Kapitel XXXI

Bei grauendem Morgen brannte die Lampe in der Wohnstube des

Mälzmeisterhauses. Der alte Raurisser, mit rotglühendem Kopf, saß

im Herrgottswinkel, wickelte kleine Geldrollen und stopfte sie in

eine neue Lederkatze, die aussah wie ein Tiroler Bauerngürtel. Mit

buntem Garn waren die Anfangsbuchstaben von Leupolts Namen und sein

Geburtsjahr 1707 eingestickt; und rechts und links eine Gemse, die mit

enggestellten Läufen auf einem spitzigen Kegelchen stand. Immer dicker

und schwerer wurde der schöne Schatzbehälter. Und als der Meister beim

Wickeln seufzend eine Pause machte, sagte Mutter Agnes, mit Augen und

Stimme bettelnd: »Gib, Alterle, gib! Sein Weg ist weit.« Der Meister

wickelte wieder. Und Frau Agnes packte. Zwei große Rucksäcke standen

schon fertig geschnürt auf der Fensterbank. Jetzt füllte sie mit

zitternden Händen den dritten Sack und huschte immer wieder davon,

um ein für ihren Buben brauchbares Stück zu holen, das ihr noch

einfiel. Als der kugelrunde Sack verschnürt war, packte sie alles, was

die Magd mit verheulten Augen als Zehrungsbeitrag für die Exulanten

herbeischleppte, in den großen Wäschekorb auf der Ofenbank: geselchtes

Wildbret, geräucherte Saiblinge, Schinken und Speckwürste, ein paar

hundert hartgesottene Eier, Schmalzbüchsen und Buttertöpfe, Salzdüten,

Schnapsgutter und Weinflaschen, Brotlaibe und süße Wecken. Immer war es

der Mälzmeisterin noch zu wenig. »Lauf, Mädel, und bring! Da muß man

geben!« Zustimmend tackte die Gottsaugenuhr an der Mauer: »Tu's! Tu's!

Tu's!« Ob's der Engel oder das Teufelchen sagte, immer klang es mit

der gleichen heimlichen Freundlichkeit, und immer blickte das rollende

Gottesauge im Zustand des Wohlwollens gegen die Ofenbank, blickte nur

finster, wenn es hinüberschielte gegen die lautwerdende Straße. An der

schönen alten Uhr, die sich in tadellosem Gang befand, war nicht die

geringste Spur einer irrsinnigen Mißhandlung zu erkennen. Da mußte

der Pfarrer Ludwig, als er dem Luisli jene sonderbare Uhrgeschichte

erzählte, entweder an Wahnvorstellungen gelitten haben wie der

Chorkaplan Jesunder, oder der Pfarrer hatte wieder einmal gelogen,

diesmal anscheinend ohne Erfolg. Mit Spinozas Lehre von den für das

Menschenglück ersprießlichen Geschehnissen schien es in diesem Falle

nicht zu stimmen.

Leupolt kam zur Tür herein, in dem verwitterten Bergjägerkleid, das er

getragen hatte, als er die preußischen Herren hinaufführte zum Toten

Mann. »Jetzt bin ich fertig.« Frau Agnes schien nicht zu hören; beim

Packen beugte sie nur das Gesicht ein bißchen tiefer gegen den Korb

hinunter. Für den Vater war das ruhige Wort des Sohnes wie ein Stoß

vor die Brust gewesen. Mit tattrigen Händen schnallte er die zwei

Kappen der Lederkatze zu. »So, Bub!« Er schob sich aus der Bank heraus.

»Schau, da ist, was du kriegst von mir. Sei halt ein bißl gescheit und

gib nit alles für die anderen aus. Für dich muß auch was bleiben.«

»Vergeltsgott! Tust du die Brüder nit verkürzen?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Beredet haben wir schon alles. Machen

wir's kurz. Ich muß ins Bräuhaus hinüber.« Als er die Arme um den

Hals des Sohnes legte, war er noch mannhaft. Kaum aber spürte er den

eisernen Zärtlichkeitsdruck seines Buben, da verlor er alle Fassung,

wühlte das Gesicht an die Brust des Sohnes und keuchte: »Bub, ich

wollt, ich tät mitdürfen!«

»Ja, du!« grollte Mutter Agnes beim Packen mit zerdrückter Stimme

über die Schulter. »Du wärst der Richtige zum Exulieren! Wo du schon

den Schnaufer verlierst bis hinüber zum Bräuhaus. Möcht wissen, was

du sagen tätest auf der Wanderschaft, wenn du Wasser trinken müßtest,

statt Tag für Tag deine fünf Maß Bier.« Nun drehte sie das blasse

Gesicht und blinzelte dem Sohne zu, daß er's dem Vater leichter machen

sollte.

»Komm, Vater!« sagte Leupolt ruhig. »Tu dich aufrichten als festes

Mannsbild! Bloß die Füß laufen von einander fort. Die Herzen bleiben

allweil beisammen.«

»Bub! Bub!« Meister Raurisser, hin und her geworfen zwischen Zorn und

Kummer, war einem Schreikrampf nahe. »Alles Gute für dich! Alles Gute

auf der Welt! Du hast's verdient! Und so einen Buben jagen sie aus

dem Land! Die Herrgottsakermenter! Wenn sich so was nit strafen tät,

da müßt unser Herrgott -- Jesus, Jesus, zu was für einem Herrgott

muß ich denn hinaufschreien?« Er wollte die geballten Fäuste gegen

die Stubendecke heben und klammerte die Arme wieder um den Hals des

Sohnes. »Bub! Mein Bub, du mein lieber! Alles Gute für dich -- und

alles -- Bub, ich kann nimmer, es reißt mir alles auseinander!« Wie

ein Betrunkener machte er sich los, taumelte gegen die Türe hin und

brüllte: »Kronäugeln tu ich ins Bier, vergiften tu ich die Unmenschen,

die rotzmiserabligen!« Er schlug die Türe hinter sich zu, daß es wie

ein Böllerschuß durch das Haus hallte.

Erschrocken sah Leupolt die Mutter an. Sie schüttelte den Kopf und

wischte die Tränen von den Wangen. »Auf die Wörtlen därf man beim Vater

nit gehen. Ist er drüben im Bräuhaus, so sucht er wieder das beste Malz

für die Herren aus. Wahr ist's, Bub, es hat nit leicht ein Kind auf der

Welt einen bräveren Vater, wie du!« Mit fahrigen Händen fing sie wieder

zu packen an. Und Leupolt stand inmitten der Stube, unbeweglich, den

Kopf zwischen den Fäusten. Nach einer Weile sagte er zaghaft: »Mutter!

So kann's das Luisli doch nit gemeint haben. Der Einsamkeit zulaufen

müssen, das ist hart. Meinst du nit, ich sollt noch eine letzte Frag an

das liebe Mädel tun?«

Erst nach einer Weile konnte Frau Agnes antworten: »Da muß ich

abraten. Will Gott es haben, so gibt er's. Mag er es nit, so mußt du

es leiden.« Als sie das Gesicht von dem fertiggepackten Korb abwandte

und ihren Buben ansah, mußte sie barmherzig sagen: »Fürgestern hab

ich mit dem hochwürdigen Herrn geredet. Der hofft noch allweil.« In

der Gottsaugenuhr ein leises Geräusch, wie von einem schnurrenden

Rädchen; dann schlug die Uhr mit schönen, tiefen Klängen die sechste

Morgenstunde. Frau Agnes ging auf den Tisch zu und löschte die Lampe.

»Jetzt müssen wir von einander. Schau, es tagt! Da mußt du auf dem

Markt beim Brunnen sein, wenn die Notigen und Ratlosen kommen. Du bist

ihr Helfer und Wegweis.« Ihr Gesicht bekam etwas weiß Versteinertes,

während sie zur Türe ging und den Riegel vorschob. Stumm, mit müden

Bewegungen, trat sie an jedes Fenster und zog die blauen Vorhänge

zu. Eine milde, neblige Dämmerung war in der Stube. Mutter Agnes ging

zur Gottsaugenuhr, löste die Gewichte von den Schnüren und hängte den

Perpendikel aus; der Engel und das Teufelchen blieben auf halbem Wege

stecken, jedes auf der Schwelle seiner Pforte; das Auge Gottes, weder

böse, noch freundlich, blickte ruhig aus der Mitte des von Strahlen

umzüngelten Dreiecks, und Mutter Agnes sagte, nicht laut, nur in ihrem

zerrissenen Herzen: »Die Uhr soll von der jetzigen Stund an nimmer

schlagen, solang ich noch leb.« Ganz ruhig war sie, als sie auf Leupolt

zutrat. Von ihrem Schmerz war nichts an ihr zu erkennen; heiß und

gläubig strahlte die Liebe in ihren Augen. »Bub! Ich kann dich nit

segnen, wie's deinem Glauben recht ist. Darf ich dich segnen, wie's

mein Herz versteht?«

»Eine Mutter darf alles.« Er ließ sich hinfallen auf die beiden Knie,

faltete in einer starren, hölzernen Art die Hände vor der Brust

und sah mit glänzenden Augen zum weißen Gesicht der Mutter hinauf.

Wortlos, kaum merklich die stummbetenden Lippen rührend, besprengte

sie ihrem Sohn den Scheitel, das Gesicht, die Schultern und die Hände

mit geweihtem Wasser. Und bekreuzte ihm die Stirne, den Mund und die

Brust. »Im Namen Gott des Vaters, Gott des Sohnes und Gott des heiligen

Geistes! Ist Gerechtigkeit im Himmel, und da glaub ich dran, so muß die

gütige Dreifaltigkeit dich hüten auf jedem Weg. An deiner sauberen Seel

ist nie kein Fleck und Schaden gewesen. Nie hast du ein Ding getan, von

dem ich sagen hätt müssen: das ist schlecht. Allweil bist du die Freud

deiner Mutter geblieben --« Die Stimme versagte ihr. Wie von einem

Frostschauer gerüttelt, beugte sie sich zu ihm hinunter und preßte das

Gesicht auf seinen Scheitel. »Vergeltsgott, Bub!« Er umklammerte die

Mutter, ohne einen Laut zu finden, und küßte den Schoß, der ihn geboren

hatte. Dann sah er zu ihr hinauf. »Dich und mich -- gelt, Mutter -- uns

schneidet man nit auseinander? Und nit mit der schärfsten Säg.«

Nur den Kopf konnte sie schütteln. Und nun wurde sie von einer

Verstörtheit befallen, die sich ansah wie Raserei. Die Hände mit

gespreizten Fingern emporstreckend, schrie Mutter Agnes zur Höhe

hinauf: »Allmächtiger! Rührst du dich nit ein bißl? Siehst du nit,

wie's zugeht in tausend Mutterherzen von Berchtesgaden?«

Am verhüllten Fenster ein heftiges Pochen. Und eine Stimme: »Bruder

Leupi?«

Die beiden in der Stube umklammerten sich stumm. Erst als das Pochen am

Fenster sich wiederholte, konnte Leupolt antworten: »Wohl! Ich bin noch

daheim.«

»Geh, komm! Die armen Leut wissen nit aus und ein. Alle schreien nach

dir.«

»Ich komm.« Er sprang vom Boden auf, umhalste und küßte die Mutter

-- »Gelt, du Liebe, jetzt muß es sein?« -- vergaß den Rucksack, den

er tragen sollte, vergaß die Geldkatze und den Zehrungskorb und kam

auf der Straße gerade zurecht, um ein kränkliches Weib, das zwischen

schreienden Kindern ohnmächtig geworden war, von der Erde aufzulupfen

und auf einen Wagen zu heben.

Aus hundert Stuben von Berchtesgaden war der Abschiedsjammer

herausgetreten über die Schwelle, mit zärtlichem Gestammel und

Schluchzen, mit Umarmungen, die nicht enden wollten, mit Kindergeschrei

und Muttertränen, mit erbitterten Zornflüchen und himmelschreienden

Klagen zerrissener Herzen. Der ganze Marktplatz und alle zuführenden

Gassen waren unter dem Frühlingsblau und in der milden Morgensonne

verwandelt zu einer einzigen großen Stube des Menschengrams. Alle

Glaubensfeindschaft und aller religiöse Gegensatz schien erloschen und

verschwunden; der Schmerz der Wandernden, die man aus der Heimat jagte,

war übergeflossen in die Herzen der Bleibenden; in allen war das Gefühl

der Zusammengehörigkeit wach geworden, die nachbarliche Freundlichkeit

und das menschliche Erbarmen.

Immer dichter und lärmender füllte sich die lange Marktgasse. Von

den Armen und Ärmsten, die nicht zu bleiben brauchten, bis Haus

oder Feld verkauft war, hatten sich Neunhundertundsieben zur ersten

Schar unter Leupolts Führung gemeldet, Greise, Männer und Weiber,

Burschen, Mädchen und Kinder. Unter ihnen auch Kranke, die nimmer

bleiben, nicht länger warten wollten auf den Tag der Seelenfreiheit.

Ein Bauer hatte seine siebzehnjährige Tochter, die den Fuß gebrochen,

auf eine Kraxe gebunden und brachte sie auf dem Rücken getragen. Den

Jakob Aschauer, einen Hundertjährigen, der schon ein Sterbender war,

mußten seine grauköpfigen Söhne auf den Leiterwagen heben und betten

im Stroh. Jede Mahnung, zu bleiben und den nahen Tod in der Heimat zu

erwarten, lehnte der Greis mit harter Handbewegung ab und sagte: »Das

ist vor Zeiten ein Sprichwort gewesen: Wen Gott lieb hat, den laßt

er fallen ins berchtesgadnische Land. Jetzt ist eine Zeit gekommen,

daß aus Berchtesgaden hinauskriechen möcht, wer nimmer laufen kann.«

Erschüttert durch diese Worte, das Gesicht von Tränen überflossen und

vom Geist befallen, stieg ein junges Weib auf den Wagen des Greises,

hob die Arme zum Himmel und begann zu predigen über das Wort: »Gehe

von deinem Vaterland, von deiner Freundschaft und deiner Mutter Haus

in ein Land, das ich dir zeigen werde.« Beim Brunnen begannen die

Evangelischen das Lutherlied zu singen:

»Ein feste Burg ist unser Gott --«

und auf der anderen Seite der Marktgasse sangen Hunderte das Wanderlied

der Salzburger:

»Ich bin ein armer Exulant

Und därf daheim nit bleiben,

Man tut mich aus dem Vaterland

Um Gottes Wort vertreiben --«

Mit dem inbrünstigen Klang der singenden Stimmen, mit dem verzückten

Lautgestammel des predigenden Weibes und mit den klingenden

Helferworten des Leupolt Raurisser, der ruhelos von Wagen zu Wagen

sprang, vermischte sich das Gerassel der verspäteten Karren, das

Gebrüll der Kühe, das Ziegengemecker und das Blöken der ängstlichen

Schafe. Der Tier- und Menschentrubel des Brunnenplatzes und der

Gasse glich dem Bild eines Viehmarktes, dessen Geschäft und Handel

unterbrochen wurde durch die Nachricht einer bösen, alle Menschen

verstörenden Landsnot. Köpfe und Arme streckten sich aus allen

Fenstern, und von überall warf man Kleiderbündel und Päcklein mit Geld

und Eßwaren herunter auf die Wagen der Exulanten. Aus allen Türen

kamen Frauen, Männer und Mägde, um herbeizuschleppen, was sie zu

geben hatten. Pfarrer Ludwig mit seiner Schwester, Lewitter und die

stumme Lena, die Sus und Meister Niklaus brachten große Körbe. Und

die Mälzmeisterin, als sie ihrem Buben die Geldkatze um die Hüften

geschnallt und die Rucksäcke mit dem Zehrkorb untergebracht hatte

auf dem Scharwagen, unter dessen Bocksitz die eiserne Truhe mit den

preußischen Hilfsgeldern an die Leitern angeschmiedet war, lief von

Karren zu Karren: »Ihr guten Leutlen, brauchet ihr noch was?« Sie

sprang in alle Kaufläden, raffte zusammen, was nötig war, hatte kein

Geld mehr und mußte immer sagen: »Schreibet nur auf! Ich zahl schon!«

Zwischen Gram und Schluchzen spielten sich Szenen ab, über die man

in unbedrückter Stunde hätte lachen müssen, und die der Jammer der

Abschiedsstunde zu einer herzerschütternden Begebenheit machte. Zwei

Geschwister, die einander verlassen mußten, hielten einen kleinen

weißen Hund, den sie lieb hatten, am Strickl und stritten verzweifelt

miteinander, weil ihn jedes dem anderen überlassen wollte. »Nimm ihn,

um Gottes Barmherzigkeit, so nimm ihn doch, du tust mir was Liebes an!«

Auf einem Wagen spielte ein ähnlicher Streit, noch tränenreicher, noch

verzweifelter. Drei Kinder, die beim Vater blieben, hingen am Hals der

exulierenden Mutter und beschworen sie, den kleinen Käfig mitzunehmen,

in dem ein Distelfink zwischen den Stäben scheu umherflatterte. »Nimm,

Mutterle, nimm, du hast das Vögerl so viel lieb, du kannst nit leben

ohne das Vögerl!« Und die Mutter, von Schluchzen geschüttelt: »Nit!

Und tausendmal nit! Wandern muß ich nach meinem Herrgotts Willen.

Euer Vögerl ist nit des Himmels und nit der Höll. Eh tät ich lieber

sterben am Fleck, eh daß ich meinen Kinderlen die singende Freud aus

dem Leben tät reißen mögen.« Ihr Schluchzen verwindend, mit den Zähnen

knirschend, preßte sie den kleinen Käfig zum letztenmal an ihre nasse

Wange und schlang mit dem anderen Arm die Blondköpfe der weinenden

Kinder an ihre Brust. Und neben dem Wagen, zwischen einem Ziegenknäuel,

redete ein junger Bauer mit erbitterten Worten zu seinem blassen,

unbeweglichen Weib: »Um aller Seligkeit willen, tu dich besinnen im

letzten Stündl! Weibl, Weibl, bist du denn ganz verloren, daß du mich

lassen und mit den Luthrischen laufen kannst?«

Die ekstatisch glänzenden Augen zur Höhe gerichtet, sagte sie leis:

»Ich geh, weil der liebe Gott mich ruft.«

Er klagte: »Weibl, Weibl, du laufst dem Satan zu!« Und weil in ihm

die Sorge noch größer war, als der Zorn, machte er das schützende

Kreuzzeichen auf ihre Stirn.

Da sah sie ihm lächelnd in die Augen. »Vergeltsgott, du Gütiger! Jetzt

kann mir die Höll nimmer schaden. Deine Lieb hat ein heiliges Kreuz

über mich gemacht.«

Ein alter Mann und eine alte Frau, beide mit bleichen, entstellten

Gesichtern, hingen an die Arme ihres zwanzigjährigen Sohnes geklammert

und beschworen ihn zur Reue und zu christlichem Bleiben. Er zog die

Alten an sich, hielt ihre Köpfe an seine Rippen gepreßt und sagte: »Es

ist auf der Welt kein Ding, das mir lieber wär als Mutter und Vater.

Aber Gott ist mehr. Ihr habt euch anders besonnen, und ich tu's nit

schelten. Jeder so, wie er muß. Ich getrau mich bei eurem Glauben nit

selig zu werden. Und lügen kann ich nit. Ich tät mich schämen müssen

vor dem Leupi, der geblutet hat für uns alle. Jedem Redlichen muß die

Wahrheit heiliger sein als Glück und Leben.«

Das hörte einer, dem dieses verzückte Wort den letzten Blutstropfen aus

den bärtigen Wangen jagte. »Meister?« stammelte die Sus erschrocken.

Er sagte zwischen den Zähnen: »Gib! Und gib! Wie mehr, so lieber ist

mir's. Ich hab einen Weg.« Vorüber an lautem Schluchzen und stillem

Weinen, vorüber an Zorn und Gram, an Tieren und Menschen. Beim Brunnen

sah er den Pfarrer und drängte sich hin zu ihm. Der fragte betroffen:

»Nick? Ist dir nit gut?«

Der Meister sah ihm in die Augen. »So geht's nit länger. Ich kann's

nimmer hehlen. Ob Ruh oder Elend, ich muß bekennen heut.«

»Dein Gesicht hat mir's kürzer gesagt.« Der Pfarrer legte den Arm um

den Hals des Freundes. »Tu, was du mußt! Jetzt red ich dir nimmer ab.«

Seine trauernden Augen irrten über den tausendköpfigen Jammer hin, der

die Gasse füllte. »Aber was du tun mußt, tu als mutiger Mensch! Der Weg

zum Listenkommissar ist leicht. Erst geh den härteren zu deinem Kind.«

Der Meister nickte und bot dem Freunde die linke Hand, die lebende.

Stumm ging er davon und sah nimmer, daß ein leises Lächeln den

trauernden Ernst im Warzengesicht des Pfarrers milderte. Um sich in

der langen Gasse nicht wieder vorüberwühlen zu müssen an Menschen und

Tieren, schritt der Meister hinüber zum gestutzten Hofgarten und suchte

den Heimweg hinter den Zäunen. Wie das Rauschen eines großen Wassers

begleitete ihn der klagende Lärm der Marktgasse.

Friedlich umschimmerte die Morgensonne sein Haus inmitten des Gartens,

in dem die Rosenstauden zu knospen begannen. Der Meister trat in den

Flur und rief über die Treppe hinauf: »Kind? Wo bist du?«

In der Werkstätte ein erwürgter Laut.

Durch das Fenster mit den verbogenen Eisenstäben flutete eine

goldschöne Sonnenfülle in den großen, schweigsamen Raum, umglänzte

die Holzstatue der >heiligen Menschheit< und streifte den Schoß des

jungen Mädchens, das im ziegelfarbenen Hauskleid hinter dem Spinnrad

auf der Holzbank saß, ähnlicher dem jungen Tod als einem atmenden

Menschenkind. Schweigend betrachtete Niklaus seine Tochter, in deren

Augen eine angstvolle Frage brannte. Dann glitt sein Blick, der wie

ein gramvolles Abschiednehmen war, über die Mauern, über alles Gerät,

und blieb an seinem Werke haften: an der schlanken, von dürstendem

Erwarten durchglühten Gestalt des jungen, ärmlich gekleideten

Weibes, das die Arme auseinanderbreitet und verklärt einem kommenden

Wunder entgegenblickt, aus starrem Holz verwandelt zu heißem Leben,

durchleuchtet von opferwilliger Liebe und hoffendem Glauben. Die Hand

auf seine Stirne legend, mit einem halb bitteren, halb frohen Lächeln,

wiederholte der Meister leis die Worte, die er an dieser Stelle vor

vielen Wochen zu seinem Kinde gesprochen hatte: »Lang muß man harren

auf Erlösung. Einmal kommt sie.« Er wandte das Gesicht. Sorge und

Zärtlichkeit waren in seiner Stimme. »Kind! Jetzt muß ich dir sagen,

was dir hart sein wird.«

Das große Jagen · 第 92 / 98 题