Bette. All die außerordentlichen Erlebnisse des gestrigen Tages und die
ganze unglaubliche, seltsame Nacht mit ihren fast unmöglichen Abenteuern
stellten sich sofort mit einem Male seiner Denkkraft und seinem
Gedächtnisse dar. Eine derartige grimmige, höllische Bosheit seiner
Feinde und namentlich der letzte Beweis dieser Bosheit ließen Herrn
Goljadkins Herz zu Eis erstarren. Aber zugleich war dies alles so
seltsam, unbegreiflich, absonderlich, es erschien so unmöglich, daß es
tatsächlich schwer war, an diese ganze Sache zu glauben; Herr Goljadkin
neigte sogar selbst dazu, dies alles für einen wesenlosen Fiebertraum,
für eine augenblickliche Verwirrung der Einbildungskraft, für eine
Verdunkelung des Verstandes zu halten; aber glücklicherweise wußte er
aus eigener bitterer Erfahrung, wieweit manchmal die Bosheit einen
Menschen zu bringen vermag, und wieweit manchmal die Grausamkeit eines
Feindes gehen kann, der sich für eine Kränkung seiner Ehre oder seines
Ehrgeizes rächen möchte. Dazu kam, daß Herrn Goljadkins wie zerschlagene
Glieder, sein benommener Kopf, sein steifes Kreuz und sein bösartiger
Schnupfen bestätigendes Zeugnis dafür ablegten, daß es mit der gestrigen
nächtlichen Wanderung und dem, was sich bei dieser Wanderung zugetragen
hatte, seine Richtigkeit habe. Und schließlich hatte Herr Goljadkin auch
schon längst gewußt, daß seine Feinde etwas gegen ihn planten, und daß
da noch ein anderer mit ihnen unter einer Decke steckte. Aber was, was
hatten sie vor? Nach gründlicher Überlegung entschied sich Herr
Goljadkin dafür, zu schweigen, sich zu fügen und vorläufig nicht dagegen
zu protestieren. »Vielleicht beabsichtigen sie nur, mich zu erschrecken,
und wenn sie sehen, daß ich nicht darauf reagiere, nicht protestiere,
sondern mich ganz ruhig verhalte und alles ruhig ertrage, so werden sie
auch aufhören, von selbst aufhören und sogar die ersten sein, die
aufhören.«
Solche Gedanken gingen Herrn Goljadkin durch den Kopf, als er, sich in
seinem Bette ausstreckend und die gelähmten Glieder wieder
zurechtbringend, darauf wartete, daß Petruschka wie gewöhnlich ins
Zimmer käme. Er wartete schon eine Viertelstunde lang; er hörte, wie der
faule Petruschka hinter der Scheidewand mit dem Samowar herumhantierte,
konnte sich aber nicht dazu entschließen, ihn zu rufen. Wir können noch
mehr sagen: Herr Goljadkin fürchtete sich jetzt sogar ein wenig davor,
seinem Petruschka Auge in Auge gegenüberzutreten. »Gott weiß,« dachte
er, »Gott weiß, wie dieser Schlingel jetzt die ganze Sache ansieht. Er
schweigt und schweigt, macht sich aber gewiß seine eigenen Gedanken
darüber.« Endlich knarrte die Tür, und Petruschka erschien mit einem
Präsentierbrett in den Händen. Herr Goljadkin schielte schüchtern nach
ihm hin und wartete ungeduldig darauf, was nun kommen werde, und ob er
endlich etwas über den bewußten Vorgang sagen werde. Aber Petruschka
sagte nichts, sondern war im Gegenteil noch schweigsamer, mürrischer und
ärgerlicher als gewöhnlich und schielte finster um sich her; überhaupt
war zu merken, daß er mit irgend etwas äußerst unzufrieden war; er
blickte seinen Herrn sogar nicht ein einziges Mal an (was, beiläufig
gesagt, bei Herrn Goljadkin eine peinliche Empfindung hervorrief),
setzte alles, was er trug, auf den Tisch, drehte sich um und ging
schweigend wieder zurück hinter seine Scheidewand. »Er weiß es, er weiß
es, er weiß alles, der Taugenichts!« murmelte Herr Goljadkin, während er
sich anschickte, seinen Tee zu trinken. Aber unser Held richtete an
seinen Diener keinerlei Fragen, obgleich Petruschka nachher noch mehrere
Male zur Erledigung von allerlei Obliegenheiten ins Zimmer kam. Herr
Goljadkin befand sich in sehr aufgeregter Gemütsverfassung. Er ängstigte
sich auch davor, in die Kanzlei zu gehen. Er hatte ein starkes
Vorgefühl, als werde ihm dort etwas Unangenehmes begegnen. »Wenn man da
hinkommt,« dachte er, »kann einem leicht etwas passieren! Ist es nicht
besser, noch ein Weilchen hierzubleiben und zu warten? Mögen sie sich
dort ohne mich behelfen; ich will heute hierbleiben, neue Kraft sammeln,
mich erholen, über diese ganze Geschichte ordentlich nachdenken und dann
den richtigen Augenblick abpassen und sie alle durch mein Erscheinen
überraschen.« Während Herr Goljadkin diese Überlegungen anstellte,
rauchte er eine Pfeife nach der andern; die Zeit verging; es war beinah
halb zehn. »Sieh mal an, es ist ja schon halb zehn,« dachte Herr
Goljadkin; »nun ist es sowieso zu spät zum Hingehen. Und überdies bin
ich krank; selbstverständlich bin ich krank, unbedingt krank; wer will
sagen, daß ich nicht krank wäre? Was kann mir passieren? Und wenn sie
auch herschicken, um es feststellen zu lassen, und wenn auch der
Inspektor kommt: was kann mir denn in der Tat passieren? Ich habe ja
Rückenschmerzen und Husten und Schnupfen; und schließlich darf ich bei
diesem Wetter schlechterdings nicht ausgehen, unter keinen Umständen;
ich könnte ernstlich krank werden und am Ende gar sterben; die
Sterblichkeit ist zurzeit überhaupt eine besonders große ...« Durch
solche Erwägungen beruhigte Herr Goljadkin endlich sein Gewissen
vollkommen und rechtfertigte sich im voraus vor sich selbst gegen den
Verweis, den er von Andrei Filippowitsch wegen Nachlässigkeit im Dienste
zu erwarten hatte. Überhaupt liebte in allen ähnlichen Lagen unser Held
es sehr, sich durch allerlei unwiderlegliche Argumente in seinen eigenen
Augen zu rechtfertigen und auf diese Art sein Gewissen zu beruhigen.
Nachdem er dies also auch jetzt getan hatte, griff er von neuem nach der
Pfeife, stopfte sie und fing gerade an ordentlich zu rauchen -- da
sprang er schnell vom Sofa auf, warf die Pfeife hin, wusch, rasierte und
kämmte sich schnell, zog die Uniform und alles übrige an, ergriff einige
Akten und eilte nach der Kanzlei.
Herr Goljadkin betrat sein Dienstlokal in der unruhigen Erwartung von
irgend etwas sehr Üblem, in einer Erwartung, die zwar unbewußt und
unklar, dabei aber doch recht unangenehm war; bescheiden setzte er sich
auf seinen festen Platz neben dem Tischvorsteher Anton Antonowitsch
Sjetotschkin. Ohne jemand anzusehen oder mit jemand ein paar freundliche
Worte zu wechseln, vertiefte er sich in den Inhalt der vor ihm liegenden
Papiere. Er hatte sich entschlossen und fest vorgenommen, allem aus dem
Wege zu gehen, was ihn zu kompromittierenden Äußerungen herausfordern
konnte, also unbescheidenen Fragen, Späßen und unpassenden Anspielungen
auf die Ereignisse des gestrigen Abends; er hatte sich sogar
vorgenommen, den Austausch der gewöhnlichen Höflichkeiten mit den
Kollegen, d. h. Fragen nach dem Befinden und dergleichen, zu
unterlassen. Aber es war auch klar, daß er das auf die Dauer unmöglich
aushalten konnte. Die Unruhe und die Ungewißheit über ein ihm nahe
bevorstehendes Ungemach quälten ihn stets mehr als das Ungemach selbst.
Dies war der Grund, weswegen er trotz seines festen Vorsatzes, sich auf
nichts einzulassen und allem aus dem Wege zu gehen, doch manchmal
verstohlen und sachte den Kopf in die Höhe hob, heimlich zur Seite nach
rechts und links blickte, die Gesichter seiner Kollegen musterte und aus
ihnen zu entnehmen suchte, ob etwas Neues, Besonderes vorliege, das ihn
beträfe und ihm in irgendwelcher bösen Absicht verheimlicht würde. Er
nahm mit Sicherheit an, daß alles, was er gestern erlebt hatte, mit
allem, was ihn jetzt umgab, in Verbindung stehe. Er begann endlich in
seiner Aufregung zu wünschen, es möchte sich doch alles irgendwie
entscheiden, nur recht bald; wenn es auch auf ein Unglück hinausliefe,
immerhin! Wie gut verstand das Schicksal Herrn Goljadkins Wunsch: kaum
war dieser in ihm rege geworden, als seine Zweifel auf einmal gelöst
wurden, aber freilich auf eine sehr seltsame und unerwartete Weise.
Die Tür nach dem Nachbarzimmer knarrte auf einmal leise und bescheiden,
wie wenn sie dadurch zum Ausdruck bringen wollte, daß die eintretende
Person von sehr geringer Bedeutung sei, und eine Gestalt, die Herrn
Goljadkin sehr bekannt vorkam, erschien schüchtern gerade vor dem
Tische, an welchem unser Held Platz genommen hatte. Unser Held hob den
Kopf nicht in die Höhe; nein, er sah diese Gestalt nur ganz flüchtig von
unten her an; aber schon hatte er alles bis auf die kleinsten
Einzelheiten erkannt und begriffen. Er erglühte vor Scham und beugte
ganz in derselben Absicht seinen armen Kopf in das Aktenstück, mit
welcher der von dem Jäger verfolgte Strauß seinen Kopf in den heißen
Sand steckt. Der Neuangekommene verbeugte sich vor Andrei Filippowitsch,
und darauf ließ sich dessen Stimme in förmlich-freundlichem Tone
vernehmen, in demjenigen Tone, in dem an allen Dienststellen die
Vorgesetzten zu neu eingetretenen Untergebenen reden. »Setzen Sie sich
hierher,« sagte Andrei Filippowitsch und wies den Neuling nach Anton
Antonowitschs Tisch hin; »hierher, Herrn Goljadkin gegenüber; mit Arbeit
werden wir Sie sofort versehen.« Zum Schluß machte Andrei Filippowitsch
dem Neuangekommenen eine höflich ermahnende Handbewegung und vertiefte
sich dann schleunigst in den Inhalt einiger Aktenstücke, deren ein
ganzer Haufe vor ihm lag.
Herr Goljadkin hob endlich doch die Augen auf, und wenn er nicht in
Ohnmacht fiel, so geschah dies nur deshalb nicht, weil er alles schon
vorher geahnt, alles schon von vornherein gewußt und in seinem Herzen
schon erraten hatte, wer der Ankömmling war. Herrn Goljadkins erste
Bewegung war, schnell um sich zu blicken, ob nicht ein Geflüster
entstanden sei, ob nicht Witzeleien von der in Bureaus üblichen Art
gemacht würden, ob nicht jemand vor Erstaunen das Gesicht verziehe oder
gar vor Schreck unter den Tisch gefallen sei. Aber zu seiner größten
Verwunderung war an niemandem etwas Derartiges zu bemerken. Das
Verhalten seiner Herren Kollegen überraschte ihn. Es schien ihm ganz
ohne Sinn und Verstand zu sein. Herr Goljadkin erschrak sogar über
dieses auffällige Stillschweigen. Die Wirklichkeit sprach für sich
selbst; die Sache war seltsam, absonderlich, ungeheuerlich. Es war aller
Grund zur Aufregung vorhanden. All diese Gedanken gingen Herrn Goljadkin
selbstverständlich nur ganz flüchtig durch den Kopf. Er selbst hatte die
Empfindung, als ob er auf gelindem Feuer geröstet würde. Und das war
sehr erklärlich. Derjenige, der Herrn Goljadkin jetzt gegenübersaß, war
der, welcher Herrn Goljadkin gestern so erschreckt, geängstigt,
gepeinigt hatte, mit einem Worte, es war Herr Goljadkin selbst, nicht
jener Herr Goljadkin, der jetzt mit offenem Munde, die trocken gewordene
Feder in der Hand, auf dem Stuhle saß, nicht jener, der als Gehilfe
seines Tischvorstehers fungierte, nicht jener, der gern in der Menge
untertauchte und verschwand, nicht jener endlich, dessen Gang deutlich
sagte: »Tut mir nichts zuleide, dann werde ich euch auch nichts zuleide
tun,« oder: »Tut mir nichts zuleide; ich tue euch ja auch nichts
zuleide,« nein, dies war ein anderer Herr Goljadkin, ein ganz anderer,
der aber gleichzeitig dem ersten völlig ähnlich war, von derselben
Größe, von demselben Wuchse, ebenso gekleidet, mit einer ebensolchen
Glatze; kurz, nichts, geradezu nichts war zur vollständigen Ähnlichkeit
vergessen, so daß, wenn man sie nebeneinander gestellt hätte, niemand,
entschieden niemand gewagt haben würde zu entscheiden, wer eigentlich
der wirkliche Goljadkin und wer der falsche sei, wer der alte und wer
der neue, wer das Original und wer die Kopie.
Unser Held befand sich, wenn dieser Vergleich möglich ist, jetzt in der
Lage eines Menschen, über den sich ein Schalk lustig macht, indem er zum
Spaß heimlich ein Brennglas auf ihn richtet. »Was ist das nun? Ist es
ein Traum oder nicht?« dachte er; »ist es Wirklichkeit oder eine
Fortsetzung des gestrigen Erlebnisses? Aber mit welchem Rechte geschieht
eigentlich dies alles? Wer hat die Anstellung eines solchen Beamten
gestattet? Wer hat dazu eine Berechtigung erteilt? Schlafe ich? Träume
ich?« Herr Goljadkin versuchte ins klare zu kommen, indem er sich selbst
kniff; er dachte sogar daran, dies mit irgendeinem andern vorzunehmen
... Nein, es war kein Traum; das stand fest. Herr Goljadkin fühlte, daß
der Schweiß stromweis an ihm herunterfloß, daß mit ihm etwas noch nie
Dagewesenes, bisher Unerhörtes vorging, und daß dieser Vorgang, um das
Unglück voll zu machen, eben wegen dieser Neuheit unschicklich war; denn
Herr Goljadkin begriff und fühlte, wie nachteilig es war, bei einem
Vorgange, der in dieser Weise den Spott herausforderte, das erste
Beispiel zu sein. Er begann endlich sogar an seiner eigenen Existenz zu
zweifeln, und obgleich er vorher auf alles vorbereitet gewesen war und
selbst gewünscht hatte, daß seine Zweifel auf irgendeine Weise gelöst
werden möchten, so war ihm das Eintreten dieses Ereignisses selbst
schließlich doch unerwartet gekommen. Der Kummer drückte ihn nieder und
quälte ihn. Zeitweilig war er der Denkkraft und des Gedächtnisses völlig
beraubt. Wenn er nach einem solchen Augenblicke wieder zur Besinnung
kam, so merkte er, daß er mit der Feder mechanisch und bewußtlos über
das Papier fuhr. Da er sich selbst nicht traute, so begann er alles
Geschriebene nachzuprüfen; aber er verstand nichts davon. Endlich stand
der andere Herr Goljadkin, der bisher still und friedlich dagesessen
hatte, auf und verschwand zum Zwecke irgendwelcher Besorgung hinter der
Tür, die in eine andere Abteilung führte. Herr Goljadkin blickte um
sich; aber es war nichts zu bemerken; alles war still; man hörte nur das
Kratzen der Federn, das Geräusch der umgeschlagenen Blätter und in den
von Andrei Filippowitschs Sitze weiter entfernten Winkeln leises
Gespräch. Herr Goljadkin blickte Anton Antonowitsch an, und da aller
Wahrscheinlichkeit nach das Gesicht unseres Helden seine jetzige
Stimmung widerspiegelte und mit dem ganzen Charakter des Vorgangs
harmonierte, folglich in gewisser Beziehung sehr merkwürdig war, so
legte der gutmütige Anton Antonowitsch die Feder hin und erkundigte sich
in besonders teilnahmsvoller Art nach Herrn Goljadkins Gesundheit.
»Gott sei Dank, Anton Antonowitsch, ich ...« erwiderte Herr Goljadkin
stotternd, »ich bin ganz gesund, Anton Antonowitsch; ich kann
augenblicklich nicht klagen, Anton Antonowitsch,« fügte er in unsicherem
Tone hinzu, da er diesem Anton Antonowitsch, dessen Namen er so häufig
angebracht hatte, noch immer nicht ganz traute.
»So so! Und ich hatte schon geglaubt, Sie wären nicht wohl. Übrigens
wäre das ja auch kein Wunder, im Gegenteil! Es herrschen jetzt allerlei
ansteckende Krankheiten, wissen Sie ...!«
»Ja, ich weiß, Anton Antonowitsch, daß solche Krankheiten herrschen ...
Aber, Anton Antonowitsch, das ist nicht der Grund, weswegen ich ...«
fuhr Herr Goljadkin, seinen Tischvorsteher unverwandt anblickend, fort.
»Sehen Sie, Anton Antonowitsch, ich weiß nicht einmal, wie ich Ihnen ...
d. h. ich will sagen, von welcher Seite ich diese Sache anfassen soll,
Anton Antonowitsch ...«
»Was meinen Sie? Ich habe Sie ... wissen Sie ... ich muß bekennen, ich
verstehe Sie noch nicht recht; bitte, erklären Sie deutlicher, was Sie
so in Verlegenheit setzt,« sagte Anton Antonowitsch, der selbst ein
wenig verlegen wurde, da er sah, daß Herrn Goljadkin sogar Tränen in die
Augen getreten waren.
»Ich weiß wirklich nicht, Anton Antonowitsch ... hier ... da ist ein
Beamter, Anton Antonowitsch ...«
»Na! Ich verstehe immer noch nicht.«
»Ich will sagen, Anton Antonowitsch, es ist hier ein neu eingetretener
Beamter.«
»Ja freilich; ein Namensvetter von Ihnen.«
»Wie?« rief Herr Goljadkin.
»Ich sage: ein Namensvetter von Ihnen; er heißt ebenfalls Goljadkin. Ist
er kein Verwandter von Ihnen?«
»Nein, Anton Antonowitsch, ich ...«
»Hm! Nun sagen Sie mal! Und ich hatte geglaubt, er wäre gewiß ein naher
Verwandter von Ihnen. Wissen Sie, es ist da so eine gewisse
Familienähnlichkeit.«
Herr Goljadkin war starr vor Erstaunen, und eine Weile versagte ihm die
Zunge den Dienst. Wie konnte der andre eine in ihrer Art so seltene,
eine so ungeheuerliche, unerhörte Sache so leichthin behandeln, eine
Sache, die sogar einen ganz unbeteiligten Zuschauer befremden mußte! Wie
konnte er von Familienähnlichkeit sprechen, wo ein reines Spiegelbild
vorlag!
»Wissen Sie, was ich Ihnen raten möchte, Jakow Petrowitsch?« fuhr Anton
Antonowitsch fort. »Sie sollten zu einem Arzte gehen und den befragen.
Wissen Sie, Sie sehen ganz krank aus. Besonders Ihre Augen ... wissen
Sie, Ihre Augen haben so einen besonderen Ausdruck.«
»Nicht doch, Anton Antonowitsch; ich fühle allerdings ... d. h. ich
wollte noch fragen, wie es mit diesem Beamten steht.«
»Wieso?«
»Das heißt, haben Sie an ihm nicht etwas Besonderes bemerkt, Anton
Antonowitsch ... etwas sehr Auffälliges?«
»Inwiefern?«
»Ich meine zum Beispiel eine überraschende Ähnlichkeit mit jemand, Anton
Antonowitsch, d. h. zum Beispiel mit mir. Sie sprachen soeben von einer
Familienähnlichkeit, Anton Antonowitsch, und machten darüber so eine
beiläufige Bemerkung ... Wissen Sie, es kommen manchmal Zwillinge vor,
die sich ähnlich sehen wie ein Ei dem andern, so daß man sie gar nicht
unterscheiden kann. Nun also, von solcher Ähnlichkeit rede ich.«
»Ja,« versetzte Anton Antonowitsch nach kurzem Nachdenken, und wie wenn
ihm dieser Umstand jetzt zum ersten Male auffiele, »ja, allerdings! Sie
haben recht, die Ähnlichkeit ist wirklich erstaunlich; und Sie urteilen
ganz richtig: sie ist so groß, daß man wirklich den einen für den andern
nehmen kann,« fuhr er fort, indem er die Augen immer weiter öffnete.
»Und wissen Sie, Jakow Petrowitsch, es ist sogar eine wunderbare
Ähnlichkeit, eine märchenhafte Ähnlichkeit, wie man zu sagen pflegt, d.
h. er sieht vollständig so aus wie Sie ... Haben Sie das bemerkt, Jakow
Petrowitsch? Ich wollte Sie schon selbst bitten, es mir zu erklären;
aber ich muß bekennen, ich habe es anfänglich nicht gebührend beachtet.
Es ist ein Wunder, in der Tat ein Wunder! Sagen Sie mal, Jakow
Petrowitsch, Sie sind ja wohl nicht hier geboren, wie?«
»Nein.«
»Er ist auch kein Hiesiger. Vielleicht stammt er aus demselben Orte wie
Sie. Gestatten Sie die Frage: wo hat Ihre Mutter meistens gelebt?«
»Sie sagten ... Sie sagten, Anton Antonowitsch, er sei kein Hiesiger?«
»Allerdings, er ist nicht von hier. Aber wirklich, es ist ein reines
Wunder,« fuhr der redselige Anton Antonowitsch fort, für den es das
größte Vergnügen war, wenn er über irgendetwas plaudern konnte. »In der
Tat, die Sache kann einen neugierig machen; wie oft geht man an
dergleichen vorüber, streift daran an, stößt daran an und bemerkt es
nicht! Beunruhigen Sie sich übrigens nicht! So etwas kommt vor! Wissen
Sie, da möchte ich Ihnen erzählen: ganz dasselbe begegnete meiner Tante
von mütterlicher Seite; die sah sich auch vor ihrem Tode doppelt ...«
»Nein, ich ... entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, Anton
Antonowitsch ... ich wollte mich erkundigen, was es mit diesem Beamten
für eine Bewandtnis hat, d. h. aus welchen Gründen er hier ist.«
»Er ist an Stelle des verstorbenen Semjon Iwanowitsch hier; in dessen
vakanten Platz ist er eingerückt; es war eine Vakanz entstanden, und da
hat man ihn eingestellt. War doch ein prächtiger Mensch, dieser Semjon
Iwanowitsch; drei Kinder hat er hinterlassen, wie man sagt, eines immer
kleiner als das andere. Die Witwe hat sich Seiner Exzellenz zu Füßen
geworfen. Man sagt übrigens, sie verberge Geld; sie habe welches,
verberge es aber ...«
»Nein, Anton Antonowitsch, ich wollte gern noch mehr über jenen
eigentümlichen Fall hören.«
»Was meinen Sie? Ach ja! Aber warum interessieren Sie sich so dafür? Ich
sage Ihnen: beunruhigen Sie sich nicht darüber! Das geht alles vorüber.
Was ist denn dabei? Sie können ja nichts dafür; das hat nun einmal unser
Herrgott selbst so eingerichtet; das ist sein Wille gewesen, und darüber
zu murren ist Sünde. Darin erkennt man seine Weisheit. Sie aber, Jakow
Petrowitsch, sind, soviel ich davon verstehe, in keiner Weise schuld
daran. Was gibt es nicht alles für Wunderdinge auf der Welt! Mutter
Natur ist freigebig, und Sie werden dafür nicht zur Rechenschaft gezogen
werden; Sie werden das nicht zu verantworten brauchen. Da fällt mir zum
Beispiel ein, Sie haben ja wohl gehört, wie die ... wie nennt man sie
doch? ... ja, die siamesischen Zwillinge, wie die mit dem Rücken
zusammengewachsen sind und so zusammen leben und essen und schlafen; es
heißt, sie nehmen eine Menge Geld ein.«
»Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ...«
»Ich verstehe Sie, ich verstehe Sie! Ja! Nun ja, was ist dabei? Gar
nichts! Ich sage: nach meiner vollen Überzeugung haben Sie keinen Anlaß,
sich zu beunruhigen. Was liegt denn vor? Er ist ein Beamter wie andere,
und es scheint ja, daß er ein tüchtiger Arbeiter ist. Er sagt, er heiße
Goljadkin und sei nicht von hier und sei Titularrat. Er hat persönlich
mit Seiner Exzellenz gesprochen.«
»Und wie hat sich Seine Exzellenz dazu gestellt?«
»Es ist nichts Besonderes darüber zu sagen. Der Mensch hat sich, wie man
sagt, hinreichend ausgewiesen und seine Gründe dargelegt. Er hat gesagt:
>So und so, Exzellenz; ich besitze kein Vermögen und möchte gern amtlich
tätig sein, und es wäre mir eine besondere Ehre, wenn mir das unter
Ihrer Leitung vergönnt wäre,< ... na, und alles, wie es sich gehört;
wissen Sie, er hat sich ganz geschickt ausgedrückt. Es muß ein kluger
Mensch sein. Na, selbstverständlich hat er auch eine Empfehlung
mitgebracht; ohne eine solche wäre es ja nicht gegangen ...«
»Von wem war die denn? ... Das heißt, ich meine, wer hat denn eigentlich
bei dieser schändlichen Sache seine Hand im Spiele gehabt?«
»Ja, man sagt, es sei eine gute Empfehlung gewesen; man sagt, Seine
Exzellenz habe mit Andrei Filippowitsch zusammen gelacht.«
»Mit Andrei Filippowitsch gelacht?«
»Jawohl; er habe gelächelt und gesagt, es sei gut, und er seinerseits
sei nicht abgeneigt, wenn er nur seine dienstlichen Obliegenheiten treu
erfüllen wolle ...«
»Bitte, weiter! Sie beruhigen mich einigermaßen, Anton Antonowitsch; ich
bitte Sie inständig: weiter!«
»Gestatten Sie, ich wundere mich wieder über Sie ... Na ja, na, die
Sache ist ja ganz unwichtig; das Ereignis ist weiter nicht wunderbar;
ich sage: beunruhigen Sie sich nicht; man braucht daran nichts
bedenklich zu finden ...«
»Nein. Ich möchte Sie noch fragen, Anton Antonowitsch, ob Seine
Exzellenz weiter nichts hinzugefügt hat ... zum Beispiel etwas, was mich
betrifft.«
»Das heißt, gewiß! Ja freilich! Oder vielmehr nein, nichts, Sie können
ganz beruhigt sein. Wissen Sie, das ist ja selbstverständlich, daß die
Sache sehr auffallend ist, und zuerst ... ja, sehen Sie, ich zum
Beispiel habe sie zuerst fast gar nicht beachtet. Ich weiß wirklich
nicht, warum ich sie nicht eher beachtet hatte, als bis Sie mich darauf
aufmerksam machten. Aber übrigens, Sie können ganz beruhigt sein. Seine
Exzellenz hat nichts Besonderes gesagt, gar nichts gesagt,« fügte der
gutmütige Anton Antonowitsch hinzu, indem er sich von seinem Stuhle
erhob.
»Also, Anton Antonowitsch, ich möchte ...«
»Bitte, entschuldigen Sie mich! Ich habe schon zu viel Zeit mit diesen
Kleinigkeiten verplaudert, und da ist eine wichtige, eilige Sache. Die
muß ich notwendig fertigmachen.«
»Anton Antonowitsch!« rief Andrei Filippowitschs Stimme in höflichem
Tone. »Seine Exzellenz wünscht Sie zu sprechen.«
»Sofort, sofort, Andrei Filippowitsch; ich komme sofort.« Anton
Antonowitsch ergriff einen Pack Akten und lief zuerst zu Andrei
Filippowitsch und dann in das Arbeitszimmer Seiner Exzellenz.
»Also wie liegt denn die Sache?« dachte Herr Goljadkin bei sich. »Also
wie steht mein Spiel? Was macht der Himmel jetzt für ein Gesicht? ... Es
steht nicht übel; die Sache hat eine sehr angenehme Wendung genommen,«
sagte unser Held im stillen, indem er sich die Hände rieb und vor
Freuden den Stuhl unter seinem Leibe nicht spürte. »Also ist meine Sache
eine ganz gewöhnliche Sache. Also wird alles ein harmloses Ende nehmen
und keine schlimmen Folgen haben. Es hat tatsächlich niemand etwas
gemerkt, und meine Kollegen, diese Banditen, haben sich keine
Dreistigkeiten herausgenommen; sie sitzen still da und beschäftigen sich
mit ihren Akten; prächtig, prächtig! Ich habe diesen guten Menschen,
unsern Anton Antonowitsch, sehr gern; ich habe ihn immer sehr gern
gehabt und hochgeschätzt ... Übrigens, ja ... wenn man bedenkt ...
dieser Anton Antonowitsch ... verlassen kann man sich doch nicht auf
ihn: er ist doch schon ganz grau und vor Alter recht wackelig geworden.
Das beste und wichtigste ist übrigens, daß Seine Exzellenz nichts gesagt
hat und die Sache so hat vorübergehen lassen. Das ist gut; das freut
mich! Nur, warum mischt sich Andrei Filippowitsch da mit seinem
Gelächter hinein? Was kümmert ihn die Sache? Dieser alte Fuchs! Immer
ist er mir im Wege; immer sucht er einem einen Strich durch die Rechnung
zu machen; immer kommt er einem in die Quere und ist einem hinderlich;
immer ist er einem hinderlich und kommt einem in die Quere ...«