Nach allem Seelensturm des verflossenen Morgens lag die Sonnenstille
des Mittags über dem leeren Haus des Meisters. Die heimgekehrten
Schwalben umflogen den First, bauten an ihren Nestern oder saßen
rastend auf den geschnitzten Holzzieraten des Giebels.
Die Elfuhrglocke hatte schon geläutet, als Meister Niklaus herüberkam
vom Leuthaus. Die Sus, mit dem großen leergewordenen Korb über den
Zöpfen, betrachtete immer wieder in Sorge den wortlos vor sich
hinbrütenden Mann an ihrer Seite. Von der Freude, mit der er die
Hände seines verständig gewordenen Kindes geküßt hatte, war nichts
mehr an ihm zu merken. Auf den Erlösungsjubel, den ihm das offene
Bekenntnis seines Glaubens in die Seele gegossen, war ein drückender
Stein gefallen. Seiner Einzeichnung in die Exulantenliste hatte man
kein Hindernis bereitet, hatte auch der Sus keine Schwierigkeiten
gemacht, als sie ruhig und entschlossen ihre paar Buchstäbchen dicht
unter den Namen des Meisters kritzelte. Wegen seines Kindes erklärte
die Kommission: die Jungfer Zechmeister wäre als notorische Katholikin
in zureichenden Jahren, um selbst über ihr Schicksal entscheiden
zu können. Des weiteren müsse der Meister bedenken, daß man einen
so geschickten und notablen Künstler nicht über die Landesgrenze
ziehen lassen könne, auf die Gefahr hin, daß er die berchtesgadnische
Holzschneidekunst im Auslande verbreite, zur Schädigung der Heimat
und zum Nutzen der Augsburgischen, der Nürnberger oder gar der
preußischen _industria_. Die Entscheidung der Kommission hatte einige
Ähnlichkeit mit dem vom Grafen Saur über den Mälzmeister gefällten
Urteil: »Glaub er, was er wolle, und brau er uns auch fürderhin eine
so bekömmliche Biersorte wie bisher.« Wenn der Meister sein illustres
Kunstvermögen der Heimat treu erhalte, wolle man ihm in Glaubenssachen
keine fühlbaren Diffizilitäten bereiten; wäre aber sein Entschluß
zur Exulation ein unabänderlicher, so könne sein Auszug nur erfolgen
unter zureichender Kautionsstellung für allen Schadenersatz und nach
Ablegung eines heiligen, von zwei Bürgen unterstützten Eides: daß er im
Ausland für alle Lebenszeit auf jede Betätigung seiner Kunst verzichte.
»Ihr Herren, das heißt mein Leben erwürgen!« Ein Achselzucken war die
Antwort.
Vor seiner Haustür blieb Meister Niklaus in der Sonne stehen, beugte
den Kopf und bedeckte die Augen mit der linken Hand. Die Sus wurde
bleich bis in die Mundwinkel. Aber sie hatte doch die Kraft, um ruhig
zu sagen: »Ich mein', der Meister sollt sich zu seiner schönen Arbeit
stellen. Da ist ihm noch allweil jedes harte Ding ein trägliches
worden. Ich schaff derweil, daß der Meister nit warten muß auf die
Mahlzeit.«
Er nickte. »Ja, gute Sus! Vergiß auch nit, daß der Hochwürdige und
seine Schwester zum Essen kommen. Da ist noch Zeit, daß ich reden
kann mit dem Kind. Wir müssen's nehmen, wie es ist. Heut haben wir
so viel an Seelennot und Elend umlaufen sehen, daß wir nit klagen
dürfen, wenn uns ein schmerzhaftes Steinl hineingedruckt wird in den
eigenen Leib.« Er öffnete die Tür seiner Werkstätte. »Kind?« In dem
großen Raume blieb es still. Der Meister rief in den Flur hinaus:
»Das Kind muß droben in seinem Stübl sein. Gelt, sag ihr, sie soll
zu mir herunterkommen, gleich!« Draußen huschte die Sus über die
Stiege hinauf. Der Meister vertauschte den Gassenrock mit dem leichten
Arbeitskittel und band das lederne Schurzfell um. Eine Weile stand er
unbeweglich und betrachtete sein fast vollendetes Werk: die >heilige
Menschheit<. Schon dieses stille, halb zufriedene, halb mißtrauisch
forschende Sinnen schien ihm die drückende Seelenlast des Augenblicks
zu erleichtern. Er hörte nicht, daß droben die Sus ein paarmal den
Namen seiner Tochter schrie. Aufatmend griff er nach dem schweren
eisernen Schlägel und wollte unter den vielen Meißeln das Hohleisen
aussuchen, das er brauchte, um eine Gewandfalte zu vertiefen. Da sah
er das umgeworfene Spinnrad und ging, um es aufzuheben. Von der weißen
Spinnbank leuchtete ihm die rote Schrift entgegen, der Glücksbrief
seines ausgewanderten Kindes. Er las. In der Faust den eisernen
Schlägel, stieß er einen tonlosen Laut aus der Kehle.
Da stürzte die Sus mit entfärbtem Gesicht in die Werkstatt: »Meister
--« Die gleichen Worte, die sie ihm hatte sagen wollen, schrie er
selbst: »Das Kind ist fort! Ist dem Glück und dem Leupi zugesprungen.«
Auflachend und doch mit schwimmenden Augen, schleuderte Niklaus den
schweren Schlägel zur Werkbank hinüber. Und während die gewichtige
Eisenmasse gegen den bankförmigen Unterbau der Statue schmetterte, riß
er das Schurzfell herunter und sprang zur Türe.
»Das Gassenröckl!« Die Sus raffte den braunen Rock vom Sessel und
wollte dem Meister nachspringen. Hinter ihr ein Knirschen, wie wenn
ein Brett in Splitter geht. Sus drehte das Gesicht und sah, daß
die Statue der >heiligen Menschheit< sich zu bewegen begann, als
hätte sie jede Hoffnung auf den Himmel verloren und möchte sich mit
ausgebreiteten Armen niederneigen zur treueren Erde. Der Stoß des
Eisenschlägels hatte den Unterbau schief gedrückt; das viele Zentner
schwere Gewicht der Statue knickte das schräge Brett, und die Bildsäule
drohte vornüber zu stürzen. »Meister!« schrie die Sus mit gellendem
Laut, sprang gegen die Werkbank hin, um das Unglück zu verhüten, und
fing mit Brust und Armen das fallende Bildwerk auf. Sie war ein festes,
kraftvolles Mädel, die Sus. Dennoch brach sie unter dem Stoß, mit dem
die schwere Holzmasse gegen ihren Körper schlug, auf die Knie hinunter.
»Meister! Meister!« Immer schrie sie, immer schwächer klang ihre
Stimme. Mit dem Rest ihrer schwindenden Kräfte hielt sie die Statue
umklammert, um zu hindern, daß die Bildsäule gegen den Boden schlüge
und Schaden nähme. »Meister!« Tiefer und tiefer wurde das tapfere Mädel
gegen die Dielen niedergedrückt und lag unter der pressenden Holzmasse
ausgestreckt wie ein Weib, das in Liebe den Mann empfängt. »Meister,
ach, Meister --« Das waren Laute des Schmerzes, bei erlöschenden Sinnen
noch durchzittert von der Freude, daß des Meisters Arbeit, die für den
Glauben der Sus von allen Herrlichkeiten des Lebens die herrlichste
war, keinen Fehl und Makel erlitten hatte. Und schon so matt und müde
war dieser letzte Schrei, daß er nimmer hinausklang aus der Stille des
sonnenlos gewordenen Raumes. In keuchenden Zügen ging der Atem der
Ohnmächtigen.
Vor dem Fenster, durch das der sonnige Himmel hereinblaute, klang
zuweilen ein feiner Schwalbenschrei.
Und drüben beim Leuthaus rannte Meister Niklaus über die Reichenhaller
Straße hinaus. Von einer Höhe konnte er das Gelände bis Bischofswiesen
überschauen. Die Straße war leer. Nur in weiter Ferne ließ sich der
neblige Dunst erkennen, der von der Staubwolke des Exulantenzuges
zurückgeblieben war.
»Gott mit dir, mein Kind! Glück ist mehr als alles andre.«
Der Meister wandte sich und ging vorüber am Leuthaus, gegen den
Brunnenplatz. Die Marktgasse war wie abgestorben. Nur spielende Kinder.
Nicht viele. Und das Pflaster war bedeckt mit zerknickten Strohhalmen
und mit dem Unrat, den die abgewanderten Tiere zurückgelassen hatten.
Vor dem Stiftstor trafen sie zusammen, Meister Niklaus und Pfarrer
Ludwig. »Nicki?« Ein erwartungsvoller Blick war in den Augen des
Pfarrers.
»Das Kind ist fort.«
»Also!« Lächelnd sah Herr Ludwig hinauf in das reine Blau. »Der Ewige
arbeitet doch verläßlicher, als ein Nürnberger Spielwerk.«
»Mensch? Wahrhaftig? Daß mein Kind dem Leupi nachspringen muß? Das hast
du erwartet?«
»Drum hab ich mich doch bei dir für heut zum Essen geladen. Daß du
dein Süppl nit allein verschlucken mußt. Und komm! Wir müssen das
gleich der Mutter Agnes bringen. Die verzweifelt schier.« Sie wandten
sich gegen das Stiftstor. »Guck, Nicki! Eine Parabel der Zeit!« Der
Pfarrer deutete auf die Fülle des Unrates, der das Pflaster bedeckte.
»Das bleibt der Regierung vom heutigen Tag. Sie wird nit lernen davon.
Statt den nutzbaren Mist für einen Acker zusammenzukehren, wird sie
ihn vornehm liegen lassen, bis ihn der nächste Regen verwässert.
Staatskunst, Nicki, Staatskunst!«
Als Mutter Agnes die Botschaft vom Glück ihres Sohnes hörte, tat sie
einen Schrei, fiel auf die Mauerbank und wurde von einem so heftigen
Zittern der Beine befallen, daß die Absätze ihrer Schuhe auf dem
Fußboden ein flinkes Getrommel erhoben. Meister Raurisser, der vom
Bräuhaus heimkam und seine Frau so finden mußte, fragte in Sorge:
»Mutter, was hast du denn?«
»Freud -- Freud -- Freud --« Sonst brachte sie unter dem Sturz ihrer
frohen Tränen kein Wort heraus.
Pfarrer Ludwig, als er mit Meister Nick aus der Stube ging, deutete
auf eine ungefährlich gewordene Sache an der weißen Mauer. Und draußen
auf der Straße sagte er: »Der Dillinger Landschaden, der Grusdorf, die
überflüssigen Buchstaben, der Muckenfüßl und die Gottesaugenuhr mit
ihrem boshaften Teufel! Alles im Kehrichtfaß der Vergangenheit! Nick,
es geht halt doch ein bißl aufwärts mit der Menschheit. Deswegen muß
sie nit grad eine heilige sein.« Sie kamen zur Pfarrpfründe, und Herr
Ludwig klinkte an der Haustür, die er verschlossen fand. »Die Schwester
ist schon voraus zu dir.« Um den Weg zu kürzen, gingen sie hinter den
Häusern am gestutzten Hofgarten vorüber, dessen lächerlich beschnittene
Bäume unter Frühlingshilfe den Versuch begannen, aus der Pariserei
heranzuwachsen und sich wieder auszustrecken zu natürlicher Form.
Beim Plankentor des Meisters blieben die beiden stehen und lauschten.
Im Haus eine schreiende Stimme. »Meine Schwester!« stammelte der
Pfarrer. Sie sprangen in den Flur, sahen die Tür der Werkstatt offen
und fanden neben der schreienden Schwester Franziska die Sus, wie
tot, von Blut umronnen, die Arme noch immer um die Statue geklammert.
Der Meister taumelte. Und Pfarrer Ludwig brüllte der Schwester ins
Ohr: »Zum Lewitter! Lauf, was du laufen kannst!« Nur mühsam gelang es
den beiden Männern, die schwere Statue vom Körper der Ohnmächtigen
emporzuheben. »Ach, Mädel, du gutes!« schrie der Meister, hob die
regungslose, von Blut überströmte Sus auf seine Arme und trug sie
über die Treppe hinauf. Ohne zu denken, nur weil es von den Türen
die nächste war, trug er die Blutende in Luisas Kammer und rannte
um Essig, um alles, was beleben konnte. Nichts wollte helfen. Die
geschlossenen Augen taten sich nicht auf, kein Herzschlag war an der
Sus zu spüren, kein Atemhauch vor den blassen Lippen, an denen ein
leises, unveränderliches Lächeln zu erkennen war. Nur das Blut sickerte
noch immer aus den Wunden, die das scharfkantige Holz in ihren Körper
geschnitten hatte.
Schwester Franziska und Lewitter mit seiner Tasche traten in die Kammer.
»Komm, Nicki!« Pfarrer Ludwig legte den Arm um den Hals des Meisters.
»Wir zwei sind überflüssig.« Sie gingen hinüber in die Wohnstube.
Der Pfarrer stand am Fenster. Stumm und unbeweglich saß Niklaus am
Tisch; nur seine Augen bewegten sich, wenn durch die Krippenwand ein
matter Laut aus der Kammer klang, oder wenn auf der Stiege draußen die
hastigen Täppelschritte der Schwester Franziska zu hören waren. Und
plötzlich warf er das Gesicht auf die Tischplatte hin.
Der Pfarrer trat zu ihm und rüttelte ihn an der Schulter. »Nicki! Bleib
der Mensch, der du bist! Tu dich nit so verbohren in den Schreck! Tu
reden, Nicki!«
Meister Niklaus hob das blasse Gesicht. »Einsam werden ist das
Grauenhafteste des Lebens. Mein Weib versunken, mein Kind ins Kloster
gesteckt -- um *Gottes* willen!« Er hob die hölzerne Hand und
betrachtete sie. »Daß ich es überleben hab können? Ich glaub, am Leben
hat mich nur die Hoffnung gehalten, daß ich *doch* wieder schaffen
könnt -- einmal.« Wieder streckte er die künstliche Hand vor sich
hin. »*Das* ist das Leichtere gewesen.« Er nahm den Kopf zwischen die
Fäuste, und seine Stimme wurde tonlos. »Das andere hat erst angefangen,
wie ich gemeint hab, ich wär schon wieder ein ruhiger Mensch. Fünf Jahr
lang hab ich nimmer gewußt, daß ich an Leib und Blut noch allweil ein
Mannsbild bin. Und gählings -- wie ein schweres Leiden, das kommt, man
weiß nit wie -- hat's angefangen: die Ruhlosigkeit in den Nächten, am
Tag das Nachschauen hinter den Weibsleuten, das Händzittern, wenn mir
ein junges Geschöpf in die Näh gekommen ist. Nur Eine, die allweil
bei mir war, hab ich nie drum angesehen. Sie ist mir immer das kleine
Mädel gewesen, als das sie zu uns ins Haus gekommen ist. Und ist schon
über die achtzehn Jahr gewesen. Im Frühling einmal, da hat sie sich im
Garten einen Dorn in den Finger gestoßen und ist gekommen: ich sollt
ihr helfen. Und wie ich sie bei der Hand hab und frag: Tut's weh? --
und sie schüttelt den Kopf, da hab ich spüren müssen, wie sie zittert.
Ich schau sie verwundert an. Und gählings merk ich, wie schmuck sie
geworden ist. Mir ist der Teufel ins hungrige Blut gefahren --«
»Was für einer?« fragte der Pfarrer. »Der von der Gottsaugenuhr?«
Niklaus, ohne zu hören, redete vor sich hin: »Ich bin erschrocken
über mich. Und hab sie fortgeschoben. Und da brennt ihr Gesicht wie
Kohlenglut. Sie schaut mich an mit ihren treuen, barmherzigen Tieraugen
und sagt: >Was liegt an mir? Der Meister muß Ruh haben<.«