zu irgend etwas entschlossen; ohne zu zaudern griff er nach seiner
Pfeife, und aus Leibeskräften daran saugend und Rauchwolken nach rechts
und links ausstoßend, begann er in großer Aufregung in seinem Zimmer hin
und her zu laufen. Unterdessen fing Petruschka an, den Tisch zu decken.
Endlich war Herr Goljadkin mit seinem Entschlusse ins reine gekommen; er
warf plötzlich die Pfeife hin, zog sich den Mantel an, sagte, er werde
nicht zu Hause zu Mittag essen, und lief aus der Wohnung. Auf der Treppe
holte ihn Petruschka ganz atemlos ein, der den von ihm vergessenen Hut
in der Hand hielt. Herr Goljadkin nahm den Hut hin und wollte sich so
obenhin mit ein paar Worten vor Petruschka entschuldigen, damit dieser
nicht auf irgendwelche besonderen Gedanken käme (er wollte sagen, es sei
etwas Derartiges vorgefallen, daß es einem leicht passieren könne, den
Hut zu vergessen usw.); aber da Petruschka ihn nicht einmal ansehen
mochte, sondern sogleich wieder wegging, so setzte auch Herr Goljadkin
ohne weitere Auseinandersetzungen seinen Hut auf und lief die Treppe
hinunter. Er sagte sich, vielleicht werde alles sich gut gestalten und
die Sache sich irgendwie zurechtschieben, und obwohl er die erfrorenen
Stellen an seinen Fersen unangenehm fühlte, trat er auf die Straße
hinaus, nahm sich eine Droschke und fuhr schnell zu Andrei
Filippowitsch. »Wäre es übrigens nicht besser, es bis morgen zu lassen?«
dachte Herr Goljadkin, während er nach dem Klingelzuge an Andrei
Filippowitschs Entreetür griff. »Was habe ich ihm denn auch eigentlich
Besonderes zu sagen? Etwas Besonderes liegt hier überhaupt nicht vor.
Die Sache ist ja so jämmerlich, wirklich jämmerlich, ekelhaft, d. h.
beinah ekelhaft ... so wie dies alles, dieser ganze Vorfall ...«
Plötzlich zog Herr Goljadkin an dem Klingelzuge; die Klingel ertönte;
von innen wurden Schritte vernehmbar ... Nun verwünschte Herr Goljadkin
sich geradezu wegen seiner Übereilung und Dreistigkeit. Die
Unannehmlichkeiten, die er vor kurzem gehabt, aber über den amtlichen
Dingen beinahe vergessen hatte, und sein Rencontre mit Andrei
Filippowitsch kamen ihm jetzt sofort wieder ins Gedächtnis. Aber zum
Davonlaufen war es bereits zu spät: die Tür wurde geöffnet. Zu Herrn
Goljadkins Glücke wurde ihm geantwortet, daß Andrei Filippowitsch nicht
vom Dienst nach Hause gekommen sei und nicht zu Hause zu Mittag gegessen
habe. »Ich weiß, wo er zu Mittag gegessen hat; er pflegt bei der
Ismailowski-Brücke zu Mittag zu essen,« dachte unser Held und freute
sich gewaltig. Auf die Frage des Dieners, wen er seinem Herrn als
dagewesen melden solle, erwiderte er: »Schon gut; ich werde später noch
einmal wiederkommen, mein Freund!« und lief sogar mit einer gewissen
Munterkeit die Treppe hinab. Als er auf die Straße hinaustrat, entschied
er sich dafür, den Wagen zu entlassen und den Kutscher abzulohnen. Als
der Kutscher um ein Trinkgeld bat, mit der Begründung: »Ich habe lange
warten müssen, mein Herr, und habe meinen Traber für Euer Gnaden nicht
geschont,« da gab er ihm auch fünf Kopeken Trinkgeld, und sogar recht
gern; er selbst ging zu Fuß.
»Die Sache ist allerdings von der Art,« dachte Herr Goljadkin, »daß man
sie nicht so weitergehen lassen darf; indessen, wenn man es überlegt, so
recht überlegt, warum soll man sich denn eigentlich deswegen Mühe
machen? Na ja, ich will nur sagen, warum soll ich mir deswegen Mühe
machen? Warum soll ich mich plagen, mich quälen, mich peinigen, mir das
Leben verderben? Erstens ist die Sache einmal geschehen und läßt sich
nicht ungeschehen machen ... nein, ungeschehen läßt sie sich nicht
machen! Erwägen wir sie einmal so: da erscheint ein Mensch ... es
erscheint ein Mensch mit ausreichender Empfehlung; es heißt darin, er
sei ein brauchbarer Beamter, habe sich gut geführt; er ist nur arm
und hat allerlei Unannehmlichkeiten auszustehen gehabt, so
Klatschgeschichten und Zänkereien; na, Armut ist ja keine Schande. Also
was geht mich die Sache an? In der Tat, was ist das für dummes Zeug? Na,
da trifft es sich nun, daß dieser Mensch so gestaltet ist, von der Natur
selbst so gestaltet ist, daß er einem andern Menschen so ähnlich sieht
wie ein Ei dem andern, daß er die vollkommene Kopie eines andern
Menschen ist; soll er nun deswegen bei der Behörde keine Aufnahme
finden? Wenn das Schicksal, wenn einzig und allein das Schicksal, wenn
einzig und allein der blinde Zufall daran schuld ist, soll man ihn dann
mißachten wie einen alten Lappen und ihm nicht gestatten, ein Amt zu
verwalten ... wo bleibt da bei solchem Verfahren die Gerechtigkeit? Er
ist ein armer, verstörter, verängstigter Mensch; das Herz tut einem weh
bei seinem Anblick; das Mitleid gebietet, daß man sich seiner annimmt!
Ja! Das muß man sagen, das wäre eine nette Obrigkeit, wenn sie darüber
so dächte wie ich herzloser Mensch! Nein, was habe ich für einen Kopf!
Manchmal haben zehn Dummheiten zugleich darin Platz! Nein, nein! Sie
haben gut getan, und es gebührt ihnen Dank dafür, daß sie sich des armen
Teufels angenommen haben ... Na ja, allerdings, zum Beispiel, daß wir so
ähnlich sind, daß wir eine solche zwillingshafte Ähnlichkeit haben, das
ist eine tolle Geschichte! Aber, was ist dabei? Einfach gar nichts! Die
Beamten können sich alle daran gewöhnen; und ein Fremder, der in unser
Bureau kommt, wird gewiß in einem solchen Umstande nichts Unziemliches
und Anstößiges finden. Es ist sogar gewissermaßen etwas Rührendes dabei;
er wird sich sagen: >Was liegt da für ein schöner Gedanke zugrunde? Die
göttliche Vorsehung hat zwei ganz ähnliche Menschen geschaffen, und die
edeldenkende Behörde hat sich, da sie sah, was die göttliche Vorsehung
getan hat, der beiden Zwillinge angenommen.< Das ist gewiß,« fuhr Herr
Goljadkin fort, indem er tief Atem holte und die Stimme ein wenig
senkte, »das ist gewiß, das beste wäre es, wenn all das nicht
existierte, wenn nichts Rührendes da wäre und auch keine Zwillinge ...
Hole der Teufel diese ganze Geschichte! Und wozu war das denn nötig? Was
war denn für eine besondere, keinen Aufschub vertragende Notwendigkeit
vorhanden? Herr du mein Gott! Was hat uns da der Teufel für eine Grütze
gekocht! Und dabei hat dieser Mensch so einen Charakter, so ein
spaßhaftes, unangenehmes Wesen, ein solcher Schuft ist er, eine solche
Wetterfahne, ein Liebediener und Schmarotzer, so ein echter Goljadkin!
Am Ende wird er sich gar noch schlecht führen und meinen Familiennamen
beflecken, der Schurke! Da heißt es nun jetzt auf ihn aufpassen, ihn
beaufsichtigen! Ach, ist das eine Heimsuchung! Übrigens wieso denn? Es
ist ja doch gar nicht nötig! Na, wenn er ein Schuft ist, dann mag er in
Gottes Namen ein Schuft sein; aber dafür ist der andere ein ehrenwerter
Mensch. Na, wenn er nun ein Schuft sein wird, ich aber ehrenwert, dann
werden sie sagen: >Dieser Goljadkin hier ist ein Schuft; um den muß man
sich nicht kümmern und darf ihn nicht mit dem andern verwechseln; der
andere aber ist ehrenwert, tugendhaft, sanft, gutmütig, durchaus
zuverlässig im Dienst und eines Avancements würdig. So ist das!< Na, gut
... aber wie, hm ... Aber wie werden sie, hm ... und sie werden uns doch
verwechseln! Es sieht ihm ganz ähnlich, daß er es darauf anlegt! Ach du
mein Herrgott! ... Und er gibt sich für einen andern Menschen aus, gibt
sich für einen andern Menschen aus, dieser Schuft; als ob der andere ein
alter Lappen wäre, gibt er sich für ihn aus und bedenkt nicht, daß ein
Mensch kein alter Lappen ist. Ach du mein Herrgott! Ist das ein Unglück!
...«
Unter solchen Überlegungen und Wehklagen lief Herr Goljadkin dahin, ohne
auf den Weg zu achten, und beinah ohne selbst zu wissen, wohin. Erst auf
dem Newski-Prospekte kam er zu sich, und zwar nur infolge des zufälligen
Umstandes, daß er mit einem Passanten so geschickt und kräftig
zusammenstieß, daß beiden die Funken aus den Augen sprühten. Herr
Goljadkin murmelte, ohne den Kopf in die Höhe zu heben, eine
Entschuldigung, und erst als der andere, der etwas nicht sehr
Schmeichelhaftes zurückgemurmelt hatte, sich bereits in beträchtlicher
Entfernung befand, richtete er den Kopf auf und sah sich um, wo er denn
sei. Als er dabei bemerkte, daß er sich gerade vor dem Restaurant
befand, in dem er sich zur Vorbereitung auf das Diner bei Olsufi
Iwanowitsch erholt hatte, fühlte unser Held auf einmal ein Kneifen und
Zwicken im Magen und erinnerte sich, daß er noch nicht zu Mittag
gegessen hatte und nirgends zum Diner eingeladen war; ohne daher seine
kostbare Zeit zu verlieren, lief er die Treppe zum Restaurant hinauf, um
in aller Geschwindigkeit einen Bissen zu genießen und möglichst bald
wieder fortzugehen. Und obgleich in dem Restaurant alles ein bißchen
teuer war, so ließ sich Herr Goljadkin doch durch diesen unbedeutenden
Umstand diesmal nicht zurückschrecken; er hatte keine Zeit, sich mit so
unwichtigen Dingen aufzuhalten. In einem hellerleuchteten Zimmer stand
eine ziemlich dichte Schar von Gästen um das Büfett herum, auf welchem
eine Menge all solcher Speisen stand, wie sie von gutsituierten Leuten
als Vorgericht genossen werden. Der Büfettkellner hatte alle Hände voll
zu tun mit Einschenken, Hinreichen, Geldnehmen und -herausgeben. Herr
Goljadkin wartete ein Weilchen, bis er herankonnte, und streckte dann
bescheiden seine Hand nach einer kleinen Fischpastete aus. Darauf ging
er in eine Ecke, wendete den Anwesenden den Rücken zu, aß mit gutem
Appetite, kehrte dann wieder zu dem Büfettkellner zurück, stellte das
Tellerchen auf den Tisch, zog, da er den Preis kannte, ein
Zehnkopekenstück heraus und legte es auf den Schenktisch, wobei er den
Blick des Kellners auffing, um ihn zu bedeuten: »Hier liegt das Geld;
eine Pastete.«
»Sie haben einen Rubel zehn Kopeken zu zahlen,« sagte der Kellner
mürrisch.
Herr Goljadkin war höchst erstaunt.
»Meinen Sie mich? ... Ich ... ich habe ja wohl nur eine Pastete
genommen.«
»Sie haben elf genommen,« erwiderte der Kellner im Tone sicherer
Überzeugung.
»Sie irren sich wohl ... meines Erachtens irren Sie sich ... Ich habe ja
wohl wirklich nur eine Pastete genommen.«
»Ich habe gezählt; Sie haben elf Stück genommen. Da Sie sie genommen
haben, müssen Sie sie auch bezahlen; umsonst wird bei uns nichts
verabfolgt.«
Herr Goljadkin war wie betäubt. »Was widerfährt mir da für eine
Zauberei?« dachte er. Unterdessen wartete der Kellner auf Herrn
Goljadkins Entschluß; man umdrängte neugierig Herrn Goljadkin; dieser
griff schon in die Tasche, um einen Rubel herauszuholen und unverzüglich
zu bezahlen und nur ja keine Sünde auf sein Gewissen zu laden. »Na, wenn
es elf Stück gewesen sind, meinetwegen!« dachte er und wurde rot wie ein
Krebs. »Na, was ist denn dabei, daß jemand elf Pasteten gegessen hat?
Der Mensch ist eben hungrig gewesen, und da hat er elf Pasteten
gegessen; möge es ihm wohl bekommen; zu wundern ist dabei nichts und
auch nichts zu lachen ...« Auf einmal war es Herrn Goljadkin, als ob er
einen Stich bekäme; er blickte auf und verstand mit einem Male das
Rätsel, begriff die ganze Zauberei; mit einem Male waren alle Zweifel
gelöst ... In der nach dem anstoßenden Zimmer führenden Tür, fast gerade
hinter dem Rücken des Büfettkellners und mit dem Gesichte nach Herrn
Goljadkin zu, in dieser Tür, die unser Held übrigens bis dahin für einen
Spiegel gehalten hatte, stand ein Mensch -- stand er, stand Herr
Goljadkin selbst -- nicht der alte Herr Goljadkin, nicht der Held
unserer Erzählung, sondern der andere Herr Goljadkin, der neue Herr
Goljadkin. Dieser andere Herr Goljadkin befand sich anscheinend in ganz
vorzüglicher Stimmung. Er lächelte Herrn Goljadkin den ersten an, nickte
ihm mit dem Kopfe zu, blinzelte mit den Augen, trippelte ein bißchen mit
den Füßen und nahm eine Haltung an, als ob er, sobald es nötig wäre,
Reißaus nehmen wolle, in das anstoßende Zimmer und dann vielleicht durch
den hinteren Ausgang und so weiter, wobei dann alle Verfolgung
vergeblich sein mußte. In der Hand hatte er das letzte Stück der zehnten
Fischpastete, das er vor den Augen des Herrn Goljadkin, vor Vergnügen
schmatzend, in seinen Mund schob. »Er hat sich für mich ausgegeben, der
Schurke,« dachte Herr Goljadkin und fuhr vor Empörung auf wie eine
Feuerflamme. »Er hat sich vor der Öffentlichkeit nicht gescheut! Ob man
ihn wohl sieht? Wie es scheint, bemerkt ihn niemand ...« Herr Goljadkin
warf einen Rubel hin, als hätte er sich an ihm die Finger verbrannt, und
ohne des Büfettkellners vielsagendes, dreistes Lächeln, ein Lächeln des
Triumphes und ruhigen Machtbewußtseins, zu beachten, arbeitete er sich
durch die Menge hindurch und stürmte hinaus, ohne sich umzusehen. »Gott
sei Dank, daß er mich nicht noch viel ärger kompromittiert hat!« dachte
der ältere Herr Goljadkin. »Dank dem Verfahren des Gauners und dank dem
Geschick ist alles noch gut abgelaufen. Nur der Kellner war ein bißchen
grob. Aber das durfte er; er war ja in seinem Rechte! Er hatte einen
Rubel zehn zu bekommen; also war er in seinem Rechte. Er sagte: >Umsonst
wird bei uns nichts verabfolgt.< Er hätte nur etwas höflicher sein
sollen, der Schlingel! ...«
All dies sagte sich Herr Goljadkin, während er die Treppe hinunterstieg
und auf die Stufen vor der Haustüre trat. Auf der letzten Stufe indes
blieb er wie angenagelt stehen und errötete auf einmal so stark, daß ihm
in einem Anfalle von gekränktem Ehrgefühl sogar die Tränen in die Augen
traten. Nachdem er etwa eine halbe Minute wie ein Pfahl dort gestanden
hatte, stampfte er auf einmal entschlossen mit dem Fuße auf, sprang mit
einem Satze auf die Straße hinunter und rannte, ohne sich umzusehen,
atemlos, ohne Müdigkeit zu verspüren, zu sich nach Hause nach der
Schestilawotschnaja-Straße. Zu Hause ließ er sich nicht einmal Zeit,
seinen Uniformrock auszuziehen (ganz gegen seine Gewohnheit, es sich zu
Hause bequem zu machen), ja er nahm nicht einmal zur Vorbereitung die
Pfeife zur Hand, sondern setzte sich sofort aufs Sofa, zog sich das
Tintenfaß heran, ergriff eine Feder, suchte sich einen Bogen Briefpapier
heraus und machte sich daran, mit einer Hand, die vor innerer Aufregung
zitterte, das nachstehende Schreiben aufs Papier zu werfen:
»Mein geehrter Herr,
Jakow Petrowitsch!
»Ich würde nicht die Feder ergreifen, wenn mich nicht meine Lage und Sie
selbst, mein Herr, dazu zwängen. Glauben Sie mir, daß nur die
Notwendigkeit mich dazu gebracht hat, mit Ihnen in derartige
Erörterungen einzutreten, und daher bitte ich Sie vor allen Dingen,
dieses mein Verfahren nicht als wohlüberlegte Absicht, Sie, mein Herr,
zu beleidigen, sondern vielmehr als die notwendige Folge der jetzt
zwischen uns bestehenden Beziehungen aufzufassen.«
»Es scheint, so ist es gut, anständig und höflich, wiewohl nicht ohne
Kraft und Festigkeit? ... Ich möchte meinen, er hat keinen Anlaß, sich
dadurch beleidigt zu fühlen. Zudem bin ich in meinem Rechte,« dachte
Herr Goljadkin, indem er das Geschriebene durchlas.
»Ihr unerwartetes, seltsames Erscheinen, mein Herr, in jener stürmischen
Nacht, nachdem meine Feinde, deren Namen ich aus Verachtung gegen sie
verschweige, sich so roh und unanständig gegen mich benommen hatten, war
der Keim aller der Mißverständnisse, die gegenwärtig zwischen uns
bestehen. Ihr hartnäckiges Verlangen, mein Herr, Ihren Willen
durchzusetzen und gewaltsam in den Kreis meines Daseins und aller meiner
Lebensverhältnisse einzudringen, überschreitet alle Grenzen, die schon
durch die Höflichkeit und die einfachste gesellschaftliche
Rücksichtnahme gezogen sind. Ich glaube, ich brauche hier nicht daran zu
erinnern, mein Herr, wie Sie mir mein Aktenstück und meinen eigenen
ehrlichen Namen entwendet haben, um von der vorgesetzten Behörde ein Lob
einzuernten, das Sie nicht verdienten. Ich brauche hier auch nicht daran
zu erinnern, daß Sie absichtlich in beleidigender Form es ablehnten,
sich auf die bei diesem Falle nötig gewordenen Auseinandersetzungen
einzulassen. Um schließlich alles zu sagen, erwähne ich auch Ihr letztes
seltsames, ja, man kann sagen, unbegreifliches Verhalten mir gegenüber
im Kaffeehause nicht. Weit entfernt, mich darüber zu beklagen, daß ich
einen Rubel unnütz ausgegeben habe, kann ich doch nicht umhin, meine
ganze Entrüstung zum Ausdruck zu bringen bei der Erinnerung an Ihr
offenkundiges Attentat auf meine Ehre, mein Herr, und noch dazu in
Gegenwart mehrerer Personen, die mir zwar unbekannt sind, aber viel gute
Lebensart besitzen ...«
»Gehe ich auch nicht zu weit?« überlegte Herr Goljadkin. »Wird das auch
nicht zu stark sein? Ist das auch nicht zu beleidigend, diese Hindeutung
auf die gute Lebensart zum Beispiel? ... Na, es schadet nichts! Man muß
ihm Charakterfestigkeit zeigen. Übrigens kann man ihm zur Besänftigung
ein bißchen schmeicheln und ihm zum Schluß etwas Honig um den Mund
streichen. Nun, wir wollen sehen!«
»Aber ich würde Sie, mein Herr, mit meinem Briefe nicht belästigen, wenn
ich nicht fest überzeugt wäre, daß der Edelmut Ihrer Herzensempfindungen
und Ihr offener, gerader Charakter Ihnen selbst die Mittel zeigen
werden, alle begangenen Versehen wieder gutzumachen und alles in den
früheren Stand zurückzuversetzen.
»Ich bin der festen Hoffnung und Überzeugung, daß Sie meinem Briefe
nicht eine für Sie beleidigende Deutung geben werden, und gleichzeitig,
daß Sie sich nicht weigern werden, über diesen Fall eine eingehende
briefliche Erklärung abzugeben. Mein Diener hat Auftrag, diese
zurückzubringen.
»In dieser Erwartung, mein Herr, habe ich die Ehre, zu sein
Ihr ergebenster Diener
J. Goljadkin.«
»Na, so ist alles schön! Die Sache ist besorgt; es ist also schon zu
brieflichen Auseinandersetzungen gekommen. Aber wer ist daran schuld? Er
ist selbst daran schuld; er selbst versetzt einen Mitmenschen in die
Notwendigkeit, briefliche Erklärungen zu verlangen. Und ich bin in
meinem Rechte ...«
Nachdem Herr Goljadkin den Brief zum letzten Male durchgelesen hatte,
faltete er ihn zusammen, siegelte ihn zu und rief Petruschka. Petruschka
erschien, nach seiner Gewohnheit mit verschlafenen Augen und sehr
ärgerlicher Miene.
»Nimm diesen Brief hier, mein Lieber ... verstehst du?« Petruschka
schwieg.
»Nimm ihn und trage ihn nach der Kanzlei; da suche den dejourierenden
Beamten, den Gouvernementssekretär Wachramejew. Wachramejew hat heute
Dejour. Verstehst du auch?«
»Ja.«
»>Ja<! Kannst du nicht sagen: >Jawohl, Herr<? Frage nach dem Sekretär
Wachramejew und sage ihm: >So und so, mein Herr läßt sich Ihnen
empfehlen und bittet Sie ganz ergebenst, in dem Adressenverzeichnis
unserer Behörde nachzusehen, wo der Titularrat Goljadkin wohnt.<«
Petruschka schwieg, und es kam Herrn Goljadkin so vor, als ob er
lächelte.
»Na, also erkundige dich bei ihm nach der Adresse und bringe in
Erfahrung, wo der neueingetretene Beamte Goljadkin wohnt!«
»Sehr wohl.«
»Frage nach der Adresse und bestelle dann diesen Brief an die Adresse;
verstehst du?«
»Ja.«
»Wenn du da bist ... nämlich da, wo du den Brief hinträgst, dann wird
der Herr, dem du diesen Brief abgibst, also Herr Goljadkin ... Was
lachst du denn, du Tölpel?«
»Worüber sollte ich lachen? Was geht's mich an? Ich kümmere mich um
nichts. Unsereiner hat nichts zu lachen ...«
»Na also, wenn der Herr dich fragen sollte, wie es deinem Herrn geht,
wie er sich befindet, und so weiter ... na, irgend so etwas wird er dich
wohl fragen, -- dann schweige du und antworte: >Meinem Herrn geht es
ganz gut, und er läßt Sie um eine eigenhändige Antwort bitten.<
Verstehst du?«
»Jawohl, Herr!«
»Na also, sage: >Meinem Herrn geht es ganz gut, und er ist gesund, und
er wird gleich einer Einladung Folge leisten; aber Sie läßt er um eine
briefliche Antwort bitten.< Verstehst du?«
»Ja.«
»Na, dann geh!«
»Nein, was hat man mit diesem Dummkopf für Mühe! Er lacht sich was;
weiter kann er nichts. Worüber lacht er denn? Was habe ich mit ihm schon
für Ärger erlebt! Übrigens wird es sich vielleicht noch gut gestalten
... Dieser Schurke wird sich jetzt gewiß ein paar Stunden lang
herumtreiben und irgendwohin verschwinden ... Man kann ihn nirgends
hinschicken. Ist das ein Elend! ... Dieses Elend ist doch gar zu arg
geworden!«
So von dem Gefühle seines Unglücks ganz erfüllt, entschloß sich unser
Held, sich in Erwartung der Rückkehr Petruschkas zwei Stunden lang
passiv zu verhalten. Etwa eine Stunde lang ging er im Zimmer auf und ab
und rauchte; dann warf er die Pfeife beiseite und setzte sich mit einem
Buche hin; dann legte er sich auf das Sofa; dann griff er wieder zur
Pfeife; dann fing er wieder an im Zimmer hin und her zu laufen. Er
wollte nachdenken; aber über irgend etwas nachzudenken war er
schlechterdings außerstande. Schließlich stieg die Pein dieses seines
passiven Zustandes bis zum äußersten Grade, und Herr Goljadkin entschloß
sich, lieber etwas Bestimmtes zu tun. »Petruschka wird erst nach einer
Stunde zurückkommen,« dachte er; »ich kann den Schlüssel dem Hausknecht
geben und selbst unterdessen, hm, hm ... ich will die Sache untersuchen,
will meinerseits die Sache untersuchen.« Ohne Zeit zu verlieren, ergriff
Herr Goljadkin, der es eilig hatte, die Sache zu untersuchen, seinen
Hut, verließ das Zimmer, schloß die Wohnung zu, ging zum Hausknecht
heran, händigte ihm den Schlüssel nebst einem Zehnkopekenstück ein (Herr
Goljadkin war außerordentlich freigebig geworden) und machte sich auf
den Weg dahin, wohin er sich zu begeben vorhatte. Herr Goljadkin ging zu
Fuß, zuerst nach der Ismailowski-Brücke. Dieser Weg dauerte ungefähr
eine halbe Stunde. Als er zum Ziele seiner Wanderung gelangt war, ging
er geradezu auf den Hof des ihm wohlbekannten Hauses und sah zu den
Fenstern der Wohnung des Staatsrates Berendejew hinauf. Außer drei
Fenstern, die mit roten Vorhängen verhängt waren, waren alle übrigen
dunkel. »Olsufi Iwanowitsch hat heute gewiß keine Gäste,« dachte Herr
Goljadkin; »sie sitzen gewiß jetzt alle allein zu Hause.« Nachdem er
einige Zeit auf dem Hofe gestanden hatte, war unser Held schon im
Begriffe, sich zu etwas zu entschließen. Aber es war seinem Entschlusse
anscheinend nicht beschieden, zustande zu kommen. Herr Goljadkin wurde
anderen Sinnes, machte eine resignierende Handbewegung und ging wieder
zurück auf die Straße. »Nein, ich hätte nicht hierher gehen sollen. Was
kann ich denn hier tun? ... Ich will jetzt lieber ... hm ... und die
Sache in eigener Person untersuchen.« Nachdem Herr Goljadkin diesen
Entschluß gefaßt hatte, machte er sich auf den Weg nach seinem Bureau.
Der Weg war nicht nah, und überdies war ein furchtbarer Schmutz, und
feuchter Schnee fiel in ganz dicken Flocken. Aber für unsern Helden
schien es jetzt keine Hindernisse zu geben. Er wurde allerdings ganz
durchnäßt und gehörig schmutzig; aber er sagte sich: »Das geht nun alles
in einem hin; dafür werde ich meinen Zweck erreicht haben.« Und wirklich
näherte sich Herr Goljadkin schon seinem Ziele. Die dunkle Masse des
riesigen staatlichen Gebäudes hob sich schon in der Ferne vor ihm ab.
»Halt!« dachte er, »wohin gehe ich denn, und was will ich hier tun?
Allerdings werde ich in Erfahrung bringen, wo er wohnt; aber unterdessen
ist Petruschka gewiß schon zurückgekommen und hat mir eine Antwort
gebracht. Ich verliere nur unnütz meine kostbare Zeit; ich habe so schon
viel Zeit verloren. Na, es tut nichts; das läßt sich alles noch wieder
gutmachen. Aber soll ich wirklich nicht zu Wachramejew herangehen? Na,
ich will es nicht tun. Ich kann es ja auch später noch tun ... Ach! Ich
hätte überhaupt nicht auszugehen brauchen. Aber das liegt nun einmal in
meinem Charakter! Das ist so ein Drang bei mir: ob es nun nötig ist oder
nicht, immer strebe ich danach, schnell vorzugehen ... Hm! ... Was mag
die Uhr sein? Es ist gewiß schon neun. Petruschka kommt vielleicht
zurück und findet mich dann nicht zu Hause. Ich habe eine arge Dummheit
damit begangen, daß ich ausgegangen bin ... Ach wahrhaftig, das ist eine
schwere Aufgabe!«
Nachdem er sich auf diese Art aufrichtig gestanden hatte, daß er eine
arge Dummheit begangen habe, lief unser Held wieder zurück nach seiner
Wohnung in der Schestilawotschnaja-Straße. Er langte dort müde und matt
an. Schon von dem Hausknechte erfuhr er, daß von Petruschka noch nichts
zu sehen gewesen sei. »Na ja! Das habe ich mir doch gedacht!« sagte sich
unser Held; »und dabei ist es schon neun Uhr. Nein, was ist er für ein
Taugenichts! Immer muß er sich irgendwo betrinken! Herr du mein Gott!
Ist das ein Unglückstag für mich!« Unter solchen Gedanken und Wehklagen
schloß Herr Goljadkin seine Wohnung auf, machte Licht, zog sich ganz
aus, zündete sich eine Pfeife an, legte sich erschöpft, müde, wie
zerschlagen und hungrig auf das Sofa und wartete auf Petruschka. Die
Kerze brannte trübe; der Lichtschein zitterte an den Wänden ... Herr
Goljadkin schaute und schaute, dachte und dachte und versank endlich in
einen totenähnlichen Schlaf.
Als er erwachte, war es schon spät. Die Kerze war fast ganz
heruntergebrannt, qualmte und war nahe daran, zu erlöschen. Herr
Goljadkin sprang auf, schüttelte sich und erinnerte sich an alles, was
vorgegangen war, schlechthin an alles. Hinter der Scheidewand war
Petruschkas kräftiges Schnarchen zu vernehmen. Herr Goljadkin stürzte
zum Fenster: nirgend war Licht zu sehen. Er öffnete die Luftklappe: es
war still; die Stadt war wie ausgestorben; sie schlief. Also mußte es
etwa zwei oder drei Uhr sein; und so war es auch: die Uhr hinter der
Scheidewand holte mit Anstrengung aus und schlug zwei. Herr Goljadkin
lief hinter die Scheidewand.
Nach langen Bemühungen gelang es ihm durch Püffe und Stöße, Petruschka
einigermaßen munter zu bekommen und ihn dahin zu bringen, daß er sich im
Bette aufrichtete. In diesem Augenblicke erlosch die Kerze vollständig.
Es dauerte etwa zehn Minuten, bis Herr Goljadkin eine andere Kerze
gefunden und angezündet hatte. Unterdessen hatte es Petruschka fertig
gebracht, von neuem einzuschlafen. »So ein Schurke, so ein Taugenichts!«
rief Herr Goljadkin, während er ihm von neuem Püffe versetzte. »Wirst du
wohl aufstehen? Wirst du wohl aufwachen?« Nach einer halbstündigen
Anstrengung glückte es Herrn Goljadkin aber doch, seinen Diener
vollständig in Bewegung zu bringen und ihn hinter seiner Scheidewand
hervorzuziehen. Erst hier erkannte unser Held, daß Petruschka, was man
nennt, sternhagelvoll war und sich kaum auf den Beinen hielt.