Hoffnung belebt. Er fühlte aber doch, daß ihn trotzdem eine ferne Ahnung
von Unheil beunruhigte. Es kam ihm sogar der Einfall, sich selbst
irgendwie an die Beamten heranzumachen, das Prävenire zu spielen, also
etwa beim Herausgehen nach Schluß der Bureaustunden, oder indem er unter
dem Vorwande einer geschäftlichen Anfrage an sie heranträte,
gesprächsweise Andeutungen in folgender Art zu machen: »So und so, meine
Herren, da ist so eine auffällige Ähnlichkeit, ein seltsamer Fall, die
reine Komödie,« also sich selbst über die ganze Sache lustig zu machen
und auf diese Weise die Tiefe der Gefahr zu sondieren. Aber unser Held
sagte sich zum Schluß in Gedanken, in einem stillen, tiefen Pfuhl hätten
die Teufel ihr Wesen. Übrigens war das bei Herrn Goljadkin nur ein
vorübergehender Gedanke; er wurde noch rechtzeitig anderen Sinnes. Er
sah ein, daß das so viel hieße, als die Gefahr herausfordern. »Das liegt
nun einmal in deinem Charakter,« sagte er zu sich selbst und klopfte
sich leicht mit der Hand gegen die Stirn; »gleich bist du wieder
fröhlich und treibst Mutwillen! Du bist eine biedere Seele! Nein, jetzt
ist es schon das beste zu warten, Jakow Petrowitsch; jetzt wollen wir
uns gedulden und warten!« Nichtsdestoweniger war Herr Goljadkin, wie wir
bereits erwähnt haben, wieder hoffnungsvoll und hatte ein Gefühl, als ob
er von den Toten auferstanden wäre. »Es macht sich,« dachte er; »es ist
mir, wie wenn mir eine Zentnerlast von der Brust gefallen wäre! Nein, so
ein Erlebnis! >Das Kästchen war nur einfach aufzuklappen<.[2] Krylow hat
recht ... Krylow hat recht; dieser Krylow ist ein Fuchs, ein Schlaukopf
und ein großer Fabeldichter! Aber was diesen Menschen anlangt, so mag er
meinetwegen hier amtieren, und möge es ihm wohl bekommen, wenn er nur
niemandem in die Quere kommt und mit niemandem Streit anfängt; mag er
hier amtieren, ich habe nichts dagegen, ich bin einverstanden!«
[Fußnote 2: Der Schlußvers einer Krylowschen Fabel. Jemand sucht
vergebens nach dem Mechanismus zum Öffnen eines Kästchens, das einen
solchen gar nicht besitzt, sondern sich einfach aufklappen läßt.
Anmerkung des Übersetzers.]
Unterdessen verging die Zeit wie im Fluge, und ehe Herr Goljadkin sich
dessen versah, schlug es vier. Die Amtsstunden waren zu Ende; Andrei
Filippowitsch griff nach seinem Hute, und alle folgten wie üblich seinem
Beispiele. Herr Goljadkin blieb unter dem Vorwande eines notwendigen
Bedürfnisses noch eine kleine Weile zurück und ging absichtlich erst
nach allen andern, als letzter, weg, als sich bereits alle nach
verschiedenen Richtungen verteilt hatten. Als er auf die Straße
hinaustrat, fühlte er sich wie im Paradiese, so daß bei ihm sogar der
Wunsch rege wurde, einen Umweg zu machen und eine Strecke auf dem
Newski-Prospekte zu gehen. »So geht es in der Welt!« sagte unser Held.
»Ein unerwarteter Umschwung der ganzen Sache! Auch das Wetter hat sich
aufgeklärt; Kälte und Schlittenfahrt. Und die Kälte taugt für den
Russen; der Russe verträgt sich mit der Kälte prächtig. Ich liebe den
Russen. Auch ein bißchen Schnee ist da, der erste Spurschnee, wie ein
Jäger sagen würde; da müßte man im ersten Spurschnee auf die Hasenjagd
gehen! Ei weih! Na, wenn's nicht ist, so schadet's auch nichts!«
So gab Herr Goljadkin seinem Entzücken Ausdruck; aber dabei hatte er
doch immer noch ein kitzelndes Gefühl im Kopfe, das mit Kummer
Ähnlichkeit hatte, und manchmal verspürte er am Herzen ein Saugen, gegen
das er kein Linderungsmittel wußte. »Übrigens, wir wollen noch einen Tag
warten und uns dann erst freuen. Was ist denn eigentlich los? Na, wir
wollen die Sache überlegen, die Sache ansehen. Na, also laß uns einmal
überlegen, mein junger Freund, laß uns einmal überlegen! Also da ist ein
ebensolcher Mensch wie du, ein ganz ebensolcher. Na, was hat es damit
auf sich? Wenn ein solcher Mensch da ist, brauche ich darüber zu weinen?
Was geht es mich an? Ich habe damit nichts zu schaffen; ich pfeife
darauf, Punktum! Er ist nun einmal da, Punktum! Mag er amtieren! Na, da
wird nun gesagt, das sei ein Wunder und eine Seltsamkeit wie die
siamesischen Zwillinge ... Na, was sollen dabei die Siamesen?
Allerdings, die sind Zwillinge; aber auch große Männer haben manchmal
ihre Wunderlichkeiten gehabt. Es ist sogar aus der Geschichte bekannt,
daß der berühmte Suworow wie ein Hahn krähte ... Na, das tat er alles
aus Politik; auch große Feldherrn ... aber was sollen hier die
Feldherrn? Ich bin ein gewöhnlicher Mensch und weiter nichts und will
niemanden kennen und verachte im Gefühle meiner Unschuld den Feind. Ich
bin kein Intrigant und bin stolz darauf. Mein Charakter ist rein,
aufrichtig, anständig, freundlich, sanft ...«
Plötzlich verstummte Herr Goljadkin, brach ab und zitterte wie ein
Blatt; ja, er schloß sogar für einen Augenblick die Augen. Da er jedoch
hoffte, daß der Gegenstand seiner Furcht einfach eine Augentäuschung
sei, so öffnete er schließlich die Augen wieder und schielte schüchtern
nach rechts. Nein, es war keine Augentäuschung! ... Neben ihm trippelte
sein Bekannter vom Vormittag, lächelte, schaute ihm ins Gesicht und
wartete, wie es schien, auf eine Gelegenheit, um ein Gespräch
anzufangen. Es kam jedoch nicht dazu. Auf diese Art gingen sie beide
etwa fünfzig Schritte. Herrn Goljadkins ganzes Bemühen ging dahin, sich
möglichst fest in seinen Mantel einzuhüllen, sich möglichst tief in ihn
zu vergraben und den Hut so weit als nur irgend möglich auf die Augen
herabzuziehen. Um die Beleidigung vollständig zu machen, waren auch der
Mantel und der Hut seines Freundes genau von derselben Art wie
diejenigen, die Herr Goljadkin auf den Schultern und auf dem Kopfe trug.
»Mein Herr,« sagte unser Held endlich, indem er sich bemühte, fast im
Flüstertone zu sprechen, und seinen Freund nicht ansah, »es scheint, daß
wir verschiedene Wege haben ... Ich bin sogar überzeugt davon,« sagte
er, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte. »Ich bin auch
überzeugt, daß Sie mich vollständig verstanden haben,« fügte er zum
Schluß in ziemlich strengem Tone hinzu.
»Ich möchte gern ...« erwiderte endlich Herrn Goljadkins Freund, »ich
möchte gern ... ich hoffe, Sie werden mich großmütig entschuldigen ...
ich weiß nicht, an wen ich mich hier wenden soll ... meine Umstände ...
ich hoffe, Sie werden meine Dreistigkeit verzeihen ... es schien mir
sogar, als ob Sie heute morgen, von Mitleid bewegt, an mir Anteil
nähmen. Ich meinerseits habe mich gleich beim ersten Blick zu Ihnen
hingezogen gefühlt; ich ...« Hier wünschte Herr Goljadkin in Gedanken,
sein neuer Kollege möchte in die Erde versinken.
»Wenn ich wagen könnte zu hoffen, daß Sie, Jakow Petrowitsch, mir
gütiges Gehör schenken würden ...«
»Wir ... wir sind hier nicht ungestört. Wir ... wollen lieber in meine
Wohnung gehen,« versetzte Herr Goljadkin. »Wir wollen jetzt auf die
andre Seite des Newski hinübergehen; dort werden wir beide bequemer
gehen können. Und dann wollen wir eine Seitengasse einschlagen ... das
wird das beste sein.«
»Schön. Schlagen wir die Seitengasse ein, wenn es Ihnen so gefällig
ist!« erwiderte Herrn Goljadkins demütiger Gefährte schüchtern, wie wenn
er durch den Ton seiner Antwort zum Ausdruck bringen wollte, daß er
nicht wählerisch sein dürfe und in seiner Lage bereit sei, sich auch mit
einer Seitengasse zu begnügen. Was Herrn Goljadkin anlangt, so begriff
er gar nicht, was mit ihm vorging. Er traute seinen eigenen Sinnen
nicht. Er war von seinem Erstaunen noch nicht wieder zu sich gekommen.
7. Kapitel
Erst auf der Treppe und vor der Eingangstür zu seiner Wohnung gewann er
einigermaßen seine Fassung wieder. »Ach, ich Schafskopf!« schimpfte er
sich selbst in Gedanken; »wohin führe ich ihn nun? Ich stecke selbst den
Kopf in die Schlinge. Was wird Petruschka denken, wenn er uns zusammen
sieht? Was wird dieser Halunke sich jetzt zu denken erdreisten? Und er
ist so argwöhnisch ...« Aber zur Reue war es bereits zu spät; Herr
Goljadkin klopfte, die Tür öffnete sich, und Petruschka nahm dem Gaste
und dem Hausherrn die Mäntel ab. Herr Goljadkin warf aus dem Augenwinkel
flüchtige Blicke nach Petruschka und bemühte sich, seine Miene zu
ergründen und seine Gedanken daraus zu erraten. Aber zu seinem größten
Erstaunen sah er, daß sein Diener gar nicht daran dachte, sich zu
wundern, sondern im Gegenteil so etwas erwartet zu haben schien.
Allerdings machte er auch jetzt ein Gesicht wie ein Wolf, schielte zur
Seite hin und tat, als ob er jemand fressen wollte. »Hat sie denn heute
alle jemand behext?« dachte unser Held. »Es ist, als ob ein Dämon
herumgegangen wäre! Es muß unbedingt mit dem ganzen Volke heute etwas
Besonderes los sein. Hol's der Teufel, was ist das für ein qualvoller
Zustand!« Während Herr Goljadkin dergleichen dachte und überlegte,
führte er den Gast zu sich ins Zimmer und forderte ihn höflich auf,
Platz zu nehmen. Der Gast befand sich anscheinend in äußerster
Verlegenheit; er war sehr schüchtern, verfolgte unterwürfig alle
Bewegungen seines Wirtes, haschte nach seinen Blicken und bemühte sich,
wie es schien, aus diesen zu entnehmen, was derselbe denke. Eine gewisse
Gedrücktheit, Niedergeschlagenheit und Ängstlichkeit kam in allen seinen
Gebärden zum Ausdruck, so daß er, wenn der Vergleich gestattet ist, in
diesem Augenblicke große Ähnlichkeit mit einem Menschen hatte, der aus
Mangel an eigenen Kleidern fremde angezogen hat: die Ärmel rutschen
hinauf; die Taille sitzt beinah im Genick, und er schiebt alle
Augenblicke die kurze Weste auf seinem Leibe zurecht; bald windet und
dreht er sich rechts und links, bald sucht er sich irgendwo zu
verstecken, bald sieht er allen in die Augen und horcht, ob die Leute
nicht von seiner Situation sprechen, sich über ihn lustig machen, sich
seiner schämen, -- er errötet und wird fassungslos, und sein Ehrgefühl
leidet schwer ... Herr Goljadkin hatte seinen Hut auf das Fensterbrett
gestellt; durch eine unvorsichtige Bewegung fiel der Hut auf den Boden.
Der Gast stürzte sofort hin, um ihn aufzuheben, reinigte ihn sorgsam vom
Staube und stellte ihn vorsichtig auf den früheren Platz; seinen eigenen
aber stellte er auf den Fußboden, neben den Stuhl, auf dessen äußerstem
Rande er demütig Platz genommen hatte. Dieser geringfügige Vorgang
öffnete Herrn Goljadkin einigermaßen die Augen; er sah nun ein, daß der
andere ihn sehr nötig hatte, und zerbrach sich daher nicht mehr den Kopf
darüber, wie er mit seinem Gaste ein Gespräch anfangen solle, sondern
überließ, wie es sich gebührte, alles diesem selbst. Aber der Gast
seinerseits fing nicht an zu reden; ob er zu schüchtern war oder sich
ein wenig schämte oder aus Höflichkeit darauf wartete, daß der Wirt den
Anfang mache, blieb dahingestellt und war schwer zu entscheiden. In
diesem Augenblicke kam Petruschka herein, blieb in der Tür stehen und
blickte nach derjenigen Seite hin, die der, wo sich sein Herr und der
Gast befanden, ganz entgegengesetzt war.
»Befehlen Sie, daß ich zwei Portionen Mittagessen hole?« fragte er mit
seiner heiseren Stimme in nachlässigem Tone.
»Ich ... ich weiß nicht ... Sie ... ja, hole zwei Portionen, mein
Lieber!«
Petruschka ging weg. Herr Goljadkin sah seinen Gast an. Der Gast
errötete bis über die Ohren. Herr Goljadkin war ein gutmütiger Mensch
und legte sich daher in der Güte seines Herzens sogleich eine Anschauung
zurecht:
»Er ist ein armer Mensch«, dachte er, »und erst einen Tag in seiner
Stelle; wahrscheinlich hat er vorher viel leiden müssen; nur gut, daß er
einen anständigen Anzug besitzt; aber Geld zum Mittagessen wird er nicht
haben. Ach mein Gott, wie niedergeschlagen er aussieht! Na, das schadet
nichts: das hat sogar sein Gutes ...« -- »Verzeihen Sie, daß ich ...«
begann Herr Goljadkin, »gestatten Sie übrigens die Frage, wie ich Sie
nennen darf!«
»Ich ... ich ... heiße Jakow Petrowitsch,« erwiderte der Gast fast
flüsternd, als wenn er sich schämte und um Verzeihung dafür bäte, daß er
ebenfalls Jakow Petrowitsch heiße.
»Jakow Petrowitsch,« wiederholte unser Held, der nicht imstande war,
seine Aufregung zu verbergen.
»Ja, ganz richtig ... Ich bin Ihr Namensvetter,« antwortete Herrn
Goljadkins demütiger Gast, indem er sich dazu aufraffte, zu lächeln und
in scherzendem Tone zu reden. Aber er fiel sogleich in seine
unterwürfige Haltung wieder zurück, als er die sehr ernste und etwas
bestürzte Miene seines Wirtes wahrnahm und merkte, daß dieser jetzt zu
Scherzen nicht aufgelegt sei.
»Gestatten ... gestatten Sie mir die Frage, welchem Umstande ich die
Ehre zu verdanken habe ...«
»Da ich Ihre Großmut und Wohltätigkeit kenne,« unterbrach ihn der Gast
schnell, aber in schüchternem Tone, indem er sich ein wenig von seinem
Stuhle erhob, »so habe ich es gewagt, mich an Sie zu wenden und Sie um
Ihre ... um Ihre Bekanntschaft und Gönnerschaft zu bitten ...« schloß
der Gast, der es schwierig fand sich auszudrücken und nach Worten
suchte, die einerseits nicht zu schmeichlerisch und unterwürfig klängen,
um nicht sein eigenes Ehrgefühl zu verletzen, andrerseits aber auch
nicht zu kühn wären und ungehörigerweise den Anspruch auf Gleichstellung
erhöben. Im allgemeinen konnte man sagen, daß Herrn Goljadkins Gast sich
wie ein Bettler aus gutem Stande in einem geflickten Frack und mit einem
ordnungsmäßigen Paß in der Tasche benahm, der noch keine Übung darin
gewonnen hat, wie es sich gehört, die Hand auszustrecken.
»Sie setzen mich in Verlegenheit,« erwiderte Herr Goljadkin, indem er
sich selbst, seine Wände und den Gast betrachtete; »womit könnte ich
denn ... das heißt, ich will sagen, in welcher Beziehung kann ich Ihnen
eigentlich mit irgend etwas dienen?«
»Ich habe mich gleich beim ersten Blick zu Ihnen hingezogen gefühlt,
Jakow Petrowitsch, und habe (verzeihen Sie mir großmütig!) meine
Hoffnung auf Sie gesetzt ... habe gewagt, meine Hoffnung auf Sie zu
setzen, Jakow Petrowitsch. Ich ... ich fühle mich hier ganz wie
verloren, Jakow Petrowitsch; ich bin arm, habe sehr viel gelitten, Jakow
Petrowitsch, und bin hier noch neu. Da ich erfahren hatte, daß Sie zu
den Ihnen angeborenen vortrefflichen Eigenschaften Ihrer schönen Seele
auch noch mit mir denselben Namen führen ...«
Herr Goljadkin runzelte die Stirn.
»... auch noch mit mir denselben Namen führen und mit mir aus demselben
Orte stammen, so entschloß ich mich, mich an Sie zu wenden und Ihnen
meine schwierige Lage vorzutragen.«
»Gut, gut, ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen darauf erwidern soll,«
antwortete Herr Goljadkin verlegen. »Wissen Sie, wir wollen nach Tische
darüber reden ...«
Der Gast verbeugte sich; das Mittagessen wurde gebracht. Petruschka
stellte alles in Ordnung auf den Tisch, und Gast und Wirt schickten sich
an, sich zu sättigen. Das Essen dauerte nicht lange, denn sie beeilten
sich: der Wirt, weil er sich unbehaglich fühlte und sich außerdem über
das schlechte Mittagessen schämte (er schämte sich zum Teil deswegen,
weil er den Gast gern gut bewirtet hätte, teils deswegen, weil er zu
zeigen wünschte, daß er nicht wie ein Bettler lebe), und der Gast
seinerseits, weil er sich in schrecklicher Verwirrung und äußerster
Verlegenheit befand. Nachdem er einmal Brot genommen und seine Schnitte
aufgegessen hatte, scheute er sich, die Hand nach einer zweiten Schnitte
auszustrecken; er genierte sich, von den Speisen ein besseres Stückchen
zu nehmen, und versicherte alle Augenblicke, er sei gar nicht hungrig,
das Mittagessen sei vorzüglich, er für seine Person sei völlig zufrieden
und werde bis zum Grabe daran denken. Als das Essen zu Ende war, zündete
Herr Goljadkin sich seine Pfeife an und offerierte die andere, die er
sich für Freundesbesuch hielt, dem Gaste; beide setzten sich einander
gegenüber, und der Gast begann seine Erlebnisse zu erzählen.
Die Erzählung des jüngeren Herrn Goljadkin dauerte drei oder vier
Stunden. Die Geschichte seiner Erlebnisse setzte sich übrigens aus den
unbedeutendsten und, wenn man sich so ausdrücken kann, miserabelsten
Einzelheiten zusammen. Es handelte sich dabei um amtliche Tätigkeit
irgendwo bei einem Gerichte, bei einer Gouvernementsregierung; um
Staatsanwälte und Präsidenten; um irgendwelche Bureau-Intrigen; um die
Schändlichkeit eines Tischvorstehers; um einen Revisor; um einen
plötzlichen Wechsel der Person des Chefs; darum, daß Herr Goljadkin der
zweite ganz unschuldig hatte leiden müssen; um seine alte Tante Pelageja
Semjonowna; darum, daß er infolge verschiedener Intrigen seiner Feinde
seine Stelle verloren hatte und zu Fuß nach Petersburg gewandert war;
darum, daß er hier in Petersburg viel Not und Elend durchgemacht, lange
erfolglos eine Stelle gesucht, sich auf das kümmerlichste beholfen,
beinah auf der Straße gewohnt, altes, vertrocknetes Brot gegessen und
dazu seine Tränen geschluckt, auf dem nackten Fußboden geschlafen hatte,
und daß endlich irgendein guter Mensch es übernommen hatte, für ihn zu
sorgen, ihn empfohlen und ihm großmütig seine jetzige Stellung
verschafft hatte. Herrn Goljadkins Gast weinte bei dieser Erzählung und
trocknete sich die Tränen mit einem blaukarierten Taschentuche ab, das
große Ähnlichkeit mit Wachstuch hatte. Er schloß damit, daß er Herrn
Goljadkin seine derzeitige Lage mit völliger Offenheit darlegte und ihm
gestand, daß er kein Geld habe, um davon in nächster Zeit zu leben und
sich anständig einzurichten, ja nicht einmal um sich ordentlich zu
equipieren. Er fügte noch hinzu, er könne nicht einmal das Geld für
Stiefel auftreiben und die Uniform habe er sich von jemand auf kurze
Zeit geliehen.
Herr Goljadkin war gerührt und fühlte aufrichtiges Mitleid. Obgleich die
Geschichte seines Gastes eine so öde Geschichte war, fielen alle Worte
derselben auf sein Herz wie himmlisches Manna. Die Sache war die, daß
Herr Goljadkin nun seine letzten Zweifel vergaß, sein Herz wieder dem
Gefühl der Freiheit und der Freude überließ und sich schließlich im
stillen selbst einen Dummkopf schalt. Alles war so natürlich! Was hatte
er da für Anlaß sich zu grämen und zu beunruhigen? Nun ja, es war da
tatsächlich ein kitzlicher Punkt vorhanden, gewiß; aber das war ja kein
Unglück: das konnte einen Menschen nicht in Unehre bringen, seinen Ruf
nicht beflecken, ihm seine Karriere nicht verderben, wenn doch der
betreffende Mensch keine Schuld trug, sondern die Natur selbst die Hand
im Spiele hatte. Außerdem bat der Gast um seine Protektion; der Gast
weinte; der Gast klagte das Schicksal an; er schien so harmlos zu sein,
so ohne Bosheit und Falsch, ein kläglicher, unbedeutender Mensch, und
wie es schien, schämte er sich jetzt selbst, obgleich vielleicht in
anderer Hinsicht, über die seltsame Ähnlichkeit seines Gesichtes mit dem
seines Wirtes. Er benahm sich auf die denkbar beste Weise, bemühte sich
eifrig, seinem Wirte alles zu dank zu machen, und zwar wie jemand, der
von Gewissensbissen gequält wird und fühlt, daß er sich dem andern
gegenüber schuldig gemacht hat. Wenn z. B. die Rede auf irgendeinen
zweifelhaften Punkt kam, so stimmte der Gast sogleich Herrn Goljadkins
Meinung zu. Wenn er durch ein Versehen mit seiner Meinung irgendwie in
Gegensatz zu Herrn Goljadkin geriet und dann bemerkte, daß er vom
richtigen Wege abgekommen war, so korrigierte er das, was er gesagt
hatte, sofort, interpretierte es und gab unverzüglich zu verstehen, daß
er alles genau in derselben Weise beurteile wie sein Wirt, ebenso denke
wie dieser und alles mit ganz denselben Augen ansehe wie dieser. Kurz,
der Gast machte alle möglichen Anstrengungen, um sich Herrn Goljadkins
Wohlwollen zu erwerben, so daß dieser schließlich zu der Ansicht
gelangte, sein Gast sei in jeder Hinsicht ein sehr liebenswürdiger
Mensch. Inzwischen wurde Tee gebracht; es war zwischen acht und neun
Uhr. Herr Goljadkin fühlte sich in vortrefflicher Stimmung; er war
heiter geworden, machte Scherze, ging ein wenig aus sich heraus und ließ
sich endlich in ein sehr lebhaftes, angeregtes Gespräch mit seinem Gaste
ein. Herr Goljadkin liebte es, wenn er guter Laune war, manchmal etwas
Unterhaltendes zu erzählen. Das tat er auch jetzt: er erzählte seinem
Gaste viel von der Residenz, von ihren Vergnügungen und Schönheiten, vom
Theater, von den Klubs, von dem Brülowschen Gemälde[3], daß zwei
Engländer expreß aus England nach Petersburg gekommen seien, um das
Gitter des Sommergartens zu besehen, und sogleich wieder zurückgefahren
seien, vom Dienste, von Olsufi Iwanowitsch und von Andrei Filippowitsch,
daß sich Rußland von Stunde zu Stunde mehr der Vollkommenheit nähere,
und daß jetzt hier die schönen Wissenschaften in Blüte ständen, von
einer Anekdote, die er kürzlich in der »Nordischen Biene« gelesen hatte,
und daß es in Indien eine ganz außerordentlich starke Riesenschlange
gebe, zuletzt von dem Baron Brambäus[4]) usw. usw. Kurz, Herr Goljadkin
war völlig zufrieden, erstens weil er ganz beruhigt war, zweitens weil
er seine Feinde nicht nur nicht mehr fürchtete, sondern sogar bereit
war, sie jetzt alle zum Entscheidungskampfe herauszufordern, drittens
weil er jetzt selbst in eigener Person jemandes Protektor geworden war,
und schließlich weil er ein gutes Werk tat. Er war sich übrigens
innerlich bewußt, daß er in diesem Augenblicke noch nicht ganz glücklich
war, daß in ihm noch ein Wurm saß, wenn auch nur ein ganz kleiner, der
auch jetzt noch sein Herz quälte. Die Erinnerung an den gestrigen Abend
bei Olsufi Iwanowitsch war ihm äußerst peinlich. Er hätte jetzt viel
darum gegeben, wenn manches von dem, was gestern geschehen war, nicht
geschehen wäre. »Indessen es hat ja nicht viel zu bedeuten!« sagte unser
Held sich schließlich und nahm sich im stillen fest vor, sich künftig
gut zu führen und ähnliche Fehler nicht wieder zu begehen. Da Herr
Goljadkin jetzt sehr gut gelaunt war und sich auf einmal fast völlig
glücklich fühlte, so kam er sogar auf den Einfall, das Leben zu
genießen. Petruschka mußte Rum bringen, und es wurde ein Punsch gebraut.
Gast und Wirt leerten jeder ein Glas und ein zweites. Der Gast benahm
sich noch liebenswürdiger als vorher und gab viele Beweise seiner
Aufrichtigkeit und seines trefflichen Charakters; er ging kräftig auf
Herrn Goljadkins vergnügte Stimmung ein, schien sich nur über dessen
Freude zu freuen und blickte ihn wie seinen wahren und einzigen
Wohltäter an. Eine Feder und ein Blättchen Papier ergreifend, bat er
Herrn Goljadkin nicht zuzusehen, was er schreiben werde, und zeigte
dann, als er fertig war, selbst seinem Wirte alles, was er geschrieben
hatte. Es ergab sich, daß es eine vierzeilige Strophe war, von sehr
gefühlvollem Inhalt, in schönem Stil und mit guter Handschrift
geschrieben und augenscheinlich von dem liebenswürdigen Gaste selbst
verfaßt. Die Verse lauteten:
»Solltest je du mein vergessen,
Niemals doch vergeß ich dein;
Viel begibt sich wohl im Leben,
Doch vergiß auch du nicht mein!«