»Wen meinst du? Den Leupi?« Wieder das wehe und dennoch freudige
Lächeln. »Mußt du schneller an den Leupi denken als an mich? Da
hab nit Sorg. Der ist ein Aufrechter, geht den Weg seiner redlichen
Pflicht, hat die Wahrheit im Herzen und ist ein Helfer für hundert
Leidende. Er geht mit den Ärmsten. Heut. Mit mir hat er nit geredet,
und ich bring dir keinen Gruß. Was ich dir sagen muß, lieb Kind, geht
nit um den Leupi. Das geht um dich und mich. Ich muß dir sagen --«
Sie wehrte mit beiden Händen. Das glühende Rot, das ihre Wangen
überflossen hatte, war wieder verwandelt in wächserne Blässe. »Vater!«
Für einen Augenblick überkam's ihre Sinne wie Schwindel. »Ich hab
verstanden. Du bringst dein Herz nit über den heutigen Tag hinüber. Du
mußt -- bekennen?«
»Ja.« Er trat zu ihr hin. »Und daß ich nimmer lügen kann? Auch nit um
deinetwillen? Kind? Muß deine fromme Seel mich drum verdammen?«
Sich zusammenkrümmend, preßte sie das Gesicht in die Hände, schüttelte
den Kopf und klagte: »Bloß ein Einziger weiß, wie alles ist. Ich such
es allweil und kann's nit finden. Dich hab ich lieb ohne Reu und
Schmerzen. Mehr weiß ich nimmer.«
Da sprang er zu ihr hin, warf sich vor ihr auf die Knie, zog ihr die
Arme herunter, küßte lachend ihre Hände, die naß waren von ihren
Tränen, sah zu ihren schwimmenden Augen hinauf, schmiegte das Gesicht
an ihre Schulter und stammelte: »Kind! Jetzt hast du deinem Vater das
Leben geschenkt. Und der Weg, den ich tun muß um der Wahrheit willen,
ist mir ein leichter und schöner.« Sich erhebend, umschlang er sie,
küßte ihre Wange, ihre Stirn, ihre Augen -- sprang mit frohem Auflachen
zur Tür hinüber und war verschwunden.
Unbeweglich saß Luisa auf der Bank und sah die Tür mit erloschenen
Augen an, als wäre alles Denken in ihr zerdrückt. Da quoll in der
schönen Sonne, die ihren Leib umflutete, durch die Mauern ein Rauschen
zu ihr herein, das leis die Fensterscheiben erzittern machte. War
es das Brausen eines stürzenden Baches? Oder der ferne Lärm von
tausendstimmigem Menschengeschrei, in dem alles war, nur Freude nicht?
»Vater!« Bei diesem gellenden Laut voll Schreck und Grauen griffen
ihre Hände gegen die Türe hin. »Vater! Vater! Vater!« Das Spinnrad
fortstoßend, daß es über die Dielen kollerte, sprang Luisa von der
Bank, jagte über die Schwelle, jagte mit gestreckten Armen hinaus
in die Sonne. »Vater! Vater!« Wie eine Verzweifelnde hetzte sie an
der Gartenplanke hin, gegen den Markt hinüber, in dem roten wehenden
Kleid, einer fliegenden Flamme gleich, und war nicht die einzige, die
so rannte, so verstört und ganz von Sinnen. Überall, auf der Straße,
auf den Fußwegen, auf den Wiesen, überall sah man viele springende
Menschen, die aufgeregt mit den Armen fuchtelten und wirre Worte
kreischten, als wäre ein großes Schadenfeuer ausgebrochen, das alle
Dächer und jedes atmende Leben bedrohte. Auch dröhnende Schläge, wie
beginnender Feuerlärm! Auf drei Türmen fingen alle Glocken zu läuten
an und füllten die sonnigen Lüfte mit schwebendem Hall. Sollte das
ein mahnender Abschiedsgruß der Kirche an die wandernden Seelen sein,
die sie verlor? Oder war es ein pröpstliches Freudengeläut, das die
Reinigung des berchtesgadnischen Landes von allem Irrglauben verkündete?
Bei der Reichenhaller Straße kam Luisa nimmer weiter. Zwischen anderen
Menschen, welche weinten oder beteten, stand sie an die Scheunenmauer
des Leuthauses gepreßt, mit angstvoll erweiterten Augen im blassen
Gesicht, keiner Handbewegung und keines Lautes fähig. Ihr gegenüber
lugte über den Ziegelbord der sekreten Mauer das stille, ausgeräumte
Unlustschlößchen der weiland Allergnädigsten mit niedergelassenen
Jalousien hervor, und zwischen der weißen Mauer und dem versteinten
Mädchen war die enge Straße vollgepfropft durch Menschen, Tiere und
Karren, durch den vorwärts drängenden Zug der Exulanten, dem vier
rotjoppige Burschen mit ledernen Reisetaschen, mit schweren Rucksäcken
und langen Wanderstecken voranschritten, auf den grünen Bubenhüten
die ersten Blumen des Frühlings, mit rotgeränderten Augen in den
erbitterten Gesichtern. Einer von den Vieren sang mit der Stimme eines
Wahnsinnigen, zwei waren stumm und ließen die Köpfe hängen, der vierte
kreischte immer wieder die zwei gleichen Worte gegen die strahlende
Sonne hinauf: »Gottsheilige Himmelsfreud! Gottsheilige Himmelsfreud!«
Nur Leute, die ganz in der Nähe waren, verstanden diese Worte. Wie
bei einer Hinrichtung das Trommelgerassel den letzten Schrei des
Verurteilten erstickt, so übertönten die läutenden Kirchenglocken allen
klagenden Zorn und Jammer dieser Stunde, in welcher tausend gläubige,
redliche Menschen die Heimat verlieren mußten, an der sie hingen mit
Blut und Seele.
Daß jeder Seufzer, jedes Wort und jeder Schrei erlosch in der
wogenden Glockenfülle, das milderte den erschreckenden Vorgang
dieses großen Jagens nicht, das sich ohne Hifthörner, ohne gelitzte
Jägergala und ohne französische Reimsprüche vollzog und dennoch
mehr des menschlichen Herzblutes verschüttete, als draußen in der
Schönheitsrunde des Hintersees an rauchendem Wildblut hineingeronnen
war in den Frühlingsboden des deutschen Waldes. Weil alle Menschenklage
versank im Glockenhall, im Rädergerassel und Viehgeplärr, verwandelte
sich das Bild des gramvollen Zuges zu einem grausam durchschauerten
Anblick, der schreiende Farben hatte und dennoch wirkte wie ein
stummes, unbegreifliche Schattenspiel. Auf den Karren und Wagen
hielten verstörte Menschen einander umschlungen, drehten immer die
Gesichter nach rückwärts und deuteten mit zuckenden Armen; die im Stroh
gebetteten Kranken machten sinnlose Handbewegungen und versuchten sich
aufzurichten; Bleibende, die von den Exulierenden nicht lassen konnten,
liefen zwischen den Viehtreibern und den von Staub überqualmten Tieren
umher, umarmten unersättlich die Scheidenden, hingen mit einer Hand
an die Wagenleitern geklammert und griffen mit der anderen unter
unverständlichen Worten immer zu den Weibern und Kindern hinauf, die
droben saßen auf den Brettern. Hinter dem Scharwagen des Zuges, dem
letzten aller Karren, kam der vielhundertköpfige Schwarm der Rüstigen,
der Männer, Weiber und Kinder, die nicht zu fahren brauchten, sondern
den heimatlichen Boden verlassen konnten auf den eigenen Sohlen. Die
Zahl der Wandernden hatte sich verdreifacht durch die für immer, oder
nur bis zum Tage des nächsten Exulantenzuges Bleibenden, und sie hingen
Arm in Arm an den Wanderleuten, um einem Vater, einer Mutter, einem
Bruder, einer Schwester noch das Geleit zu geben für eine Strecke des
bitteren Weges.
Hinter dem Zuge schritt Leupolt Raurisser als der Letzte. Er ging
gebeugt, wie bedrückt von einer schweren Bürde. Vier schwarzweiße
Bänder wehten von seinem Jägerhut, als Zeichen des Führers. An den
Knauf seines langen Wandersteckens hatte ihm Frau Agnes ein rotes
Aurikelsträußchen gebunden. Er hielt den Arm um die Mutter gelegt,
die ohne Haube, mit zerrauftem Grauhaar neben ihm herschritt und das
blasse, von schmutzigen Tränenstrichen überzogene Gesicht an seiner
Schulter liegen hatte. Diesen zwei Letzten folgte noch ein Gedränge von
Kindern und Leuten, stumm, mit scheuen Augen, wie weltfremde Menschen
in erschrockenem Staunen herlaufen hinter den Affen und Kamelen
eines niegesehenen Gauklerzuges. Als dieser stille Schwarm unter dem
schönen Glockendröhnen sich vorüberschob an der sekreten Mauer des
frühlingsblühenden und doch verwelkten Freudengärtleins Seiner Liebden,
straffte sich plötzlich der gebeugte Körper des jungen Jägers. Unter
den Menschen, die neben dem Zuge dichtgepreßt an der Scheunenwand des
Leuthauses standen, hatte Leupolt das mohnfarbene Kleid gesehen.
»Bub?« fragte Frau Agnes und sah zu ihm hinauf.
»Nichts, Mutter! Komm!« Er legte den Arm noch fester um die Zitternde.
Bei ruhigem Weiterschreiten drehte er das ernste Gesicht und blickte
über den grauen Scheitel der Mutter hinüber zu dem rotleuchtenden
Farbenfleck an der Scheunenwand. Ein wehes Zucken irrte um seinen Mund.
Kein Laut. Nur sein Herz und seine heißen Augen hatten gesprochen: »Du
da drüben. Dich soll der Herrgott schützen und hüten! Mein Glück ist
tot, nur meine Pflicht lebendig.«
Die Glocken dröhnten. Ihr Hall umschleierte den Lärm des Zuges, jeden
klagenden Menschenruf und jeden Schrei der getriebenen Tiere. Nur
dieses ungesprochene Wort erstickten die stimmgewaltigen Glocken
nicht. Wie klingendes Feuer war es aus trauernden Augen in eine zu Tod
erschrockene Mädchenseele gefallen.
Das Staubgewölk des Zuges qualmte weiter und weiter gegen die
Reichenhaller Straße hinaus. Die Menschen, die zu beiden Seiten des
Weges gestanden, begannen sich zu verlaufen. Die Glocken verstummten.
Und noch immer stand Luisa an der Balkenwand, unbeweglich, rot, wie im
Blut ihres Leidens angenagelt an die Mauer. Von den Bleibenden, die den
Exulanten das Geleit gegeben, kamen schon viele zurück, die einen blaß
und stumm, andere unter aufgeregtem Schwatzen, wieder andere mit den
Händen vor den Augen. Immer dünner wurde die Reihe der Heimkehrenden.
Jetzt kam eine einsame Frau mit grauem Scheitel. Sie ging so still
und ruhig, als hätte der Jammer der verwichenen Glockenstunde keine
Gewalt über sie gewonnen. Nur ihre Hände taten etwas Widersinniges.
Wie Fieberkranke seltsam mit irgend einem Dinge spielen, so zog Frau
Agnes den Saum ihrer Schürze durch die zitternden Finger, hin und her,
wie eine müde Näherin einen langen Faden zieht. Nun blieb sie stehen,
nicht erschrocken und nicht erfreut. Hatte sie geträumt? Oder hatte sie
dieses leise Wort, das der letzte Laut ihres Sohnes gewesen war und
noch immer nachklang in ihrem bedrückten Herzen, wirklich vernommen?
»Mutter?«
Sie wandte das Gesicht gegen die Scheune hin, ihre gütigen Augen wurden
streng, und während die Tränen langsam über ihre Mundwinkel kollerten,
betrachtete sie das unbewegliche Mädchen und sagte ruhig: »Mutter? So
soll jedes ärmste, gottverlassene Elendskindl sagen dürfen zu mir. Du
nit!« Der Kopf sank ihr auf die Brust, und so ging sie davon, immer
tiefer gebeugt, den Saum der Schürze durch ihre Finger ziehend.
Leute, die an der Scheune vorübergingen, verhielten sich und sprachen
zu Luisa, barmherzig und erschrocken. Sie hörte keinen Laut, sah
keinen Menschen. Ihr klagender Blick irrte umher, mit einem Ausdruck
des Entsetzens, als wären alle Bilder und Dinge der Welt etwas
Fremdes, etwas Unbegreifliches und Quälendes für sie geworden. Lautlos
betend klammerte sie vor der Brust die Hände in einander, fing zu
schreiten an und fand nach einem verstörten Hin und Her den Weg zum
Haus ihres Vaters. Immer rascher wurden ihre Schritte. Als sie zu
den Bretterplanken des Gartens kam, begann sie zu laufen, begann in
unverständlichen Worten zu lallen, rannte sinnlos dem Haus entgegen,
streckte die Hände und schrie mit erwürgter Stimme immer wieder die
zwei gleichen Worte: »Vater, Sus! -- Vater, Sus!« Kein Laut im Haus.
Sie lief in die Küche. »Vater! Vater!« Sie jagte zurück, stieß die Tür
der Werkstätte vor sich auf, sah das von Sonne umglänzte Holzbild der
>heiligen Menschheit< und schrie mit der schrillen Stimme eines zu
Tod geängsteten Kindes: »Sus? Barmherzige Sus? Wo bist du?« Keuchend
hetzte sie über die Treppe hinauf, rüttelte an der unverschlossenen
Tür der Wohnstube, ohne sie öffnen zu können -- »Vater! Vater! Vater!«
-- sprang in ihre Kammer, riß das ziegelfarbene Hauskleid von sich
herunter und kleidete sich in Hast, als wäre ein hoher Feiertag
erschienen und sie müßte zur Kirche gehen. Unter heißem Schluchzen,
das sich anhörte wie ein glückseliges, nur etwas unbehilfliches Lachen,
warf sie sich auf den Boden hin, schlug an ihrem kleinen Klosterkoffer
den Deckel auf und nahm das brennende, von Tränen überströmte Gesicht
zwischen die Hände, um aus ihrem verstörten Kopf herauszugrübeln: was
man braucht auf einem weiten, weiten, viele Wochen währenden Wanderweg?
Nur nach dem Allernötigsten griff sie: nach dem wächsernen Jesuskind
und nach der goldglitzernden Madonna. Voll Inbrunst küßte sie jedes der
zwei heiligen Bildwerke, bevor sie es achtsam einwickelte in linde,
verläßliche Wolle. Dazu die kleinen Leuchter, das silberne Ämpelchen
und die künstlichen Blumen, sieben Heiligenbilder und die Silhouetten
des Vaters und der Mutter, die über dem Bett gehangen, und die der
Vater mit seiner linken Hand geschnitten hatte, bevor sein Kind zu ihm
heimkehrte aus dem Kloster. Nach der Hetze dieser Arbeit sprang sie
zum Fenster und lauschte gegen die Reichenhaller Straße. Der Lärm des
Exulantenzuges klang nur noch wie mattes Summen aus weiter Ferne.
»Hilf mir, hilf mir, heilige Gottesmutter, oder ich komm zu spät!«
Mit dem Einpacken des Weihbrunnkesselchens ging es so flink, daß sie
es vorher zu leeren vergaß. Der Klosterkoffer war nicht wasserdicht,
unten tröpfelte es merklich heraus. Dafür hatte Luisa keine Augen,
weil sie besonders sorgfältig die Weihwasserflasche, die sie nach der
schrecklichen Warnung der Gottsaugenuhr aus der Kirche heimgebracht
hatte, mit zwei Paar Strümpfen überziehen mußte. Da lag nun alles,
was ihr heilig, kostbar und unentbehrlich war, wohlgeborgen in ihrem
Koffer. Und jetzt dazu, was noch Platz hatte an Kleidern, Wäsche,
Schuhen und täglich nötigen Dingen. Dann sprang sie wieder zum Fenster
hin und lauschte hinaus in die milde Sonne. Außer dem Lärm der Nähe
war kein Laut mehr zu hören. Auf der Reichenhaller Straße alles still!
Totenstill! In Schreck, in neuer Verzweiflung flog sie zur Tür und
schrie, daß es hallte in der Stille des Hauses: »Vater! Vater!« Keine
Antwort kam. Sie jagte über die Treppe hinunter. Und wieder in die
Werkstätte. »Vater!« Hinaus in den Garten. »Vater! Vater!« Da kam
ihr die Besinnung: der Vater ist gegangen, um zu bekennen, um sich
einzuschreiben in die Liste der Evangelischen. Diesen Gedanken empfand
sie wie ein tröstendes Glück. Und morgen wird der Vater nachkommen,
vielleicht noch heute. Und wer, wie ihr Vater, so mild und menschlich
über alle Dinge des Lebens urteilt, wird es verstehen, daß man den
Leupi keine Nacht mit so sterbenstraurigen Augen erleben lassen darf.
Diese Wahrheit gab ihr Tapferkeit und Ruhe in das irrsinnig hämmernde
Herz. Die Ruhe währte aber nicht länger, als bis Luisa droben war
in ihrer weißen Kammer. Sie selber wußte nicht, wie es kam. Es war,
als hätte an der weißen Mauer, nur sichtbar für ihre fromme Seele,
eine warnende Schrift zu brennen begonnen. Das Gesicht mit den
Händen verhüllend, fiel sie auf den Boden hin, geschüttelt von einem
Schluchzen, das ihr junges Leben zu zerreißen drohte. Und da streckte
sie schon die Hände, um alles für die weite, schöne Wanderung Gepackte
wieder herauszuzerren aus der tröpfelnden Klostertruhe. Plötzlich
waren ihre Finger unbeweglich. Ihre Tränen versiegten. Ein frohes,
glückliches Leuchten war in ihren Augen. »Lang muß man harren auf
Erlösung! Einmal kommt sie.«
Vor Luisas Abreise aus dem Kloster hatte die gütige, kluge,
fürsorgliche Frau Oberin auf der Innenseite des Kofferdeckels ein
geweihtes, von jungfräulichen Rosen umwundenes Schutzengelbild
festgekleistert und sogar noch mit goldfarbenem Lack überstrichen,
damit es nur ja nicht mehr herunterfallen könnte und für den frommen
Klostervogel ein verläßlicher Wegweis bliebe in allen Gefahren der
bösen Welt. Mit einer langen Stange, die unten eine Lanze und oben
eine Fahne war, durchstach der geharnischte und geflügelte Schutzengel
die Herzgegend einer drachenförmigen Schlange. Und die Fahne trug in
gotischen Lettern den wunderwirkenden Spruch:
»Wo auch der bös Feind Uibles sinnt,
Dein Engel wird ihn gstillen.
Was frumb dein truies Herz beginnt,
Ist allweil sHimmels Willen.
Seel, laß dein Glück nit zagen,
Gott wirz auf Händen tragen,
Hab rechten Mut
Und sEnd ist gut!«
Wie kann doch ein Schutzengel, wenn's nur der richtige ist,
vieltausendmal hilfreicher und klüger sein, als eine Nürnberger
Gottsaugenuhr! Und wie die liebe herzensgute Frau Oberin sich freuen
würde, wenn sie wüßte: daß ihre treue Fürsorge ein junges Menschenglück
gerettet hatte, das schon zerbrechen wollte zum siebenten und letzten
mal! Heiß beseligt, in dankbarer Freude, küßte Luisa das erlösende
Bild. Dann flink den Deckel zu und den Schlüssel abgezogen. Den
spanischen Hut mit dem weißen Federtuff übers braunblonde Haar, den
grünen Radmantel um die Schultern! Und während die schmalgewordenen
Mädchenwangen glühten wie am Johannistag die Rosen im Garten, lernte
der kleine Klosterkoffer kennen, was eine Schlittenfahrt ohne Schnee
bedeutet. Mit schrillendem Rutsch ging's über die Schwelle der
jungfräulichen Kammer hinaus, durch den Oberstock, über die Treppe
hinunter, und überall auf der hurtigen Glücksreise ließ der pfeifende
Wanderschlitten eine feuchte Tröpfelfährte hinter sich zurück.
»Vater! Vater! Vater!«
Flink hinein in die Werkstätte. Mit einem Rötelstift, der zum
Handwerkszeug des Meisters gehörte, schrieb Luisa auf die
weißgescheuerte Spinnbank: »Lieber Vater! Ich bins derweilen
vorausgewandert, weils den Leupi seine traurichen Augen nich därf
warten laß übernacht. Gelt du kommest bald. In Glück und Freiden
dein erlösenes Kint.« Schöner und fehlerfreier, als es auf der Bank
geschrieben stand, klang das in Luisas brennendem Herzen. Sie hatte
bei der klugen, fürsorglichen Frau Oberin besser beten als schreiben
gelernt.
Eine Vaterunserlänge später bekamen viele Berchtesgadener eine
atemlose und einsame Exulantin zu sehen, deren Anblick niemand zu
Gram und Zorn bewegte, niemand erschütterte zu Tränen. Wie das junge,
bildhübsche Mädel im grünen wehenden Radmantel, mit erhitztem Gesicht
und strahlenden Glücksaugen ihren kleinen, träufelnden Koffer auf einem
großen Schubkarren in sehnsüchtiger Ungeduld über die Reichenhaller
Straße hinausradelte, das war mehr als ein liebliches, war ein
ergreifendes Bild. Dennoch erschien es den Leuten so komisch, daß sie
zuerst verwundert gucken, dann heiter schmunzeln und schließlich ohne
jedes Zartgefühl darüber lachen mußten. Während in einem erlösten
und beglückten Erdenkind von allen schönen Träumen des Lebens der
allerschönste zur Wahrheit wurde, kamen törichte Menschen zu der völlig
unzutreffenden Vermutung: diese verspätete und drum so eilfertige,
immer betende, weinende und lachende Emigrantin hätte einen reichlichen
Schoppen über den für ein Mädchen zulässigen Durst getrunken.
Wenn es so schwer fällt, das Natürlichste des Natürlichen klar zu
erkennen? Wie darf man sich wundern darüber, daß dem Menschengeist
zuweilen auch bei den Klarstellungen des Übernatürlichen ein
wesentlicher Irrtum widerfährt?