Überhaupt kann man sagen, daß die Ereignisse des gestrigen Tages Herrn

Goljadkin bis auf den tiefsten Grund seiner Seele erschüttert hatten.

Unser Held schlief sehr schlecht, d. h. er konnte nicht einmal auf fünf

Minuten richtig einschlafen, gerade wie wenn ein Spaßvogel ihm

kleingeschnittene Borsten ins Bett gestreut gehabt hätte. Die ganze

Nacht verbrachte er in einem Zwischenzustande zwischen Schlafen und

Wachen, indem er sich von einer Seite auf die andere wälzte, stöhnte,

sich räusperte, für einen Augenblick einschlief und im nächsten

Augenblick wieder erwachte; und all das wurde von einem seltsamen Gefühl

des Kummers, von unklaren Erinnerungen und häßlichen Träumen begleitet,

mit einem Worte von allem, was es nur Unangenehmes geben kann ... Bald

erschien vor ihm in einem sonderbaren, rätselhaften Dämmerlichte Andrei

Filippowitschs Gesicht, dieses harte, ärgerliche Gesicht, mit dem

harten, strengen Blicke und dem trocken-höflichen Herumräsonieren ...

Und kaum fing Herr Goljadkin an, zu Andrei Filippowitsch heranzutreten,

um sich vor ihm irgendwie, auf die eine oder die andere Weise, zu

rechtfertigen und ihm zu beweisen, daß er ganz und gar nicht ein solcher

Mensch sei, wie ihn seine Feinde darstellten, sondern vielmehr ein so

und so beschaffener, und daß er sogar außer seinen gewöhnlichen,

angeborenen guten Eigenschaften noch diese und jene besonderen besitze:

da erschien die durch ihre unlautere Denkweise bekannte Person und

zerstörte durch irgendein ganz empörendes Mittel mit einem Schlage Herrn

Goljadkins gesamte Bemühungen, verdarb beinahe vor dessen Augen seinen

guten Ruf gründlich, trat sein Ehrgefühl in den Schmutz und nahm dann

unverzüglich den Platz desselben im Dienste und in der Gesellschaft ein.

Bald wieder juckte es Herrn Goljadkin im Gesichte von einem unlängst

wohlerworbenen und demütig hingenommenen Nasenstüber, einem Nasenstüber,

den er entweder im gewöhnlichen Leben oder auch im Dienste erhalten

hatte, und gegen den er nicht leicht Protest einlegen konnte ... Und

während Herr Goljadkin anfing, sich den Kopf darüber zu zerbrechen,

warum es eigentlich so schwer sei, gegen einen solchen Nasenstüber zu

protestieren, ging dieser Gedanke an den Nasenstüber unmerklich in eine

andere Form über, in die Form einer gewissen kleinen oder auch recht

beträchtlichen Gemeinheit, die er gesehen, gehört oder auch unlängst

selbst begangen hatte, wie er denn dergleichen häufig beging, nicht aus

gemeinem Charakter, auch nicht aus irgendwelcher gemeinen Absicht,

sondern nur so ohne besonderen Grund, manchmal z. B. rein zufällig, aus

Zartgefühl, ein andermal aus dem Gefühle seiner völligen Hilflosigkeit,

na, schließlich auch weil ... weil, kurz gesagt, Herr Goljadkin wußte

recht gut, weswegen! Hier errötete Herr Goljadkin im Traume, und indem

er sein Erröten zu unterdrücken versuchte, murmelte er vor sich hin,

hier könne man z. B. Charakterstärke zeigen, man könne im vorliegenden

Falle bedeutende Charakterstärke zeigen ... und dann schloß er: »Was ist

denn Charakterstärke? Was hat es für Zweck, ihr Wesen jetzt zu

begreifen? ...« Aber am meisten trug dazu, Herrn Goljadkin zu reizen und

in Wut zu versetzen, der Umstand bei, daß unfehlbar in solchen

Augenblicken, gerufen oder ungerufen, die ihm durch ihre Schändlichkeit

und ihr spöttisches Benehmen bekannte Person erschien und, obgleich die

Sache doch wohl schon hinreichend bekannt war, ebenfalls mit einem

unpassenden Lächeln murmelte: »Was soll denn hier Charakterstärke? Und

was besitzen wir beide, ich und du, Jakow Petrowitsch, denn für

Charakterstärke? ...« Dann wieder hatte Herr Goljadkin einen andern

Traum: er befand sich in einer schönen, durch das geistreiche Wesen und

den vornehmen Ton aller anwesenden Personen ausgezeichneten Gesellschaft

und zeichnete sich seinerseits durch Geist und Liebenswürdigkeit aus;

alle gewannen ihn lieb, sogar, was ihm besonders angenehm war, einige

seiner Feinde, die ebenfalls anwesend waren, und alle räumten ihm den

Vorrang ein, und er hörte endlich selbst mit Vergnügen, wie der Hausherr

dort einen der Gäste beiseite führte und ihn, Herrn Goljadkin, lobte ...

und dann auf einmal erschien mir nichts dir nichts wieder die durch ihre

Bosheit und brutalen Instinkte bekannte Person in Gestalt Herrn

Goljadkins des jüngeren und zerstörte mit einem Schlage, in einem

Augenblicke, durch ihr bloßes Erscheinen den ganzen Ruhm und Triumph

Herrn Goljadkins des älteren, stellte Goljadkin den älteren völlig in

den Schatten, trat ihn in den Schmutz und bewies zuletzt klar, Goljadkin

der ältere, also der richtige, sei überhaupt nicht der richtige, sondern

eine Fälschung, und sie sei vielmehr der richtige; Goljadkin der ältere

sei überhaupt nicht das, was er zu sein scheine, sondern ein so und so

beschaffener Mensch und mithin nicht befugt und berechtigt, sich in der

Gesellschaft von Leuten mit anständiger Denkweise und feinen

Umgangsformen zu bewegen. Und all dies geschah so schnell, daß Herr

Goljadkin noch nicht Zeit gehabt hatte, den Mund aufzutun, als sich

bereits alle mit Leib und Seele dem widerwärtigen, gefälschten Herrn

Goljadkin hingegeben hatten und mit der tiefsten Verachtung ihn, den

echten, unschuldigen Herrn Goljadkin, von sich stießen. Es blieb keine

Person übrig, deren Gesinnung der widerwärtige Herr Goljadkin nicht in

einem Augenblicke auf seine Weise umgestimmt hätte. Es blieb keine

Person übrig, auch nicht die unbedeutendste der ganzen Gesellschaft, an

die sich der nichtswürdige, unechte Herr Goljadkin nicht in seiner Weise

auf die süßeste Manier herangeschlängelt, der er sich nicht in seiner

Weise aufgedrängt, vor der er nicht nach seiner Gewohnheit mit etwas

sehr Angenehmem, Süßem geräuchert hätte, was der Umräucherte nur zu

riechen brauchte, um zum Zeichen des höchsten Vergnügens bis zu Tränen

zu niesen. Und was die Hauptsache war: das alles geschah in einem

Momente; die Schnelligkeit, mit der der verdächtige, nichtswürdige Herr

Goljadkin verfuhr, war erstaunlich! Kaum war er damit fertig geworden,

sich mit dem einen zu befreunden und sich dessen Wohlwollen zu erwerben,

als er auch schon, ehe man auch nur mit den Augen blinzeln konnte, einen

zweiten in Angriff nahm. Nun befreundete er sich still und sachte mit

dem zweiten und entlockte ihm ein Lächeln der Geneigtheit, machte mit

seinem kurzen, drallen, dabei aber recht stämmigen Beinchen einen

Kratzfuß und war bereits beim dritten und machte auch dem dritten schon

den Hof und gewann ihn sich zum Freunde; und ehe man noch hatte den Mund

öffnen und in Erstaunen geraten können, war er schon beim vierten und

war mit dem vierten ebensoweit gelangt, -- es war ordentlich ängstlich,

geradezu Zauberei! Und alle freuten sich über ihn, alle hatten ihn gern,

alle lobten ihn, und alle sprachen sich einstimmig dahin aus, daß seine

Liebenswürdigkeit und seine satirische Veranlagung unvergleichlich viel

höher ständen als die Liebenswürdigkeit und satirische Veranlagung des

wirklichen Herrn Goljadkin, und demütigten damit den wirklichen,

unschuldigen Herrn Goljadkin und wandten sich von dem wahren Herrn

Goljadkin ab und verjagten sogar den wohlgesinnten Herrn Goljadkin mit

Püffen und Stößen und überschütteten den durch seine Nächstenliebe

bekannten wirklichen Herrn Goljadkin mit Nasenstübern! ... Voll Kummer,

Angst und Wut rannte der vielgeprüfte Herr Goljadkin auf die Straße und

wollte sich eine Droschke holen, um geradeswegs zu Seiner Exzellenz zu

fahren, und wenn das nicht, so doch wenigstens zu Andrei Filippowitsch;

aber welch ein Schrecken! die Droschkenkutscher weigerten sich, Herrn

Goljadkin zu fahren; »nein, Herr,« sagten sie, »zwei ganz gleiche

Personen zu fahren, das ist nicht erlaubt, Euer Wohlgeboren; ein guter

Mensch ist darauf bedacht, ehrbar zu leben, und ist nie doppelt.«

Fassungslos vor Scham blickte der durchaus ehrbare Herr Goljadkin um

sich und überzeugte sich tatsächlich selbst mit seinen eigenen Augen,

daß die Droschkenkutscher und der mit ihnen im Einverständnis

befindliche Petruschka recht hatten; denn der verworfene Herr Goljadkin

war in der Tat auch dort, neben ihm, nicht weit von ihm entfernt, und

schickte sich seiner gemeinen Gewohnheit gemäß auch jetzt in diesem

Augenblicke zweifellos an, etwas sehr Unanständiges zu tun, etwas, was

ganz und gar keine besondere Vornehmheit des Charakters bekundete, eine

Vornehmheit, die man gewöhnlich durch die Erziehung erhält, und deren

der widerwärtige Herr Goljadkin der zweite sich bei jeder geeigneten

Gelegenheit zu rühmen pflegte. Ganz vernichtet und vor Scham und

Verzweiflung von sich selbst nicht wissend, stürzte der durchaus wahre

Herr Goljadkin blindlings davon, wohin der Wille des Schicksals ihn

führte; aber bei jedem Schritte, den er tat, bei jedem Aufschlagen

seines Fußes auf den Granit des Trottoirs sprang aus der Erde ein Herr

Goljadkin heraus, der jenem verworfenen, widerwärtigen Menschen

vollkommen ähnlich war. Und alle diese vollkommen ähnlichen Gestalten

begannen sofort nach ihrem Erscheinen einer hinter dem andern her zu

laufen und wackelten in langer Kette wie eine Reihe von Gänsen hinter

Herrn Goljadkin dem älteren her, so daß dieser ihnen nirgendhin

entfliehen konnte und dem in jeder Hinsicht bedauernswerten Herrn

Goljadkin vor Angst der Atem stockte und zuletzt eine furchtbare Menge

solcher vollkommenen Ebenbilder entstanden war und die ganze Residenz

zuletzt von ihnen wimmelte und ein Polizist angesichts einer solchen

Störung der Ordnung sich genötigt sah, sie alle beim Kragen zu nehmen

und in sein zufällig in der Nähe befindliches Schilderhaus zu sperren

... Starr und eiskalt vor Angst erwachte unser Held und hatte die

Empfindung, daß er auch im Wachen die Zeit kaum heiterer verbringen

werde ... Er fühlte sich bedrückt und gequält ... Es befiel ihn eine

Traurigkeit, als ob ihm jemand das Herz in der Brust mit den Zähnen

zerfleischte ...

Schließlich konnte Herr Goljadkin es nicht länger ertragen. »Das darf

nicht sein!« rief er aus, richtete sich entschlossen im Bette auf und

wurde nun nach diesem Ausrufe völlig wach.

Es war anscheinend schon lange Tag geworden. Im Zimmer war es auffällig

hell; die Sonnenstrahlen drangen kräftig durch die vom Froste mit Reif

überzogenen Fensterscheiben und breiteten sich in Fülle im Zimmer aus,

was Herrn Goljadkin in nicht geringe Verwunderung versetzte; denn die

Sonne pflegte nur um Mittag zu ihm hereinzublicken, und früher waren

solche Ausnahmen im Laufe des himmlischen Gestirnes, soviel sich

wenigstens Herr Goljadkin selbst erinnern konnte, niemals vorgekommen.

Kaum war unser Held sich dessen mit Verwunderung bewußt geworden, als

hinter der Scheidewand die Wanduhr zu summen anfing und sich auf diese

Weise zum Schlagen fertig machte. »Nun also!« dachte Herr Goljadkin und

schickte sich in ängstlicher Erwartung an zu hören ... Aber zu seinem

größten Erstaunen tat die Uhr nach ihrer großen Anstrengung nur einen

einzigen Schlag. »Was stellt das vor?« rief unser Held und sprang völlig

aus dem Bette. Seinen Ohren nicht trauend, lief er so, wie er war,

hinter die Scheidewand. Die Uhr zeigte tatsächlich eins. Herr Goljadkin

warf einen Blick nach Petruschkas Bett; aber im Zimmer war von

Petruschka nicht die Spur zu sehen: sein Bett war anscheinend schon

längst verlassen und in Ordnung gebracht; auch seine Stiefel waren

nirgends vorhanden, ein unzweifelhaftes Anzeichen dafür, daß Petruschka

wirklich nicht zu Hause war. Herr Goljadkin stürzte zur Tür hin: die Tür

war verschlossen. »Aber wo mag nur Petruschka sein?« fuhr er flüsternd

fort; er befand sich in furchtbarer Aufregung und fühlte ein starkes

Zittern in allen Gliedern ... Auf einmal fuhr ihm ein Gedanke durch den

Kopf ... Herr Goljadkin lief zu seinem Tische, überblickte ihn, suchte

rings umher -- richtig: sein gestriger Brief an Wachramejew war nicht da

... Petruschka war ebenfalls nicht hinter der Scheidewand; die Wanduhr

zeigte eins, und in Wachramejews gestrigem Briefe waren einige neue

Punkte angeführt gewesen, die zwar auf den ersten Blick sehr unklar

erschienen waren, aber jetzt ihre vollständige Aufklärung gefunden

hatten. Also auch Petruschka, auch Petruschka war augenscheinlich

erkauft! Ja, ja, so war es!

»Also so haben sie den wichtigsten Knoten geschürzt!« rief Herr

Goljadkin, indem er sich vor die Stirn schlug und die Augen immer weiter

öffnete; »also im Hause dieses greulichen deutschen Frauenzimmers laufen

jetzt alle Fäden dieses höllischen Komplotts zusammen! Also hat sie nur

eine strategische Diversion gemacht, indem sie mich nach der

Ismailowski-Brücke hinwies; sie hat mir Sand in die Augen gestreut, mich

wirr gemacht, die nichtswürdige Hexe, und auf diese Art ihre

unterirdischen Minen gelegt!!! Ja, so ist es! Wenn man die Sache von

dieser Seite betrachtet, dann sieht man, daß sich alles genau so

verhält! Auch das Erscheinen jenes Schurken erklärt sich jetzt

vollkommen: da hängt eins mit dem andern zusammen. Sie hatten ihn schon

lange beschafft, ihn zurechtgemacht und hielten ihn für den Unglückstag

in Bereitschaft. So also hat sich jetzt alles herausgestellt! Wie hat

nur alles diese Wendung nehmen können? Nun, es macht nichts! Noch ist

das Spiel nicht verloren! ...« Hier erinnerte sich Herr Goljadkin mit

Schrecken daran, daß es bereits zwischen ein und zwei Uhr nachmittags

war. »Aber wenn es ihnen nun inzwischen gelungen ist ...« Ein Stöhnen

entrang sich seiner Brust ... »Aber nein, sie lügen, es ist ihnen noch

nicht gelungen, -- wir wollen sehen ...« Er kleidete sich notdürftig an,

ergriff Papier und Feder und schrieb den folgenden Brief:

»Geehrter Herr,

Jakow Petrowitsch!

»Entweder Sie oder ich; aber nebeneinander haben wir nicht Platz! Und

darum erkläre ich Ihnen, daß Ihr sonderbares, lächerliches und zugleich

ganz unglaubliches Bemühen, als mein Zwillingsbruder zu erscheinen und

sich für einen solchen auszugeben, zu nichts anderem führen kann als zu

Ihrer vollständigen Beschämung und Niederlage. Deshalb ersuche ich Sie

in Ihrem eigenen Interesse, den Weg freizugeben und wahrhaft anständigen

Leuten, welche moralisch gute Ziele verfolgen, den Platz zu räumen.

Andernfalls bin ich entschlossen, auch vor den äußersten Maßregeln nicht

zurückzuschrecken. Ich lege die Feder hin und werde warten ... Im

übrigen verbleibe ich zu Ihren Diensten ... auch mit der Pistole.

J. Goljadkin.«

Als unser Held dieses Schreiben beendet hatte, rieb er sich energisch

die Hände. Dann zog er sich den Mantel an, setzte sich den Hut auf,

schloß mit seinem Reserveschlüssel die Entreetür auf und machte sich auf

den Weg nach der Kanzlei. Er gelangte auch bis zum Amtsgebäude; aber

hineinzugehen konnte er sich nicht entschließen; es war in der Tat schon

zu spät; Herrn Goljadkins Uhr zeigte halb drei. Plötzlich löste ein

anscheinend geringfügiger Umstand einige Zweifel des Herrn Goljadkin: um

eine Ecke des Amtsgebäudes herum kam auf einmal schwer atmend und mit

gerötetem Gesicht eine Gestalt, huschte heimlich wie eine Ratte die

Stufen vor der Haustür hinan und verschwand im Flur. Dies war der

Schreiber Ostafjew, ein Mensch, der Herrn Goljadkin sehr wohlbekannt

war, ein Mensch, den man mitunter brauchen konnte, und der sich für ein

Zehnkopekenstück zu allem bereit finden ließ. Da er Ostafjews schwache

Seite kannte und wußte, daß dieser nach einer kurzen Abwesenheit »wegen

eines dringenden Bedürfnisses« wahrscheinlich noch größeres Verlangen

nach Zehnkopekenstücken tragen werde als sonst, so entschloß sich unser

Held, das Geld nicht zu sparen, und lief sofort hinter Ostafjew her die

Stufen hinan und dann auf den Flur, rief ihn an und forderte ihn mit

geheimnisvoller Miene auf, mit ihm zur Seite zu treten, in ein stilles

Winkelchen hinter einem gewaltigen eisernen Ofen. Nachdem er ihn dorthin

geführt hatte, begann unser Held ihn auszufragen:

»Nun, mein Freund, wie steht es dort damit? ... Du verstehst mich doch?«

»Ich stehe zu Ihren Diensten, Euer Wohlgeboren, und wünsche Euer

Wohlgeboren eine gute Gesundheit.«

»Gut, mein Freund, gut; ich danke dir, lieber Freund. Nun also, siehst

du, wie steht es denn, mein Freund?«

»Was wünschen Sie zu wissen?« Hier hielt sich Ostafjew ein wenig die

Hand vor den Mund, den er beim Reden öffnen mußte.

»Ich ... siehst du, mein Freund, ich wollte ... hm ... denke nur nichts

Schlimmes ... Also, ist Andrei Filippowitsch da?«

»Jawohl, er ist da.«

»Sind auch die Beamten da?«

»Ja, auch die Beamten sind da, wie es in der Ordnung ist.«

»Und Seine Exzellenz auch?«

»Ja, Seine Exzellenz auch.« Hier verdeckte der Schreiber zum zweitenmal

den geöffneten Mund mit der Hand und richtete einen eigentümlichen,

neugierigen Blick auf Herrn Goljadkin. Wenigstens kam es unserem Helden

so vor.

»Und gibt es da nichts Besonderes, mein Freund?«

»Nein, gar nichts.«

»Ich meine, etwas, was mich betrifft, lieber Freund; wird da etwas

geredet? Ich meine nur so, lieber Freund; verstehst du?«

»Nein, bis jetzt ist nichts zu hören gewesen.« Der Schreiber hielt

wieder die Hand vor den Mund und blickte Herrn Goljadkin wieder seltsam

an. Unser Held bemühte sich nämlich jetzt, Ostafjews Miene zu

durchschauen, auf seinem Gesichte zu lesen, ob sich da auch nicht etwas

verberge. Und es machte wirklich den Eindruck, als ob sich da etwas

verbarg: Ostafjew wurde nämlich immer weniger höflich, redete in immer

trockenerem Tone und ging nicht mehr mit solchem Interesse wie bei

Beginn des Gespräches auf Herrn Goljadkins Fragen ein. »Er hat ja bis zu

einem gewissen Grade recht,« dachte Herr Goljadkin; »was gehe ich ihn

an? Vielleicht hat er auch schon von der Gegenseite etwas bekommen und

hat sich darum wegen eines dringenden Bedürfnisses entfernt. Aber ich

will ihm doch auch etwas ...« Herr Goljadkin sagte sich, daß der

richtige Zeitpunkt für die Zehnkopekenstücke gekommen sei.

»Hier ist etwas für dich, lieber Freund ...«

»Ich danke Euer Wohlgeboren von ganzem Herzen.«

»Ich werde dir noch mehr geben.«

»Zu Diensten, Euer Wohlgeboren.«

»Jetzt gleich werde ich dir noch mehr geben, und wenn die Sache erledigt

ist, noch einmal die gleiche Summe. Verstehst du?«

Der Schreiber schwieg, nahm eine militärisch stramme Haltung an und

hielt seinen Blick unbeweglich auf Herrn Goljadkin gerichtet.

»Nun, dann rede jetzt: hat über mich nichts verlautet?«

»Es scheint, daß bis jetzt, vorläufig ... hm ... daß vorläufig noch

nichts verlautet hat.« Ostafjew antwortete in einzelnen Absätzen, machte

ebenso wie Herr Goljadkin eine etwas geheimnisvolle Miene, zuckte ein

wenig mit den Augenbrauen, blickte zu Boden, bemühte sich, den richtigen

Ton zu treffen, kurz, er war mit aller Kraft bestrebt, die versprochene

Belohnung zu verdienen; denn das, was ihm bereits gegeben war, hielt er

schon für sein wohlerworbenes Eigentum.

»Und es ist nichts bekannt?«

»Bis jetzt noch nicht.«

»Aber höre ... hm ... es wird vielleicht etwas bekannt werden?«

»Später natürlich wird vielleicht etwas bekannt werden.«

»Schlimm!« dachte unser Held. »Hör mal: hier hast du noch etwas, mein

Lieber.«

»Ich danke Euer Wohlgeboren von ganzem Herzen.«

»War Wachramejew gestern hier?«

»Jawohl.«

»Sonst aber war niemand hier? Besinne dich einmal, Brüderchen!«

Der Schreiber wühlte ein Weilchen in seinem Gedächtnisse herum, konnte

sich aber auf nichts hierher Gehöriges besinnen.

»Nein, sonst war niemand da.«

»Hm!« Es trat Stillschweigen ein.

»Hör mal, Brüderchen, hier hast du noch etwas; sag mir alles, das ganze

Geheimnis!«

»Zu Diensten.« Ostafjew war jetzt wie um den Finger zu wickeln; das

hatte Herr Goljadkin bezweckt.

»Nun sage mir, Brüderchen: wie steht er sich mit den andern?«

»Es geht, ganz gut,« antwortete der Schreiber und blickte Herrn

Goljadkin mit großen Augen an.

»Was meinst du mit >ganz gut<?«

»Ich meine nur so!« Hier zuckte Ostafjew bedeutsam mit den Brauen.

Übrigens war er vollkommen verblüfft und wußte nicht, was er sagen

sollte. »Schlimm!« dachte Herr Goljadkin.

»Hat sich mit Wachramejew noch etwas Weiteres begeben?«

»Es ist alles wie bisher.«

»Besinn dich mal!«

»Ja, man sagt so etwas.«

»Also was denn nun?«

Ostafjew hielt die Hand vor den Mund.

»Ist nicht ein Brief von ihm an mich da?«

»Heute ist der Kanzleidiener Michejew zu Wachramejew in dessen Wohnung

gegangen, zu der deutschen Dame; ich kann ja hingehen und mich

erkundigen, wenn Sie es wünschen.«

»Tu mir den Gefallen, Brüderchen, um Gottes willen! ... Ich habe keine

besondere Absicht dabei ... Denke nichts Übles, Bruder; ich habe dabei

keine besondere Absicht. Und erkundige dich doch, Brüderchen, bring doch

in Erfahrung, ob da etwas gegen mich im Werke ist. Und er, was wird er

unternehmen? Das ist es, was ich gern wissen möchte; das bring in

Erfahrung, lieber Freund; ich werde es dir dann danken, lieber Freund

...«

»Zu Diensten, Euer Wohlgeboren. Und auf Ihren Platz hat sich heute Iwan

Semjonowitsch gesetzt.«

»Iwan Semjonowitsch? Ah! So! Wirk-lich?«

»Andrei Filippowitsch wies ihn an, sich dahin zu setzen.«

»Wirk-lich? Wie ist das zugegangen? Das bring heraus, Brüderchen! um

Gottes willen bring das heraus, Brüderchen; bring das alles heraus, --

ich werde mich dir dankbar zeigen, mein Lieber; das ist es, was ich

wissen möchte ... Denke aber nichts Übles, Brüderchen ...«

»Zu Diensten, zu Diensten, ich werde gleich hingehen. Aber Sie, Euer

Wohlgeboren, kommen heute nicht herein?«

»Nein, mein Freund, ich bin nur für ein Augenblickchen gekommen, nur für

ein Augenblickchen; ich wollte nur einmal sehen, wie es steht, lieber

Freund. Und nachher werde ich dir erkenntlich sein, mein Lieber.«

»Zu Diensten.« Der Schreiber lief schnell und eifrig die Treppe hinauf,

und Herr Goljadkin blieb allein zurück.

»Schlimm!« dachte er. »Ach, schlimm, schlimm! Ach, wie schlimm steht

jetzt meine Sache! Was hatte das alles nur zu bedeuten? Was bedeuteten

z. B. namentlich einige Andeutungen dieses Trunkenboldes, und von wem

rührt dieser Streich her? Ah, ich weiß jetzt, von wem dieser Streich

herrührt! Ein netter Streich! Sie haben es gewiß erfahren und ihn darum

hingesetzt ... Übrigens, was sage ich? Sie haben ihn da hingesetzt?

Andrei Filippowitsch ist es gewesen, der ihn da hingesetzt hat, diesen

Iwan Semjonowitsch. Ja, übrigens, warum hat er ihn denn da hingesetzt,

und mit welcher Absicht hat er ihn eigentlich da hingesetzt?

Wahrscheinlich haben sie erfahren ... Da arbeitet Wachramejew gegen

mich, d. h. nicht Wachramejew; der ist dumm wie ein einfacher espener

Balken, dieser Wachramejew; sondern all diese Menschen stehen hinter ihm

und arbeiten gegen mich, und auch jenen Halunken haben sie zu diesem

selben Zwecke hierher geholt, und die einäugige Deutsche hat sich über

mich beschwert! Ich habe immer geargwöhnt, daß diese ganze Intrige nicht

von so einfacher Art ist, und daß hinter diesem ganzen Weiberklatsch

unbedingt etwas stecken muß; eben dasselbe habe ich auch zu Krestjan

Iwanowitsch gesagt, daß sie sich nämlich verschworen haben, einen

Menschen zu morden, im geistigen Sinne gesprochen, und sich zu diesem

Zwecke an Karolina Iwanowna gehängt haben. Ja, das ist klar, daß hier

geschickte Meister gegen mich arbeiten! Hier, mein Herr, sind

Meisterhände an der Arbeit, und nicht Wachramejew. Ich habe schon

gesagt, daß Wachramejew dumm ist; aber dies ... Ich weiß jetzt, wer hier

für sie alle gegen mich arbeitet: das tut dieser Halunke, der sich

meinen Namen angeeignet hat! Dadurch allein behauptet er seine Stellung,

was auch seine Erfolge bei hochgestellten Personen beweisen. Aber es

wäre wirklich wünschenswert, zu erfahren, wie er sich jetzt mit den

andern steht, was er dort bei ihnen zu bedeuten hat. Aber warum haben

sie eigentlich dort gerade diesen Iwan Semjonowitsch genommen? Wozu in

aller Welt hatten sie Iwan Semjonowitsch nötig? Als ob sie nicht hätten

irgendeinen andern nehmen können! Übrigens, sie mochten da hinsetzen,

wen sie wollten, es kam doch immer auf dasselbe hinaus; ich weiß nur,

daß er, dieser Iwan Semjonowitsch, mir längst verdächtig war; ich habe

es schon lange gemerkt: er ist ein widerwärtiger alter Kerl, ein

ekelhaftes Subjekt; man sagt, er leiht Geld aus und nimmt Prozente wie

ein Jude. Aber diese ganze Geschichte dirigiert der Bär. Bei alledem hat

der Bär seine Hand im Spiel. Angefangen hat die Sache jedenfalls in

dieser Weise. Bei der Ismailowski-Brücke hat sie angefangen; ja, so hat

sie angefangen! ...« Hier verzog Herr Goljadkin das Gesicht, wie wenn er

in eine Zitrone gebissen hätte, wahrscheinlich in Erinnerung an etwas

sehr Unangenehmes. »Na, übrigens macht es nichts!« dachte er. »Es ist

nur dies: ich muß alles allein schaffen. Warum kommt nur Ostafjew nicht

wieder? Wahrscheinlich ist er irgendwo hängen geblieben oder aufgehalten

worden. Das ist gut, daß ich so intrigiere und auch meinerseits Minen

lege. Diesem Ostafjew brauche ich nur ein Zehnkopekenstück zu geben,

dann ... hm ... dann habe ich ihn auf meiner Seite. Die Frage ist nur:

ist er auch wirklich ganz auf meiner Seite? Vielleicht haben sie

ihrerseits ihm ebenfalls etwas gegeben und intrigieren nun ihrerseits

mit ihm unter einer Decke. Er sieht ja aus wie ein Gauner, der Halunke,

wie ein reiner Gauner! Er verstellt sich, der Racker! >Es ist nichts zu

hören,< sagt er und >Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Euer

Wohlgeboren!< So ein Gauner!«

Es wurde Geräusch hörbar ... Herr Goljadkin krümmte sich zusammen und

sprang hinter den Ofen. Jemand kam die Treppe herunter und ging auf die

Straße hinaus. »Wer kann denn da jetzt weggehen?« dachte unser Held im

stillen. Einen Augenblick darauf wurden wieder Schritte vernehmbar ...

Jetzt konnte Herr Goljadkin sich nicht beherrschen und steckte die

Nasenspitze ein ganz klein wenig aus seinem Versteck heraus, -- aber

sofort zuckte er auch wieder zurück, als ob ihn jemand mit einer Nadel

hineingestochen hätte. Diesmal war es ein Bekannter, der vorbeiging,

nämlich der Halunke, der Intrigant, der verworfene Mensch; er ging wie

gewöhnlich mit seinen nichtswürdigen, kleinen Schrittchen, trippelnd und

mit den Beinen ausschlagend, als ob er jemandem damit einen Schlag

versetzen wollte. »Schurke!« sagte unser Held vor sich hin. Übrigens

konnte Herr Goljadkin nicht umhin zu bemerken, daß der Schurke unter dem

Arm ein großes grünes Portefeuille trug, das Seiner Exzellenz gehörte.

»Er hat wieder einen besonderen Auftrag,« dachte Herr Goljadkin; er

errötete und krümmte sich vor Ärger noch mehr zusammen als vorher. Kaum

war Herr Goljadkin der jüngere an Herrn Goljadkin dem älteren, ohne

diesen überhaupt zu bemerken, vorbeigehuscht, als sich zum dritten Male

Schritte hören ließen, und diesmal erriet Herr Goljadkin, daß es die

Schritte eines Schreibers waren. Wirklich blickte der pomadisierte Kopf

eines Schreibers zu ihm hinter den Ofen; es war indes nicht Ostafjew,

sondern ein anderer Schreiber, namens Pisarenko. Das setzte Herrn

Goljadkin in Erstaunen. »Warum hat er denn andere in das Geheimnis

eingeweiht?« dachte unser Held. »Diese Heiden! Nichts ist ihnen heilig!«

-- »Nun, was gibt es, mein Freund,« sagte er, sich zu Pisarenko wendend.

»Von wem kommst du, mein Freund?«

»Ich komme in Ihrer Angelegenheit. Bis jetzt ist noch nichts zu erfahren

gewesen. Aber sobald wir etwas erfahren, werden wir es Ihnen mitteilen.«

»Und Ostafjew?«

»Der kann jetzt absolut nicht abkommen, Euer Wohlgeboren. Seine

Exzellenz ist schon zweimal durch unser Bureau hindurchgegangen, und

auch ich habe jetzt keine Zeit.«

»Ich danke dir, mein Lieber, ich danke dir ... Sage mir nur noch ...«

»Wahrhaftig, ich habe keine Zeit ... Alle Augenblicke werden wir gerufen

... Bitte, bleiben Sie hier noch ein Weilchen stehen; wenn sich dann in

betreff Ihrer Angelegenheit etwas begibt, wollen wir Sie benachrichtigen

...«

»Nein, mein Freund, sage mir ...«

»Verzeihen Sie, ich habe keine Zeit,« sagte Pisarenko, indem er sich von

Herrn Goljadkin, der ihn am Rockschoß gefaßt hatte, loszureißen suchte;

»ich habe wirklich keine Zeit. Bleiben Sie hier noch ein Weilchen

stehen; dann wollen wir Sie benachrichtigen.«

»Gleich, gleich lasse ich dich weg, mein Freund! Gleich, gleich, lieber

Freund! Aber jetzt ... Hier ist ein Brief, mein Freund; ich werde mich

dir dankbar zeigen, mein Lieber.«

»Zu Diensten.«

»Gib ihn an Herrn Goljadkin ab, mein Lieber; sei damit recht sorgsam!«

»An Herrn Goljadkin?«

»Ja, mein Freund, an Herrn Goljadkin.«

»Schön; sowie ich fertig bin, will ich ihn bestellen. Bleiben Sie hier

nur solange stehen! Hier sieht Sie niemand ...«

»Nein, ich ... denke nur nichts Übles, mein Freund ... ich stehe hier

nicht, um von niemand gesehen zu werden. Aber ich werde jetzt nicht

länger hierbleiben, mein Freund ... ich werde hier in die Seitengasse

gehen. Da ist ein Kaffeehaus; da werde ich warten; und wenn sich etwas

zuträgt, so benachrichtige mich von allem, verstehst du?«

»Schön, lassen Sie mich jetzt nur weg; ich verstehe ...«

Der Doppelgänger · 第 11 / 17 段