Mit Tränen in den Augen umarmte Herr Goljadkin seinen Gast, und nachdem

er seinen Gefühlen völlig freien Lauf gelassen hatte, weihte er selbst

seinen Gast in mehrere seiner Geheimnisse ein, wobei Andrei

Filippowitsch und Klara Olsufjewna die Hauptthemata waren. »Na, du und

ich, wir passen zusammen, Jakow Petrowitsch,« sagte unser Held zu seinem

Gaste; »wir beide, Jakow Petrowitsch, wollen leben wie die Fische im

Wasser, wie zwei leibliche Brüder; wir wollen List anwenden, Freundchen,

wollen zusammen List anwenden; wir wollen unsererseits eine Intrige

gegen sie einfädeln ... gegen sie eine Intrige einfädeln. Aber von denen

vertraue du dich niemandem an! Ich kenne dich ja, Jakow Petrowitsch, und

verstehe deinen Charakter; du erzählst einem gleich alles; du bist eine

redliche Seele! Halte dich von denen allen fern, Bruder!« Der Gast war

damit völlig einverstanden, dankte Herrn Goljadkin und vergoß zuletzt

ebenfalls Tränen. »Weißt du was, lieber Jakow,« sagte Herr Goljadkin mit

leiser, zitternder Stimme, »zieh für einige Zeit zu mir, oder auch für

immer! Wir passen zusammen. Wie denkst du darüber, Bruder? Rege dich

nicht darüber auf und murre nicht darüber, daß zwischen uns jetzt ein so

sonderbares Verhältnis besteht; zu murren ist Sünde, Bruder; die Natur

hat es so gewollt. Und Mutter Natur ist freigebig; ja, so ist es, Bruder

Jakow! Ich sage das, weil ich dich liebe, dich brüderlich liebe. Aber

wir beide, lieber Jakow, wollen mit List verfahren und unsererseits

Minen anlegen und es ihnen gehörig besorgen.« Von dem Punsche waren

schließlich drei, ja vier Gläser auf jeden der beiden gekommen, und nun

wurde sich Herr Goljadkin zweier Empfindungen bewußt: der einen, daß er

außerordentlich glücklich sei, und der andern, daß er nicht mehr auf den

Beinen stehen könne. Der Gast wurde selbstverständlich eingeladen, dort

zu übernachten. Ein Bett wurde, so gut es ging, aus zwei Reihen von

Stühlen zusammengestellt. Herr Goljadkin der jüngere sprach den Gedanken

aus, daß man unter einem befreundeten Dache selbst auf dem nackten

Fußboden sanft schlafe; er jedenfalls werde, wo es sich auch träfe, mit

Ergebenheit und Dankbarkeit schlafen; jetzt fühle er sich wie im

Paradiese; er schloß mit der Bemerkung, er habe in seinem Leben viel

Unglück und Leid zu ertragen gehabt; alles habe er ruhig hingenommen und

geduldig ausgehalten, und wer kenne die Zukunft? Vielleicht werde er

noch mehr zu leiden haben. Herr Goljadkin der ältere machte dagegen

Einwendungen und wies darauf hin, daß man all seine Hoffnung auf Gott

setzen müsse. Der Gast stimmte ihm völlig bei und sagte, daß natürlich

niemand so gut und mächtig sei wie Gott. Hier bemerkte Herr Goljadkin

der ältere, daß die Türken in gewisser Hinsicht recht daran täten, den

Namen Gottes sogar im Schlafe anzurufen. Darauf äußerte er, er sei mit

manchen Gelehrten nicht einverstanden, die gegen den türkischen

Propheten Mohammed allerlei Verleumdungen vorbrächten, erkannte ihn als

einen großen Politiker in seiner Art an und ging dann zu einer sehr

interessanten Beschreibung einer Barbierstube in Algier über, von der er

in einem Büchelchen unter »Allerlei« gelesen hatte. Der Gast und der

Wirt lachten herzlich über die Einfalt der Türken, konnten aber nicht

umhin, ihren durch das Opium hervorgerufenen Fanatismus zu bewundern ...

Der Gast begann endlich sich zu entkleiden, und Herr Goljadkin ging

hinaus hinter die Scheidewand, zum Teil aus Gutherzigkeit, um den Gast,

der vielleicht kein anständiges Hemd anhabe, nicht in Verlegenheit zu

setzen, da er ohnehin schon genug gelitten habe, und zum andern Teil um

sich nach Möglichkeit Petruschkas zu vergewissern, ihn zu sondieren und

ihn wenn möglich durch freundliche Worte aufzuheitern, damit alle

glücklich wären und keine Spur von Verstimmung zurückbliebe. Es muß

bemerkt werden, daß Herr Goljadkin sich immer noch ein wenig über

Petruschka beunruhigte.

[Fußnote 3: Gemeint ist das berühmte Bild »Der letzte Tag Pompejis«,

jetzt im Russischen Museum Alexanders III. Anmerkung des Übersetzers.]

[Fußnote 4: Das Pseudonym, unter dem der Schriftsteller Senkowski

mehrere Romane veröffentlichte. Anmerkung des Übersetzers.]

»Lege dich jetzt schlafen, Petruschka!« sagte Herr Goljadkin sanft,

indem er in die Abteilung seines Dieners hereintrat. »Lege dich jetzt

schlafen, und morgen um acht Uhr wecke mich! Hörst du, Petruschka?«

Herr Goljadkin sprach in außerordentlich mildem, freundlichem Tone. Aber

Petruschka schwieg. Er war in diesem Augenblick damit beschäftigt, sein

Bett zu machen, und wendete sich nicht einmal zu seinem Herrn um, was er

doch schon aus Respekt gegen ihn hätte tun müssen.

»Hast du gehört, was ich sage, Petruschka?« fuhr Herr Goljadkin fort.

»Lege dich jetzt schlafen, und morgen, Petruschka, wecke mich um acht

Uhr; verstehst du?«

»Ich werde schon daran denken; große Sache!« brummte Petruschka vor sich

hin.

»Nun, nun, Petruschka; ich sage das ja nur so, damit auch du ruhig und

glücklich sein kannst. Siehst du, wir sind jetzt alle glücklich; da

möchte ich, daß auch du ruhig und glücklich wärest. Jetzt aber wünsche

ich dir Gute Nacht. Schlaf dich aus, Petruschka, schlaf dich aus: es hat

ein jeder von uns seine Mühe und Arbeit ... Und weißt du, lieber Freund,

mach dir keine Gedanken darüber, daß ...«

Herr Goljadkin hatte den Satz angefangen, hielt dann aber inne. »Sage

ich auch nicht zu viel?« dachte er. »Fordere ich auch nicht die Gefahr

heraus? So mache ich das immer; ich gehe immer zu weit.« Unser Held

ging, sehr unzufrieden mit sich selbst, aus Petruschkas Raume hinaus.

Außerdem fühlte er sich durch Petruschkas Respektlosigkeit und Grobheit

etwas beleidigt. »Man redet freundlich mit einem solchen Halunken, der

Herr erweist ihm eine Ehre, und er hat kein Gefühl dafür,« dachte Herr

Goljadkin. Ȇbrigens findet man diese gemeine Gesinnung bei dieser

ganzen Menschenklasse!« Etwas schwankend kehrte er in das Zimmer zurück,

und da er sah, daß sein Gast sich schon vollständig hingelegt hatte,

setzte er sich für einen Augenblick zu ihm auf das Bett. »Aber das mußt

du doch bekennen, lieber Jakow,« begann er flüsternd und mit dem Kopfe

wackelnd, »du hast dich doch mir gegenüber vergangen, du schändlicher

Mensch! Weißt du, Namensvetter, du hast doch ... hm ...« fuhr er in

familiärem, scherzendem Tone fort. Nachdem er endlich freundschaftlich

seinem Gaste Gute Nacht gesagt hatte, schickte sich Herr Goljadkin an,

schlafen zu gehen. Der Gast schnarchte unterdessen schon. Herr Goljadkin

seinerseits begann sich ins Bett zu legen und flüsterte dabei lächelnd

vor sich hin: »Du bist heute betrunken, mein Täubchen, Jakow

Petrowitsch, du Lump, du armer Schlucker; daß du ein armer Schlucker

bist, besagt ja schon dein Familienname!! Na, worüber freust du dich

denn? Morgen wirst du ja weinen, du Plärrliese! Was soll ich mit dir

anfangen?« Nun aber machte sich eine recht sonderbare Empfindung in

Herrn Goljadkins ganzem Wesen geltend, etwas, was mit Zweifel oder Reue

Ähnlichkeit hatte. »Ich habe des Guten zuviel getan,« dachte er; »nun

brummt mir der Kopf, und ich bin betrunken; und du hast dich nicht

beherrschen können, du Dummkopf! Was hast du für einen Haufen dummes

Zeug zusammengeschwatzt, und dabei möchtest du noch intrigieren, du

Halunke! Allerdings ist Beleidigungen zu verzeihen und zu vergessen die

erste Tugend; aber die Sache steht doch schlecht! Ja, so ist das!« Hier

stand Herr Goljadkin auf, nahm das Licht und ging auf den Zehen noch

einmal hin, um seinen schlafenden Gast zu betrachten. Lange stand er in

tiefem Nachdenken über ihn gebeugt da. »Ein unangenehmes Bild! Der reine

Spott, der reine Spott; das steht fest!«

Endlich legte sich Herr Goljadkin definitiv schlafen. In seinem Kopfe

brummte, sauste und summte es. Das Bewußtsein schwand ihm ... Er machte

Anstrengungen, an etwas zu denken, sich an etwas sehr Interessantes zu

erinnern, eine sehr wichtige, heikle Frage zu lösen; aber er konnte es

nicht. Der Schlummer senkte sich auf sein armes Haupt herab, und er

schlief ein, wie gewöhnlich Leute einschlafen, die nicht gewohnt sind,

bei einem freundschaftlichen abendlichen Zusammensein fünf Gläser Punsch

zu trinken.

8. Kapitel

Wie gewöhnlich erwachte Herr Goljadkin am andern Tage um acht Uhr;

nachdem er erwacht war, erinnerte er sich sogleich an alle Ereignisse

des gestrigen Abends; bei dieser Erinnerung runzelte er die Stirn. »Wie

ein rechter Dummkopf habe ich mich gestern benommen!« dachte er, während

er sich vom Bett erhob, und blickte nach dem Bette seines Gastes hin.

Aber wie groß war sein Erstaunen, als nicht nur der Gast, sondern sogar

auch das Bett, auf dem der Gast geschlafen hatte, aus dem Zimmer

verschwunden war! »Was stellt das vor?« schrie Herr Goljadkin beinah

laut auf. »Wie geht das zu? Was hat jetzt dieses neue Ereignis zu

bedeuten?« Während Herr Goljadkin noch verständnislos mit offenem Munde

nach dem leeren Fleck hinsah, knarrte die Tür, und Petruschka kam mit

dem Teebrett herein. »Wo ist er, wo ist er?« fragte unser Held kaum

hörbar und zeigte mit dem Finger nach der Stelle hin, die gestern dem

Gaste angewiesen worden war. Petruschka gab zuerst keine Antwort und sah

seinen Herrn sogar nicht einmal an, sondern wandte seine Augen nach der

Ecke rechts, so daß Herr Goljadkin selbst genötigt war, nach der Ecke

rechts hinzublicken. Nach einigem Stillschweigen indes antwortete

Petruschka grob mit heiserer Stimme: »Der Herr ist nicht zu Hause.«

»Du Dummkopf! Ich bin ja doch dein Herr, Petruschka!« stotterte Herr

Goljadkin und sah seinen Diener mit weit geöffneten Augen an.

Petruschka antwortete nichts, blickte aber Herrn Goljadkin so an, daß

dieser bis über die Ohren errötete; denn dieser beleidigende,

vorwurfsvolle Blick konnte die Stelle eines wirklichen Schimpfwortes

vertreten. Herr Goljadkin streckte die Waffen. Endlich erklärte

Petruschka, »der andere« sei schon vor anderthalb Stunden weggegangen

und habe nicht warten wollen. Diese Antwort klang allerdings

wahrscheinlich und glaubwürdig; es war klar, daß Petruschka nicht log,

und daß sein beleidigender Blick und der von ihm gebrauchte Ausdruck

»der andere« nur eine Folge des ganzen bekannten widerwärtigen Umstandes

waren; aber dennoch verstand Herr Goljadkin, wenn auch nur undeutlich,

daß da etwas nicht geheuer war, und daß das Schicksal für ihn noch

irgendeine nicht ganz angenehme Gabe bereit hielt. »Nun gut, wir werden

sehen,« dachte er bei sich; »wir werden seinerzeit das alles

durchschauen ... Ach, Herr du mein Gott,« stöhnte er zum Schlusse in

ganz anderem Tone, »warum habe ich ihn eingeladen? Wozu habe ich das

getan? Ich stecke ihnen ja selbst meinen Kopf in die Schlinge und ziehe

die Schlinge selbst zu! Ach, du Dummkopf, du Dummkopf! Daß du doch auch

gar nicht das Maul halten kannst; nein, du mußt dich verplappern wie so

ein dummer Junge, wie ein Kanzlist, wie ein Plebejer ohne Rang und

Würden, wie ein jämmerlicher Waschlappen, du Schwätzer, du altes Weib!

... All ihr Heiligen! Und sogar Verse hat er geschrieben, der Gauner,

und mir seine Liebe erklärt! Wie könnte ich nun, hm ... Wie könnte ich

nun dem Gauner in anständiger Manier die Tür weisen, wenn er

wiederkommt? Es gibt ja da natürlich viele verschiedene Redewendungen

und Hilfsmittel. Ich könnte sagen: >So und so, bei meinem geringen

Gehalte ...< Oder ich könnte ihm Bange machen und sagen: >In Erwägung

dieses und dieses Umstandes sehe ich mich genötigt, Ihnen mitzuteilen,

daß Sie die Kosten der Wohnung und der Beköstigung zur Hälfte tragen und

das Geld im voraus zahlen müssen.< Hm! nein, hol's der Teufel, nein! Das

würde meine Ehre beflecken. Das ist nicht recht zartfühlend! Vielleicht

könnte ich es so machen: ich könnte Petruschka instruieren, daß er ihn

irgendwie ärgern, ihn nachlässig und grob behandeln solle, und ihn mir

auf diese Art vom Halse schaffen? Ich müßte sie so zusammenhetzen ...

Nein, hol's der Teufel, nein! Das ist gefährlich, und ferner, wenn man

es aus einem andern Gesichtspunkte betrachtet ... es ist ganz und gar

nicht schön! Ganz und gar nicht schön! Aber wenn er nun nicht wieder

herkommt? Auch das wäre übel! Ich habe ihm gestern abend gar zu viel

ausgeschwatzt! ... Ach, schlimm, schlimm! Ach, wie schlimm steht meine

Sache! Ach, ich Dummkopf, ich verdammter Dummkopf! Kannst du nicht

lernen, wie du dich benehmen mußt? Kannst du nicht endlich zur Vernunft

kommen? Na, wenn er nun aber herkommt und absagt? Ach, gebe Gott, daß er

käme! Ich würde sehr froh sein, wenn er käme ...« So überlegte Herr

Goljadkin, während er seinen Tee trank und fortwährend nach der Wanduhr

blickte. »Jetzt ist es drei Viertel auf neun; nun ist es Zeit zu gehen.

Aber was wird nun geschehen? Was wird mir passieren? Ich möchte gern

wissen, was sich da eigentlich Besonderes hinter dem Vorhang verbirgt,

was für Absichten und Pläne sie haben, und was für Steine sie mir in den

Weg werfen wollen. Es wäre gut, wenn ich erfahren könnte, was für ein

Ziel eigentlich diese ganze Bande im Auge hat, und welches der erste

Schritt ist, den sie unternehmen wollen ...« Herr Goljadkin konnte es

nicht länger aushalten; er warf die noch nicht ausgerauchte Pfeife hin,

zog sich an und ging in den Dienst, um womöglich die Gefahr aufzudecken

und sich über alles durch seine persönliche Anwesenheit Gewißheit zu

verschaffen. Aber Gefahr war vorhanden: das wußte er selbst, daß Gefahr

vorhanden war. »Aber auch diese Nuß werden wir schon knacken!« sagte

Herr Goljadkin, indem er den Mantel und die Überschuhe im Vorzimmer

ablegte; »nun werden wir all diese Dinge sofort durchschauen.« Nachdem

er in dieser Weise zu handeln beschlossen hatte, machte unser Held

seinen Anzug zurecht, nahm eine wohlanständige Dienstmiene an und wollte

eben in das anstoßende Zimmer treten, als plötzlich gerade in der Tür

sein Bekannter und Freund von gestern mit ihm zusammenstieß. Herr

Goljadkin der jüngere schien Herrn Goljadkin den älteren nicht zu

bemerken, obwohl sich beinahe ihre Nasen berührten. Herr Goljadkin der

jüngere war, wie es schien, sehr beschäftigt, hatte es eilig,

irgendwohin zu kommen, und war außer Atem; er hatte eine solche Amts-

und Geschäftsmiene, daß, wie es schien, jeder auf seinem Gesichte lesen

konnte: »Mit einem besonderen Auftrage betraut ...«

»Ach, Sie sind es, Jakow Petrowitsch!« sagte unser Held und ergriff

seinen gestrigen Gast am Arme.

»Später, später! Entschuldigen Sie mich; sagen Sie mir später, was Sie

wünschen!« rief Herr Goljadkin der jüngere, indem er vorwärts strebte.

»Aber erlauben Sie, Jakow Petrowitsch; ich meine, Sie wollten ... hm

...«

»Was gibt's denn? Sagen Sie schneller, was Sie wünschen!«

Hier blieb Herrn Goljadkins gestriger Gast, anscheinend nur ungern und

mit großem Widerstreben, stehen und hielt sein Ohr Herrn Goljadkin

gerade an die Nase.

»Ich muß Ihnen sagen, Jakow Petrowitsch, daß ich über Ihr Benehmen

erstaunt bin ... ein Benehmen, wie ich es ja wohl nicht erwarten

konnte.«

»Alles hat seine gewiesene Form. Melden Sie sich bei dem Sekretär Seiner

Exzellenz, und wenden Sie sich dann, wie es in der Ordnung ist, an den

Herrn Kanzleivorsteher. Haben Sie eine Bittschrift? ...«

»Sie ... ich weiß gar nicht, Jakow Petrowitsch ... Sie setzen mich

einfach in Verwunderung, Jakow Petrowitsch! Sie erkennen mich gewiß

nicht, oder Sie machen infolge Ihres angeborenen heiteren Temperamentes

einen Scherz.«

»Ah, Sie sind es!« erwiderte Herr Goljadkin der jüngere, als wenn er

Herrn Goljadkin den älteren eben erst erkannt hätte. »Also Sie sind es?

Na also, haben Sie gut geschlafen?«

Hier lächelte Herr Goljadkin der jüngere ein wenig; aber er lächelte in

einer amtlichen, förmlichen Manier und durchaus nicht so, wie es sich

gehört hätte, da er doch jedenfalls Herrn Goljadkin dem älteren zu Dank

verpflichtet war; und nachdem er so in amtlicher, förmlicher Manier

gelächelt hatte, fügte er hinzu, er seinerseits freue sich sehr, daß

Herr Goljadkin gut geschlafen habe. Dann verbeugte er sich ein wenig,

trippelte ein wenig an ein und derselben Stelle umher, blickte nach

rechts und nach links, schlug darauf die Augen zu Boden, richtete sie

nach der Seitentür, und nachdem er hastig flüsternd bemerkt hatte, er

habe einen besonderen Auftrag, schlüpfte er in das Nachbarzimmer und war

verschwunden.

»Ist das eine tolle Geschichte! ...« flüsterte unser Held, der einen

Augenblick ganz starr war; »ist das eine tolle Geschichte! Was soll das

nur vorstellen? ...« Herr Goljadkin hatte ein Gefühl, als ob ihm Ameisen

über den ganzen Leib liefen. »Übrigens,« fuhr er im stillen fort,

während er in sein Dienstlokal ging, »übrigens habe ich so etwas ja

schon lange gesagt; ich habe schon lange geahnt, daß er mit besonderen

Aufträgen werde betraut werden ... gerade gestern habe ich gesagt, daß

er unzweifelhaft ein Mensch sei, den man zu besonderen Aufträgen

gebrauchen werde.«

»Haben Sie Ihr gestriges Aktenstück fertiggestellt, Jakow Petrowitsch?«

fragte Anton Antonowitsch Sjetotschkin Herrn Goljadkin, als dieser sich

neben ihn setzte. »Haben Sie es hier?«

»Jawohl,« erwiderte Herr Goljadkin flüsternd und sah seinen

Tischvorsteher mit etwas verwirrter Miene an.

»Nun gut! Ich erkundige mich deswegen danach, weil Andrei Filippowitsch

schon zweimal danach gefragt hat. Seine Exzellenz kann das Aktenstück

jeden Augenblick verlangen ...«

»Es ist fertig.«

»Na, das ist schön!«

»Anton Antonowitsch, ich meine, ich habe meine Pflicht immer

ordnungsmäßig erfüllt, und ich freue mich über die Aufträge, die mir von

meinen Vorgesetzten erteilt werden und erledige sie mit aller Sorgfalt.«

»Jawohl. Nun, was wollen Sie denn damit sagen?«

»Nichts Besonderes, Anton Antonowitsch. Ich möchte nur bemerken, Anton

Antonowitsch, daß ich ... d. h. ich wollte sagen, daß Übelwollen und

Neid täglich ihre widerwärtige Nahrung suchen und niemanden verschonen

...«

»Entschuldigen Sie, ich verstehe Sie nicht ganz. Das heißt, wen meinen

Sie denn mit Ihren Andeutungen?«

»Das heißt, ich wollte nur sagen, Anton Antonowitsch, daß ich meinen

geraden Weg gehe und es verachte, Schleichwege zu benutzen, daß ich kein

Intrigant bin, und daß ich, wenn anders es mir erlaubt ist, dies

auszusprechen, mit gutem Grunde darauf stolz sein darf ...«

»Jawohl. Alles ganz richtig, und ich stimme Ihrer Meinung aus voller

Überzeugung bei; aber gestatten Sie auch mir, Ihnen zu bemerken, Jakow

Petrowitsch, daß persönliche Anzüglichkeiten in guter Gesellschaft nicht

erlaubt sind. Was man hinter meinem Rücken von mir sagt, das will ich

gern ertragen; denn auf wen wird nicht hinter seinem Rücken geschimpft?

Aber ins Gesicht (nehmen Sie es mir nicht übel!) lasse ich mir keine

Grobheiten sagen, mein Herr. Ich bin im Staatsdienst grau geworden, mein

Herr, und lasse mir auf meine alten Tage keine Grobheiten sagen ...«

»Nein, Anton Antonowitsch, ich ... Sehen Sie doch, Anton Antonowitsch,

Sie haben mich, wie es scheint, nicht ganz verstanden, Anton

Antonowitsch. Aber ich bitte Sie, Anton Antonowitsch, ich kann es mir

meinerseits nur zur Ehre anrechnen ...«

»Nun bitte ich aber, auch mich zu entschuldigen. Ich habe meine

Lebensart noch nach der alten Mode gelernt. Nach Ihrer neuen Mode

umzulernen, damit ist es für mich zu spät. Für den Dienst des

Vaterlandes hat mein Verstand bisher, wie es scheint, ausgereicht. Ich

besitze, wie Sie selbst wissen, mein Herr, das Ehrenzeichen für

fünfundzwanzigjährige vorwurfsfreie dienstliche Tätigkeit ...«

»Ich empfinde das alles ... ich empfinde das alles meinerseits

vollkommen, Anton Antonowitsch. Aber davon redete ich nicht; ich sprach

von der Maske, Anton Antonowitsch ...«

»Von der Maske?«

»Das heißt, Sie scheinen wieder ... ich fürchte, daß Sie auch hier

wieder den Sinn unrichtig auffassen, das heißt den Sinn meiner Worte,

wie Sie selbst sagen, Anton Antonowitsch. Ich behandle nur das Thema,

das heißt, ich stelle den Gedanken hin, Anton Antonowitsch, daß die

Menschen, die eine Maske tragen, heutzutage recht häufig geworden sind,

und daß es jetzt schwer ist, unter der Maske einen Menschen zu erkennen

...«

»Na, wissen Sie, so schwer ist das nun gerade nicht. Manchmal ist es

sogar ganz leicht, und manchmal braucht man gar nicht weit zu suchen.«

»Nein, wissen Sie, Anton Antonowitsch, ich sage ... ich sage von mir

selbst, daß ich z. B. eine Maske nur anlege, wenn es nötig ist, d. h.

einzig und allein beim Karneval und in fröhlicher Gesellschaft, im

eigentlichen Sinne gesprochen, daß ich aber nicht vor den Leuten alle

Tage mit einer Maske umherlaufe, in einem andern, übertragenen Sinne

gesagt. Das war's, was ich sagen wollte, Anton Antonowitsch.«

»Na, wir wollen von dieser ganzen Sache vorläufig abbrechen, und ich für

meine Person habe auch keine Zeit mehr,« erwiderte Anton Antonowitsch,

erhob sich von seinem Platze und suchte einige Aktenstücke zum Vortrage

bei Seiner Exzellenz zusammen. »Ihre Angelegenheit wird, wie ich

annehme, bald und rechtzeitig zur Klarheit gelangen. Dann werden Sie

selbst sehen, gegen wen Sie Ihre Vorwürfe zu richten und wen Sie

anzuklagen haben, und deshalb bitte ich Sie ganz ergebenst, mich mit

weiteren privaten Erörterungen und Gesprächen, die der dienstlichen

Tätigkeit Eintrag tun, zu verschonen ...«

»Nein, Anton Antonowitsch,« rief Herr Goljadkin, der ein wenig blaß

geworden war, dem sich Entfernenden nach, »nein, Anton Antonowitsch, so

etwas ist mir nicht in den Sinn gekommen!« -- »Was stellt das vor?« fuhr

unser Held, nachdem er allein geblieben war, im Selbstgespräche fort;

»was weht hier auf einmal für ein Wind, und was bedeutet dieser neue

Winkelzug?« In demselben Augenblicke, als unser bestürzter,

fassungsloser Held sich anschickte, eine Antwort auf diese neue Frage zu

suchen, ließ sich von dem Nachbarzimmer her Geräusch hören, eine Art von

geschäftlicher Bewegung wurde wahrnehmbar, die Tür öffnete sich, und

Andrei Filippowitsch, der kurz vorher in dienstlicher Angelegenheit in

das Arbeitszimmer Seiner Exzellenz gegangen war, erschien atemlos in der

Tür und rief Herrn Goljadkin. Dieser, der wußte, um was es sich

handelte, und Andrei Filippowitsch nicht warten lassen wollte, sprang

von seinem Platze auf, beeilte sich pflichtgemäß aufs äußerste, das

verlangte Schriftstück endgültig zurechtzumachen und in Ordnung zu

bringen, sowie auch sich selbst instand zu setzen, um sich mit dem

Schriftstück und mit Andrei Filippowitsch in das Arbeitszimmer Seiner

Exzellenz zu begeben. Auf einmal schlüpfte, beinahe unter Andrei

Filippowitschs Armen hindurch, der währenddessen gerade in der Tür

stand, Herr Goljadkin der jüngere ins Zimmer, geschäftig, atemlos,

amtseifrig, mit wichtiger, streng dienstlicher Miene, und stürzte

geradeswegs auf Herrn Goljadkin den älteren los, der auf nichts weniger

als auf einen solchen Überfall gefaßt war ...

»Die Papiere, Jakow Petrowitsch, die Papiere ... Seine Exzellenz hat

danach gefragt; haben Sie sie auch in Bereitschaft?« schnatterte der

Freund Herrn Goljadkins des älteren halblaut und hastig. »Andrei

Filippowitsch wartet auf Sie ...«

»Das weiß ich auch ohne Sie, daß er auf mich wartet,« erwiderte Herr

Goljadkin der ältere ebenfalls eilig und flüsternd.

»Nein, Jakow Petrowitsch, ich bin nicht so; ich bin durchaus nicht so,

Jakow Petrowitsch; ich bin Ihnen zugetan, Jakow Petrowitsch, und von

herzlicher Teilnahme erfüllt.«

»Mit dieser Teilnahme bitte ich Sie ergebenst mich zu verschonen.

Erlauben Sie, erlauben Sie ...«

»Sie müssen selbstverständlich einen Umschlag herummachen, Jakow

Petrowitsch, und bei der dritten Seite ein Lesezeichen einlegen;

erlauben Sie, Jakow Petrowitsch ...«

»So erlauben Sie doch endlich ...«

»Aber da ist ja ein Tintenfleck, Jakow Petrowitsch; haben Sie nicht den

Tintenfleck bemerkt?«

Hier rief Andrei Filippowitsch Herrn Goljadkin zum zweiten Male.

»Sofort, Andrei Filippowitsch; ich möchte nur noch einen Augenblick ...

es ist hier ... Mein Herr, verstehen Sie nicht Russisch?«

»Das beste wird sein, ihn mit dem Federmesser zu beseitigen, Jakow

Petrowitsch; überlassen Sie es lieber mir; rühren Sie ihn lieber nicht

selbst an, Jakow Petrowitsch, sondern überlassen Sie es mir! Ich will

selbst mit dem Federmesser ...«

Andrei Filippowitsch rief Herrn Goljadkin zum dritten Male.

»Aber ich bitte Sie, wo ist denn da ein Tintenfleck? Soweit ich sehe,

ist ja überhaupt keiner da!«

»Und sogar ein gewaltiger Tintenfleck! Da ist er! Da, erlauben Sie, hier

habe ich ihn gesehen, da, erlauben Sie mir, Jakow Petrowitsch; ich will

ihn hier mit dem Federmesser ... ich tue es aus Teilnahme, Jakow

Petrowitsch ... ich will mit dem Federmesser in bester Absicht ... sehen

Sie so; es wird sofort erledigt sein ...«

Der Doppelgänger · 第 7 / 17 段