den schwersten Schaden zugefügt! Herr Gott, wo hast du nur den Brief
gelassen? Ach, du mein Schöpfer, wie soll der Brief nun ... Und warum
habe ich ihn überhaupt geschrieben? Brauchte ich ihn denn zu schreiben?
Ich habe mich von meinem übermäßigen Ehrgefühl hinreißen lassen, ich
Dummkopf! Dahin hat mich meine Empfindlichkeit gebracht! Das hast du nun
von deinem Ehrgefühl, du Schuft; das hast du von deinem Ehrgefühl! ...
Na, du da! Wo hast du den Brief gelassen, du Halunke? An wen hast du ihn
abgegeben? ...«
»An niemanden habe ich einen Brief abgegeben; ich habe überhaupt keinen
Brief gehabt ... so ist die Sache!«
Herr Goljadkin rang vor Verzweiflung die Hände.
»Hör mal, Petruschka; hör mal zu; hör mal, was ich dir sagen will ...«
»Na ja, ich höre.«
»Wo bist du hingegangen? Antworte! ...«
»Wo ich hingegangen bin? Zu guten Leuten bin ich hingegangen! Weiter
geht mich nichts an!«
»Ach du mein Herrgott! Wo bist du zuerst hingegangen? Bist du in der
Kanzlei gewesen? ... Hör mal, Petruschka: du bist wohl betrunken?«
»Ich betrunken? Da will ich doch gleich auf dem Fleck krepieren, da will
ich ...«
»Nein, nein, das macht ja nichts, daß du betrunken bist ... Ich habe nur
gefragt; es ist ganz gut, daß du betrunken bist; ich schelte ja nicht,
Petruschka, ich schelte ja nicht ... Du hast es vielleicht für einen
Augenblick vergessen und wirst dich an alles wieder erinnern. Nun also,
besinne dich mal: bist du bei dem Sekretär Wachramejew gewesen? Bist du
da gewesen oder nicht?«
»Ich bin nicht bei ihm gewesen; so einen Sekretär gab es gar nicht. Da
will ich gleich auf dem Fleck ...«
»Nein, nein, Petruschka! Nein, Petruschka, ich schelte ja nicht; du
siehst ja, daß ich nicht schelte ... Na, was ist denn dabei? Draußen ist
es kalt und naß; da trinkt der Mensch ein Schlückchen; das schadet ja
nichts. Ich bin darüber nicht böse. Ich habe heute selbst ein bißchen
getrunken, lieber Freund ... Nun sage mal, besinne dich mal, lieber
Freund: bist du bei dem Sekretär Wachramejew gewesen?«
»Na, wenn es so steht, dann will ich wahrheitsgemäß sagen: ich bin da
gewesen. Da will ich gleich auf dem Fleck ...«
»Na, das ist ja schön, Petruschka, das ist ja schön, daß du da gewesen
bist. Du siehst, ich bin nicht ärgerlich ... Nun, nun,« fuhr unser Held
fort, der seinen Diener noch weiter zu begütigen suchte, ihm auf die
Schulter klopfte und ihm zulächelte, »nun, also du hast ein bißchen
getrunken, du Racker ... hast für zehn Kopeken ein bißchen getrunken?
Ja, ja, du Spitzbube! Na, das schadet nichts; na, du siehst, daß ich
nicht böse darüber bin ... ich bin nicht böse darüber, lieber Freund,
ich bin nicht böse darüber ...«
»Nein, ich bin kein Spitzbube, da können Sie sagen, was Sie wollen ...
Ich bin nur zu guten Leuten herangegangen; aber ich bin kein Spitzbube
und bin nie ein Spitzbube gewesen ...«
»Aber nein, nein, Petruschka! So höre doch, Petruschka! Ich schimpfe
dich ja nicht, wenn ich dich einen Spitzbuben nenne. Ich sage das ja, um
dir eine Freude zu machen; ich sage das in gutem Sinne. Damit
schmeichelt man ja manchem Menschen, Petruschka, wenn man zu ihm sagt,
er sei ein solcher Schlaukopf, ein so geriebener Bursche, daß er sich
von niemandem betrügen und hinters Licht führen lasse. So etwas hört
mancher gern ... Nun, nun, es macht nichts! Nun, sage mir jetzt nur ohne
Umschweife, Petruschka, offenherzig, wie einem Freunde ... na, bist du
bei dem Sekretär Wachramejew gewesen, und hat er dir die Adresse
gegeben?«
»Ja, er hat mir auch die Adresse gegeben, auch die Adresse hat er mir
gegeben. Er ist ein netter, freundlicher Beamter! >Dein Herr<, sagte er,
>ist ein guter Mensch, ein sehr guter Mensch; bestelle deinem Herrn nur
eine Empfehlung von mir und meinen Dank und sage ihm, daß ich ihn sehr
gern habe; ich schätze deinen Herrn sehr hoch! Weil dein Herr<, sagte
er, >ein guter Mensch ist, Petruschka; und du, Petruschka<, sagte er,
>bist auch ein guter Mensch.< Und da will ich gleich ...«
»Ach du mein Herrgott! Aber die Adresse, die Adresse! O du
unzuverlässiges Subjekt!« Die letzten Worte sagte Herr Goljadkin fast
flüsternd.
»Die Adresse ... er hat mir auch die Adresse gegeben.«
»Er hat sie dir gegeben? Na, wo wohnt er denn, dieser Goljadkin, dieser
Titularrat Goljadkin?«
»Er sagte: >Goljadkin findest du in der Schestilawotschnaja-Straße. Wenn
du hinkommst<, sagte er, >in die Schestilawotschnaja-Straße, dann
rechts, die Treppe hinauf, im vierten Stock. Da wirst du Goljadkin
finden,< sagte er.«
»Du Schurke!« schrie unser Held, der endlich die Geduld verlor. »Du
Kanaille! Das bin ich ja! Da redest du ja von mir! Aber es gibt noch
einen andern Goljadkin; ich rede von dem andern, du Schurke!«
»Na, meinetwegen! Was kümmert es mich! Meinetwegen! ...«
»Aber der Brief, der Brief ...«
»Was für ein Brief? Es ist gar kein Brief dagewesen; ich habe keinen
Brief gesehen.«
»Wo hast du ihn denn gelassen, du Schlingel?«
»Ich habe ihn abgegeben; ich habe den Brief abgegeben. >Bestelle eine
Empfehlung,< sagte er, >und ich ließe danken; dein Herr ist ein guter
Mensch. Bestelle deinem Herrn eine Empfehlung!< sagte er.«
»Aber wer hat das denn gesagt? Hat das Goljadkin gesagt?«
Petruschka schwieg ein Weilchen, sah seinem Herrn gerade in die Augen
und grinste über das ganze Gesicht.
»Hör mal, du Racker,« begann Herr Goljadkin keuchend und vor Wut ganz
außer sich, »was hast du mir da angetan! Nun sag mir nur, was du mir da
angetan hast! Du hast mich zugrunde gerichtet, du Bösewicht! Völlig
zugrunde gerichtet hast du mich, du unzuverlässiger Patron!«
»Na meinetwegen! Was kümmert es mich!« sagte Petruschka in entschiedenem
Tone und zog sich hinter die Scheidewand zurück.
»Komm her, komm her, du Nichtswürdiger!«
»Ich komme jetzt nicht zu Ihnen; fällt mir nicht ein. Was kümmert es
mich! Ich gehe zu guten Leuten ... Gute Leute leben ehrenhaft; gute
Leute leben ohne Falschheit und sind niemals doppelt ...« Herrn
Goljadkin wurden Arme und Beine starr und kalt wie Eis, und der Atem
stockte ihm ...
»Ja,« fuhr Petruschka fort, »die sind niemals doppelt; die versündigen
sich nicht gegen Gott und gegen ehrenhafte Leute ...«
»Du Taugenichts, du Trunkenbold! Schlaf dich jetzt aus, du Halunke! Aber
morgen werde ich dir deinen Standpunkt klarmachen!« sagte Herr Goljadkin
mit kaum vernehmbarer Stimme. Was Petruschka anlangt, so murmelte er
noch etwas; darauf war zu hören, wie er sich auf sein Bett legte, so daß
das Bett krachte, wie er langgezogen gähnte, sich ausstreckte und
endlich schnarchend in den sogenannten Schlaf der Unschuld versank. Herr
Goljadkin war nicht tot, nicht lebendig. Petruschkas Benehmen, seine
sehr sonderbaren, obwohl nur entfernten Anspielungen, über die man sich
somit nicht zu ärgern brauchte, um so weniger, da sie aus dem Munde
eines Betrunkenen kamen, und endlich die gesamte üble Wendung, die die
Sache genommen hatte: all dies hatte Herrn Goljadkin im tiefsten Grunde
erschüttert. »Und da mußte ich auf den Einfall kommen, ihm mitten in der
Nacht Vorwürfe zu machen!« sagte unser Held, der infolge einer
krankhaften Empfindung am ganzen Leibe zitterte. »Und da plagte mich der
Teufel, mich mit einem Betrunkenen abzugeben! Was für vernünftige
Antworten kann man wohl von einem Betrunkenen erwarten! Da ist doch
jedes Wort eine Lüge. Worauf spielte er übrigens an, der Halunke? Herr
du mein Gott! Und wozu habe ich alle diese Briefe geschrieben, ich
Mörder, ich Selbstmörder! Ich kann doch nie schweigen! Nein, ich mußte
mich verplappern! Nun hast du's! Du gehst zugrunde; du bist wie ein
alter Lappen; aber dabei willst du noch von Ehrgefühl reden und sagst:
>Meine Ehre leidet; ich muß meine Ehre retten!< O ich Selbstmörder!«
So sprach Herr Goljadkin, während er auf seinem Sofa saß und sich vor
Angst nicht zu rühren wagte. Auf einmal blieben seine Augen auf einem
Gegenstande haften, der im höchsten Grade seine Aufmerksamkeit erregte.
Fürchtend, der Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit erregte, könne eine
Illusion, eine Täuschung seiner Einbildungskraft sein, streckte er die
Hand nach ihm aus, hoffnungsvoll, schüchtern und in unbeschreiblicher
Neugier ... Nein, es war keine Täuschung! Es war keine Illusion! Ein
Brief war es, ein richtiger Brief, zweifellos ein Brief und an ihn
adressiert. Herr Goljadkin nahm den Brief vom Tische. Das Herz in der
Brust pochte ihm heftig. »Gewiß hat ihn dieser Schurke gebracht, da
hingelegt und dann vergessen; gewiß ist es alles so zugegangen; gewiß
wird es genau so zugegangen sein ...« Der Brief war von dem Sekretär
Wachramejew, einem jüngeren Kollegen und ehemaligen Freunde des Herrn
Goljadkin. »Übrigens habe ich mir das alles vorhergedacht,« sagte sich
unser Held, »und alles, was jetzt in dem Briefe stehen wird, habe ich
mir ebenfalls vorhergedacht ...« Der Brief lautete folgendermaßen:
»Geehrter Herr,
Jakow Petrowitsch!
»Ihr Diener ist betrunken, und es ist nichts Gescheites von ihm zu
erwarten; aus diesem Grunde ziehe ich es vor, Ihnen brieflich zu
antworten. Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich den mir von Ihnen
erteilten Auftrag, bestehend in der Weitergabe eines Briefes an eine
Ihnen bekannte Person, mit aller Zuverlässigkeit und Genauigkeit
ausführen werde. Diese Ihnen sehr bekannte Person, die mir jetzt einen
früheren Freund ersetzt, und deren Namen ich hier verschweige (weil ich
den Ruf eines ganz unschuldigen Menschen nicht grundlos beflecken
möchte), wohnt mit mir zusammen in Karolina Iwanownas Wohnung, in
demselben Zimmer, in welchem früher, zu der Zeit als Sie noch bei uns
wohnten, ein aus Tambow zugereister Infanterieoffizier logierte.
Übrigens können Sie diese Person überall im Verkehr mit ehrenhaften,
offenherzigen Leuten finden, was man von manchen anderen nicht sagen
kann. Meine Beziehungen zu Ihnen beabsichtige ich mit dem heutigen Tage
abzubrechen; wir können unseren bisherigen freundschaftlichen Ton und
unser einmütiges kollegialisches Verhältnis nicht beibehalten, und daher
bitte ich Sie, geehrter Herr, unverzüglich nach Empfang dieses meines
freimütigen Briefes mir die zwei Rubel zuzustellen, die Sie mir noch für
ein Rasiermesser ausländischen Fabrikates schulden, das ich Ihnen, wenn
Sie sich erinnern, vor sieben Monaten verkaufte, noch zu der Zeit, als
Sie mit mir bei Karolina Iwanowna wohnten, die ich von ganzem Herzen
hochschätze. Ich verfahre so deshalb, weil Sie nach der Angabe
verständiger Leute alles Ehrgefühl und allen guten Ruf verloren haben
und für die Moralität unschuldiger, noch nicht infizierter Leute
gefährlich geworden sind; denn gewisse Personen leben nicht nach den
Geboten der Wahrhaftigkeit, und dazu sind ihre Reden trügerisch und ihre
wohlwollende Miene verdächtig. Leute, welche bereit sind, Karolina
Iwanownas Verteidigung zu übernehmen, eines Mädchens, das sich immer
wohlgesittet benommen hat und zweitens durchaus ehrenwert ist und
ferner, wenn sie auch die Jugend bereits hinter sich hat, doch dafür aus
einer guten ausländischen Familie stammt, solche Leute kann man immer
und überall finden, und mehrere Personen haben mich gebeten, dies in
diesem meinem Briefe beiläufig in ihrem Namen zu erklären. In jedem
Falle werden Sie seinerzeit alles erfahren, wenn Sie es nicht jetzt
schon erfahren haben, trotzdem Sie sich nach der Angabe anständiger
Leute an allen Enden der Residenz in schlechten Ruf gebracht haben,
geehrter Herr, und folglich schon an vielen Stellen Mitteilungen, Ihre
Person betreffend, hätten erhalten können. Zum Schlusse meines Briefes
erkläre ich Ihnen, geehrter Herr, daß die Ihnen bekannte Person, deren
Namen ich hier aus gewissen wohlanständigen Gründen nicht erwähne, die
volle Hochachtung wohlgesinnter Leute genießt, zudem ein heiteres,
angenehmes Wesen hat, wie im Dienste so auch im Verkehr mit allen
vernünftig denkenden Leuten reussiert, ihrem Worte und der Freundschaft
treu bleibt und nicht hinter dem Rücken diejenigen beleidigt, mit denen
sie öffentlich in freundschaftlichen Beziehungen steht.
»In jedem Falle verbleibe ich
Ihr gehorsamer Diener
N. Wachramejew.«
»^P. S.^ Jagen Sie Ihren Diener fort: er ist ein Trunkenbold und macht
Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach viel Mühe und Umstände; nehmen Sie
doch an seiner Statt Jewstafi, der früher bei uns diente und
augenblicklich ohne Stelle ist. Ihr jetziger Diener ist nicht nur ein
Trunkenbold, sondern außerdem auch ein Dieb; denn er hat noch in der
vorigen Woche ein Pfund Stückenzucker an Karolina Iwanowna für sehr
billigen Preis verkauft, was er meines Erachtens nur tun konnte, wenn er
Sie im kleinen und zu verschiedenen Zeitpunkten listig bestohlen hat.
Ich schreibe Ihnen dies, weil ich Ihnen Gutes wünsche, obgleich gewisse
Personen weiter nichts verstehen als alle Leute zu beleidigen und zu
betrügen, namentlich einen jeden, der ehrenhaft ist und einen guten
Charakter besitzt, und überdies über andere Leute hinter deren Rücken
Verleumdungen verbreiten und die Handlungsweise derselben in ungünstigem
Lichte darstellen, einzig und allein aus Neid, und weil sie für sich
selbst solche ehrenhaften Beziehungen nicht in Anspruch nehmen können.
W.«
Nachdem unser Held Wachramejews Brief durchgelesen hatte, verharrte er
noch lange in regungsloser Haltung auf seinem Sofa. Eine Art von neuem
Lichte drang durch den ganzen trüben, rätselhaften Nebel, der ihn schon
seit zwei Tagen umgab. Unser Held begann zum Teil zu verstehen ... Er
wollte sich vom Sofa erheben und ein paarmal im Zimmer auf und ab gehen,
um sich zu erholen, seine in Verwirrung geratenen Gedanken einigermaßen
zu sammeln, sie auf einen bestimmten Gegenstand zu richten und dann,
wenn er ein wenig in Ordnung gekommen wäre, seine Lage reiflich zu
überlegen. Aber kaum machte er einen Versuch aufzustehen, als er sofort
matt und kraftlos auf seinen bisherigen Platz zurücksank. »Ja gewiß, ich
habe mir das alles vorhergedacht; aber in welcher Manier schreibt er
nur, und was ist der gerade Sinn dieser Worte? Den Sinn verstehe ich
allerdings; aber wohin wird dies alles führen? Wenn er geradeheraus
sagte: >So und so; das und das verlange ich,< dann würde ich seine
Forderung erfüllen. Aber auf diese Art nimmt die Sache eine recht
unangenehme Wendung! Ach, wenn es nur recht bald Tag würde und ich mich
recht bald ans Werk machen könnte! Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe.
Ich werde sagen: >So und so; auf Erörterungen bin ich bereit einzugehen;
meine Ehre werde ich nicht verkaufen< usw. Übrigens wie hat er, diese
gewisse Person, dieser unangenehme Mensch, es angefangen, sich hier
einzumischen? Und wozu hat er sich eigentlich hier eingemischt? Ach,
wenn es doch recht schnell Tag würde! Bis dahin bringen sie mich in
üblen Ruf, intrigieren gegen mich und arbeiten auf meinen Schaden hin!
Die Hauptsache ist: ich darf keine Zeit verlieren, sondern muß z. B.
jetzt wenigstens einen Brief schreiben, in dem ich diese und jene Punkte
mit Stillschweigen übergehe und mich mit diesen und jenen einverstanden
erkläre. Und morgen, sowie es hell wird, muß ich ihn absenden, und ich
selbst muß so früh wie möglich ... hm ... und ihnen von der andern Seite
entgegenarbeiten und diesen allerliebsten Leuten zuvorkommen ... Sie
bringen mich in schlechten Ruf; das steht fest!«
Herr Goljadkin legte sich einen Bogen Papier zurecht, ergriff die Feder
und schrieb folgenden Brief als Antwort auf den Brief des
Gouvernementssekretärs Wachramejew:
»Geehrter Herr,
Nestor Ignatjewitsch!
»Mit Erstaunen und betrübtem Herzen habe ich Ihren für mich so
beleidigenden Brief gelesen; denn ich erkenne deutlich, daß Sie mich
meinen, wenn Sie von einigen unwürdigen Personen reden und von manchen,
die eine wohlwollende Gesinnung erheucheln. Mit aufrichtigem Schmerze
sehe ich, wie schnell, wie erfolgreich und wie tief die Verleumdung
Wurzel geschlagen hat, zum Schaden meiner Wohlfahrt, meiner Ehre und
meines guten Namens. Und besonders kränkend und verletzend ist es für
mich, daß sogar ehrenhafte Leute, Leute mit einer wahrhaft anständigen
Denkweise und, was die Hauptsache ist, mit geradem, offenem Charakter,
sich von der Partei der wohlanständigen Leute lossagen und mit den
besten Eigenschaften ihres Herzens sich jener verderblichen Fäulnis
hingeben, die leider in unserer argen, sittenlosen Zeit so stark wuchert
und sich so heimtückisch ausbreitet. Zum Schlusse erkläre ich, daß ich
es für meine heilige Pflicht erachte, meine von Ihnen bezeichnete
Schuld, nämlich zwei Rubel, Ihnen in ihrem vollen Betrage
zurückzuerstatten.
»Was Ihre Andeutungen in betreff einer gewissen Person weiblichen
Geschlechtes und in betreff der Absichten, Spekulationen und
mannigfaltigen Pläne dieser Person anbelangt, geehrter Herr, so sage ich
Ihnen, daß ich all diese Andeutungen nur unvollkommen und mangelhaft
verstanden habe. Gestatten Sie mir, geehrter Herr, meine anständige
Denkweise und meinen ehrlichen Namen unbefleckt zu erhalten. In jedem
Falle bin ich bereit, auf persönliche Erörterungen einzugehen, da ich
das mündliche Verfahren dem brieflichen als zuverlässiger vorziehe, und
überdies bin ich zu einer friedlichen, selbstverständlich gegenseitigen
Einigung bereit. Zu diesem Ende ersuche ich Sie, geehrter Herr, dieser
Person von meiner Bereitwilligkeit zu einer persönlichen Verständigung
Mitteilung zu machen und sie außerdem um Bestimmung von Zeit und Ort für
eine Zusammenkunft zu bitten. Es war mir schmerzlich, geehrter Herr,
Ihre Anspielungen darauf zu lesen, daß ich Sie gekränkt, unsere
ursprüngliche Freundschaft verraten und mich in schlechtem Sinne über
Sie ausgesprochen hätte. Ich schreibe all dies einem Mißverständnisse
zu, abscheulicher Verleumdung, dem Neide und Übelwollen derjenigen, die
ich mit Recht meine erbittertsten Feinde nennen kann. Aber sie wissen
wahrscheinlich nicht, daß die Unschuld schon durch ihre Unschuld stark
ist, daß die Schamlosigkeit, die Frechheit und die empörende
Familiarität mancher Personen früher oder später sich das Brandmal
allgemeiner Verachtung zuziehen werden, und daß diese Personen an der
Nichtswürdigkeit und Verderbtheit ihres eigenen Herzens zugrunde gehen
müssen. Zum Schlusse bitte ich Sie noch, geehrter Herr, diesen Personen
mitzuteilen, daß ihre seltsame Anmaßung und ihr unedles, phantastisches
Verlangen, andere aus den Stellungen zu verdrängen, die diese andern
durch ihr Dasein in dieser Welt einnehmen, und sich deren Platz
anzueignen, nur geeignet sind, Erstaunen, Verachtung und Bedauern zu
erwecken und sie selbst ins Irrenhaus zu bringen, und daß überdies
solche Machenschaften durch die Gesetze streng verboten sind, was meiner
Meinung nach durchaus gerecht ist; denn ein jeder muß mit seinem eigenen
Platze zufrieden sein. Alles hat seine Grenzen, und wenn dies ein Scherz
ist, so ist es ein unziemlicher Scherz, ja ich will noch mehr sagen: ein
ganz unmoralischer Scherz; denn ich erlaube mir, Ihnen zu versichern,
geehrter Herr, daß meine oben dargelegten Anschauungen über den eigenen
Platz eines jeden rein moralisch sind.
»In jedem Falle habe ich die Ehre, zu verbleiben
Ihr gehorsamster Diener
J. Goljadkin.«
10. Kapitel