Sie schüttelte den Kopf. »Weil ich nur dich hab! Mir ist's genug.«

»Aber den Grenzmusketieren nit!« Er konnte nicht ernst werden, immer

mußte er lachen in seiner Freude. »Sie täten dich ohne Loskauf, Paß und

Polizeiverlaub nit über den Schlagbaum lassen. Schatz, es geht nimmer

anders, ich muß dich hinüberschwärzen in unser Glück. Aber deine Füßlen

sollen keinen Weg nit machen, der ein Unrecht ist. Hab ich die Freud,

so muß ich auch die Schuld haben.« Er ließ sich niederfallen auf die

Knie und flüsterte selig: »Komm! Steig auf! Und leg deinen Mantel auf

die Krax! Da hast du es linder.«

Ein scheues Zögern, ein leises Auflachen.

Leicht erhob sich Leupolt mit seiner lieben Last. In der Rechten den

Stecken, die Linke nach oben gestreckt als Halt für Luisas Hände, so

schritt er flink zwischen den Stauden hin, auf versteckten Wegen, wie

nur die Jäger sie kennen. Im dämmrigen Fichtenwalde verschwand er.

Eine Weile später ging die Sonne hinunter. Es finsterte schon und die

Sterne glänzten, als Leupolt wieder kam, mit der leeren Kraxe auf dem

Rücken.

Nun war's lebendig in der Karrenzeile. An der Spitze des Zuges tönten

drei Rufe eines Alphorns. Dann fingen die Räder zu knattern an, und die

lange Wagenreihe kletterte in der Dunkelheit über den Rest der Höhe

hinauf zur fürstpröpstlichen Grenze. Kleine Lichter -- wie Sterne, die

auf die Erde gefallen -- waren ausgestreut über die ganze Länge des

Zuges: die Wagenlaternen, und in zwei Reihen die Kienlichter, die von

den Jungbuben getragen wurden.

Das Paßgeschäft beim Hallturm währte vier Stunden lang. Die

Grenzmusketiere nahmen es genau. Es war schon über Mitternacht,

als hinter dem Scharwagen mit knarrender Feierlichkeit der

berchtesgadnische Schlagbaum herunterfiel. Außerhalb der Grenze ordnete

Leupolt den Zug. Und als die Lichterkette sich in Bewegung setzte,

sprang er durch den finsteren Hochwald davon. Bei den alten, zerstörten

Festungswerken der bayerischen Grenzhut stand er wieder am Saum der

Straße. Nicht allein.

Nun schritt er dem Zuge voraus, den Arm um Luisas Schultern

geschlungen. Sie hatte den Hut heruntergenommen und trug ihn am Gürtel.

»Luisli? Siehst du den schönen Stern da draußen? Das ist der Nordstern.

Sell müssen wir hin. Dort ist das Land des gütigen Helfers.«

Sie nickte stumm und schmiegte sich enger an seine Brust. Beugte er

sich ein bißchen nieder, so fanden seine Lippen ihr lindes Haar. Und

hob sie das Gesicht, so sah er beim Sternschein einen Glanz in ihren

Augen, ohne die Tränen zu sehen, die ihr von den Wimpern fielen. Die

einzige, die nasse Wangen hatte, war sie nicht. Viele weinten in der

Finsternis; die Frauen und Mädchen, die auf den Karren saßen; und alle

Mütter, auf deren Schoß und an deren Brüsten die müden Kinder schliefen

oder die furchtsamen wachten.

Ein Rauschen in der Nacht. Man wußte nicht, wo. Bald klang es ferne,

bald wieder nah.

Die Viere, die hinter Leupolt an der Spitze des Zuges schritten, fingen

zu singen an. Die Stimmen der Wandernden fielen ein. Sie sangen das

Stablied der Evangelischen, von dem man erzählte: daß es der gadnische

Bergmann Josef Schaitberger ersonnen hätte, den man vor vierzig Jahren

aus der Heimat trieb.

»Jesu, mein Wanderstab, mit Dir kann ich sorglos ziehen

Aus meinem lieben Land! Mit Dir kann ich fliehen,

Wenn mich des Feindes List aus meiner Ruhstatt jagt!

Du bleibst mein bester Freund, wenn Pharao mich plagt.

Jesu, mein Wanderstab, auf Dich kann ich mich lehnen,

Ach, sieh meine Flucht und zähl meine heißen Tränen,

Ich weiß, Du zählst sie, Du hältst sie in Deiner Hand,

Sei Du mein Himmelreich und mein neues Heimatland!

Jesu, mein Wanderstab, mein Licht, das nie sich neiget,

Hilf Deinem müden Knecht, der bittend sich beuget!

Bleib bei mir, bleib bei mir, bleib jetzt und für und für,

Der Tag hat enden müssen, es ist die Nacht vor mir.

Jesu, mein Wanderstab, die Heimat bleibt dahinten,

Mein Blick ist naß und sucht und kann sie nit finden.

Herr Jesu, kühl mir die Augen mit Deiner Hand,

Wo *Du* bist, Herr, da ist Heimat und Vaterland!«

Bücher von Ludwig Ganghofer:

Das Schweigen im Walde. *Roman*. Neue Ausgabe. 60. Tausend. Initialen

und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. Geh. 5 M., geb. 6,50 M.

Die Trutze von Trutzberg. *Eine Geschichte aus anno Domini 1445.*

Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. 46. Tausend.

Geh. 4 M., geb. 5,50 M.

Das große Jagen. *Roman aus dem 18. Jahrhundert.* Initialen und

Einbandzeichnung von Friedrich Felger. Geh. 6 M., geb. 7,50 M.

Fliegender Sommer. *Novellen.* Neue Ausgabe. Der Reihe nach 21.

Tausend. Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. Geh. 3,50 M.,

geb. 5 M.

Doppelte Wahrheit. *Neue Novellen.* 8°. 6. Tausend. Geh. 4 M., geb.

5,50 M.

Das Kaser-Mandl. *Eine Erzählung.* Neue Ausgabe mit Illustrationen

von Carl Röhling. 12°. 11. Tausend. Kart. 1,50 M., geb. 2,20 M.

Ob es die Deutschen genügend wissen, was sie an diesem Dichter für eine

Kraftquelle haben! Ob sie es ahnen, daß seine Schriften, so harmlos

und heiter sich viele derselben auch geben, eine Vorbereitung, eine

Stählung des Volksherzens für diesen ungeheuerlichen Verteidigungskrieg

geworden sind? Die Bayernkraft offenbarte Ganghofer uns, bevor sie zu

dem herrlichen Heldenringen auf den Plan trat.

*Peter Rosegger.*

Das große Jagen · 第 96 / 98 题