Schreiber Pisarenko nach, dem es nun endlich gelungen war, sich frei zu
machen. »Der Halunke wurde, wie es scheint, zuletzt gröber,« dachte
unser Held, während er verstohlen hinter dem Ofen hervorkam. »Da hat die
Sache noch einen Haken. Das ist klar ... Zuerst war er anders ...
Übrigens mochte er es wirklich eilig haben; vielleicht ist bei ihnen
viel zu tun. Und Seine Exzellenz ist zweimal durch das Bureau gegangen
... Was mag dazu für Anlaß gewesen sein? ... Ach was, das tut nichts!
Das hat vielleicht nichts zu bedeuten; nun, jetzt wollen wir sehen ...«
Hier war Herr Goljadkin schon im Begriff, die Haustür zu öffnen und auf
die Straße hinauszugehen, als plötzlich gerade in diesem Augenblicke die
Equipage Seiner Exzellenz mit donnerähnlichem Lärm vorfuhr. Herr
Goljadkin war noch nicht zur Besinnung gekommen, als der Wagenschlag von
innen geöffnet wurde und der darin sitzende Herr auf die Stufen vor der
Haustür hinaussprang. Der Ankömmling war kein anderer als eben jener
Herr Goljadkin der jüngere, der zehn Minuten vorher weggegangen war.
Herr Goljadkin der ältere erinnerte sich, daß die Wohnung des Direktors
nur einige Schritte entfernt lag. »Er hat einen besonderen Auftrag,«
dachte unser Held bei sich. Unterdessen hatte Herr Goljadkin der jüngere
aus dem Wagen das dicke grüne Portefeuille und noch einige andere
Papiere herausgenommen, dem Kutscher eine Weisung gegeben und öffnete
nun die Haustür; dabei versetzte er Herrn Goljadkin dem älteren mit ihr
beinah einen Stoß, bemerkte ihn aber vorsätzlich nicht, so daß seine
Absicht, ihn zu ärgern, deutlich war; dann lief er schnell die Treppe
zur Kanzlei hinauf. »Schlimm!« dachte Herr Goljadkin; »meine Sache geht
jetzt schief! Nun sehe mal einer den an, Herr du mein Gott!« Etwa eine
halbe Minute lang stand unser Held noch da, ohne sich zu rühren; endlich
hatte er seinen Entschluß gefaßt. Ohne sich lange zu bedenken, aber mit
starkem Herzklopfen und an allen Gliedern zitternd, lief er seinem
Freunde die Treppe hinauf nach. »Ach was! In Gottes Namen! Was geht es
mich an? Ich kann nichts dafür,« dachte er, während er den Hut, den
Mantel und die Überschuhe im Vorzimmer ablegte.
Als Herr Goljadkin in sein Bureau trat, war schon völlige Dämmerung
eingetreten. Weder Andrei Filippowitsch noch Anton Antonowitsch waren im
Zimmer. Sie befanden sich beide zum Zwecke der Berichterstattung im
Arbeitszimmer des Direktors; der Direktor aber hatte sich, wie man
hörte, seinerseits eilig zu Seiner Hohen Exzellenz begeben. Infolge
dieser Umstände und auch weil es bereits Dämmerung war und die
Bureauzeit zu Ende ging, trieben manche Beamten, namentlich die
jüngeren, in dem Augenblicke, als unser Held eintrat, allerlei Allotria:
sie gingen umher, führten Gespräche, plauderten, lachten, und einige der
jüngsten, d. h. der im Range am niedrigsten stehenden, spielten sogar in
einer Ecke am Fenster still und heimlich Schrift und Adler. Da Herr
Goljadkin die Gebote des Anstandes kannte und gerade jetzt besonders
wünschte, sie sich gegenüber beobachtet zu sehen, so trat er schnell zu
einigen heran, mit denen er noch am ehesten harmonierte, um ihnen Guten
Tag zu sagen usw. Aber die Kollegen erwiderten Herrn Goljadkins Gruß in
ganz seltsamer Weise. Er war unangenehm überrascht durch die kalte,
trockene, ja man kann sagen schroffe Art, in der sie ihn alle empfingen.
Keiner reichte ihm die Hand. Manche sagten einfach: »Guten Tag« und
gingen von ihm weg; andere nickten nur mit dem Kopfe; dieser und jener
wandte sich einfach ab und tat, als ob er nichts bemerkt hätte; einige
endlich (und das war für Herrn Goljadkin am allerverletzendsten), einige
junge Leute von der untersten Rangstufe, Burschen, die, wie Herr
Goljadkin sich ganz richtig im stillen über sie ausdrückte, weiter
nichts verstanden als gelegentlich Schrift und Adler zu spielen und sich
irgendwo umherzutreiben, diese umringten Herrn Goljadkin allmählich und
umdrängten ihn so, daß sie ihm beinah den Ausweg versperrten. Alle
blickten sie ihn mit einer Art von beleidigender Neugier an.
Das war ein übles Zeichen. Herr Goljadkin fühlte das und entschied sich
seinerseits verständigerweise dafür, nichts zu bemerken. Plötzlich trat
ein ganz unerwartetes Ereignis ein, das Herrn Goljadkin, wie man zu
sagen pflegt, den Rest gab und den Garaus machte.
In dem Haufen der jungen Kollegen, die ihn umgaben, erschien plötzlich,
und zwar gerade in dem für Herrn Goljadkin peinlichsten Augenblicke,
Herr Goljadkin der jüngere, heiter wie immer, mit einem Lächeln auf dem
Gesicht wie immer, beweglich, zungengewandt und leichtfüßig wie immer,
kurz, als derselbe Schalk, Springinsfeld, Schäker und Spaßmacher wie
immer, wie früher, wie z. B. gestern, wo er in einem für Herrn Goljadkin
den älteren so unangenehmen Augenblicke aufgetaucht war. Schmunzelnd,
sich hin und her drehend, trippelnd, mit einem Lächeln, das allen
Anwesenden Guten Abend zu sagen schien, drängte er sich in den Haufen
der Beamten hinein, drückte diesem die Hand, klopfte jenem auf die
Schulter, umarmte flüchtig einen dritten, erklärte einem vierten, in
welcher Angelegenheit Seine Exzellenz seine Dienste in Anspruch genommen
habe, wohin er gefahren sei, was er getan und was er mitgebracht habe;
einen fünften, wahrscheinlich seinen besten Freund, küßte er auf den
Mund, -- mit einem Worte: alles ging genau so vor sich wie in Herrn
Goljadkins des älteren Traume. Nachdem er genugsam herumgehüpft, einen
jeden auf seine Weise begrüßt, um die Gunst aller mit oder ohne Anlaß
gebuhlt und sich bei allen gehörig lieb Kind gemacht hatte, streckte
Herr Goljadkin der jüngere auch seinem älteren Freunde, Herrn Goljadkin
dem älteren, den er bis dahin noch nicht bemerkt hatte, plötzlich und
wahrscheinlich aus Versehen die Hand hin. Wahrscheinlich ebenfalls aus
Versehen, obwohl er den unedlen Herrn Goljadkin den jüngeren schon
längst sehr wohl bemerkt hatte, ergriff unser Held sofort eifrig die ihm
so unerwartet hingestreckte Hand und drückte sie kräftig und in der
freundschaftlichsten Art, ja mit einer seltsamen, ganz unerwarteten,
innerlichen Bewegung, mit einer weinerlichen Empfindung. Ob unser Held
sich durch die von seinem unwürdigen Feinde ergriffene Initiative
täuschen ließ oder einfach der Geistesgegenwart ermangelte, oder in
tiefster Seele seine Hilflosigkeit in ihrem ganzen Umfange erkannte und
empfand, das ist schwer zu sagen. Tatsache ist, daß Herr Goljadkin der
ältere bei vollem Verstande, aus freiem Willen und vor Zeugen feierlich
die Hand desjenigen drückte, den er seinen Todfeind nannte. Aber wie
groß war die Verwunderung, das Erstaunen, die Wut, der Schrecken und die
Beschämung Herrn Goljadkins des älteren, als sein Todfeind, der unedle
Herr Goljadkin der jüngere, sowie er das Versehen des unschuldigen, von
ihm verfolgten und treulos betrogenen Menschen bemerkte, schamlos und
gefühllos, erbarmungslos und gewissenlos auf einmal mit unerhörter
Frechheit und Roheit seine Hand aus der Hand Herrn Goljadkins des
älteren herausriß, ja seine Hand schlenkerte, als ob er sie mit etwas
Unsauberem beschmutzt hätte, ja seitwärts ausspie und dies alles mit
einer höchst beleidigenden Gebärde begleitete, ja sein Taschentuch
herauszog und sich damit auf der Stelle in der unanständigsten Weise
alle Finger abrieb, die sich einen Augenblick in der Hand des älteren
Herrn Goljadkin befunden hatten. Während er dies tat, blickte Herr
Goljadkin der jüngere nach seiner nichtswürdigen Gewohnheit absichtlich
rings um sich, damit alle auf sein Benehmen aufmerksam würden, sah allen
in die Augen und bemühte sich offenbar, allen eine recht üble Meinung
von Herrn Goljadkin beizubringen. Es schien, daß das Verhalten des
widerwärtigen Herrn Goljadkin des jüngeren bei den herumstehenden
Beamten allgemeine Entrüstung hervorrief; sogar die leichtfertigen
jungen Leute bekundeten ihr Mißvergnügen. Murren und tadelnde Worte
wurden ringsum laut. Diese allgemeine Bewegung konnte den Ohren des
älteren Herrn Goljadkin nicht entgehen; aber ein rechtzeitiges
Scherzwort, das von den Lippen des jüngeren Herrn Goljadkin sprang,
zerstörte und vernichtete die letzten Hoffnungen unseres Helden und
bewirkte, daß die Wage sich wieder zugunsten seines schändlichen
Todfeindes neigte.
»Das ist unser russischer Faublas[6], meine Herren; gestatten Sie, daß
ich Ihnen den jungen Faublas vorstelle,« quiekte Herr Goljadkin der
jüngere, während er mit der ihm eigenen Frechheit zwischen den Beamten
geschäftig umhertrippelte und auf den ganz starr gewordenen echten Herrn
Goljadkin hinwies. »Küssen wir uns, mein Herzchen,« fuhr er mit
unerträglicher Familiarität fort, indem er sich dem so verräterisch von
ihm Beleidigten näherte. Das Späßchen des schändlichen Herrn Goljadkin
des jüngeren schien da, wo es wirken sollte, Anklang zu finden, um so
mehr, da darin eine tückische Anspielung auf einen Umstand lag, der
anscheinend allen bereits bekannt war. Unser Held fühlte, daß die Hand
seiner Feinde schwer auf seinen Schultern lastete. Übrigens hatte er
seinen Entschluß bereits gefaßt. Mit flammendem Blicke, mit bleichem
Gesichte und mit einem starren Lächeln arbeitete er sich mühsam aus dem
Haufen heraus und schlug mit schnellen, ungleichmäßigen Schritten
geradeswegs die Richtung nach dem Arbeitszimmer Seiner Exzellenz ein. In
dem vorletzten Zimmer traf er mit Andrei Filippowitsch zusammen, der
soeben von Seiner Exzellenz kam, und obgleich sich in diesem Zimmer eine
Menge verschiedenartiger Personen befanden, die zu Herrn Goljadkin im
gegenwärtigen Augenblicke gar keine Beziehungen hatten, so beachtete
unser Held doch diesen Umstand nicht im geringsten. Ohne Umschweife,
entschlossen und kühn, beinahe über sich selbst verwundert und sich
innerlich wegen seiner Kühnheit lobend, fiel er ohne Zeitverlust über
Andrei Filippowitsch her, der über diesen plötzlichen Anfall nicht wenig
erstaunt war.
[Fußnote 6: Der Held von Louvet de Couvrays (1760-1797) schlüpfrigem
Romane ^Les aventures du chevalier Faublas^. Anmerkung des Übersetzers.]
»Ah! ... Was wünschen Sie? ... Was ist Ihnen gefällig?« fragte der
Abteilungschef, ohne auf Herrn Goljadkins stockend vorgebrachte Anrede
zu hören.
»Andrei Filippowitsch, ich ... könnte ich wohl jetzt gleich mit Seiner
Exzellenz ein Gespräch unter vier Augen haben, Andrei Filippowitsch?«
sagte unser Held nunmehr klar und deutlich und richtete einen sehr
entschlossenen Blick auf Andrei Filippowitsch.
»Was? Das geht natürlich nicht.« Andrei Filippowitsch maß mit seinem
Blicke Herrn Goljadkin vom Kopf bis zu den Füßen.
»Ich sage nämlich das alles deswegen, Andrei Filippowitsch, weil ich
mich darüber wundere, daß hier niemand diesen Usurpator eines fremden
Namens, diesen Schurken entlarvt.«
»Wa--a--as?«
»Diesen Schurken, Andrei Filippowitsch.«
»Wen belieben Sie denn mit diesem Titel zu bezeichnen?«
»Ich meine eine gewisse Person, Andrei Filippowitsch. Ich ziele damit
auf eine gewisse Person, Andrei Filippowitsch; ich bin im Rechte ... Ich
meine, Andrei Filippowitsch, die vorgesetzte Behörde sollte derartige
Bestrebungen ermuntern,« fügte Herr Goljadkin, der offenbar von sich
selbst nichts mehr wußte, hinzu. »Andrei Filippowitsch ... aber Sie
sehen wahrscheinlich selbst, Andrei Filippowitsch, daß dies eine
wohlanständige Bestrebung ist, und daß sich darin meine in verschiedener
Hinsicht löbliche Absicht bekundet, den Chef als meinen Vater zu
betrachten, Andrei Filippowitsch ... ich betrachte die edeldenkende
vorgesetzte Behörde als meinen Vater und vertraue ihr blind mein
Schicksal an. So und so ... Sie sehen, wie ...« Hier begann Herrn
Goljadkins Stimme zu zittern, sein Gesicht rötete sich, und zwei Tränen
traten auf seine Wimpern.
Als Andrei Filippowitsch Herrn Goljadkin so reden hörte, erstaunte er
dermaßen, daß er unwillkürlich ein paar Schritte zurücktrat. Dann
blickte er unruhig um sich ... Es ist schwer zu sagen, wie die Sache
geendet hätte ... Aber plötzlich öffnete sich die Tür, die zum
Arbeitszimmer des Chefs führte, und dieser selbst kam in Begleitung
mehrerer Beamten heraus. Alle, die im Zimmer waren, schlossen sich an
und gingen hinter ihm her. Seine Exzellenz rief Andrei Filippowitsch
heran, ließ ihn neben sich gehen und unterredete sich mit ihm über
irgendwelche Gegenstände. Als sich alle in Bewegung gesetzt und das
Zimmer verlassen hatten, kam auch Herr Goljadkin wieder zur Besinnung.
Demütig suchte er Schutz unter den Fittichen seines Tischvorstehers
Anton Antonowitsch Sjetotschkin, der hinter allen herschlich und, wie es
Herrn Goljadkin schien, eine sehr ernste, sorgenvolle Miene machte.
»Auch hier habe ich töricht geredet; auch hier habe ich meiner Sache
geschadet,« dachte er bei sich; »nun aber, es macht nichts.« Dann sagte
er zu dem Tischvorsteher leise mit einer Stimme, die vor Aufregung noch
ein wenig zitterte: »Ich hoffe, daß wenigstens Sie, Anton Antonowitsch,
sich werden bereitfinden lassen, mir Gehör zu schenken und von meiner
Lage Kenntnis zu nehmen. Von allen zurückgewiesen, wende ich mich an
Sie. Ich bin bis jetzt noch im unklaren darüber, was Andrei
Filippowitschs Worte bedeuteten, Anton Antonowitsch. Erklären Sie sie
mir, wenn es möglich ist ...«
»Es wird alles zur rechten Zeit klar werden,« erwiderte Anton
Antonowitsch nach einer Pause in ernstem Tone und, wie es Herrn
Goljadkin schien, mit einer Miene, die deutlich zu verstehen gab, daß
Anton Antonowitsch überhaupt nicht wünschte, das Gespräch fortzusetzen.
»Sie werden in kurzer Zeit alles erfahren. Noch heute werden Sie formell
von allem unterrichtet werden.«
»Was meinen Sie denn mit >formell<, Anton Antonowitsch? Warum denn
gerade formell?« fragte unser Held schüchtern.
»Es steht uns beiden nicht zu, über das zu urteilen, Jakow Petrowitsch,
was die Behörde für gut findet.«
»Warum denn die Behörde, Anton Antonowitsch?« fragte Herr Goljadkin, der
noch zaghafter geworden war, »warum denn die Behörde? Ich sehe keine
Ursache, weshalb die Behörde damit belästigt werden sollte, Anton
Antonowitsch ... Sie wollen mir vielleicht etwas über das gestrige
Vorkommnis sagen, Anton Antonowitsch?«
»Nein, um das gestrige Vorkommnis handelt es sich nicht; aber es ist
sonst noch dies und das bei Ihnen nicht in Ordnung.«
»Was ist denn bei mir nicht in Ordnung, Anton Antonowitsch? Mir scheint,
Anton Antonowitsch, daß bei mir alles in Ordnung ist.«
»Aber warum wollten Sie denn schlaue Pfiffe und Kniffe zur Anwendung
bringen?« unterbrach Anton Antonowitsch scharf den ganz bestürzten Herrn
Goljadkin. Dieser fuhr zusammen und wurde bleich wie Leinewand.
»Freilich, Anton Antonowitsch,« sagte er mit kaum vernehmbarer Stimme,
»wenn man die Stimme der Verleumdung beachtet und auf unsere Feinde
hört, ohne eine Rechtfertigung von der anderen Seite anzunehmen, dann
muß unsereiner leiden, Anton Antonowitsch, schuldlos, und ohne etwas
begangen zu haben, leiden.«
»Hm, hm; und Ihr unwürdiges Benehmen, durch das Sie dem Rufe eines
anständigen Mädchens, der Tochter jener wohlbekannten, humanen,
hochgeachteten Familie, geschadet haben, einer Familie, die Ihnen so
viel Gutes erwiesen hatte?«
»Was meinen Sie denn für ein Benehmen, Anton Antonowitsch?«
»Hm, hm. Und da ist dann noch ein anderes Mädchen, das zwar arm, aber
von ehrenhafter, ausländischer Herkunft ist; an Ihr löbliches Verhalten
diesem Mädchen gegenüber erinnern Sie sich wohl auch nicht?«
»Gestatten Sie, Anton Antonowitsch ... haben Sie die Güte, mich
anzuhören, Anton Antonowitsch ...«
»Und Ihr treuloses Benehmen einer andern Person gegenüber, die Sie
verleumdet und eines Vergehens bezichtigt haben, das Sie sich selbst
haben zuschulden kommen lassen? Nun, wie nennt man das?«
»Anton Antonowitsch, ich habe ihn nicht aus dem Hause getrieben,«
erwiderte unser Held zitternd, »und habe auch Petruschka, meinem Diener,
keine derartige Instruktion gegeben ... Er hat von meinem Tische
gegessen, Anton Antonowitsch; er hat meine Gastfreundschaft genossen,«
fügte unser Held ausdrucksvoll und mit tiefem Gefühl hinzu, so daß sein
Kinn ein wenig zu hüpfen begann und ihm die Tränen wieder in die Augen
kamen.
»Das reden Sie nur so hin, Jakow Petrowitsch, daß er von Ihrem Tische
gegessen habe,« antwortete Anton Antonowitsch, den Mund zum Lächeln
verziehend, und seinem Tone war eine gewisse Verschmitztheit anzuhören,
so daß es Herrn Goljadkin war, als würde ihm ein Stich ins Herz
versetzt.
»Gestatten Sie mir, Sie noch ganz bescheiden zu fragen, Anton
Antonowitsch: ist denn all dies Seiner Exzellenz bekannt?«
»Aber natürlich! Lassen Sie mich aber jetzt in Ruhe; ich habe jetzt für
Sie keine Zeit mehr ... Noch heute werden Sie alles erfahren, was Sie zu
wissen brauchen.«
»Erlauben Sie noch einen Augenblick, um Gottes willen, Anton
Antonowitsch ...«
»Sie können es mir ein andermal erzählen ...«
»Nein, Anton Antonowitsch: ich bin, sehen Sie, hören Sie nur, Anton
Antonowitsch ... Ich bin durchaus nicht für die Freigeisterei, Anton
Antonowitsch; ich lehne die Freigeisterei ab; ich bin meinerseits völlig
bereit ... und es ist mir sogar der Gedanke gekommen ...«
»Schon gut, schon gut. Ich habe das schon einmal gehört ...«
»Nein, das haben Sie noch nicht gehört, Anton Antonowitsch. Das ist
etwas anderes, Anton Antonowitsch; das ist etwas Gutes, wirklich etwas
Gutes und angenehm zu hören ... Es ist mir, wie ich schon gesagt habe,
der Gedanke gekommen, Anton Antonowitsch, daß da die göttliche Vorsehung
zwei ganz ähnliche Menschen geschaffen und die edeldenkende Behörde im
Hinblick auf diese Tat der göttlichen Vorsehung den beiden Zwillingen
Obdach gewährt hat. Das ist ein guter Gedanke, Anton Antonowitsch. Sie
sehen, daß das ein sehr guter Gedanke ist, Anton Antonowitsch, und daß
ich fern von aller Freigeisterei bin. Ich betrachte die edeldenkende
Behörde als meinen Vater. Jawohl, die edeldenkende Behörde und Sie, hm
... Ein junger Mensch muß ein Amt haben ... Unterstützen Sie mich, Anton
Antonowitsch ... treten Sie für mich ein, Anton Antonowitsch ... Ich
will weiter nichts ... Anton Antonowitsch, um Gottes willen, nur noch
ein Wörtchen ... Anton Antonowitsch ...«
Aber Anton Antonowitsch war schon weit von Herrn Goljadkin entfernt ...
Unser Held wußte nicht, wo er stand, was er hörte, was er tat, was mit
ihm geschah, und was mit ihm noch geschehen werde, so hatte ihn alles,
was er gehört und erlebt hatte, verwirrt und erschüttert.
Mit flehenden Blicken suchte er unter der Schar der Beamten nach Anton
Antonowitsch, um sich noch weiter vor ihm zu rechtfertigen und ihm etwas
sehr Schönes von sich selbst zu sagen: was für ein wohlgesinnter und
anständiger Mensch er sei ... Indessen begann allmählich ein neues Licht
durch Herrn Goljadkins Verwirrung hindurchzudringen, ein neues,
schreckliches Licht, das ihm plötzlich mit einem Schlage eine ganze
lange Reihe völlig unbekannter und sogar nicht einmal geahnter Umstände
erhellte ... In diesem Augenblicke stieß jemand unsern ganz
fassungslosen Helden in die Seite. Er blickte sich um. Vor ihm stand
Pisarenko.
»Ein Brief, Euer Wohlgeboren!«
»Ah! ... Du bist schon dagewesen, mein Lieber?«
»Nein, dieser ist schon heute morgen um zehn hergebracht. Der
Kanzleidiener Sergei Michejew hat ihn von der Wohnung des
Gouvernementssekretärs Wachramejew hergebracht.«
»Schön, mein Freund, schön; ich danke dir, mein Lieber.«
Nachdem Herr Goljadkin dies gesagt hatte, steckte er den Brief in die
Seitentasche seines Uniformrocks und knöpfte diesen bis oben hinauf zu;
dann blickte er um sich und bemerkte zu seinem Erstaunen, daß er sich
schon im Hausflur des Amtsgebäudes befand, mitten in einem Schwarm von
Beamten, die sich zum Ausgang drängten, da die Bureaustunden zu Ende
waren. Herr Goljadkin hatte diesen letzteren Umstand bisher nicht
bemerkt, ja er hatte nicht einmal bemerkt und erinnerte sich nicht, auf
welche Weise er sich auf einmal in Mantel und Überschuhen befand und
seinen Hut in der Hand hielt. Alle Beamten standen regungslos und in
respektvoller Erwartung. Die Sache war die, daß Seine Exzellenz am Fuße
der Treppe stehen geblieben war, auf seinen Wagen wartete, der sich aus
irgendwelcher Ursache verspätete, und ein sehr interessantes Gespräch
mit zwei Räten und mit Andrei Filippowitsch führte. Ein wenig entfernt
von den beiden Räten und Andrei Filippowitsch stand Anton Antonowitsch
Sjetotschkin und einige andere Beamten, die sehr beflissen lächelten, da
sie sahen, daß Seine Exzellenz zu scherzen und zu lachen beliebte.
Diejenigen Beamten, die sich am oberen Ende der Treppe zusammendrängten,
lächelten ebenfalls und warteten darauf, daß Seine Exzellenz von neuem
lachen werde. Nur der dickbäuchige Portier Fedosjeitsch lächelte nicht;
er hatte den Türgriff gefaßt, stand hochaufgerichtet da und wartete
ungeduldig auf seine tägliche Portion Vergnügen, die darin bestand, daß
er auf einmal, mit einem einzigen Schwunge des Arms, den einen Türflügel
weit zurückschlug und dann, zu einem Bogen zusammengekrümmt, respektvoll
Seine Exzellenz an sich vorbeipassieren ließ. Aber die größte Freude und
das größte Vergnügen von allen schien Herrn Goljadkins unwürdiger und
unedler Feind zu empfinden. Er vergaß in diesem Augenblicke sogar alle
Beamten und unterließ es, nach seiner nichtswürdigen Gewohnheit
geschäftig unter ihnen umherzutrippeln und, die Gelegenheit benutzend,
sich bei diesem und jenem beliebt zu machen. Er war ganz Auge und Ohr,
krümmte sich in einer eigentümlichen Weise zusammen, wahrscheinlich um
besser zu hören, und verwandte kein Auge von Seiner Exzellenz; nur
bisweilen bewegten sich seine Hände, seine Füße und sein Kopf in leisen,
kaum bemerkbaren Zuckungen, die die innerliche, verborgene Aufregung
seiner Seele verrieten.
»Er ist ordentlich wie berauscht!« dachte unser Held; »er sieht aus wie
ein Günstling, der Schurke! Ich möchte nur wissen, wodurch er eigentlich
so viele hochgestellte Personen für sich einnimmt. Er besitzt weder
Verstand, noch Charakter, noch Bildung, noch Gefühl; er hat eben Glück,
der Racker! Herr du mein Gott! Wenn man das so bedenkt, wie schnell kann
ein Mensch vorwärts kommen und sich mit allen Leuten befreunden! Und er
wird vorwärts kommen, dieser Mensch; ich möchte darauf schwören, daß er
es weit bringen wird, der Racker, daß er viel erreichen wird; er hat
Glück, der Racker! Auch das möchte ich gern wissen, was er ihnen allen
eigentlich zuzuflüstern pflegt. Was hat er nur mit all diesem Volke für
Geheimnisse, und von was für geheimen Dingen reden sie miteinander? Herr
du mein Gott! Ich sollte auch so, hm ... und mit ihnen auch ein bißchen
... so und so ... ich sollte ihn vielleicht bitten ... >So und so, und
ich werde es nicht wieder tun. Ich trage die Schuld, und ein junger
Mensch muß in unserer Zeit ein Amt haben, Exzellenz; über meine unklare
Lage rege ich mich durchaus nicht auf<, so müßte ich reden! Irgendwie
dort Einspruch erheben, das werde ich auch nicht tun; alles werde ich
mit Geduld und Demut ertragen; so müßte ich es machen! Soll ich so
vorgehen? Ja, übrigens kommt man mit Worten dem Racker nicht bei und
kriegt ihn nicht unter; Vernunft kann man ihm in seinen leichtfertigen
Kopf nicht hineinhämmern ... Aber ich will es versuchen. Wenn ich eine
günstige Stunde abpassen kann, will ich es versuchen ...«