Museum zu Dresden. (Zu Seite 13 und 36.)]

Im Jahre 1820 begleitet unser junger Richter, der inzwischen für sich

gezeichnet und gemalt, auch an Bilder sich gewagt hat, den Fürsten

Narischkin, Oberstkämmerer der Kaiserin von Rußland, sieben Monate als

Zeichner auf dessen Reise über Straßburg und Marseille nach Nizza. Die

Skizzen nach der Natur von dieser Reise, die noch vorhanden sind und

nach denen er ausgeführte Zeichnungen für ein Album, das der Kaiserin

von Rußland bei der Rückkehr überreicht werden sollte, fertigte, haben

oft noch etwas „Zopfiges“ an sich; er war, trotzdem er sich frei zu

machen suchte, weil ein lebendiges Naturgefühl ihn durchdrang, noch

in der Art und Weise der Zeit befangen und gebunden. Wir bringen von

diesen Skizzen ein Blatt (Abb. 8) aus Avignon. Nach der Rückkehr

radierte er für Arnold wieder dreißig Ansichten zu dem „Taschenbuch

für den Besuch der sächsischen Schweiz“. In diesen Radierungen, die

nichts weiter als Prospekte sein sollten (dieses Taschenbuch entsprach

ungefähr in seinen Zwecken unseren heutigen Bädekerreisebüchern),

macht sich, wie in den vorerwähnten siebzig und dreißig Ansichten,

schon in der Ausbildung der figürlichen Staffage der eigene Zug

Richters geltend, die Natur immer nur in Verbindung mit dem Menschen zu

schildern. -- Aber diese Arbeiten befriedigten ihn nicht, es drängte

ihn nach ganz anderen Zielen. Und zur Erreichung dieser sollten ihm die

Wege geebnet werden.

Der väterliche Freund Arnold gab ihm die Mittel zu einer Studienreise

nach Rom auf drei Jahre (jährlich 400 Taler), -- nach Rom, wo

Cornelius, Overbeck und Philipp Veit im Hause des preußischen

Generalkonsuls Bartholdy die Geschichte Josephs in Fresken (jetzt in

der Nationalgalerie in Berlin) bereits ausgeführt und die Merksteine

der neuen Ära aufgerichtet hatten, wo dieselben Künstler, denen sich

Schnorr 1818 zugesellte, in der Villa des Fürsten Massimi die Fresken

zu Dantes „Göttlicher Komödie“, zu Tassos „Befreitem Jerusalem“ und zu

Ariostos „Rasendem Roland“ zu malen begonnen hatten. -- Die Kunde von

diesen Werken, die für die neue deutsche Kunst von so außerordentlicher

Bedeutung sind, war auch nach Dresden gedrungen, und man kann sich

vorstellen, wie die herrliche Aussicht, nun so bald in diese Zentrale

der neudeutschen Kunstbewegung kommen zu sollen, unseren jungen

Künstler mit Begeisterung erfüllte. Jetzt war er erlöst und konnte dem

innersten Zuge seines Herzens folgen; -- „ich war mit einem Schlage

frei von dem Drucke ägyptischer Dienstbarkeit, die hoffnungslos auf

meinem Leben lastete, mit einem Zuge war der Vorhang weggeschoben, und

der selige Blick sah das gelobte Land vor sich liegen, das Land einer

bisher hoffnungslosen Sehnsucht, wohin der Weg nun gebahnt war.“

Auf der Kunstausstellung im Sommer 1822 tauchten einige kleinere Bilder

deutscher Künstler in Rom auf, die über die „neue Richtung“ der jungen

Künstlergeneration Aufschluß gaben. Es waren Bilder von Götzlaff,

Klein, Catel, Rhoden. Diese Bilder machten durch ihr strenges und

höchst liebevolles Anschließen an die Natur, durch das Stilgefühl,

welches ihre Urheber den alten deutschen und italienischen Meistern

abgelernt, auf unseren jungen Künstler tiefen Eindruck; wie war das

so ganz anders angeschaut und wie war das empfunden! Wie hohl und öde

waren dagegen die Werke von Klengel und den anderen Zopfmalern, die vor

lauter „Baumschlag“ und „Kunstrezept“ und „Kunstregel“ so ganz abseits

von der Natur gekommen waren.

[Illustration: Abb. 16. +Landschaft aus der römischen Campagna.+

Federzeichnung. 1828. (Zu Seite 39.)]

Von Dresden waren bereits Alters- und Gesinnungsgenossen nach Rom

gezogen; Richter kannte aber nur wenige von ihnen und stand außerhalb

ihres Kreises. Sein Vater wollte von diesen „Neuerern“ nichts wissen,

die obendrein in altdeutschen Röcken und Sammetbaretts, mit langen

Haaren und Fechthandschuhen einhergingen.

[Illustration: Abb. 17. +Brunnen bei Arriccia.+ Nach einer Aquarelle.

1831. (Zu Seite 39.)]

1823 trat er die Reise über Salzburg an. Er zeichnete viel auf seiner

Wanderung durch die Alpen, Landschaftliches und Figürliches. Abb. 9 ist

eine Figurenskizze aus dem Salzburgischen, in der Art der Zeichnung

und Charakteristik Philipp Fohrs, auf den wir später noch kommen. Die

Nationalgalerie besitzt ein aquarelliertes Blatt, eine Landschaft von

1823, auf dieser Reise gefertigt, worin auch das Figürliche ähnlich

im Schnitt und räumlich sehr hervorgehoben ist. In Innsbruck, wo er

Nachrichten aus der Heimat erwartete, fielen ihm Schlegels Abhandlungen

über „Christliche Kunst“, die wir früher schon erwähnten, in die Hände,

und als er jenseits der Alpen, in Verona, zuerst altitalienische

Kunstwerke sah, wurden ihm Schlegels Aussprüche erst recht verständlich

und lebendig; hier sah er in der Kirche St. Giorgio das bekannte Bild

von Girolamo dai Libri: „Die Madonna auf dem Thron von singenden Engeln

umgeben“ und wurde von dem Bilde wunderbar ergriffen. Als fünfzig

Jahre später auf dieses Bild die Rede kam, schrieb er mir in seiner

Begeisterung eine kurze Abhandlung über dies Bild aus den „Gesprächen

über die Malerei in Italien“ von L. Lanzi mit der vorzüglichen

Anmerkung dazu von Quandt ab; er war noch immer von der höchsten

Begeisterung für dieses Gemälde erfüllt. Am 28. September, am Abend

seines zwanzigsten Geburtstages, zog er durch die Porta del Popolo in

Rom ein; Glockengeläute und Kanonendonner verkündeten die Wahl Papst

Leos XII. „Da lag mein Schifflein im ersehnten Hafen.“

[Illustration: Abb. 18. +Der Watzmann.+ 1830. Verlag von C. G. Boerner

in Leipzig. (Zu Seite 40.)]

Hier traf er nun mit den ihm von Dresden her bekannten jungen Malern

Wagner und Ernst Oehme zusammen. „Hier in Rom entdeckten wir (Oehme

und Richter) bald, daß ein anderes liebes Geheimnis uns verband; denn

er hatte eine Emma, wie ich eine Auguste, in der Heimat und im Herzen,

beide Mädchen kannten sich, beide wurden von Pflegeeltern erzogen,

welche einander nicht unbekannt waren, und so konnte es nicht fehlen,

daß wir uns ebenfalls vertraulich nahe fühlten.“

Großen Einfluß auf ihn gewann zuerst vor allem der aus der Sturm- und

Drangperiode herübergekommene Landschafts- und Figurenmaler Joseph

Anton Koch, das originelle derbe und biedere Tiroler Landeskind.

Besonders seine historischen Landschaften wirkten auf den jungen

Künstler bestimmend. Noch im Laufe des ersten Winters in Rom,

1823-1824, malte Richter ein Bild, den Watzmann darstellend. Während

er daran arbeitete, besuchte ihn Koch, der von da an großen Anteil an

seinem Schaffen nahm und in herzlichen Verkehr zu ihm trat; ihm hat

Richter für seine künstlerische Fortentwickelung viel zu danken. Auch

Julius Schnorr aus Leipzig trat Richter jetzt freundschaftlich näher.

Schnorrs Persönlichkeit und Geistesrichtung berührten Richter innerlich

noch mehr, weil er eine ihm verwandte Natur war. Koch suchte das Große

und Gewaltige mit Pathos in der Formengebung auszudrücken, wogegen der

lyrische Schnorr durch seinen Schönheitssinn und die Anmut in seiner

Gestaltung, durch blühende Phantasie und Romantik in unserem jungen

Künstlergemüt gleichgestimmte Saiten erklingen machte.

[Illustration: Abb. 19. +Castel Gandolfo.+ Radierung. 1832. Verlag von

C. G. Boerner in Leipzig. (Zu Seite 40.)]

Im „Kunstblatt“, Jahrgang 1824, wird über dies Bild vom Watzmann, das

er in Dresden ausgestellt und seinem Gönner Arnold überließ, berichtet:

„Die Meisterhaftigkeit, mit welcher dieses Bild ausgeführt ist, der

schöne und tiefe Sinn für Natur, der sich darin spiegelt und in Treue

und Wahrheit den Charakter dieser Berggegend wiedergibt, die gut

gedachten Effekte der Licht- und Schattenpartien erfreuen uns um so

mehr, da der Künstler noch sehr jung ist und bei solchen Anlagen und

so früher Entfaltung von praktischer Geschicklichkeit das Höchste in

dieser Kunst zu erwarten berechtigt.“ Und von Quandt schreibt ebenda:

„Das Romantische, das, was in der Natur ans Unbegreifliche und in der

Darstellung ans Unglaubliche reicht, ohne die Grenzen des Möglichen

und Wirklichen zu überschreiten, ist ganz des jungen Malers Fach,

und er vermag es mit solcher Wahrheit vor die Augen zu stellen, daß

uns ganz das Gefühl des Erhabenen durchdringt, welches der Anblick

im reinsten Sonnenlicht strahlender Gletscher, ungestümer Bäche und

ernster Waldungen, welche als Landwehr den Bergstürzen und Lawinen sich

entgegenstellen, uns einflößt.“ Die Dresdener Akademie gewährte ihm auf

dieses Bild ein Stipendium von hundert Talern. Abends zeichnete Richter

mit größtem Eifer mit den Genossen in der sogenannten Academia, die

Passavant und einige Freunde eingerichtet hatten, nach dem lebenden

Modell; er vergleicht diese Figurenstudien mit denen, die zu der

Zeit in Deutschland gezeichnet wurden, und sagt, daß man dort solche

Figurenstudien in eine gewisse manierierte Schablone brachte, weil der

Respekt vor der Natur fehlte; aber „hier zeichnete man mit der größten

Sorgfalt, mit unendlichem Fleiß und großer Strenge in der Auffassung

der Individualität, so daß diese Zeichnungen oft kleine Kunstwerke

wurden, an denen jeder seine Freude haben konnte; denn es war eben ein

Stück schöner Natur.“

[Illustration: Abb. 20. +Porträt Ludwig Richters.+

Ludwig Richter · 第 14 / 72 题