er einen tiefen Eindruck gemacht habe. Er stand, die Augen bescheiden
niederschlagend, da und wartete darauf, daß Olsufi Iwanowitsch ihn
umarme. Unter den Gästen war eine starke Erregung und Verwunderung
wahrnehmbar; selbst der unerschütterliche, schreckliche Gerasimowitsch
stotterte bei den Worten »Wohl kaum« ... als plötzlich das
erbarmungslose Orchester, wie wenn nichts vorgefallen wäre, eine Polka
intonierte. Alles war in den Wind gesprochen, alles vergeblich geredet.
Herr Goljadkin fuhr zusammen; Gerasimowitsch trat zurück; alles, was im
Saale war, wogte wie ein Meer durcheinander, und Wladimir Semjonowitsch
trat schon als erstes Paar mit Klara Olsufjewna an und der schöne
Leutnant mit der jungen Fürstin Tschewtschechanowa als zweites.
Neugierig und entzückt drängten sich die Zuschauer herum, um bei der
Polka zuzusehen, diesem interessanten, neuen, modernen Tanze, der allen
die Köpfe verdrehte. Herr Goljadkin war vorläufig vergessen. Aber auf
einmal geriet alles in Aufregung, Verwirrung und Unruhe; die Musik brach
ab ... es hatte sich etwas Sonderbares begeben. Von dem Tanze erschöpft
war Klara Olsufjewna, vor Ermüdung nur mühsam atmend, mit glühenden
Wangen und hochwogender Brust, endlich ganz kraftlos auf einen Stuhl
gesunken. Alle blickten mit herzlicher Freude auf das reizende,
bezaubernde Mädchen; alle beeilten sich wetteifernd, ihr
Liebenswürdigkeiten zu sagen und ihr für das Vergnügen, das sie ihnen
bereitet habe, zu danken, -- da stand auf einmal Herr Goljadkin vor ihr.
Er war blaß und ganz verstört; er schien sich ebenfalls in einem
Schwächezustande zu befinden; er konnte sich kaum bewegen. Er lächelte
verlegen und streckte bittend die Hand aus. In ihrem Erstaunen hatte
Klara Olsufjewna nicht Zeit, ihre Hand fortzuziehen, und erhob sich
mechanisch auf Herrn Goljadkins Aufforderung hin. Herr Goljadkin neigte
sich wankend nach vorn, zuerst einmal, dann ein zweites Mal; dann hob er
das Bein und machte eine Art Scharrfuß; dann stampfte er polkamäßig auf;
dann stolperte er ... er hatte ebenfalls mit Klara Olsufjewna tanzen
wollen. Klara Olsufjewna schrie auf; alle stürzten zu ihr hin, um ihre
Hand aus Herrn Goljadkins Hand zu befreien, und auf einmal sah sich
unser Held durch die Menge etwa zehn Schritte weit weggedrängt. Um ihn
herum bildete sich ebenfalls ein Kreis. Man hörte das Kreischen und
Schreien zweier alter Damen, die Herr Goljadkin bei seinem Rückzuge
beinah umgestoßen hatte. Die Verwirrung war entsetzlich; alle fragten,
alle schrien, alle schalten. Das Orchester verstummte. Unser Held drehte
sich in seinem Kreise hin und her und murmelte mechanisch, ab und zu
lächelnd, etwas vor sich hin, worin folgende Bruchstücke vorkamen: warum
er denn nicht ... und die Polka sei, wenigstens nach seinem Urteil, ein
neuer, sehr interessanter Tanz, der zum Vergnügen der Damen erfunden sei
... aber unter diesen Umständen sei er gern bereit zu erklären, daß er
verzichte. Aber eine solche Erklärung schien niemand von Herrn Goljadkin
zu verlangen. Unser Held fühlte, daß sich plötzlich eine Hand auf seinen
Arm legte, daß eine andere Hand sich ein wenig gegen seinen Rücken
stemmte, und daß er mit besonderer Sorgfalt nach einer bestimmten Seite
dirigiert wurde. Endlich bemerkte er, daß es geradeswegs auf die Tür zu
ging. Herr Goljadkin wollte schon etwas sagen, etwas tun ... Aber nein,
er wollte nichts mehr. Er lächelte nur mechanisch. Dann merkte er, daß
man ihm seinen Mantel anzog und ihm seinen Hut auf die Augen drückte.
Dann fühlte er sich auf dem Flur, in der Dunkelheit und Kälte, und dann
auf der Treppe. Zuletzt stolperte er, und es kam ihm vor, als fiele er
in einen Abgrund; er wollte aufschreien ... plötzlich befand er sich auf
dem Hofe. Die frische Luft schlug ihm entgegen, und er blieb einen
Augenblick stehen; gerade in diesem Augenblick schlugen die Klänge des
von neuem einsetzenden Orchesters an sein Ohr. Auf einmal erinnerte Herr
Goljadkin sich an alles; es schien, als ob alle seine gesunkenen Kräfte
ihm wieder zurückkehrten. Er riß sich von der Stelle los, an der er bis
dahin wie angenagelt gestanden hatte, und stürzte Hals über Kopf hinaus,
irgendwohin, in die Luft, ins Freie, wohin ihn die Beine trugen.
5. Kapitel
Auf allen Petersburger Türmen, auf denen Uhren die Stunden zeigten und
schlugen, schlug es gerade Mitternacht, als Herr Goljadkin ganz außer
sich dicht bei der Ismailowski-Brücke auf die Uferstraße an der Fontanka
hinausgelaufen kam, nachdem er sich vor seinen Feinden gerettet hatte,
und vor den Verfolgungen, und vor dem Hagel von Püffen, der auf ihn
niedergeprasselt war, und vor dem Geschrei der aufgeregten alten Damen,
und vor den Ach's und Oh's der übrigen Weiblichkeit, und vor Andrei
Filippowitschs vernichtenden Blicken. In Herrn Goljadkin war gar kein
Leben mehr, im vollen Sinne des Wortes kein Leben mehr, und wenn ihm in
diesem Augenblicke noch die Fähigkeit zu laufen verblieben war, so war
das nur durch ein Wunder geschehen, durch ein Wunder, an das er selbst
nicht glauben wollte. Es war eine schreckliche Nacht, eine richtige
Novembernacht, feucht, neblig, mit Regen und Schnee, eine Nacht, in der
man auf das leichteste zu Rheumatismus, Schnupfen, Bräune und allen
möglichen Arten und Gattungen von Fiebern gelangen konnte, kurz eine
Nacht, die alle Annehmlichkeiten des Petersburger Novembers in sich
vereinigte. Der Wind heulte in den öden Straßen, staute das schwarze
Wasser der Fontanka auf und rüttelte ingrimmig an den schlanken Laternen
der Uferstraße, die ihrerseits sein Geheul mit einem hellen,
durchdringenden Getön beantworteten, was ein jedem Einwohner von
Petersburg wohlbekanntes schrilles, klirrendes Konzert ergab. Es regnete
und schneite gleichzeitig. Vom Winde getrieben fuhren die Regenstrahlen
beinah in horizontaler Richtung einher wie aus einer Feuerspritze und
stachen dem unglücklichen Herrn Goljadkin ins Gesicht wie tausend
Nadeln. Inmitten der nächtlichen Stille, die nur durch das ferne
Wagenrollen, das Geheul des Windes und das Klirren der Laternen
unterbrochen wurde, ließ sich trübselig das Plätschern und Rauschen des
Wassers vernehmen, das von allen Dächern und Gesimsen und aus allen
Dachrinnen auf das granitne Trottoir strömte. Weit und breit war keine
Menschenseele zu erblicken; ja, dies schien zu solcher Zeit und bei
solchem Wetter von vornherein unmöglich zu sein. So trabte denn Herr
Goljadkin jetzt allein mit seiner Verzweiflung auf dem Trottoir an der
Fontanka in seiner gewöhnlichen trippelnden, eiligen Gangart dahin, mit
dem Wunsche, möglichst schnell nach seiner Schestilawotschnaja-Straße,
nach seiner vierten Etage und nach seiner Wohnung zu gelangen.
Obwohl der Schnee, der Regen und alle sonstigen unnennbaren
Unannehmlichkeiten einer feuchten, stürmischen Petersburger
Novembernacht zugleich auf den ohnehin schon durch das Unglück tief
gebeugten Herrn Goljadkin eindrangen und ihm nicht die geringste
Erholungspause vergönnten, ihn bis auf die Knochen durchpusteten, ihm
die Augen verklebten, ihn von allen Seiten umwehten, ihn beinah umwarfen
und ihm die letzte Besinnung raubten, obwohl all dies zusammen auf Herrn
Goljadkin einstürmte, als ob es sich mit all seinen Feinden verschworen
hätte, ihm den Garaus zu machen: so blieb trotz alledem Herr Goljadkin
doch gegen diesen letzten Feindschaftsbeweis des Schicksals fast
unempfindlich; so stark hatte alles, was ihm einige Minuten vorher bei
dem Herrn Staatsrat Berendejew begegnet war, ihn ergriffen und
erschüttert! Wenn jetzt ein fremder, unbeteiligter Zuschauer im stillen
von der Seite her Herrn Goljadkins gramvolle Flucht beobachtet hätte, so
hätte auch der einen furchtbaren Schreck über die Nöte des Armen
bekommen und sicherlich gesagt, Herr Goljadkin sehe jetzt so aus, als
wolle er sich vor sich selbst irgendwohin verstecken, als wolle er vor
sich selbst irgendwohin fliehen! Ja, es war wirklich so. Wir können noch
mehr sagen: Herr Goljadkin wünschte nicht nur vor sich selbst zu
fliehen, sondern sogar gänzlich vernichtet zu werden, nicht zu
existieren, in Staub und Asche verwandelt zu werden. Im gegenwärtigen
Augenblicke nahm er nichts von dem, was ihn umgab, wahr; er verstand
nichts, was um ihn herum geschah, und sah so aus, als ob tatsächlich für
ihn weder die Unannehmlichkeiten der greulichen Nacht, noch der weite
Weg, noch der Regen, noch der Schnee, noch der Wind, noch das ganze
gräßliche Wetter existierten. An Herrn Goljadkins rechtem Bein war der
Gummischuh vom Stiefel abgegangen und auf dem Trottoir an der Fontanka
im Schmutze und im Schnee stecken geblieben; aber es kam Herrn Goljadkin
gar nicht in den Sinn, seinetwegen umzukehren; er hatte den Verlust
überhaupt nicht bemerkt. Er war so verstört, daß er trotz allem, was ihn
umgab, ganz erfüllt von dem Gedanken an die schreckliche Katastrophe,
von der er soeben betroffen war, mehrere Male plötzlich regungslos wie
ein Pfahl mitten auf dem Trottoir stehen blieb; in solchen Augenblicken
war er dem Tode, dem Verscheiden nahe; dann riß er sich auf einmal wie
ein Wahnsinniger von dem Platze los und lief ohne sich umzusehen davon,
wie wenn er sich vor irgendwelchen Verfolgern, vor irgendwelchem noch
furchtbareren Unglück retten wollte ... Wirklich, seine Lage war
schrecklich! ... Endlich, als seine Kräfte völlig erschöpft waren, blieb
Herr Goljadkin stehen, stützte sich auf das Geländer am Ufer in der
Haltung jemandes, der plötzlich ganz unerwartet von Nasenbluten befallen
ist, und begann starr in das trübe, schwarze Wasser der Fontanka
hinabzublicken. Es ist unbekannt, wieviel Zeit er mit dieser
Beschäftigung verbrachte. Bekannt ist nur, daß Herr Goljadkin in diesem
Augenblicke so verzweifelt, so abgequält, abgemartert und abgemattet war
und dermaßen die an sich schon schwachen Überreste von Lebensmut
verloren hatte, daß er alles vergaß: die Ismailowski-Brücke und die
Schestilawotschnaja-Straße und seine jetzige Lage ... In der Tat, was
konnte ihm noch weiter begegnen? Es war ihm ja jetzt alles gleich: die
Sache war geschehen, sein Entschluß unerschütterlich gefaßt; was konnte
ihm noch widerfahren? ... Plötzlich ... plötzlich zuckte er mit dem
ganzen Körper zusammen und sprang unwillkürlich ein paar Schritte zur
Seite. Mit einer unerklärlichen Unruhe begann er um sich zu blicken;
aber es war niemand da, es hatte sich nichts Besonderes ereignet, und
doch ... und doch war es ihm so gewesen, als hätte jemand soeben, in
diesem Augenblicke bei ihm gestanden, dicht neben ihm, ebenfalls auf das
Ufergeländer gelehnt, und hätte (wunderbar!) sogar etwas zu ihm gesagt,
schnell, abgebrochen und nicht ganz verständlich, aber über einen ihn
angehenden, ihn sehr nahe angehenden Gegenstand. »Ach was, es wird mir
nur so vorgekommen sein, nicht wahr?« sagte Herr Goljadkin, indem er
sich noch einmal rings umschaute. »Aber wo stehe ich denn hier? ... Ach
ja, ach ja!« schloß er, den Kopf hin und her wiegend, begann aber mit
einem unruhigen, traurigen Gefühle, ja mit Angst in die trübe, feuchte
Ferne zu blicken, wobei er seine Augen aufs äußerste anstrengte und sich
unter Aufbietung aller Kraft bemühte, mit seinem kurzsichtigen Blicke
den nassen Dunst, der sich vor ihm ausbreitete, zu durchdringen.
Indessen fiel Herrn Goljadkin nichts Neues und nichts Besonderes in die
Augen. Alles schien in gehöriger Ordnung zu sein, d. h. der Schnee fiel
noch stärker, noch dichter und in noch größeren Flocken; in einer
Entfernung von zwanzig Schritten war nicht das geringste zu sehen; die
Laternen klirrten noch schärfer als vorher, und der Wind schien sein
trauriges Lied in noch weinerlicherem, kläglicherem Tone zu singen, wie
ein zudringlicher Bettler, der um ein Kupferstückchen bittet, um sich zu
ernähren. »Ach ja, ach ja! Aber was ist denn mit mir?« wiederholte Herr
Goljadkin noch einmal, machte sich von neuem auf den Weg und warf
fortwährend flüchtige Blicke rings um sich. Aber unterdessen machte sich
in Herrn Goljadkins ganzem Wesen eine neue Empfindung geltend, ein
Mittelding zwischen Kummer und Angst ... Ein fieberhaftes Zittern lief
durch seine Glieder. Es war ein unerträglich peinvoller Augenblick!
»Nun, es ist ja nichts Schlimmes,« sagte er, um sich Mut zu machen;
»nun, es ist ja nichts Schlimmes; vielleicht ist die Sache überhaupt
nicht schlimm, und niemandes Ehre ist befleckt. Vielleicht mußte es so
kommen,« fuhr er fort, ohne selbst zu verstehen, was er sagte;
»vielleicht wird das alles sich seinerzeit gut gestalten, und es werden
gegen niemand Vorwürfe erhoben werden, und alle werden gerechtfertigt
dastehen.« Während er so sprach und sich mit Worten das Herz leichter
machte, rüttelte Herr Goljadkin sich ein wenig und schüttelte sich die
Schneeflocken ab, die ihm in dichter Schicht den Hut, den Kragen, den
Mantel, das Halstuch, die Stiefel und alles bedeckten; aber das
sonderbare Gefühl, seine seltsame, unklare Schwermut konnte er immer
noch nicht loswerden, nicht von sich abschütteln. Irgendwo in der Ferne
ertönte ein Kanonenschuß. »Das ist mal ein Wetter!« dachte unser Held.
»Horch! Es wird doch keine Überschwemmung geben? Offenbar ist das Wasser
sehr stark gestiegen.« Kaum hatte Herr Goljadkin dies gesagt oder
gedacht, als er vor sich einen Passanten ihm entgegenkommen sah, der
sich wahrscheinlich, ebenso wie er selbst, aus irgendwelchem Anlaß
verspätet hatte. Die Sache hätte als etwas ganz Unbedeutendes,
Zufälliges erscheinen können; aber aus einem nicht verständlichen Grunde
regte sich Herr Goljadkin darüber auf und wurde sogar etwas ängstlich
und verwirrt. Nicht eigentlich, daß er sich vor einem schlechten
Menschen gefürchtet hätte, sondern vielleicht nur so, ohne rechten Grund
... »Aber wer kennt ihn schließlich, diesen verspäteten Wanderer,«
dachte Herr Goljadkin flüchtig; »vielleicht hat er es auch gerade auf
mich abgesehen, und ich bin hier die Hauptsache, und er geht nicht
zwecklos, sondern hat seine bestimmte Absicht und kreuzt geflissentlich
meinen Weg und wird mit mir anbinden.« Vielleicht dachte übrigens Herr
Goljadkin das eigentlich nicht, sondern hatte nur für einen Augenblick
eine ähnliche, sehr unangenehme Empfindung. Übrigens hatte er zu
Gedanken und Empfindungen keine Zeit mehr; der Fußgänger war schon nur
noch zwei Schritte von ihm entfernt. Herr Goljadkin beeilte sich sofort
nach seiner steten Gewohnheit eine ganz besondere Miene anzunehmen, eine
Miene, die deutlich zum Ausdruck brachte, daß er, Goljadkin, still für
sich dahingehe und sich um nichts kümmere, und daß der Weg für alle
breit genug sei, und daß er selbst, Goljadkin, niemandem etwas zuleide
tue. Plötzlich blieb er wie angenagelt, wie vom Blitz gerührt stehen,
drehte sich dann schnell um und blickte dem Passanten nach, der soeben
an ihm vorbeigegangen war, und zwar drehte er sich mit einer solchen
Miene um, als wenn ihn eine fremde Kraft rückwärts zöge, als wenn ihn
der Wind wie eine Wetterfahne umdrehte. Der Fußgänger war schnell in dem
Schneegestöber verschwunden. Auch er ging eilig, auch er war wie Herr
Goljadkin gekleidet und vom Kopf bis zu den Füßen eingehüllt und
trippelte ebenso wie dieser mit schnellen, kleinen Schritten in einer
Art von Trab auf dem Trottoir an der Fontanka dahin. »Was ist das?«
flüsterte Herr Goljadkin, mißtrauisch lächelnd, aber am ganzen Leibe
zitternd. Ein kalter Schauder lief ihm den Rücken entlang. Unterdessen
war der Passant gänzlich verschwunden, auch seine Schritte waren nicht
mehr zu hören; aber Herr Goljadkin stand immer noch da und sah ihm nach.
Endlich indes kam er allmählich wieder zur Besinnung. »Aber was soll
denn das heißen?« dachte er ärgerlich; »bin ich denn wirklich verrückt
geworden?« Er wandte sich um und setzte seinen Weg fort, wobei er seine
Schritte mehr und mehr beschleunigte und sich bemühte, überhaupt an
nichts mehr zu denken. Zuletzt schloß er sogar in dieser Absicht die
Augen. Auf einmal schlug mitten in dem Geheul des Windes und dem
Geräusch des Unwetters wieder der Schall sehr naher Schritte an sein
Ohr. Er fuhr zusammen und machte die Augen auf. Vor ihm war in einer
Entfernung von ungefähr zwanzig Schritten wieder die dunkle Gestalt
eines Menschen sichtbar, der sich ihm schnell näherte. Dieser Mensch
eilte und hastete; die Entfernung verminderte sich rasch. Herr Goljadkin
konnte seinen neuen verspäteten Gefährten sogar schon ganz deutlich
sehen; er blickte hin und schrie vor Erstaunen und Schreck auf; die
Beine brachen unter ihm zusammen. Es war jener selbe ihm bekannte
Fußgänger, den er etwa zehn Minuten vorher an sich hatte vorbeigehen
sehen, und der plötzlich ganz unerwartet jetzt wieder vor ihm erschien.
Indes war dieses Wunder nicht der einzige Grund, weswegen Herr Goljadkin
erstaunt war; erstaunt aber war Herr Goljadkin in so hohem Grade, daß er
stehen blieb, aufschrie und etwas sagten wollte. Er machte sich daran,
dem Unbekannten nachzulaufen; er rief ihm sogar etwas zu, wahrscheinlich
in dem Wunsche, ihn schneller zum Stehenbleiben zu veranlassen. Der
Unbekannte blieb wirklich ungefähr zehn Schritte von Herrn Goljadkin
entfernt stehen, und zwar so, daß das Licht einer nahestehenden Laterne
vollständig auf seine ganze Gestalt fiel; er blieb stehen, wandte sich
zu Herrn Goljadkin um und wartete mit ungeduldiger, ernster Miene
darauf, was dieser ihm sagen werde. »Entschuldigen Sie; ich habe mich
wohl geirrt,« sagte unser Held mit zitternder Stimme. Der Unbekannte
drehte sich schweigend und ärgerlich wieder um und setzte schnell seinen
Weg fort, wie wenn er sich beeilen wollte, die mit Herrn Goljadkin
verlorenen zwei Sekunden wieder einzubringen. Was Herrn Goljadkin
betrifft, so zitterten ihm alle Glieder, die Knie wurden ihm schwach und
knickten ein, und er setzte sich stöhnend auf einen neben dem Trottoir
stehenden Prellstein. Übrigens hatte er wirklich allen Grund, in solche
Bestürzung zu geraten. Die Sache war die, daß dieser Unbekannte ihm
jetzt gewissermaßen bekannt vorkam. Und das wäre alles noch nichts
gewesen. Aber er erkannte diesen Menschen, erkannte ihn jetzt fast mit
Sicherheit. Er hatte ihn häufig gesehen, diesen Menschen, hatte ihn
irgendwann gesehen, sogar erst ganz vor kurzem; wo war das doch gewesen?
Etwa gestern? Übrigens war auch das wieder nicht die Hauptsache, daß
Herr Goljadkin ihn häufig gesehen hatte: es war auch an diesem Menschen
fast nichts Besonderes; er konnte entschieden beim ersten Blicke
niemandes besondere Aufmerksamkeit erregen. Er war eben ein Mensch wie
alle andern, selbstverständlich ein ordentlicher Mensch wie alle
ordentlichen Menschen und besaß vielleicht irgendwelche, sogar recht
erheblichen guten Eigenschaften; kurz, er war ein gewöhnlicher Mensch.
Herr Goljadkin hegte sogar keinen Haß, keine Feindschaft, ja nicht
einmal den leisesten Widerwillen gegen diesen Menschen, es hätte sogar
scheinen können, daß das Gegenteil der Fall sei; und doch (und in diesem
Umstande lag das Hauptgewicht), und doch hätte er für keine Schätze der
Welt gewünscht, ihm zu begegnen und besonders ihm so zu begegnen wie z.
B. jetzt. Wir können noch mehr sagen: Herr Goljadkin kannte diesen
Menschen genau: er wußte sogar, wie er mit dem Vatersnamen und dem
Familiennamen hieß: aber doch hätte er um keinen Preis und, um den
Ausdruck zu wiederholen, für keine Schätze der Welt ihn nennen oder
zugeben mögen, daß der Mensch da so heiße, diesen Vatersnamen und diesen
Familiennamen führe. Wie lange Herrn Goljadkins verständnisloses Brüten
dauerte, ob er lange auf dem Prellstein saß, das kann ich nicht sagen;
aber als er endlich ein wenig zur Besinnung gekommen war, begann er auf
einmal aus Leibeskräften zu laufen, ohne sich umzublicken; der Atem ging
ihm aus; er stolperte zweimal und wäre beinah hingefallen, und bei
dieser Gelegenheit verwaiste auch Herrn Goljadkins zweiter Stiefel,
indem er ebenfalls seinen Gummischuh verlor. Endlich mäßigte Herr
Goljadkin seinen Schritt ein wenig, um wieder zu Atem zu kommen, blickte
eilig um sich und sah, daß er bereits, ohne es zu merken, seinen ganzen
Weg an der Fontanka entlang zurückgelegt, die Anitschkow-Brücke
überschritten, einen Teil des Newski-Prospektes entlang gegangen war und
jetzt an der Kreuzung mit der Liteinaja-Straße stand. Herr Goljadkin bog
in die Liteinaja-Straße ein. Seine Lage glich in diesem Augenblicke der
Lage eines Menschen, der am Rande eines furchtbaren Abgrundes steht,
wenn die Erde unter seinen Füßen sich loslöst, sich schon geneigt, sich
schon in Bewegung gesetzt hat, zum letzten Male schwankt, fällt und ihn
in den Abgrund hinabreißt, während der Unglückliche nicht genug geistige
Kraft und Energie besitzt, um zurückzuspringen und seine Augen von dem
gähnenden Schlunde abzuwenden; der Abgrund zieht ihn an, und er springt
schließlich selbst in ihn hinein und beschleunigt selbst den Augenblick
seines eigenen Unterganges. Herr Goljadkin wußte, fühlte und war völlig
überzeugt, daß ihm unbedingt unterwegs noch etwas Übles zustoßen, daß
ihm noch irgendwelche Unannehmlichkeit widerfahren, daß er z. B. seinem
Unbekannten wieder begegnen werde; aber seltsam: er wünschte diese
Begegnung sogar, hielt sie für unvermeidlich und wünschte nur, daß alles
möglichst schnell zu Ende gehen, seine Lage sich irgendwie entscheiden
möchte, aber nur recht bald. Dabei aber lief und lief er immer, und zwar
wie von einer fremden Kraft getrieben; denn in seinem ganzen Wesen
fühlte er eine Art von Taubheit und Schwäche; er konnte nichts
überlegen, obgleich seine Gedanken sich wie ein Dorngesträuch an alles
anhakten. Ein verlaufenes Hündchen, ganz naß und zitternd, schloß sich
an Herrn Goljadkin an und lief eilig neben ihm her; es hatte den Schwanz
und die Ohren angedrückt und blickte von Zeit zu Zeit schüchtern und mit
leicht verständlichem Ausdruck zu ihm hin. Ein ferner, längst schon
vergessener Gedanke, die Erinnerung an ein weit zurückliegendes
Ereignis, kam ihm jetzt in den Kopf, klopfte wie ein Hammer darin umher,
ärgerte ihn und wollte nicht wieder weichen. »Ach, der widerwärtige
kleine Hund!« flüsterte Herr Goljadkin vor sich hin, ohne sich selbst zu
begreifen. Endlich erblickte er seinen Unbekannten an der Ecke der
Italjanskaja-Straße. Aber jetzt kam der Unbekannte ihm nicht mehr
entgegen, sondern er bewegte sich in derselben Richtung wie er und lief
ebenfalls, einige Schritte vor ihm. Endlich kamen sie in die
Schestilawotschnaja-Straße. Herr Goljadkin war ganz außer Atem. Der
Unbekannte blieb gerade vor dem Hause stehen, in welchem Herr Goljadkin
wohnte. Die Klingel ertönte und fast gleichzeitig das Kreischen des
eisernen Riegels. Das Pförtchen öffnete sich; der Unbekannte bückte
sich, schlüpfte hinein und war verschwunden. Fast in demselben
Augenblicke kam auch Herr Goljadkin eilig herbei und flog wie ein Pfeil
durch das Tor. Ohne auf den brummenden Hausknecht zu hören, lief er
atemlos auf den Hof und erblickte sogleich seinen interessanten
Gefährten wieder, den er einen Augenblick aus den Augen verloren gehabt
hatte. Der Unbekannte wurde ihm an dem Eingange zu derjenigen Treppe
flüchtig sichtbar, die zu Herrn Goljadkins Wohnung führte. Herr
Goljadkin stürzte ihm nach. Die Treppe war dunkel, feucht und schmutzig.
Auf allen Absätzen war eine Menge verschiedenartigen Gerümpels
aufgehäuft, das den Mietern gehörte, so daß ein ortsunkundiger Fremder,
der im Dunkeln auf diese Treppe geriet, wohl eine halbe Stunde
gebrauchte, um sich hinaufzuarbeiten, Gefahr lief, sich die Beine zu
brechen, und zugleich mit der Treppe auch seine Bekannten verwünschte,
die in einem so gräßlichen Hause Wohnung genommen hatten. Aber Herrn
Goljadkins Gefährte schien gut bekannt und ein Hausangehöriger zu sein;
er lief, ohne Schwierigkeiten zu finden, behende und mit völliger
Ortskenntnis hinauf. Herr Goljadkin hatte ihn beinah ganz eingeholt;
zwei- oder dreimal schlug ihm sogar der Saum des Mantels des Unbekannten
an die Nase. Sein Herzschlag drohte auszusetzen. Der geheimnisvolle
Mensch blieb gerade vor der Tür zu Herrn Goljadkins Wohnung stehen,
klopfte, und (was übrigens zu anderer Zeit Herrn Goljadkin in Erstaunen
versetzt hätte) Petruschka öffnete, wie wenn er gewartet und sich nicht
schlafen gelegt hätte, sogleich die Tür und empfing den Eintretenden mit
einer Kerze in der Hand. Ganz außer sich lief der Held unserer Erzählung
in seine Wohnung hinein; ohne Mantel und Hut abzulegen, durchschritt er
den Flur und blieb wie vom Donner gerührt auf der Schwelle seines
Zimmers stehen. Herrn Goljadkins Ahnungen waren sämtlich in Erfüllung
gegangen. Alles, was er befürchtet und vorher vermutet hatte, war jetzt
zur vollen Wirklichkeit geworden. Der Atem stockte ihm, der Kopf
schwindelte ihm. Der Unbekannte saß vor ihm, ebenfalls in Mantel und
Hut, auf seinem eigenen Bette, lächelte leise, kniff die Augen ein wenig
zusammen und nickte ihm freundschaftlich zu. Herr Goljadkin wollte
aufschreien, aber er konnte es nicht; er wollte irgendwie Einspruch
erheben, aber seine Kraft reichte dazu nicht aus. Die Haare auf seinem
Kopfe sträubten sich, und er knickte, vor Schreck besinnungslos, da wo
er stand, zusammen. Und er hatte auch allen Grund entsetzt zu sein. Herr
Goljadkin hatte seinen nächtlichen Freund vollständig erkannt. Sein
nächtlicher Freund war kein anderer als er selbst, Herr Goljadkin
selbst, ein anderer Herr Goljadkin, aber vollständig derselbe wie er
selbst, mit einem Worte, was man nennt, sein Doppelgänger in jeder
Beziehung -- --
6. Kapitel