Der andere schwieg. Nach einer Weile sagte er in Qual: »Sie hat sich
um meinetwegen zerschlagen mit Vater, Mutter und Geschwistern, hat
ihr junges Leben hingelegt vor meine Füß und hat gegeben, wie man ein
Kräutl gibt, das heilsam ist für Not und Trauer eines Menschen. Kann
sein, es ist ein Unrecht gewesen, daß ich genommen hab. Hungert einer,
so stiehlt er beim Bäcken. Nie hab ich sie lieb gehabt. Ich bin ihr nur
gut gewesen, nur dankbar.« Er preßte die Zähne übereinander. »Wie mein
Kind wieder im Haus gewesen ist, hab ich einen Riegel fürgeschoben und
hab die Sus nimmer angerührt. Allweil ist ihre treue Sorg um mich die
gleiche geblieben. Jedes andre -- kann sein, ich selber -- hätt heut
in der Werkstatt fallen lassen, was ich in Müh geschaffen hab. Die Sus
hat helfen müssen. Wie's zugegangen ist, das weiß ich nit. Ich weiß
nur, die Sus ist so. Sie muß dran sterben. Ich leb.« Langsam hob er das
Gesicht. »Pfarrer! Tät man einen verblutenden Leib noch anbinden können
an einen Lebendigen, so müßt ich bitten: du sollst mich trauen mit der
Sus!« Er wandte die Augen zur Krippenwand. »Jetzt hab ich sie lieb.«
Schweigend trat der Pfarrer auf ihn zu und strich ihm mit der Hand
übers Haar. Dem Meister fuhr das Gesicht herum, weil er draußen einen
Schritt vernahm. Simeon Lewitter trat in die Stube. Und Niklaus, vom
Sessel aufzuckend, keuchte: »Ist Hilf?« Ohne die Antwort abzuwarten,
sprang er auf die Türe zu. Simmi breitete wehrend die Arme auseinander:
»Nit! Tu bleiben!« Er führte den Zitternden wieder zum Sessel und
sprach zu ihm in seiner sanften, halblauten Art. Der Pfarrer,
schweigend, ging zur Holzverschalung der Mauer und drückte auf den
versteckten Knopf. Lautlos öffneten sich die beiden Flügeltüren der
Krippe. Die sonnige Fensterhelle leuchtete hinein in die Nische,
machte alle Farben der hundert Figürchen flimmern, umglänzte die drei
Gestalten unter dem Kreuze, gab dem Frühlingsbild der zierlichen
Landschaft einen warmen Schein -- und ohne daß die kleinen Lampen
brannten, glitzerten die winzigen, aus Glassplittern gebildeten
Fenster an Kirche und Hütten, als wär's um die Morgenstunde, die einen
strahlenden Tag verspricht.
»Komm, Nicki! Oder wär's nit so in dir, daß du beten mußt?«
Nun standen die drei Männer wortlos vor der Nische, jeder mit dem
Arm um den Hals des anderen. Dieses Schweigen war das verbrüderte
Gebet ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihres
gemeinsamen Harrens auf einen Menschenmorgen, der kommen mußte -- nach
Jahrhunderten, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere;
bald, so hoffte der dritte.
Auf den Kirchtürmen schlugen die Glocken mit schwebendem Hall die erste
Mittagsstunde.
Das war die gleiche Stunde, in der die siebenhundert vom großen Jagen
aus dem Land Gepeitschten ihr letztes Gebet auf heimatlichem Boden zum
Himmel sangen.
Sie hatten die steigende Wegstrecke vor dem Hallturm erreicht.
Alle Gesichter der Wandernden waren der Ferne zugerichtet, der sie
entgegenschritten. Nur die Augen der Kranken, die, mit den Köpfen
gegen die Zugtiere, gebettet lagen im Wagenstroh, waren rückwärts
gerichtet nach dem Lande, das sie verließen. Und plötzlich, während die
lange Karrenzeile schwerfällig hinaufkletterte über die Steigung, hob
der hundertjährige Jakob Aschauer die dürren, gichtisch verkrümmten
Hände aus den Strohhalmen, tat einen klagenden Schrei und griff mit
zuckenden Fingern gegen die blaue Heimat, die schon versunken war
hinter Hügeln und Gehölzen und noch ein letztesmal heraufstieg mit
gewellten Frühlingswiesen, mit blitzenden Gewässern, mit sammetgrünen
Fichtengehängen, mit sonnbeglänzten Dächern und Mauern, mit den
erwachenden Almen und den kettengleich ins Endlose geschichteten
Silberkanten der noch von Schnee umschütteten Zinnen. Und alles
hineingewoben ins reine Blau, alles umschmeichelt von warmer Sonne,
alles umgossen vom schönen Frieden der lautlosen Ferne. Wieder ein
Klagelaut, so schrill wie ein Falkenschrei. Und die mühsame Stimme des
Hundertjährigen: »Leut! Ihr Leut! Ach luget sell naus! Das Ländl! Das
liebe Ländl! Das Paradeis, aus dem sie uns alle verjagen!«
Das faßte einen um den andern; alle Gesichter wandten sich; hundert
Stimmen rannen zusammen; der Zug der Wagen staute sich; die
Viehtreiber ließen die Stricke der Tiere fallen, um die Fäuste vor die
Augen zu pressen; viele Kinder fingen zu weinen an und klammerten sich
an die Röcke, an die Hälse der Mütter; Männer und Buben umschlangen
sich mit den Armen, und die siebenhundertfache Trauer und Liebe floß
ineinander zu einem einzigen, machtvollen Seelenschrei, der ähnlich
war dem Brausen eines stürzenden Wildbachs. Die Arme breiteten sie
aneinander wie Gekreuzigte, sie schrien verzückte Laute in das
Hallgewoge dieses hundertfältigen Schmerzes und griffen nach der Erde,
die sie verlassen mußten für immer. Kein Fluch und keine Verwünschung
war zu hören. Nur Segensworte, nur Laute der inbrünstigen Treue. Und
Leupolt Raurisser, um dessen Schultern die schwarzweißen Bänder des
Führers flatterten, hob neben dem Wagen des Hundertjährigen die Hände
gegen das Blau. Sein Gesicht war entstellt. Aus seinen Augen, die
trocken geblieben waren in der härtesten seiner Qualen, stürzten die
Tränen, während er mit klingender Stimme den Psalm begann:
»Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen --«
Die Siebenhundert fielen ein, auf den Wagenbrettern und im Staub der
Straße lagen sie auf den Knien, und ihr betendes Lied, ihr letztes auf
dem Boden der Heimat, schwamm in den Lüften wie das Feiertagsgeläut
einer schönen, heiligen Glocke.
Als sie zu tönen anfing, kamen aus einem Seitentälchen zwei alte Leute,
ein kleines Weibl mit kurzem Rock und ein langes, geselchtes Mannsbild
mit weißem Schnauzer. Vor einem schwerbeladenen Karren, an den drei
Ziegen und ein Geißbock angebunden waren, hingen die beiden in den
Zugriemen. Beim Hall des Liedes blieben sie stehen und guckten, das
Weib in Rührung, der Lange auf eine verdutzte Art, als wäre ihm etwas
unverständlich an den Klängen, die ihm entgegenrauschten. Er riß die
Augen auf und atmete schwül. In seinem braunen Gesicht erwachte etwas,
wie der Spiegelschein eines erschrockenen Gedankens. Immer härter
schnaufend, sah er sein Weibl an. »Du! Schneckin!«
»Was?«
»Wir zwei gehören da nit dazu. Die Leut da müssen einen Glauben
haben als wie ein Baum. Der unser ist bloß ein Stäudl, geht hin
und her und wackelt bei jedem Wind. Wir zwei, verstehst, wir zwei
gehören sell hin, wo der Bockmist düftelt.« Er hatte den Karren schon
gewendet. Die Schneckin begann zu weinen und der Hiesel knurrte:
»Kreuzhöllementsverteufelter Himmelhund, verstehst du denn nit, du
Schneehas ohne Löffel! Das ist doch kein Fürwurf.« Immer bitterlicher
weinte das Schneckenweibl. Da wurde der grobe Hiesel barmherzig und
legte den Arm um den kleinen, kurzröckigen Stöpsel. »Schau, was Guts
hat unsere Narrenschopferei halt doch gehabt. Verstehst?« Das Weib
schüttelte kummervoll den grauen Kopf, und tröstend sagte der Hiesel:
»So sauber, wie jetzt, ist unser Geißstallerl seit dreißig Jährlen noch
nie gewesen.« Die schwimmenden Augen der Schneckin wurden heller. So
viel Anerkennung hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie geerntet.
Mit dankbarem Lächeln sah sie am Hiesel hinauf und flüsterte wie ein
schämiges Mädel: »Vergeltsgott, Schneck!« Der quieksende Karren mit den
Meckerziegen verschwand hinter den Stauden, während auf der Straße
die fromme Glaubensglocke der Siebenhundert immer machtvoller und
inbrünstiger tönte:
»Ob bei uns ist der Sünden viel,
Bei Gott ist viel mehr Gnaden.
Sein Hand zu helfen hat kein Ziel,
Wie groß auch sei der Schaden.
Er ist allein der rechte Hirt,
Der Israel erlösen wird
Aus seinen Sünden allen.«
Als das Lied zu Ende klang, war tiefe Stille über den siebenhundert
gebeugten Köpfen. Leises Schluchzen. Und der hundertjährige Aschauer
bettelte mit erloschener Stimme: »Ich kann nit fahren, so lang ich
die Heimat seh, ach Leut, ach Leut, ach lasset mich bleiben, so lang
ein Aichtl Sonnlicht über dem Ländl hängt. Wenn's finsteret, will ich
fahren von Herzen gern.« Das Wort lief hin über die lange Reihe der
Karren, und hundert Stimmen riefen: »Wie's der Älteste haben will, so
muß man es machen.« Für jeden war's eine tröstende Freude, daß er die
Heimat noch schauen durfte einige Stunden lang und sie erst verlassen
mußte, wenn die Nacht sie umschleierte.
Nach allem Gram und Kummer dieses Tages hörte man heitere Worte. Alle
bedrückten, müdgewordenen Herzen lebten auf, und die schmale Zeile des
Exulantenzuges löste sich in die Breite. Die Hirten trieben das Vieh in
den Laubwald, um es weiden zu lassen; die Frauen und Mädchen stiegen
von den Karren, um die Ziegen und Kühe zu melken, damit die Kinder ihre
Milch bekämen; und die Männer und Buben trugen Holz zusammen für die
Kochstätten. An die hundert kleine Feuer fingen zu brennen an, und
in der Windstille des milden Nachmittages stiegen die Rauchsäulen wie
blaue Bäume zum Himmel hinauf.
Die Sonne wurde Gold, die Berge im Osten brannten, die steilen Wälder
im Westen wurden eisenblau, und die jungen Buben begannen zu singen wie
beim Sonnwendfeuer, wie vor dem Fenster einer Almerin. Und gählings
geschah ein Ding, daß alle Leute verwundert die Köpfe streckten.
Leupolt Raurisser rannte gegen die Talstraße hinunter, so flink, daß
die schwarzweißen Bänder wagrecht hinter seinem Nacken standen. Weil er
auf der mit Karren vollgepfropften Straße nicht flink genug vorwärts
kam, sprang er im Zickzack zwischen den weidenden Kühen. Und als die
Straße frei wurde, fing er ein Rasen an, noch wilder und schöner als
zwischen den galoppierenden Dragonergäulen. Weit vor ihm, in der Tiefe
der Talstraße, kam ein winziges Fuhrwerkelchen daher: ein Schubkarren
mit einem kleinen Koffer. Zwischen der Gabel bewegte sich was Junges,
hurtig Zappelndes, mit einem weißen Federbusch auf dem spanischen Hut.
Über dem Koffer lag der grüne Mantel, schön gefaltet, weiß überpulvert
vom Straßenstaub.
Leupolt schrie den Namen seines Glückes, daß von allen Wäldern ein Echo
kam.
Sie hörte den Schrei, setzte den Karren nieder und blieb unbeweglich.
Nun stand er vor ihr, heiß atmend vom jagenden Lauf, mit Augen, die
wie Sterne glänzten. Er streckte die Hände und wagte sein Glück nicht
zu berühren. Nach der ersten glühenden Scham tat Luisa einen frohen
Atemzug. Eine wundersame Ruhe überkam ihr Wesen. Sie sah zu ihm
hinauf. »Willst du mich nehmen, Leupi? Ich kann nit leben ohne dich.
Gott wird's verstehen. Der hat dich geschaffen. Da muß er auch wissen,
wie du bist.«
Er stammelte: »Jesus!« Und wagte zuerst nur ihre Hand zu fassen. Als er
den Druck ihrer Finger fühlte, kam's wie ein lachender Taumel über ihn.
Der spanische Hut verlor seinen graden Sitz. Und erst eine sehr
beträchtliche Weile später konnte Luisa sagen: »Evangelisch kann ich
nit werden. Daß ich im Herzen bei meiner Wahrheit bleib? Tust du mir
das verstatten?«
»Bleib, wie du bist, und allweil wirst du die Richtige sein.« Droben
auf der Straßenhöhe riefen viele Stimmen seinen Namen. »Die brauchen
mich. Komm, Bräutl!« Er wollte die Gabel des Schubkarrens fassen,
richtete sich wieder auf und fragte in Sorge: »Dein Vater, Luisli? Kann
er denn schnaufen ohne dich? Tut er mir denn mein Glück vergönnen?«
Sie sagte gläubig: »Der kommt uns nach. Heut hat er bekennen müssen und
ist eingeschrieben.«
Ein heißer, frohseliger Jauchzer. Und der geduldige Schubkarren mußte
noch eine Weile rasten. Hat man sein Mädel um den Hals, so kann man
keine Karrengabel in den Händen haben. Und als das Rädl wieder lief,
blieb Leupolt stumm. Weil er sinnen mußte. Nun ein heiteres Auflachen.
Hundert Schritte vor dem ersten Exulantenwagen stellte er den Karren
nieder, nahm den grünen Mantel vom Koffer, schüttelte den Staub davon
und faßte die Hand seines Glückes. »Komm! Ich such dir ein feines
Plätzl.« Zwischen den Stauden fand er eines. »Schau nur, wie alles
blüht um dich herum! Da mußt du warten ein Vaterunser lang.« Er sprang
davon, und der Karren mußte sausen, obwohl es aufwärts ging.
Auf dem Rücken eine Sesselkraxe, die er von einem Bauer geborgt hatte,
kam er wieder. »Schatzl? Gelt, du hast keinen Wanderschein?«