In einem ganz kurzen Kampfe, der zwischen ihnen entstand, überwältigte

Herr Goljadkin der jüngere Herrn Goljadkin den älteren und bemächtigte

sich dann plötzlich ganz unerwartet ohne weiteres und jedenfalls ganz

gegen den Willen seines Gegners des von dem Vorgesetzten verlangten

Schriftstückes; statt aber mit dem Federmesser »in bester Absicht« daran

zu radieren, wie er Herrn Goljadkin dem älteren lügnerischerweise

versichert hatte, rollte er es schnell zusammen, schob es unter den Arm,

befand sich in zwei Sprüngen neben Andrei Filippowitsch, der von seinen

Kniffen nichts bemerkt hatte, und eilte mit diesem in das Arbeitszimmer

des Direktors hinein. Herr Goljadkin der ältere blieb wie angenagelt an

seinem Fleck stehen, in der Hand das Federmesser, wie wenn er sich

anschickte, etwas damit zu radieren ...

Unser Held verstand sein neues Erlebnis noch nicht ganz. Er war noch

nicht zur Besinnung gekommen. Er fühlte den Schlag, überlegte aber noch,

was dieser zu bedeuten habe. In furchtbarer, unbeschreiblicher Erregung

riß er sich endlich von seinem Platze los und stürmte davon, geradeswegs

in der Richtung nach dem Arbeitszimmer des Direktors, wobei er unterwegs

den Himmel anflehte, daß alles dies sich doch noch gut gestalten und

weiter nichts zu bedeuten haben möge ... In dem letzten Zimmer vor dem

Arbeitszimmer des Direktors rannte er Nase gegen Nase mit Andrei

Filippowitsch und seinem Namensvetter zusammen. Diese kamen beide

bereits zurück; Herr Goljadkin trat zur Seite. Andrei Filippowitsch

redete lächelnd und heiter. Herrn Goljadkins des älteren Namensvetter

lächelte ebenfalls, fuchsschwänzelte, trippelte in respektvoller

Entfernung von Andrei Filippowitsch einher und flüsterte ihm mit

entzückter Miene etwas ins Ohr, worauf Andrei Filippowitsch sehr

wohlwollend mit dem Kopfe nickte. Nun verstand unser Held auf einmal die

Lage der Dinge. Die Sache war die, daß seine Arbeit (wie er später

erfuhr) die Erwartungen Seiner Exzellenz beinah übertroffen hatte und

wirklich zum festgesetzten Termine rechtzeitig fertig geworden war.

Seine Exzellenz war außerordentlich zufrieden gewesen. Es verlautete

sogar, Seine Exzellenz habe Herrn Goljadkin dem jüngeren seinen Dank,

seinen warmen Dank ausgesprochen und gesagt, er werde sich bei

vorkommender Gelegenheit dessen erinnern und es nicht vergessen ...

Natürlich war Herrn Goljadkins erste Regung, Protest einzulegen, mit

aller Macht Protest einzulegen, bis an die äußersten Grenzen der

Möglichkeit. Fast ohne von sich selbst zu wissen und blaß wie der Tod

stürzte er zu Andrei Filippowitsch hin. Aber als dieser hörte, daß es

sich um eine Privatsache Herrn Goljadkins handle, weigerte er sich, sie

anzuhören, indem er in entschiedenem Tone bemerkte, er habe sogar für

seine eigenen notwendigen Angelegenheiten keine freie Minute.

Die Trockenheit des Tones und die Schärfe der Zurückweisung befremdeten

Herrn Goljadkin. »Es wird das beste sein, wenn ich die Sache von einer

anderen Seite versuche ... ich will lieber zu Anton Antonowitsch gehen.«

Zu Herrn Goljadkins Unglück war auch Anton Antonowitsch nicht anwesend;

auch er war irgendwo anders irgendwie beschäftigt! »Also hat er mich

nicht ohne Absicht ersucht, ihn mit Erörterungen und Gesprächen zu

verschonen!« dachte unser Held. »Darauf hat er abgezielt, der alte

Fuchs! Wenn's so ist, dann muß ich einfach wagen, mich mit meiner Bitte

an Seine Exzellenz zu wenden.«

Immer noch blaß und mit dem Gefühl, daß sein Kopf sich in arger

Verwirrung befinde, und sehr unsicher, wozu er sich eigentlich

entschließen solle, setzte sich Herr Goljadkin auf seinen Stuhl. »Es

wäre weit besser, wenn die ganze Sache eine harmlose Aufklärung fände,«

dachte er unaufhörlich für sich. »In der Tat, eine derartige dunkle

Geschichte ist ganz unglaublich. Erstens ist es dummes Zeug, und

zweitens kann es sich gar nicht begeben. Es ist wahrscheinlich nur so

eine Einbildung von mir gewesen; oder die Sache hat ganz anders

ausgesehen, als sie sich tatsächlich verhielt; oder ich bin gewiß selbst

hingegangen ... und habe mich da irgendwie für einen ganz anderen

gehalten ... Kurz, es ist eine ganz wunderliche Geschichte.«

Gerade in dem Augenblicke, als Herr Goljadkin zu dem Schlusse gelangt

war, daß dies eine ganz wunderliche Geschichte sei, kam plötzlich Herr

Goljadkin der jüngere ins Zimmer geflogen, mit Akten in beiden Händen

und unter dem Arme. Nachdem er im Vorbeigehen ein paar notwendige Worte

zu Andrei Filippowitsch gesprochen, mit noch jemandem ein bißchen

geredet, einem andern ein paar Liebenswürdigkeiten gesagt und zu noch

einem andern einige familiäre Bemerkungen gemacht hatte, schickte Herr

Goljadkin der jüngere, der vermutlich keine überflüssige Zeit zu

verschwenden hatte, sich anscheinend schon an, das Zimmer zu verlassen;

aber zum Glücke für Herrn Goljadkin den älteren blieb er gerade in der

Tür stehen und redete im Vorbeigehen mit zwei oder drei zufällig dort

stehenden jungen Beamten. Herr Goljadkin der ältere stürzte geradeswegs

auf ihn los. Kaum hatte Herr Goljadkin der jüngere dieses Manöver des

älteren Herrn Goljadkin bemerkt, als er sofort in größter Unruhe um sich

zu schauen begann, wohin er wohl möglichst schnell verschwinden könne.

Aber unser Held hatte seinen Gast vom vorhergehenden Tage schon beim

Ärmel gefaßt. Die Beamten, die um die beiden Titularräte herumstanden,

traten auseinander und warteten neugierig, was nun kommen werde. Der

alte Titularrat wußte sehr genau, daß die allgemeine Meinung nicht auf

seiner Seite war; er wußte sehr genau, daß gegen ihn intrigiert wurde;

um so mehr mußte er jetzt seinen Platz behaupten. Der entscheidende

Augenblick war da.

»Nun?« sagte Herr Goljadkin der jüngere, indem er Herrn Goljadkin den

älteren ziemlich dreist ansah.

Herr Goljadkin der ältere konnte kaum atmen.

»Ich weiß nicht, mein Herr,« begann er, »wie ich mir jetzt Ihr

sonderbares Benehmen gegen mich erklären soll.«

»Schön! Fahren Sie fort!« Dabei blickte Herr Goljadkin der jüngere rings

um sich und blinzelte den Beamten, die um sie herumstanden, zu, wie wenn

er ihnen zu verstehen geben wollte, daß jetzt gleich eine Komödie

beginnen werde.

»Die Dreistigkeit und Unverschämtheit Ihres Benehmens gegen mich im

jetzigen Augenblick dienen noch mehr zu Ihrer Überführung, mein Herr,

als alle meine Worte. Hoffen Sie nicht, Ihr Spiel zu gewinnen; Ihr Spiel

steht schlecht ...«

»Nun, Jakow Petrowitsch, dann sagen Sie mir doch einmal: wie haben Sie

geschlafen?« antwortete Herr Goljadkin der jüngere und blickte Herrn

Goljadkin dem älteren dabei gerade in die Augen.

»Sie vergessen sich, mein Herr,« sagte der Titularrat ganz verwirrt; er

fühlte kaum noch den Boden unter seinen Füßen. »Ich hoffe, daß Sie Ihren

Ton ändern werden ...«

»Mein liebes Seelchen!« versetzte Herr Goljadkin der jüngere, indem er

Herrn Goljadkin dem älteren eine ungezogene Grimasse schnitt und ihm auf

einmal ganz unerwartet in Form einer Liebkosung mit zwei Fingern an die

ziemlich fleischige rechte Backe griff. Unser Held fuhr auf wie eine

Feuerflamme ... Kaum bemerkte der Freund des älteren Herrn Goljadkin,

daß sein Gegner, an allen Gliedern zitternd, sprachlos vor Entrüstung,

rot wie ein Krebs und bis zum äußersten gebracht, nahe daran war, sich

zu einem physischen Angriff zu entschließen, als er ihm unverzüglich in

der unverschämtesten Weise seinerseits zuvorkam. Nachdem er ihm noch ein

paarmal auf die Backe geklopft, ihn noch ein paarmal gekitzelt und so

den vor Wut Tollen und Regungslosen noch einige Sekunden lang zu nicht

geringer Belustigung der umherstehenden jungen Leute geneckt hatte,

versetzte Herr Goljadkin der jüngere mit empörender Unverschämtheit zu

guter Letzt Herrn Goljadkin dem älteren einige Stüber auf das dralle

Bäuchlein und sagte boshaft lächelnd und mit einer versteckten

Anspielung zu ihm: »Was machst du für Streiche, Brüderchen Jakow

Petrowitsch, was machst du für Streiche! Du hast mir ja vorgeschlagen,

wir beide wollten zusammen intrigieren, Jakow Petrowitsch!« Dann, ehe

unser Held noch von dem letzten Angriffe ein wenig hatte zu sich kommen

können, nahm Herr Goljadkin der jüngere auf einmal, nachdem er die

umherstehenden Zuschauer durch ein leises Lächeln darauf vorbereitet

hatte, eine sehr geschäftige, eifrige Dienstmiene an, schlug die Augen

zur Erde nieder, krümmte sich zusammen, sagte eilig: »In besonderem

Auftrage!«, schlug mit seinem kurzen Beinchen aus und huschte in das

anstoßende Zimmer. Unser Held traute seinen Augen nicht und konnte immer

noch nicht recht zur Besinnung kommen.

Endlich gelang es ihm, seine Gedanken wieder zu sammeln. Nachdem es ihm

in einem Augenblicke zum Bewußtsein gekommen war, daß er zugrunde

gerichtet und in gewissem Sinne vernichtet sei, daß er seine Ehre

befleckt und seinen Ruf besudelt habe, daß er in Gegenwart fremder

Personen verhöhnt und verspottet sei, daß ihn verräterischerweise

derjenige beschimpft habe, den er noch gestern für seinen besten,

zuverlässigsten Freund gehalten hatte, und daß er sich schließlich

bodenlos blamiert habe: da stürzte Herr Goljadkin davon, um seinen Feind

zu verfolgen. An die Zeugen seiner Beschimpfung mochte er im

gegenwärtigen Augenblicke gar nicht denken. »Die stecken alle unter

einer Decke,« sagte er bei sich; »einer hilft dem andern, und einer

hetzt den andern gegen mich auf.« Als er indessen zehn Schritte gemacht

hatte, sah unser Held ein, daß die ganze Verfolgung unnütz und

vergeblich sein werde, und kehrte daher wieder um. »Du wirst mir nicht

entgehen!« dachte er; »du wirst seinerzeit schon deine Strafe erhalten;

die Tränen der Schafe werden dem Wolfe teuer zu stehen kommen.« Mit

grimmiger Kaltblütigkeit und der energischsten Entschlossenheit ging

Herr Goljadkin zu seinem Stuhle und setzte sich hin. »Du wirst mir nicht

entgehen!« sagte er noch einmal. Jetzt handelte es sich für ihn nicht

mehr um passive Verteidigung; nein, er war zu kräftiger Offensive

entschlossen, und wer Herrn Goljadkin in diesem Augenblicke sah, wie er,

mit rotem Kopfe und kaum seine Aufregung bemeisternd, mit der Feder in

das Tintenfaß fuhr, und mit welcher Wut er sich daran machte, die Worte

auf das Papier zu werfen, der konnte schon im voraus erkennen, daß die

Sache keinen harmlosen Ausgang nehmen werde und nicht wie ein einfaches

Weibergezänk enden könne. In der Tiefe seiner Seele faßte er einen

Entschluß, und in der Tiefe seines Herzens schwur er sich, ihn

auszuführen. Allerdings wußte er noch nicht ganz genau, wie er dabei

verfahren solle, d. h. richtiger gesagt, er wußte es überhaupt nicht;

aber das war gleichgültig, das machte nichts aus! »Annahme eines

falschen Namens und unverschämtes Benehmen, mein Herr, verhelfen in

unserem Zeitalter nicht zum Erfolge. Annahme eines falschen Namens und

unverschämtes Benehmen, mein Herr, führen zu nichts Gutem, sondern

bringen zu Schaden. Grischka Otrepjew[5] war der einzige, der durch

Annahme eines falschen Namens etwas erreichte, indem er das blinde Volk

täuschte, mein Herr, und auch das dauerte nicht lange.« Trotz dieses

letzteren Umstandes beschloß Herr Goljadkin noch so lange zu warten, bis

die Maske von einigen Gesichtern abfallen und dies und das zur Klarheit

gelangen werde. Dazu war zunächst nötig, daß die Bureaustunden möglichst

bald zu Ende gingen, und bis dahin beschloß unser Held nichts zu

unternehmen. Dann aber, wenn die Bureaustunden zu Ende wären, dann,

sagte er sich, werde er seine Maßregeln ergreifen. Dann werde er wissen,

wie er bei der Durchführung dieser Maßregeln zu verfahren habe, wie er

seinen ganzen Operationsplan entwerfen müsse, um das Horn des Stolzes zu

zerbrechen und die Schlange zu zertreten, die sich von Moder nährt und

den Kraftlosen verachtet. Daß man ihn beschmutzte wie einen Lappen, an

dem man sich die unsauberen Stiefel abwischt, das konnte Herr Goljadkin

nicht dulden. Dazu konnte er seine Einwilligung nicht geben, und

besonders nicht in dem jetzt vorliegenden Falle. Hätte die letzte

Beschimpfung nicht stattgefunden, so hätte unser Held sich vielleicht

dazu entschlossen, seinem Herzen Zwang anzutun, er hätte sich vielleicht

dazu entschlossen, zu schweigen, sich zu fügen und nicht allzu

hartnäckig zu protestieren; er hätte dann wohl ein bißchen gestritten,

sich ein bißchen beklagt, hätte bewiesen, daß er im Rechte sei; dann

hätte er ein bißchen nachgegeben; dann hätte er vielleicht noch ein

bißchen nachgegeben; dann hätte er ganz zugestimmt; dann, namentlich

wenn die Gegenpartei feierlich erklärt hätte, daß er im Rechte sei,

hätte er sich vielleicht sogar versöhnt, wäre ein bißchen gerührt

geworden; es wäre vielleicht sogar (wer hätte es wissen können?) eine

neue Freundschaft erwachsen, eine feste, warme Freundschaft, noch

herzlicher als die gestrige Freundschaft, so daß durch diese

Freundschaft schließlich die Unannehmlichkeit einer recht unziemlichen

Ähnlichkeit der beiden Personen ganz übertönt worden wäre und die beiden

Titularräte höchst vergnügt gewesen wären und bis zum Alter von hundert

Jahren zusammen hätten leben können usw. Sprechen wir schließlich alles

aus: Herr Goljadkin begann sogar, es ein bißchen zu bereuen, daß er für

sich und sein Recht eingetreten war und sich dadurch sofort eine

Unannehmlichkeit zugezogen hatte. »Wenn er klein beigäbe,« dachte Herr

Goljadkin, »wenn er sagte, daß er nur gescherzt habe, dann würde ich ihm

verzeihen und um so eher, wenn er das laut eingestände. Aber ich lasse

mich nicht wie einen alten Lappen beschmutzen. Ganz anderen Leuten habe

ich nicht gestattet, mich zu beschmutzen; um so weniger werde ich

erlauben, daß ein so heruntergekommener Mensch das versucht. Ich bin

kein alter Lappen, mein Herr! ich bin kein alter Lappen!« Kurz, unser

Held hatte seinen Entschluß gefaßt. »Sie selbst, mein Herr, tragen die

Schuld!« Er hatte sich dazu entschlossen, Protest einzulegen, mit aller

Macht Protest einzulegen, bis an die äußersten Grenzen der Möglichkeit.

Das lag nun einmal in seinem Charakter! Daß man ihn beleidige, das

konnte er unter keinen Umständen dulden, und noch weniger konnte er

erlauben, daß man ihn wie einen alten Lappen beschmutze, und am

wenigsten konnte er das einem ganz heruntergekommenen Menschen erlauben.

Wir wollen übrigens nicht streiten, wir wollen nicht streiten. Wenn z.

B. jemand Lust gehabt, ein starkes Verlangen verspürt hätte, Herrn

Goljadkin in einen alten Lappen zu verwandeln, so wäre ihm das

vielleicht gelungen, und er hätte ihn, ohne Widerstand zu finden,

ungestraft in einen solchen verwandelt (Herr Goljadkin fühlte das

manchmal selbst), und es wäre ein alter Lappen als Herrn Goljadkins

Nachfolger herausgekommen, ein gemeiner, schmutziger, alter Lappen; aber

das wäre kein gewöhnlicher alter Lappen gewesen, sondern ein alter

Lappen mit Ehrgefühl, ein alter Lappen mit Begeisterung und

Empfindsamkeit, wenn auch mit stummem Ehrgefühl und mit stummer

Empfindsamkeit; und wenn auch diese Empfindsamkeit tief in den

schmutzigen Falten dieses alten Lappens verborgen gewesen wäre,

vorhanden wäre sie doch gewesen.

[Fußnote 5: Der falsche Demetrius. Anmerkung des Übersetzers.]

Die Stunden dauerten unglaublich lange; endlich schlug es vier. Gleich

darauf standen alle auf und begaben sich, dem Vorgange ihres

Vorgesetzten folgend, zu sich nach Hause. Herr Goljadkin mischte sich

unter den Schwarm; seine Augen waren wachsam und ließen denjenigen, auf

den er es abgesehen hatte, nicht aus der Acht. Endlich sah unser Held,

daß sein Freund zu den Kanzleidienern hinlief, die die Mäntel

austeilten, und nach seiner häßlichen Gewohnheit in Erwartung des

seinigen um sie herumschwänzelte. Dies war der entscheidende Augenblick.

Herr Goljadkin drängte sich, so gut es ging, durch den Schwarm hindurch

und bemühte sich, um nicht zurückzubleiben, ebenfalls um seinen Mantel.

Aber dem Freunde des Herrn Goljadkin wurde der seinige zuerst gereicht,

weil er es auch hier fertig brachte in seiner Weise sich

einzuschmeicheln, den Liebenswürdigen zu spielen, verbindlich zu

flüstern und sich unwürdig zu benehmen.

Nachdem Herr Goljadkin der jüngere seinen Mantel umgeworfen hatte, sah

er Herrn Goljadkin den älteren ironisch an, mit der unverhohlenen,

dreisten Absicht, ihn zu ärgern; dann blickte er mit der ihm eigenen

Frechheit rings um sich, trippelte zu guter Letzt noch einmal bei den

andern Beamten umher, wahrscheinlich um einen vorteilhaften Eindruck zu

hinterlassen, sagte dem einen ein freundliches Wort, flüsterte einem

andern etwas zu, widmete einem dritten eine Respektsbezeigung,

spendierte einem vierten ein Lächeln, gab einem fünften die Hand und

schlüpfte vergnügt die Treppe hinunter. Herr Goljadkin der ältere eilte

hinter ihm her, holte ihn zu seiner größten Freude noch auf der letzten

Stufe ein und faßte ihn am Mantelkragen. Herr Goljadkin der jüngere

schien ein wenig zu erschrecken und blickte betroffen rings um sich.

»Wie soll ich das auffassen?« flüsterte er endlich Herrn Goljadkin mit

schwacher Stimme zu.

»Mein Herr, wenn Sie überhaupt ein anständiger Mensch sind, so hoffe

ich, Sie werden sich an unsere gestrigen freundschaftlichen Beziehungen

erinnern,« sagte unser Held.

»Ah, ja! Nun also: haben Sie gut geschlafen?«

Die Wut benahm Herrn Goljadkin dem älteren für einen Augenblick die

Sprache.

»Ich habe allerdings gut geschlafen ... Aber erlauben Sie mir, Ihnen zu

sagen, mein Herr, daß Ihr Spiel gründlich verdorben ist ...«

»Wer sagt das? Das sagen meine Feinde,« antwortete kurz derjenige, der

sich Herr Goljadkin nannte, und befreite sich bei diesen Worten

unerwartet aus den schwachen Händen des wirklichen Herrn Goljadkin.

Nachdem er sich befreit hatte, eilte er hinaus, blickte um sich, sah

eine Droschke, lief zu ihr hin, setzte sich hinein und war im nächsten

Augenblicke den Augen Herrn Goljadkins des älteren entschwunden.

Verzweifelt und von allen verlassen schaute der Titularrat sich nach

allen Seiten um; aber es war keine andere Droschke da. Er machte den

Versuch zu laufen; aber die Beine versagten ihm den Dienst. Mit

niedergeschlagener Miene und offenem Munde, sich kraftlos

zusammenkrümmend, lehnte er sich wie vernichtet an einen Laternenpfahl

und blieb so einige Minuten lang auf dem Trottoir stehen. Man konnte

glauben, daß es mit Herrn Goljadkin völlig aus sei.

9. Kapitel

Alles, sogar die Natur selbst, schien sich gegen Herrn Goljadkin

verschworen zu haben; aber er stand noch auf seinen Füßen und war noch

nicht besiegt; er fühlte, daß er nicht besiegt war. Er war bereit,

weiter zu kämpfen. Als er nach der ersten Betäubung wieder zur Besinnung

kam, rieb er sich mit einem solchen Gefühl der Energie die Hände, daß

man schon bei seinem bloßen Anblick zu dem Schlusse kommen konnte, er

werde nicht nachgeben. Übrigens war die Gefahr ihm nahe auf den Leib

gerückt und offensichtlich geworden; auch dies fühlte Herr Goljadkin;

aber wie sollte er ihr begegnen, dieser Gefahr? Das war die Frage. Für

einen Augenblick schoß Herrn Goljadkin sogar folgender Gedanke durch den

Kopf: »Wie wär's, wenn ich die ganze Sache laufen ließe und einfach

verzichtete? Was wäre dabei? Na, gar nichts. Ich werde still für mich

leben, als ob ich es gar nicht wäre,« dachte Herr Goljadkin; »ich werde

alles fahren lassen; ich bin es nicht, Punktum. Er wird ebenfalls still

für sich leben und vielleicht auch verzichten; er wird scherwenzeln, der

Halunke, wird scherwenzeln und sich hin und her drehen; aber er wird

doch verzichten. So muß es gemacht werden! Ich werde durch Demut siegen.

Und wo ist denn eine Gefahr? Nun, was für eine Gefahr besteht denn? Ich

möchte wohl, daß mir jemand nachwiese, wo bei dieser Angelegenheit eine

Gefahr steckt. Das Ganze ist eine Lumperei, eine ganz gewöhnliche

Geschichte! ...« Hier stockte Herr Goljadkin in seinen Überlegungen; die

Worte erstarben ihm auf der Zunge; er schalt sich sogar für diesen

Gedanken aus und klagte sich niedriger Gesinnung und arger Feigheit

wegen dieses Gedankens an; aber seine Sache kam trotzdem nicht vom

Fleck. Er fühlte, daß es im gegenwärtigen Augenblicke für ihn dringend

notwendig war, sich zu irgend etwas zu entschließen; er hatte sogar die

Empfindung, daß er demjenigen viel geben würde, der ihm sagte, wozu er

sich eigentlich entschließen müsse. Na, aber wie sollte er das erraten?

Übrigens hatte er auch keine Zeit, sich mit Raten abzugeben. Auf jeden

Fall nahm er, um keine Zeit zu verlieren, eine Droschke und fuhr schnell

nach Hause. »Nun? Wie fühlst du dich jetzt?« dachte er bei sich; »wie

ist dir jetzt zumute, Jakow Petrowitsch? Was wirst du machen? Was wirst

du jetzt anfangen, du Schuft, du Halunke? Da hast du dich nun in die

ärgste Lage gebracht, und jetzt weinst du, jetzt winselst du!« So

verhöhnte Herr Goljadkin sich selbst, während er auf dem Sitze der

rüttelnden und stoßenden Equipage seines Rosselenkers auf- und

niederhüpfte. Sich zu verhöhnen und in dieser Weise seine Wunden

aufzureißen war in diesem Augenblicke für Herrn Goljadkin eine Art von

hohem Genusse, ja beinah eine Wonne. »Na, wenn jetzt«, dachte er,

»irgendein Zauberer käme oder es sich auf amtlichem Wege so gestaltete,

daß man mir sagte: >Goljadkin, gib einen Finger von deiner rechten Hand

her, dann sollst du quitt sein; es soll dann keinen andern Goljadkin

geben, und du wirst glücklich sein; nur den Finger wirst du nicht mehr

haben,< -- dann würdest du den Finger hingeben; du würdest ihn unbedingt

hingeben, würdest ihn hingeben, ohne die Stirn zu runzeln. Hol der

Teufel diese ganze Geschichte!« rief der verzweifelte Titularrat

schließlich. »Wozu ist denn das alles passiert? Daß das alles auch

passieren mußte, gerade das, ausgerechnet das, als ob nicht irgend etwas

anderes hätte passieren können! Und alles war vorher gut; alle waren

zufrieden und glücklich; aber nein, es mußte dies passieren! Übrigens

ist mit Worten dabei nicht zu helfen. Da muß gehandelt werden!«

Der Doppelgänger · 第 8 / 17 段