Solange deutscher Sinn und deutsches Gemüt bestehen werden, wird Ludwig
Richter im deutschen Volke fortleben und geliebt und geschätzt werden.
Der Strauß duftender Blüten, den er unserem deutschen Volke gepflückt
und hinterlassen hat, soll und wird nicht verwelken. Das deutsche Volk
wird festhalten an dem ihm Eigenen, und deutsche Art und Sitte wird nie
untergehen.
Ihm aber, dem verewigten Meister, dem 1898 in seiner Vaterstadt ein
ehernes Denkmal errichtet wurde, wollen wir Deutschen alle ein noch
unvergänglicheres Denkmal errichten, indem wir und unsere Kinder und
Kindeskinder bis in die fernsten Geschlechter den unvergänglichen und
unvergleichlichen Tönen seiner Muse lauschen und seine Werke allezeit
lieb und wert und hoch halten!
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Richters Persönlichkeit war die eines schlichten sinnigen Mannes; er
war demütig und bescheiden, kindlich rein und tief religiös. W. H.
Riehl sagt in seinen „Kulturgeschichtlichen Charakterköpfen“ über ihn:
„Unserem volkstümlichen deutschen Meister eignete von jeher eine echt
deutsche Künstlertugend: die Bescheidenheit. Mit seinem Griffel gab
er ganz sich selbst und legte die innersten Falten seines Wesens dar,
weil er’s nicht anders konnte; mit seiner Person zog er sich still und
anspruchslos vor der Welt zurück, und die Welt lernte ihn fast nur so
weit kennen, als sie ihn in seinen Werken lieben gelernt hatte.“
Von großer Liebenswürdigkeit gegen jedermann, war er doch scheu, fast
unsicher und still Fremden gegenüber; zu denen aber, die ihm nahe oder
näher standen, war er von großer Herzlichkeit und Mitteilsamkeit.
[Illustration: Abb. 5. +Ludwig Richters Großmutter mütterlicherseits+,
geb. van der Berg. (Zu Seite 10.)]
Bei Gesprächen über das, was ihn am allerinnersten bewegte, über
Christentum und Kunst, erglänzten oft seine großen grauen Augen, wie
wenn die Sonne durch lichtes Gewölk hervorbricht. Oft schauten sie
wieder so träumerisch ins Weite; wie Verklärung lag es dann über
dem lieben Antlitz. Ein Zug von Wehmut war ihm eigen. In seiner
Unterhaltung war er immer anregend und geistig lebendig, sicher im
Urteil über Kunst und Literatur. Bei der Beurteilung von Kunstwerken
war ihm das eigentlich „Künstlerische“ maßgebend, gleichviel ob das
Kunstwerk dieser oder jener Richtung oder Stilweise angehörte; er
begeisterte sich ebenso an Rembrandts Darstellung der „Hirten an der
Krippe“, über die Goethe in seinen Briefen an Falkonet, ihm wie aus dem
Herzen gesprochen, sich ausläßt, wie an den Werken des kindlich frommen
Fiesole.
Er war von hoher, hagerer Gestalt, seine Haltung etwas nach vorn
übergebeugt; sein kluges Gesicht, freundlich und wohlwollend, war von
einer Fülle schneeweißen Haares umrahmt. So sehen wir ihn in dem von
Leon Pohle im Auftrage des bekannten Kunstfreundes Eduard Cichorius
für das Museum zu Leipzig gemalten Porträt (Titelbild). In diesem
Bildnis, zu dem unser Altmeister im Jahre 1879 saß, gerade in der Zeit,
als sein jahrelanges Augenleiden unaufhaltsam so weit vorgeschritten
war, daß er den Zeichenstift aus der Hand hatte legen müssen, ist eine
unverkennbare Trauer über das Antlitz gelagert; ihm, dem unermüdlich
Schaffenden, war eine Grenze gesetzt; er sollte nun seine fleißigen
Hände ruhen lassen. Seine Wirksamkeit als Künstler war abgeschlossen,
worüber er in seinem Innern sehr schmerzlich bewegt war. Aber er fügte
sich in Demut in das Unvermeidliche und trug es ohne Klage; war es
ihm doch wie wenigen Künstlern vergönnt gewesen, bis in sein hohes
Alter in seiner Kunst tätig sein zu dürfen, und wenn ihm auch in den
letzten Jahren die „Motive“ spärlicher kamen, so arbeitete er doch
unausgesetzt, frühere Darstellungen vielfach variierend, unfertige
frühere Zeichnungen vollendend oder landschaftliche Skizzen mit
Figurengruppen belebend, und zeichnete und malte noch eine ganze Reihe
prächtiger Blätter, wenn auch mit großer Mühe und Anstrengung. --
Inzwischen hatte er auf Anregung seines Freundes E. Cichorius und auf
Betreiben seines Sohnes Heinrich angefangen, auf Grund eigenhändiger
Tagebuchaufzeichnungen seine Selbstbiographie „Lebenserinnerungen
eines deutschen Malers“ (Frankfurt a. M., Johannes Alt) zu schreiben,
und vermochte diese auch noch 1879 so weit zu Ende zu führen, wie
es von Anfang an geplant war. Diese Biographie gehört mit zu dem
Hervorragendsten, was Deutschland auf diesem Gebiete der Literatur
besitzt.
[Illustration: Abb. 6. +Brandruinen des alten Schlosses in Pillnitz.+
1818. Kolorierter Stich. (Zu Seite 13.)]
Richter durfte noch seinen 80. Geburtstag feiern, geliebt und geehrt
vom deutschen Volke. Still und freundlich waren seine letzten Jahre,
wenn ihm auch Schweres zu tragen bis zuletzt nicht erspart wurde. Am
letzten Morgen seines Erdendaseins schrieb er in sein Tagebuch:
Groß denken, im Herzen rein,
Halte dich gering und klein,
Freue dich in Gott allein.
In gedrängter Kürze wollen wir den Entwickelungsgang des Meisters
darzustellen versuchen.
[Illustration: Abb. 7. +Dresden von der Bärbastei.+ 1820.
Aus „Dreißig malerische An- und Aussichten von Dresden und der nächsten
Umgebung“.