Dichter, Zeichner und
Musiker, später Hofmusikintendant in München. Die geschickte Art, wie
er in den obenerwähnten Soldaten- und Jägerliedern usw. die Buchseiten
mehr „dekorierte“, war für unseren jungen Meister sehr anregend und
fördernd. Diese Illustrationen sind ebenso wie die Neureuthers von
großem Einfluß auf ihn gewesen. Poccis Arbeiten, soweit sie hier in
Betracht kommen, zeugen trotz ihres dilettantischen Gepräges und
trotz des Mangels an Können doch von einem kindlich naiven Sinn. Der
Meister erwähnt selbst Pocci in der Biographie; er sieht dessen mit
Guido Görres herausgegebenen Festkalender, als er noch in Meißen
war, und sagt: „Pocci interessierte mich doch bei weitem am meisten
und wirkte höchst anregend auf mich.“ Wie hat es nun unser Richter
verstanden, in dem engen gegebenen Raum, der für ihn neben Noten und
Text übrig blieb, bei aller Freiheit hauszuhalten und in den kleinen
Illustrationen bei so schlichter Form den geheimnisvollen Zauber
unserer Volkslieder, ebenso wie die Frische und Fröhlichkeit und den
Humor unserer Studentenlieder wiederzugeben! Von den Volksliedern seien
genannt: „Zu Lauterbach hab’ i mein Strumpf verloren“, Abb. 50. Das
„Liebespaar“ mit dem lieblichen Mädchen, welches das Licht putzt (Abb.
51), wurde erst 1875 in „Aus der Jugendzeit“ veröffentlicht. Eine so
innige Gruppe, wie das Liebespaar, das in sein stilles Glück versunken
in die Ferne hinausschaut, zu „Kein Feuer, keine Kohle kann brennen
so heiß, als heimliche Liebe, von der niemand nicht weiß“ kann nur
unser Richter zeichnen. Voller Humor sind „Nur fröhliche Leute lassen
wir herein“ (Abb. 52) und „Gestern, Brüder, könnt ihr’s glauben ...
gestern kam der Tod zu mir“ (Abb. 53). Wie ergreifend sind die Bilder:
„Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein“ und „Es fiel ein Reif in
der Frühlingsnacht“ (Abb. 54), wie innig die Gruppe der beiden Kinder,
die „verdorben, gestorben“! Ferner das prächtige Bildchen: „So hab’ ich
nun die Stadt verlassen, wo ich gelebet lange Zeit“, -- in Gedanken
versunken wandert der Bursch aus der Stadt, er denkt an die „eine“,
sie aber denkt auch an ihn, und wie lieblich und hold ist sie, die
oben, hinter dem Vorhang lauschend, dem Wandernden sinnend nachschaut
(Abb. 55). -- Das liegende Mädchen, eine schön gezeichnete Studie (Abb.
56) zu „Wenn ich ein Vöglein wär“ erregte Rethels größtes Interesse;
er betrachtete oft mit besonderem Wohlgefallen diese fein empfundene
naive Zeichnung. -- Diese Volks- und Studentenliederbilder sind
1875-1878 in vier Bänden, mit Illustrationen zu Musäus’ Volksmärchen
durchsetzt, wieder im Buchhandel erschienen unter den Titeln: „Aus
der Jugendzeit“, „Deutsche Art und Sitte“, „Aus dem Volksleben“ und
„Aus Dichtung und Sage“. 1845 vollendete Richter ein Ölbild, einen
Mondscheinabend, für Bendemann in Berlin. Aus dem in demselben Jahre
erschienenen „Vaterunser“ von Ammon bringen wir die reizende Rehgruppe
„Ruhe im Walde“ (Abb. 57). Ein Ölbild, das ihn so recht kennzeichnet:
den „Brautzug im Frühling“ (Abb. 58) vollendet er 1847. Aus dem im
Frühlingsschmuck prangenden Walde tritt der festliche Hochzeitszug,
des Müllers Töchterlein mit ihrem Angetrauten, der stattliche Müller
mit der stillen Frau Müllerin und weiteres Gefolge, voran fröhliche
Kinder mit Blumengewinden. Im Mittelgrund eine liebliche Hirtengruppe,
ein Hirtenbübel schwenkt den Hut. Vom hohen Giebel der unterhalb
des Schlosses liegenden Mühle weht eine stattliche Fahne, im jungen
Tannenwald lauschen Rehe, draußen stille, blaue Fernen. Ein seltener
Liebreiz mutet uns beim Betrachten dieses hinsichtlich der Konzeption
schönsten Bildes Richters an, es macht Haydnsche, auch Mozartsche
Weisen in uns erklingen. Interessant ist ein Vergleich dieses Bildes
mit seinem hervorragendsten italienischen Bild „Tal von Amalfi“ (Abb.
13). Die Anregung zu diesem Bilde wurde ihm bei der Erstaufführung von
Wagners Tannhäuser 1845. Auf der Ausstellung in Dresden erwarb es die
Lindenaustiftung und überwies es der dortigen Gemäldegalerie. Die neue
deutsche Kunst, die in Rom durch Cornelius, Overbeck, Schnorr und Veit
in der Mitte des zweiten Dezenniums des 19. Jahrhunderts einsetzte,
war eine Sezession radikalster Art; durch sie waren alle Traditionen
der Ölmaltechnik ebenso wie der Freskotechnik durchschnitten worden
und schließlich verloren gegangen. Es hat in Deutschland trotz allen
Ringens einer langen Reihe von Jahren bedurft, bis man dies erkannte
und der Technik in der Malerei wieder den ihr gebührenden Platz
einräumte, die Art des Studienganges änderte und nicht nur einseitig
vom Umriß und von der Zeichnung ausging, sondern auch die Farben zu
Wort kommen ließ, bei der Komposition auch mit Ton- und Farbenwerten
rechnete. Die Unzulänglichkeit des technischen Könnens im Ölmalen
empfand Richter oft genug. Er sprach sich in späteren Jahren oft dahin
aus, daß ihm ursprünglich ein ganz früher Frühlingstag vorgeschwebt
habe, er wollte den Wald in seinem ersten Lenzesschmuck, knospende
und blühende Bäume, die Eichen mit dem lichten zarten Grün der jungen
Blättchen, kurz, einen wonnigen ersten Frühlingstag in dem Bilde
schildern, aber die Kraft dazu habe ihm versagt, die Studien dazu
gefehlt. Auf der Weltausstellung in Paris 1855 wurde ihm für dieses
Bild die goldene Medaille zuerkannt; der Bildhauer E. Rietschel wurde
dort ebenso ausgezeichnet; die Künstlerschaft Dresdens brachte beiden
Männern daraufhin einen Fackelzug.
[Illustration: Abb. 65. Zu: +Das Kind an der Mutter Grab.+