Vierte Auflage

[Illustration]

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1906

Von der ersten Auflage dieses Werkes ist für Liebhaber und Freunde

besonders luxuriös ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe

_eine numerierte Ausgabe_

veranstaltet, von der nur 100 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier

hergestellt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert

(von 1–100) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis

eines solchen Exemplars beträgt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf

welche jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet.

=Die Verlagshandlung.=

Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld.

[Illustration: Ludwig Richter.

Nach dem Ölgemälde von Leon Pohle aus dem Jahre 1879. Im Museum zu

Leipzig.]

Ludwig Richter.

Selten hat sich in einem deutschen Maler deutschen Volkes Art und Sitte

so rein und unverfälscht widergespiegelt als in Ludwig Richter, dem

unvergleichlichen Malerpoeten des neunzehnten Jahrhunderts.

Seine zahllosen Blätter und Blättchen, die über unser gesamtes, liebes

deutsches Vaterland verbreitet sind und, soweit die deutsche Zunge

klingt, geliebt und geschätzt werden, zeugen alle von dem innersten

Wesen des deutschen Volkes. Poesie und Gemüt, naive Anschauung,

tiefinnerste Religiosität und Freude an Gottes herrlicher Schöpfung

atmet seine Kunst. Durch alle seine Arbeiten geht ein Hauch poetischer

Verklärung; wie unsere herrlichen Volkslieder muten sie uns an.

Der schlichte, kindlich fromme Mann schreibt einmal wie ein

Künstlerbekenntnis nieder:

„Der Künstler sucht darzustellen in aller Sichtbarkeit der Menschen

Lust und Leid und Seligkeit, der Menschen Schwachheit und Torheit, in

allem des großen Gottes Güt’ und Herrlichkeit.“

Das ist Richters Standpunkt in seiner Kunst, den er unentwegt

festgehalten hat.

[Illustration: Abb. 1. +Das Geburtshaus Ludwig Richters.+ (Zu Seite 9.)]

Seine lieblichen Engelgestalten, seine naiven fröhlichen Kinder, die

schämigen, aber gesunden Mägdlein und Jungfräulein, die Mütter im

Kreise der Kinder, spinnend, belehrend oder wehrend; die Großmütter

am warmen Kachelofen, den Enkeln -- und es sind ihrer nie wenige --

Märchen erzählend; die Familie um den Tisch zu Andacht oder Mahlzeiten

versammelt; Kirchgang und Hochzeit, Taufgang und Friedhof, Abschied

und Wiedersehen, Weihnachten und Ostern und Pfingsttag, die schönsten

und weihevollsten Stunden unseres deutschen Familienlebens, unserer in

der deutschen Häuslichkeit begründeten Gemütlichkeit, im Hause und im

Verkehr mit der Natur, in Feld und Wald und Heide, bei Sonnenschein und

Regen oder bei still herabfallenden Schneeflocken, im Gärtchen am Hause

mit seinen Rosen und Tulpen und Nelken, am Sonntagmorgen oder beim

Abendläuten oder bei funkelndem Sternenhimmel, am schattigen Mühlbach

in der stillen Mühle oder droben im Schloß oder in der Kapelle aus

sonniger Höhe, und was er sonst in den Bereich seiner Darstellungen

ziehen mag, das alles ist durchweht von Poesie, im deutschen Gemüt

wahrhaft begründet, aus ihm gleichsam herausgewachsen und mit kindlich

naiven Augen geschaut, alles ist durchleuchtet von einem tiefen

religiösen Gefühl.

In der Vorrede zu seinem Holzschnittwerk „Fürs Haus“ schreibt er im

Jahre 1858: „Schon seit vielen Jahren habe ich den Wunsch mit mir

herumgetragen, in einer Bilderreihe unser Familienleben in seinen

Beziehungen zur Kirche, zum Hause und zur Natur darzustellen und somit

ein Werk ins liebe deutsche Haus zu bringen, welches im Spiegel der

Kunst jedem zeigte, was jeder einmal erlebt, der Jugend Gegenwärtiges

und Zukünftiges, dem Alter die Jugendheimat, den gemeinsamen Blumen- und

Paradiesesgarten, der den Samen getragen hat für die spätere Saat und

Ernte. Gelingt es nun, das Leben in Bildern schlicht und treu, aber mit

warmer Freude an den Gegenständen wiederzugeben, so wird ja wohl in

manchem der einsam oder gemeinsam Beschauenden der innere Poet geweckt

werden, daß er ausdeutend und ergänzend schaffe mit eigener Phantasie.“

Und wie ist es dem Meister gelungen, schlicht und treu in diesen

Gegenständen das alles zu schildern und zu bilden und wiederzugeben!

[Illustration: Abb. 2. +Ludwig Richters Vater.+ Gemalt von A. Graff.

(Zu Seite 10.)]

Seine religiösen Bilder haben ein echt evangelisches Gepräge, das Wort

„evangelisch“ hier in seiner eigentlichsten und weitesten Bedeutung

genommen. Er schließt sich hierin an Fiesole und ebenso an Dürer

und die übrigen altdeutschen Meister, selbst an Rembrandt an; der

liebenswürdige und innige Fiesole hat es ihm aber doch am meisten

angetan. Innig und zart sind seine religiösen Darstellungen, und wie

treuherzig weiß er immer wieder diese schon so viel dargestellten

Gegenstände neu zu gestalten und uns näher zu bringen! Immer wieder muß

es gesagt werden: der Volkston -- er ist auch hier wieder so klar und

sicher angeschlagen.

Charakteristisch für Richter ist eine handschriftliche Notiz von

ihm: „Als die beiden Pole aller gesunden Kunst kann man die irdische

und die himmlische Heimat bezeichnen. In die erstere senkt sie ihre

Wurzeln, nach der anderen erhebt sie sich und gipfelt in derselben.“

Wir sehen hieraus, wie bei Richter Christentum und Kunst eng ineinander

verschlungen sind. Nie aber wird man ihm nachsagen können, daß sein

wahrhaftes Christentum sich unnötig vordrängte: es ist ihm eben nur

um die innersten Wahrheiten zu tun; nichts liegt ihm auch ferner

als Kopfhängerei oder Pietismus. Ebensowenig wird man aus seinen

Schöpfungen erraten können, daß er Katholik war. Sein Standpunkt

war über den enggezogenen Grenzen christlicher Konfessionen. Mit

künstlerischem Instinkt packt er sein Volk im kleinbürgerlichen

Leben und hält sich stets fern und frei vom „Modernen“. Folgen wir

ihm willig, wenn er uns z. B. einen „Sonntag“ (in dem Werke gleichen

Namens) schildert. Es ist, als ob er leise den Vorhang lüftete und uns

lauschen ließe in die stillen, behaglichen, engen Stuben der kleinen

Stadt. Wie gern folgen wir ihm von der Morgenandacht zur Kirche ins

Chorstübchen, zum Besuch der Kranken, zum Spaziergang am Nachmittag

aus den dumpfen Mauern durchs Tor hinaus aufs Land und am Abend beim

aufsteigenden Vollmond zur Stadt zurück, und wenn wir das letzte Blatt

„Gute Nacht“ aus der Hand legen, sagen wir uns: Schöner kann man einen

deutschen Sonntag nicht feiern.

[Illustration: Abb. 3. +Ludwig Richters Mutter.+ Gemalt von A. Graff.

(Zu Seite 10.)]

Welch köstlichen Humor hat Richter in seinen Bildern ausgestreut

-- und Humor ist bei uns rar geworden --! Wir nennen hier nur die

beiden prächtigen Blätter aus „Fürs Haus“ „Bürgerstunde“: „Hört ihr

Herren, laßt euch sagen, die Glocke hat zehn geschlagen“ (Abb. 141)

und das „Schlachtfest“ (Abb. 140). Seine Philistergestalten sind

unvergleichlich komisch; wenige Künstler in Deutschland hatten für

diese Art deutschen Daseins so viel Blick wie er; nie wird er aber in

solchen Schilderungen bitter, satirisch oder häßlich, auch hier weiß er

zu verklären.

Die Tiere sind ihm, als zum Hause gehörig, unentbehrlich. Ein Spitz

oder junge Hündchen mit ihrem komischen Gebaren, ein schnurrendes

Kätzchen zu Füßen des spinnenden Mädchens, die Tauben auf dem Dache im

Abendsonnenschein, die Sperlinge im Kirschbaum oder an der Scheuer ihr

Anteil einheimsend; die Schäfchen und Zicklein mit munteren Sprüngen

zur Seite der Kinder, -- das alles gehört bei ihm zum behaglichen

Dasein der Menschen. Er drückt alle Kreatur liebend an sein Herz. Gern

greift er auch ins „Romantische“ und schildert uns da auch in ebenso

treuherziger Weise unseres Volkes Märchen wie kein anderer deutscher

Künstler in schlichten Zügen. Wie hochromantisch sind, um hier nur

einiges anzuführen, „Gefunden“ (Abb. 139), „Schneewittchen“ (Abb. 185),

und „Die Ruhe auf der Flucht“ mit den singenden und musizierenden

Engeln (Abb. 189)! Diese Werke gehören in das Schatzkästlein der

deutschen Kunst. -- Und wie schlicht und demütig er über seine Stellung

in der Kunst denkt, darüber spricht er in seinem letzten Lebensjahre,

als Nachklang seines 80. Geburtstages, „halb blind, halb taub, aber

in seinem Gott zufrieden“: „Kam meine Kunst nun auch nicht unter die

Lilien und Rosen auf dem Gipfel des Parnaß, so blühte sie doch auf

demselben Pfade, an den Wegen und Hängen, an den Hecken und Wiesen,

und die Wanderer freuten sich darüber, wenn sie am Wege ausruhten,

die Kindlein machten sich Sträuße und Kränze davon, und der einsame

Naturfreund erquickte sich an ihrer lichten Farbe und ihrem Duft,

welcher wie ein Gebet zum Himmel stieg. So hat es denn Gott gefügt,

und mir ist auf vorher nicht gekannten und nicht gesuchten Wegen mehr

geworden, als meine kühnsten Wünsche sich geträumt haben: ~Soli deo

gloria~!“

[Illustration: Abb. 4. +Ludwig Richters Großvater und Großmutter

väterlicherseits.+

Ludwig Richter · 第 11 / 72 题