Kapitel XXXII

Nach allem Seelensturm des verflossenen Morgens lag die Sonnenstille

des Mittags über dem leeren Haus des Meisters. Die heimgekehrten

Schwalben umflogen den First, bauten an ihren Nestern oder saßen

rastend auf den geschnitzten Holzzieraten des Giebels.

Die Elfuhrglocke hatte schon geläutet, als Meister Niklaus herüberkam

vom Leuthaus. Die Sus, mit dem großen leergewordenen Korb über den

Zöpfen, betrachtete immer wieder in Sorge den wortlos vor sich

hinbrütenden Mann an ihrer Seite. Von der Freude, mit der er die

Hände seines verständig gewordenen Kindes geküßt hatte, war nichts

mehr an ihm zu merken. Auf den Erlösungsjubel, den ihm das offene

Bekenntnis seines Glaubens in die Seele gegossen, war ein drückender

Stein gefallen. Seiner Einzeichnung in die Exulantenliste hatte man

kein Hindernis bereitet, hatte auch der Sus keine Schwierigkeiten

gemacht, als sie ruhig und entschlossen ihre paar Buchstäbchen dicht

unter den Namen des Meisters kritzelte. Wegen seines Kindes erklärte

die Kommission: die Jungfer Zechmeister wäre als notorische Katholikin

in zureichenden Jahren, um selbst über ihr Schicksal entscheiden

zu können. Des weiteren müsse der Meister bedenken, daß man einen

so geschickten und notablen Künstler nicht über die Landesgrenze

ziehen lassen könne, auf die Gefahr hin, daß er die berchtesgadnische

Holzschneidekunst im Auslande verbreite, zur Schädigung der Heimat

und zum Nutzen der Augsburgischen, der Nürnberger oder gar der

preußischen _industria_. Die Entscheidung der Kommission hatte einige

Ähnlichkeit mit dem vom Grafen Saur über den Mälzmeister gefällten

Urteil: »Glaub er, was er wolle, und brau er uns auch fürderhin eine

so bekömmliche Biersorte wie bisher.« Wenn der Meister sein illustres

Kunstvermögen der Heimat treu erhalte, wolle man ihm in Glaubenssachen

keine fühlbaren Diffizilitäten bereiten; wäre aber sein Entschluß

zur Exulation ein unabänderlicher, so könne sein Auszug nur erfolgen

unter zureichender Kautionsstellung für allen Schadenersatz und nach

Ablegung eines heiligen, von zwei Bürgen unterstützten Eides: daß er im

Ausland für alle Lebenszeit auf jede Betätigung seiner Kunst verzichte.

»Ihr Herren, das heißt mein Leben erwürgen!« Ein Achselzucken war die

Antwort.

Vor seiner Haustür blieb Meister Niklaus in der Sonne stehen, beugte

den Kopf und bedeckte die Augen mit der linken Hand. Die Sus wurde

bleich bis in die Mundwinkel. Aber sie hatte doch die Kraft, um ruhig

zu sagen: »Ich mein', der Meister sollt sich zu seiner schönen Arbeit

stellen. Da ist ihm noch allweil jedes harte Ding ein trägliches

worden. Ich schaff derweil, daß der Meister nit warten muß auf die

Mahlzeit.«

Er nickte. »Ja, gute Sus! Vergiß auch nit, daß der Hochwürdige und

seine Schwester zum Essen kommen. Da ist noch Zeit, daß ich reden

kann mit dem Kind. Wir müssen's nehmen, wie es ist. Heut haben wir

so viel an Seelennot und Elend umlaufen sehen, daß wir nit klagen

dürfen, wenn uns ein schmerzhaftes Steinl hineingedruckt wird in den

eigenen Leib.« Er öffnete die Tür seiner Werkstätte. »Kind?« In dem

großen Raume blieb es still. Der Meister rief in den Flur hinaus:

»Das Kind muß droben in seinem Stübl sein. Gelt, sag ihr, sie soll

zu mir herunterkommen, gleich!« Draußen huschte die Sus über die

Stiege hinauf. Der Meister vertauschte den Gassenrock mit dem leichten

Arbeitskittel und band das lederne Schurzfell um. Eine Weile stand er

unbeweglich und betrachtete sein fast vollendetes Werk: die >heilige

Menschheit<. Schon dieses stille, halb zufriedene, halb mißtrauisch

forschende Sinnen schien ihm die drückende Seelenlast des Augenblicks

zu erleichtern. Er hörte nicht, daß droben die Sus ein paarmal den

Namen seiner Tochter schrie. Aufatmend griff er nach dem schweren

eisernen Schlägel und wollte unter den vielen Meißeln das Hohleisen

aussuchen, das er brauchte, um eine Gewandfalte zu vertiefen. Da sah

er das umgeworfene Spinnrad und ging, um es aufzuheben. Von der weißen

Spinnbank leuchtete ihm die rote Schrift entgegen, der Glücksbrief

seines ausgewanderten Kindes. Er las. In der Faust den eisernen

Schlägel, stieß er einen tonlosen Laut aus der Kehle.

Da stürzte die Sus mit entfärbtem Gesicht in die Werkstatt: »Meister

--« Die gleichen Worte, die sie ihm hatte sagen wollen, schrie er

selbst: »Das Kind ist fort! Ist dem Glück und dem Leupi zugesprungen.«

Auflachend und doch mit schwimmenden Augen, schleuderte Niklaus den

schweren Schlägel zur Werkbank hinüber. Und während die gewichtige

Eisenmasse gegen den bankförmigen Unterbau der Statue schmetterte, riß

er das Schurzfell herunter und sprang zur Türe.

»Das Gassenröckl!« Die Sus raffte den braunen Rock vom Sessel und

wollte dem Meister nachspringen. Hinter ihr ein Knirschen, wie wenn

ein Brett in Splitter geht. Sus drehte das Gesicht und sah, daß

die Statue der >heiligen Menschheit< sich zu bewegen begann, als

hätte sie jede Hoffnung auf den Himmel verloren und möchte sich mit

ausgebreiteten Armen niederneigen zur treueren Erde. Der Stoß des

Eisenschlägels hatte den Unterbau schief gedrückt; das viele Zentner

schwere Gewicht der Statue knickte das schräge Brett, und die Bildsäule

drohte vornüber zu stürzen. »Meister!« schrie die Sus mit gellendem

Laut, sprang gegen die Werkbank hin, um das Unglück zu verhüten, und

fing mit Brust und Armen das fallende Bildwerk auf. Sie war ein festes,

kraftvolles Mädel, die Sus. Dennoch brach sie unter dem Stoß, mit dem

die schwere Holzmasse gegen ihren Körper schlug, auf die Knie hinunter.

»Meister! Meister!« Immer schrie sie, immer schwächer klang ihre

Stimme. Mit dem Rest ihrer schwindenden Kräfte hielt sie die Statue

umklammert, um zu hindern, daß die Bildsäule gegen den Boden schlüge

und Schaden nähme. »Meister!« Tiefer und tiefer wurde das tapfere Mädel

gegen die Dielen niedergedrückt und lag unter der pressenden Holzmasse

ausgestreckt wie ein Weib, das in Liebe den Mann empfängt. »Meister,

ach, Meister --« Das waren Laute des Schmerzes, bei erlöschenden Sinnen

noch durchzittert von der Freude, daß des Meisters Arbeit, die für den

Glauben der Sus von allen Herrlichkeiten des Lebens die herrlichste

war, keinen Fehl und Makel erlitten hatte. Und schon so matt und müde

war dieser letzte Schrei, daß er nimmer hinausklang aus der Stille des

sonnenlos gewordenen Raumes. In keuchenden Zügen ging der Atem der

Ohnmächtigen.

Vor dem Fenster, durch das der sonnige Himmel hereinblaute, klang

zuweilen ein feiner Schwalbenschrei.

Und drüben beim Leuthaus rannte Meister Niklaus über die Reichenhaller

Straße hinaus. Von einer Höhe konnte er das Gelände bis Bischofswiesen

überschauen. Die Straße war leer. Nur in weiter Ferne ließ sich der

neblige Dunst erkennen, der von der Staubwolke des Exulantenzuges

zurückgeblieben war.

»Gott mit dir, mein Kind! Glück ist mehr als alles andre.«

Der Meister wandte sich und ging vorüber am Leuthaus, gegen den

Brunnenplatz. Die Marktgasse war wie abgestorben. Nur spielende Kinder.

Nicht viele. Und das Pflaster war bedeckt mit zerknickten Strohhalmen

und mit dem Unrat, den die abgewanderten Tiere zurückgelassen hatten.

Vor dem Stiftstor trafen sie zusammen, Meister Niklaus und Pfarrer

Ludwig. »Nicki?« Ein erwartungsvoller Blick war in den Augen des

Pfarrers.

»Das Kind ist fort.«

»Also!« Lächelnd sah Herr Ludwig hinauf in das reine Blau. »Der Ewige

arbeitet doch verläßlicher, als ein Nürnberger Spielwerk.«

»Mensch? Wahrhaftig? Daß mein Kind dem Leupi nachspringen muß? Das hast

du erwartet?«

»Drum hab ich mich doch bei dir für heut zum Essen geladen. Daß du

dein Süppl nit allein verschlucken mußt. Und komm! Wir müssen das

gleich der Mutter Agnes bringen. Die verzweifelt schier.« Sie wandten

sich gegen das Stiftstor. »Guck, Nicki! Eine Parabel der Zeit!« Der

Pfarrer deutete auf die Fülle des Unrates, der das Pflaster bedeckte.

»Das bleibt der Regierung vom heutigen Tag. Sie wird nit lernen davon.

Statt den nutzbaren Mist für einen Acker zusammenzukehren, wird sie

ihn vornehm liegen lassen, bis ihn der nächste Regen verwässert.

Staatskunst, Nicki, Staatskunst!«

Als Mutter Agnes die Botschaft vom Glück ihres Sohnes hörte, tat sie

einen Schrei, fiel auf die Mauerbank und wurde von einem so heftigen

Zittern der Beine befallen, daß die Absätze ihrer Schuhe auf dem

Fußboden ein flinkes Getrommel erhoben. Meister Raurisser, der vom

Bräuhaus heimkam und seine Frau so finden mußte, fragte in Sorge:

»Mutter, was hast du denn?«

»Freud -- Freud -- Freud --« Sonst brachte sie unter dem Sturz ihrer

frohen Tränen kein Wort heraus.

Pfarrer Ludwig, als er mit Meister Nick aus der Stube ging, deutete

auf eine ungefährlich gewordene Sache an der weißen Mauer. Und draußen

auf der Straße sagte er: »Der Dillinger Landschaden, der Grusdorf, die

überflüssigen Buchstaben, der Muckenfüßl und die Gottesaugenuhr mit

ihrem boshaften Teufel! Alles im Kehrichtfaß der Vergangenheit! Nick,

es geht halt doch ein bißl aufwärts mit der Menschheit. Deswegen muß

sie nit grad eine heilige sein.« Sie kamen zur Pfarrpfründe, und Herr

Ludwig klinkte an der Haustür, die er verschlossen fand. »Die Schwester

ist schon voraus zu dir.« Um den Weg zu kürzen, gingen sie hinter den

Häusern am gestutzten Hofgarten vorüber, dessen lächerlich beschnittene

Bäume unter Frühlingshilfe den Versuch begannen, aus der Pariserei

heranzuwachsen und sich wieder auszustrecken zu natürlicher Form.

Beim Plankentor des Meisters blieben die beiden stehen und lauschten.

Im Haus eine schreiende Stimme. »Meine Schwester!« stammelte der

Pfarrer. Sie sprangen in den Flur, sahen die Tür der Werkstatt offen

und fanden neben der schreienden Schwester Franziska die Sus, wie

tot, von Blut umronnen, die Arme noch immer um die Statue geklammert.

Der Meister taumelte. Und Pfarrer Ludwig brüllte der Schwester ins

Ohr: »Zum Lewitter! Lauf, was du laufen kannst!« Nur mühsam gelang es

den beiden Männern, die schwere Statue vom Körper der Ohnmächtigen

emporzuheben. »Ach, Mädel, du gutes!« schrie der Meister, hob die

regungslose, von Blut überströmte Sus auf seine Arme und trug sie

über die Treppe hinauf. Ohne zu denken, nur weil es von den Türen

die nächste war, trug er die Blutende in Luisas Kammer und rannte

um Essig, um alles, was beleben konnte. Nichts wollte helfen. Die

geschlossenen Augen taten sich nicht auf, kein Herzschlag war an der

Sus zu spüren, kein Atemhauch vor den blassen Lippen, an denen ein

leises, unveränderliches Lächeln zu erkennen war. Nur das Blut sickerte

noch immer aus den Wunden, die das scharfkantige Holz in ihren Körper

geschnitten hatte.

Schwester Franziska und Lewitter mit seiner Tasche traten in die Kammer.

»Komm, Nicki!« Pfarrer Ludwig legte den Arm um den Hals des Meisters.

»Wir zwei sind überflüssig.« Sie gingen hinüber in die Wohnstube.

Der Pfarrer stand am Fenster. Stumm und unbeweglich saß Niklaus am

Tisch; nur seine Augen bewegten sich, wenn durch die Krippenwand ein

matter Laut aus der Kammer klang, oder wenn auf der Stiege draußen die

hastigen Täppelschritte der Schwester Franziska zu hören waren. Und

plötzlich warf er das Gesicht auf die Tischplatte hin.

Der Pfarrer trat zu ihm und rüttelte ihn an der Schulter. »Nicki! Bleib

der Mensch, der du bist! Tu dich nit so verbohren in den Schreck! Tu

reden, Nicki!«

Meister Niklaus hob das blasse Gesicht. »Einsam werden ist das

Grauenhafteste des Lebens. Mein Weib versunken, mein Kind ins Kloster

gesteckt -- um *Gottes* willen!« Er hob die hölzerne Hand und

betrachtete sie. »Daß ich es überleben hab können? Ich glaub, am Leben

hat mich nur die Hoffnung gehalten, daß ich *doch* wieder schaffen

könnt -- einmal.« Wieder streckte er die künstliche Hand vor sich

hin. »*Das* ist das Leichtere gewesen.« Er nahm den Kopf zwischen die

Fäuste, und seine Stimme wurde tonlos. »Das andere hat erst angefangen,

wie ich gemeint hab, ich wär schon wieder ein ruhiger Mensch. Fünf Jahr

lang hab ich nimmer gewußt, daß ich an Leib und Blut noch allweil ein

Mannsbild bin. Und gählings -- wie ein schweres Leiden, das kommt, man

weiß nit wie -- hat's angefangen: die Ruhlosigkeit in den Nächten, am

Tag das Nachschauen hinter den Weibsleuten, das Händzittern, wenn mir

ein junges Geschöpf in die Näh gekommen ist. Nur Eine, die allweil

bei mir war, hab ich nie drum angesehen. Sie ist mir immer das kleine

Mädel gewesen, als das sie zu uns ins Haus gekommen ist. Und ist schon

über die achtzehn Jahr gewesen. Im Frühling einmal, da hat sie sich im

Garten einen Dorn in den Finger gestoßen und ist gekommen: ich sollt

ihr helfen. Und wie ich sie bei der Hand hab und frag: Tut's weh? --

und sie schüttelt den Kopf, da hab ich spüren müssen, wie sie zittert.

Ich schau sie verwundert an. Und gählings merk ich, wie schmuck sie

geworden ist. Mir ist der Teufel ins hungrige Blut gefahren --«

»Was für einer?« fragte der Pfarrer. »Der von der Gottsaugenuhr?«

Niklaus, ohne zu hören, redete vor sich hin: »Ich bin erschrocken

über mich. Und hab sie fortgeschoben. Und da brennt ihr Gesicht wie

Kohlenglut. Sie schaut mich an mit ihren treuen, barmherzigen Tieraugen

und sagt: >Was liegt an mir? Der Meister muß Ruh haben<.«

Das große Jagen · 第 94 / 98 题