[Illustration: Abb. 21. +Vertreibung aus dem Paradies.+ 1832.
Aus „Biblische Historien“ von Zahn.
Mit Genehmigung der Verlagshandlung A. Bagel in Düsseldorf. (Zu Seite
40.)]
Im Frühling 1824 zog unser Landschafter ins anmutige Albanergebirge,
später nach Tivoli, wo er mit Philipp Veit am Tempel der Sibylla
zusammentraf. An einem Regentage wurde hier beschlossen (Oehme,
Wagner, Götzlaff und Rist waren die Genossen Richters), daß jeder bis
zum Nachmittag eine Komposition entwerfen sollte. Richter schreibt
darüber: „Ich hatte eine Gruppe sächsischer Landleute mit ihren
Kindern gezeichnet, welche auf einem Pfade durch hohes Korn einer
fernen Dorfkirche zuwandern, ein Sonntagmorgen im Vaterlande. Diese
Art von Gegenständen war damals nicht an der Tagesordnung und in
Rom erst recht nicht. Das Blatt machte deshalb unter den anderen
einige Wirkung; -- ich erinnere mich wohl, wie ich das Blatt ohne
Überlegen, gleichsam scherzweise, meinen damaligen Bestrebungen und
Theorien entgegen, hinwarf, und dieser Umstand ist mir in späteren
Jahren wieder eingefallen und deshalb merkwürdig erschienen, weil
das recht eigentlich improvisierte Motiv der erste Ausdruck einer
Richtung war, die nach vielen Jahren wieder in mir auftauchte, als
ich meine Zeichnungen für den Holzschnitt machte. Es waren liebe
Heimatserinnerungen, sie stiegen unwillkürlich aus einer Tiefe des
Unbewußten herauf und gingen darin auch wieder schlafen, bis sie
später in der Mitte meines Lebens mit Erfolg neu auferstanden.“
Richter beschloß die Studien für diesen Sommer und Herbst in Olevano
im Sabinergebirge. Dieses einzige Stückchen herrlichen Landes hatte
Koch einige Jahre vorher entdeckt; seit Jahren ist die Serpentara, die
kleine felsige Kuppe mit einem Wald deutscher Eichen, der Glanzpunkt
von Olevano, in Verfolg einer Anregung deutscher Künstler in Erinnerung
dort verbrachter Studienzeit in den Besitz des Deutschen Reiches
übergegangen.
[Illustration: Abb. 22. +Erntezug in der römischen Campagna.+ 1833.
Ölbild im Museum zu Leipzig. (Zu Seite 40.)]
[Illustration: Abb. 23. +Der Wasserfall bei Langhennersdorf.+
Radierung. 1834.
Verlag von Carl Gräf (E. Arnold) in Dresden.
(Zu Seite 40.)]
[Illustration: Abb. 24. +Das Tor auf dem Neu-Rathen.+
Radierung. 1834.
Verlag von Carl Gräf (E. Arnold) in Dresden.
(Zu Seite 40.)]
[Illustration: Abb. 25. +Aufsteigendes Gewitter am Schreckenstein.+
Nach einem Aquarelle von 1836. (Zu Seite 42.)]
Nach Rom zurückgekehrt, malte Richter im Winter das Bild „Rocca di
Mezzo“ (Abb. 10), welches durch Vermittelung Schnorrs der Baron Speck
von Sternburg erwarb; es befindet sich jetzt im Museum zu Leipzig. Bei
Philipp Veit, dem Sohn von Dorothea von Schlegel, mit dem er in Rom
unter einem Dach wohnte, sah er zwei Bände Holzschnitte und Stiche
Dürers, von denen ihm bisher wenige bekannt waren. Veit erschloß ihm
den Reichtum an Schönheiten und die Bedeutung dieser Werke; er ist
von der volkstümlichen Art, deutsches Leben und Wesen wiederzugeben,
ganz begeistert, und für die Folge haben diese Eindrücke fördernd und
bestimmend auf unseren jungen Künstler eingewirkt und vielfältige
und herrliche Früchte gezeitigt. In der Galerie Camuccini sah er ein
seitdem in England verschwundenes Bild von Tizian, eine Landschaft
mit einem Zechgelage von Göttern und Göttinnen, welches einen
unauslöschlichen Eindruck auf ihn machte. „Ich war ganz hingerissen
von diesem herrlichen Gemälde, der großartigsten Landschaft, die ich
je gesehen,“ schreibt er in seiner Biographie, und weiter dann in
den Tagebuchaufzeichnungen vom Jahre 1824: „Aus Tizians ‚Bacchanal‘
weht eine wunderbare Frische und holde Lebensfülle; das Kolorit ist
wahre Zauberei, eine Kraft, ein Glanz und eine Glut in den Farben, die
einen wunderbaren Reiz wirken und schon für sich die höchste poetische
Stimmung im Beschauer erwecken. Die Komposition ist höchst einfach,
grandios und edel. Auf einem lustigen Plätzchen am grünen Walde haben
sich die Götter zum fröhlichen Feste versammelt und niedergelassen.
Die Figuren sind schön gemalt, voll Ausdruck und Leben, aber ziemlich
gemein, ja völlig travestiert dargestellt.“ Er schildert dann weiter
die Landschaft und schließt mit dem Ausruf: „So müssen Landschaften
gemalt werden, so muß die Natur aufgefaßt werden! Das ist der Stil, der
sich zu Heldengedichten eignet; er ist größer, edler, als der lyrische.
So groß, so sinnvoll und lebendig und so einfach nun auch +deutsche+
Natur aufgefaßt!“ Und noch nach fünfzig und mehr Jahren geriet er in
Begeisterung, wenn die Rede auf dieses Bild kam; er zeichnete bei einer
solchen Gelegenheit dem Verfasser nach einem Stich in dem bekannten
Werk von Agincourt die hier (Abb. 11) wiedergegebene Pause und
schwelgte dabei in Erinnerungen.
[Illustration: Abb. 26. +Überfahrt am Schreckenstein.+ 1837. Ölbild im
Museum zu Dresden.
Nach einer Originalphotographie von F. & O. Brockmanns Nachf. (R.
Tamme) in Dresden. (Zu Seite 36 und 42.)]
[Illustration: Abb. 27. +Die Figuren zur Überfahrt am Schreckenstein.+
Nach einer Zeichnung im Museum zu Dresden. 1837. (Zu Seite 43.)]
[Illustration: Abb. 28. +Aimée in der Badewanne.+ 12. März 1835. (Zu
Seite 44.)]
Außerordentlich anregend für unseren jungen Maler, freilich nach einer
anderen Seite hin als das Bild von Tizian, waren die Arbeiten zweier
Künstler, die beide im Beginn ihrer Laufbahn starben: Karl Philipp
Fohr aus Heidelberg und Franz Horny aus Weimar. Fohr ertrank 1818 beim
Baden im Tiberfluß bei Aqua Acetosa vor den Toren Roms, Horny starb
im folgenden Jahre in Olevano. Richter schreibt in seiner Biographie:
„Das Andenken beider lebte noch warm in den Genossen, und die
Naturstudien wie die Kompositionen, welche sich noch im Besitz ihrer
Freunde vorfanden, versetzten mich in einen Rausch der Begeisterung;
insbesondere war das bei Fohr der Fall. Frühere, noch in Deutschland
gemachte Naturstudien zeigen eine so feine, liebevolle Beobachtung der
Natur und manierlose, naive Darstellung, daß, weil diese Eigenschaften
mit einem großen Stilgefühl sich verbanden, die reizvollsten
Zeichnungen entstehen mußten.“ Er schildert sodann einige solcher ganz
vorzüglichen Zeichnungen, die unbestritten zu den hervorragendsten
Arbeiten aus dieser Zeit gehören und für alle Zeiten mustergültig
bleiben werden. Von Hornys Arbeiten schreibt unser Meister: „Höchst
originell, eine großartige, strenge, ja herbe Auffassung und Behandlung
liebend, studierte er meist in den sterilen Bergen von Olevano und
Civitella. Die Zeichnungen dieses Künstlers sind auch von großem und
hohem künstlerischen Werte.“
[Illustration: Abb. 29. +Zeichnung zu einem Ölbilde: Ruhende Pilger.+
1840. (Zu Seite 45.)]
Auf dem Boden der Kirche in Olevano sah Verfasser 1866 eine Reihe von
Arbeiten dieses Künstlers; es waren runde Stationsbilder, die an diesem
Orte seit fünfzig Jahren verborgen lagen. Vor Richters Ankunft in Rom
war der geistreiche Radierer Joh. Christ. Erhard, dessen deutsche
Blätter unseren Richter so anregten und entzückten, aus diesem Leben
geschieden; er war nicht angelegt, der romantischen Richtung der Zeit
folgen zu können, aus Kummer darüber erschoß er sich in Rom 1822.
Richter schreibt in seiner Biographie: „Erhard litt an Melancholie,
welche sich oft bis zum Unerträglichen steigerte, und verzagte in
solcher Stimmung gänzlich an seinem Talente. Ich glaube auch, daß
sich die italienische Natur für seine künstlerische Eigentümlichkeit
nicht eignete.“ Den Freund Erhards, den liebenswürdigen Maler Reinhold
aus Gera, besuchte Richter oft und erfreute sich an dessen ganz
vortrefflichen Naturstudien; auch mit dem höchst talentvollen Ernst
Fries aus Heidelberg, dem Freunde Fohrs und Rottmanns, kam er öfters
zusammen.
[Illustration: Abb. 30. Zeichnung zum +Gehörnten Siegfried+. Aus den
Volksbüchern von Marbach. 1838.
Mit Genehmigung der Verlagshandlung von Otto Wigand in Leipzig.
(Zu Seite 46.)]
Hier in Rom sah Richter auch die 1823 in Wien erschienenen wundervollen
Steinzeichnungen von Ferdinand von Olivier, die sogenannten sieben Tage
der Woche; es sind Bilder aus Salzburg und Berchtesgaden, fast alle mit
köstlicher Staffage belebt; diese Blätter gehören mit zu den schönsten
Werken aus jener Zeit, streng und vornehm in der Formengebung, dabei
von einer seltenen Liebenswürdigkeit und Anmut. Ferdinand von Olivier,
geboren 1785 in Dessau, lebte, ehe er nach Rom ging, in Wien und traf
dort mit Overbeck und Julius Schnorr zusammen. Des letzteren Bild im
städtischen Museum zu Leipzig, „Der heilige Rochus“, ist in dieser Zeit
in Wien gemalt; es erinnert sehr an die Art und Weise Oliviers. Die
Illustrationen Burgkmaiers zum „Trostspiegel in Glück und Unglück von
Petrarca“, diesem so wunderlichen Buche, haben die deutschen Künstler
in Rom ganz besonders geschätzt und viel danach gezeichnet. Von Richter
existieren noch Pausen nach diesen Holzschnitten aus dieser Zeit; er
besaß dieses Buch und hat viel Anregung daraus empfangen.
[Illustration: Abb. 31. Zum +Gehörnten Siegfried+.