Verlag von Carl Gräf (E. Arnold) in Dresden. (Zu Seite 16.)]

[Illustration: Abb. 8. +Aus Avignon.+ 1820. (Zu Seite 16.)]

Adrian Ludwig Richter wurde am 28. September 1803 in

Dresden-Friedrichstadt geboren, „einem Stadtteil, welchen“, wie er

selbst sagt, „die ~haute volée~ zu ihrem Sitze nicht erkoren hatte“.

Das Geburtshaus (Abb. 1), Friedrichstraße 44 Gartenhaus, war lange in

Vergessenheit gekommen, bis es 1898 wieder entdeckt wurde. Nach einer

alten Familientradition stammt die Familie Richter von Luther ab. Sein

Vater, Karl August Richter (Abb. 2), geboren 6. Juli 1778 im Dorfe

Wachau bei Radeberg, war Zeichner und Kupferstecher und Professor an

der Dresdener Kunstakademie, ein Schüler Adrian Zinggs, seine Mutter

Johanne Eleonore Rosine Dorothee geborene Müller (Abb. 3). Sein

Großvater väterlicherseits, Heinrich Karl Richter (Abb. 4), geboren

1741, war Kupferdrucker, seine Großmutter (Abb. 4) war die Tochter

eines Schullehrers in Wachau. Der Großvater trat, als ihm durch einen

katholischen Geistlichen der Druck der neu auszugebenden Talerscheine

dafür in Aussicht gestellt wurde, zur katholischen Kirche über, aus dem

Druck wurde aber nichts. Die Großmutter kämpfte lange mit sich, ob sie

ihrem Manne beim Wechsel der Konfession folgen sollte oder nicht; in

ihrer Bedrängnis wandte sie sich an ihren Bruder, den protestantischen

Pfarrer in Döbrichau bei Wittenberg, der ihr riet, ihren Kindern das

Opfer zu bringen, Gott sei in dieser wie in jener Kirche, und so

entschloß sie sich schweren Herzens endlich zum Übertritt; sie hat

dreißig Jahre in völliger Erblindung gelebt. Der Großvater betrieb

in späteren Jahren, als das Kupferdrucken nicht mehr recht ging, die

Uhrmacherei. „Er wohnte in einem engen düsteren Hof eines Hauses hinter

der Frauenkirche über der Judenschule,“ im abgelegenen Stübchen des

Hinterhauses hingen zahllose Uhren, die rastlos durcheinander tickten.

Der ruhige, in seinem Wesen wunderliche, ironische Mann beschäftigte

sich auch leidenschaftlich mit Alchimie und Goldmacherei, bei ihm

verkehrten geheimnisvoll allerlei Alchimisten und alte originelle

Judengestalten. Fast hundertjährig schied er aus diesem Leben.

[Illustration: Abb. 9. +Studie aus Salzburg.+ 1823.

(Zu Seite 18.)]

Der Großvater mütterlicherseits, Johann Christian Müller, ein langer,

hagerer, leicht auffahrender und polternder Mann, war ein kleiner

Kaufmann in Dresden-Friedrichstadt, die Großmutter Christiane Luise

(Abb. 5), geboren in Amsterdam als Tochter des dortigen Kaufmanns

van der Berg, gestorben 1813, eine phlegmatische, etwas stolze Frau.

Weiter läßt sich das Herkommen der Familie nicht mehr verfolgen, da

die Kirchenbücher in der Kriegszeit verloren gegangen sind. Das Leben

in Großvater Müllers engem Kaufmannslädchen und dem anstoßenden,

noch engeren Stübchen, in dem von Nebengebäuden eingeschlossenen Hof

und dem sehr großen Garten, mit dem Blick über Kornfelder nach den

Höhen von Roßtal und Plauen, schildert Richter in der Biographie

gar köstlich, nennt auch den ehrbaren Friedrichstädter Bürger und

hochachtbaren Verleger der im Lädchen aufliegenden, in grobem

Holzschnitt ausgeführten und grell bunt bemalten Bilderbogen, Meister

Rüdiger, den Adam, Stammvater und das ehrwürdige Vorbild der Dresdner

Holzschneider. Die beiden großelterlichen Häuser mit den originellen

Gestalten, die dort ein- und ausgingen, boten ein interessantes Bild

aus dem achtzehnten Jahrhundert; sie hatten sich dem Enkel Ludwig

tief eingeprägt. Die wunderlichen Menschen, die er dort sah, mögen

oft bei seinem späteren reichen Schaffen und künstlerischen Gestalten

in seiner Erinnerung aufgetaucht und ihm Modell gestanden haben. Es

waren Figuren, wie wir sie bei Chodowiecki in dessen zahllosen Stichen

sehen und kennen; Richter erzählte oft und gern in seinem späteren

und spätesten Alter von diesen Originalen und wußte sie auch bis ins

kleinste lebendig zu schildern. Dagegen war das elterliche Haus in

seiner Erinnerung ärmer an derartigen und dauernden Eindrücken gewesen.

Es mögen in diesen frühesten Jugenderinnerungen die Wurzeln liegen

für seine Originale und Kapitalphilister, die er in seiner späteren

Zeit uns mit so sicherem Strich gezeichnet hat. Dresden war voll von

solchen Originalgestalten, und unser Ludwig machte förmlich Jagd

auf Chodowieckifiguren. Otto Jahn schreibt in seinen Mitteilungen

über L. Richter: „Die eigentümliche, schalkhafte und doch treuherzige

Pietät, mit welcher Richter seine Philister behandelt, wird aber erst

recht begreiflich, wenn man sieht, wie sie in den ersten und liebsten

Erinnerungen seiner Kinderjahre wurzelt.“ Die Kriegswirren, die

Massen von Truppendurchzügen der Franzosen und der Russen mit ihren

asiatischen Kriegsvölkern und der Österreicher, die Not der Stadt

Dresden während der Schlacht, das Hin und Her in dieser Zeit bis zur

endlichen Niederlage Napoleons bei Leipzig, das alles war für ihn reich

an Eindrücken und Abwechslungen. Der Besuch der katholischen Schule

(er war in der protestantischen Kreuzkirche in Dresden getauft) hörte

im zwölften Lebensjahre infolge der Kriegsdrangsale auf, und nun fand

Ludwig seinen Platz neben des Vaters Arbeitstisch, wo er zeichnete

und radierte. Es war selbstverständlich, daß der Sohn den Beruf des

Vaters erwählte und als Zeichner und Kupferstecher sich ausbildete;

auch seine drei jüngeren Geschwister „Willibald, Hildegard und Julius

griffen, sobald sie konnten, zu Papier und Bleistift und zeichneten

drauf los nach irgend einem Original aus Vaters Mappen“. Unseren Ludwig

befriedigte aber derartiges Zeichnen und Kupferstechen wenig, das

„Malen“ kam ihm viel schöner vor. Der Vater stach damals Kupferplatten

für den Fürsten Czartorysky, der ihn nach Warschau ziehen wollte und

ihm eine gut besoldete Professorenstelle anbot; der Mangel an Kenntnis

der französischen Sprache und an Mitteln zur Bestreitung der Kosten

des Umzugs mit Frau und Kindern nach dort bestimmten ihn jedoch, das

Anerbieten abzulehnen. Er hatte eine Anzahl Schüler, die er im Zeichnen

und Kupferstechen unterrichtete.

[Illustration: Abb. 10. +Rocca di Mezzo.+ 1825. Ölbild im Museum zu

Leipzig. (Zu Seite 23.)]

[Illustration: Abb. 11. +Landschaft von Tizian.+ Nach einer

eigenhändigen Pause. (Zu Seite 26.)]

Neben den Arbeiten für den Fürsten mußte der Vater, da die Bezahlung

eine sehr knappe war, als Brotarbeit auch Bilder für Volkskalender und

Ansichten von Städten und Gegenden radieren. Für die Kalenderbilder

wurden Schlachten, der Wiener Kongreß, Feuersbrünste, Erdbeben,

Mordtaten und was sonst die damalige Zeit in weitesten Kreisen

bewegte, dargestellt, und bei diesen kleinen Arbeiten durfte der Sohn

Ludwig helfend mitwirken, kopieren und arrangieren, später sogar

diese selbst radieren; mit stolzem Gefühl nimmt er die Erlaubnis auf,

die Geschichte vom Apfelschuß Tells auf der Platte „umreißen“ zu

dürfen. Die Auftraggeber für diese Kalenderbilder waren Buchbinder,

die solche Kalender verlegten, und alljährlich zum Herbstjahrmarkt

kamen diese Kleinverleger mit ihren Aufträgen. Diese Buchbinder

und Geschäftsfreunde waren auch großenteils höchst originelle

Gestalten, von denen einige Richter noch im späten Alter lebhaft vor

Augen standen. Ein alter, längst verstorbener Chirurgus in Meißen

erzählte mir, daß er sehr oft mit seinem Vater, einem Buchbinder und

Herausgeber solcher Kalender, in Dresden bei Richters Vater in solcher

Angelegenheit war, und wie er unseren jungen Richter neben Vaters

Tisch habe arbeiten sehen; er schilderte ihn als einen schmalen langen

Jüngling, wie wir ihn uns leicht vorstellen können nach dem vielleicht

zehn Jahre später gezeichneten Porträt (Abb. 15).

Er zeichnete nun auch bald nach der Natur, und wir fügen hier eine

Radierung nach einer Zeichnung von ihm, dem damals Fünfzehnjährigen,

die Brandruinen des alten Schlosses in Pillnitz (Abb. 6) bei. Die

Nationalgalerie besitzt eine in Bleistift sehr tapfer gezeichnete

Vorgrundstudie, Distelblätter, aus seinem zwölften Jahre und aus

seinem fünfzehnten Jahre ein aquarelliertes Blatt „Bewachsene Steine“,

das noch in dem damals herrschenden Manierismus behandelt ist. Die

Zopfzeit, eine der schlimmsten Zeiten deutscher Kunst, stand noch in

voller Blüte; es wurde noch Baumschlag nach ganz besonderen Methoden

gemacht, Eichen gezackt, Linden in gerundeter Manier; es war eine Zeit

der Unnatur und eines verwahrlosten Geschmacks. Richter schildert

selbst in dem Kapitel „Wirrsale“ seiner Biographie, wie er, entgegen

der herrschenden Geschmacklosigkeit und dem Manierismus die Natur

draußen so ganz anders sieht, und doch ist er befangen und weiß sich

nicht herauszufinden.

[Illustration: Abb. 12. +Studie.+ 1825.

(Zu Seite 31.)]

[Illustration: Abb. 13. +Blick in das Tal von Amalfi.+ 1826. Ölbild im

Museum zu Leipzig. (Zu Seite 31.)]

Den Sohn des Romanschriftstellers Wagner in Meiningen, der als

Spielgenosse des Erbprinzen an dessen Erziehung teilnehmen durfte, ließ

der Herzog in Tharandt unter Cotta Forstwissenschaft studieren. In

seinen Mußestunden arbeitete der junge Wagner als Schüler bei Richters

Vater. Er brachte eines Tages eine von ihm aus der Umgebung Tharandts

nach der Natur in Deckfarben gemalte landschaftliche Studie mit: eine

Felsschlucht mit kleinem von Farnkräutern und weißen im Sonnenschein

glänzenden Sternblumen umrahmten Wasserfall. Diese Studie machte einen

tiefen Eindruck auf unseren Richter; wie hier die Natur gesehen war,

entsprach so ganz seinem Sinn, so sah auch er die Natur. Und wie ganz

anders war das, als die Zinggsche Schule lehrte. In einer Kunsthandlung

fand er ein Heft radierter Landschaften von Joh. Christoph Erhard

(1795-1822), voll feinen Naturgefühls und großer Frische. Diese

Blätter gefielen ihm so, daß er sie kaufte und mit ihnen hinaus nach

Loschwitz ging, um in dieser ihm neuen Art nach der Natur zu zeichnen.

Die überaus feine, naive und ganz manierlose Wiedergabe der Natur,

die sonnige Wirkung in den Radierungen dieses Meisters entzückten

ihn, sie haben einen unverkennbaren Einfluß auf seine Art zu zeichnen

gehabt, sind ihm treue Berater und Begleiter durch seine ganze

Künstlerlaufbahn gewesen; er hatte sie immer bei sich am Arbeitstisch,

alle seine Schüler hat er danach zeichnen lassen.

In Dresden bekämpfte der Landschaftsmaler Kaspar David Friedrich aus

Greifswald die herrschende Unnatur durch seine eigenartigen Bilder, die

mit strengstem Naturstudium und mit tiefem Naturgefühl die einfachsten

Vorwürfe der Natur, wenn auch oft stark symbolisiert, behandelten.

Im Jahre 1818 kam der Norweger Landschafter Christian Dahl nach

Dresden, der durch seine frischen, naturalistischen, norwegischen

Gebirgslandschaften ungeheures Aufsehen unter der Jugend erregte. Die

Alten aber lachten oder schüttelten die Köpfe über diese Neuerer.

[Illustration: Abb. 14. +Auguste Freudenberg.+ 9. Dezember 1826. (Zu

Seite 33.)]

Aber die ersten Schimmer der Morgenröte der sich vorbereitenden

neudeutschen Kunst zeigten sich bereits. Schon hatte August Wilhelm

von Schlegel seine Abhandlung über „Christliche Kunst“ geschrieben,

Eindrücke und Gedanken, die er vor den in Paris aufgestapelten, von

Napoleon zusammengeraubten Kunstschätzen Deutschlands und Italiens

aufgezeichnet, ein Werk der damaligen literarischen Romantik, das man

als einen der Ecksteine der neudeutschen Kunst bezeichnen muß.

Schon waren Cornelius, Overbeck, Veit und Schnorr als ausübende

Künstler tätig. In der heranwachsenden Jugend fing es an zu gären.

Die Zeit der tiefsten Erniedrigung und der großen nationalen Erhebung

Deutschlands, die Befreiungskriege, wirkten auch befruchtend auf

die junge deutsche Künstlerschaft; +deutsche+ Kunst wurde wieder

angestrebt, die altdeutschen herrlichen Meister wurden wieder

Lehrmeister. Das nationale Bewußtsein brach sich auch in der Kunst

wieder Bahn. Und auch unseren jugendlichen Richter durchzog es

ahnungsvoll.

Eines Tages kam der Buchhändler Christoph Arnold zum Vater Richter; der

Sohn bemerkte, daß dieser ihn beobachtete, schließlich aber freundlich

mit ihm sprach; er übertrug dem Vater die Ausführung eines größeren

Werkes in Radierungen: „Malerische An- und Aussichten der Umgegend von

Dresden“, dabei aber den Wunsch aussprechend, daß der Sohn mit dabei

beschäftigt werde.

Beim Fortgehen gibt er dem Jüngling die Hand, dabei treten ihm Tränen

in die Augen; draußen sagt er dem Vater, daß er beim Anblick des

Sohnes an seinen jüngst verstorbenen Sohn, dem Ludwig sehr ähnlich

sei, erinnert worden sei. Von da an hatte er großes Interesse an

unserem Ludwig Richter, wie sich in der Folge zeigte. Das in Auftrag

gegebene Werk erschien 1820 unter dem Titel: „Siebzig malerische An-

und Aussichten der Umgegend von Dresden, aufgenommen, gezeichnet

und radiert von C. A. Richter, Professor, und A. Louis Richter“,

ebenso erschienen in demselben Jahre noch dreißig malerische An- und

Aussichten von Dresden und der nächsten Umgebung. Aus dieser Folge

bringen wir „Dresden von der Bärbastei“ von unserem jungen Künstler

gezeichnet und radiert (Abb. 7). Beide Folgen waren zum Kolorieren

bestimmt, deswegen sind die Lüfte leer gelassen.

[Illustration: Abb. 15. +Jugendporträt L. Richters vom Jahre 1827+,

gez. von C. Peschel.

Ludwig Richter · 第 13 / 72 题