Bei grauendem Morgen brannte die Lampe in der Wohnstube des
Mälzmeisterhauses. Der alte Raurisser, mit rotglühendem Kopf, saß
im Herrgottswinkel, wickelte kleine Geldrollen und stopfte sie in
eine neue Lederkatze, die aussah wie ein Tiroler Bauerngürtel. Mit
buntem Garn waren die Anfangsbuchstaben von Leupolts Namen und sein
Geburtsjahr 1707 eingestickt; und rechts und links eine Gemse, die mit
enggestellten Läufen auf einem spitzigen Kegelchen stand. Immer dicker
und schwerer wurde der schöne Schatzbehälter. Und als der Meister beim
Wickeln seufzend eine Pause machte, sagte Mutter Agnes, mit Augen und
Stimme bettelnd: »Gib, Alterle, gib! Sein Weg ist weit.« Der Meister
wickelte wieder. Und Frau Agnes packte. Zwei große Rucksäcke standen
schon fertig geschnürt auf der Fensterbank. Jetzt füllte sie mit
zitternden Händen den dritten Sack und huschte immer wieder davon,
um ein für ihren Buben brauchbares Stück zu holen, das ihr noch
einfiel. Als der kugelrunde Sack verschnürt war, packte sie alles, was
die Magd mit verheulten Augen als Zehrungsbeitrag für die Exulanten
herbeischleppte, in den großen Wäschekorb auf der Ofenbank: geselchtes
Wildbret, geräucherte Saiblinge, Schinken und Speckwürste, ein paar
hundert hartgesottene Eier, Schmalzbüchsen und Buttertöpfe, Salzdüten,
Schnapsgutter und Weinflaschen, Brotlaibe und süße Wecken. Immer war es
der Mälzmeisterin noch zu wenig. »Lauf, Mädel, und bring! Da muß man
geben!« Zustimmend tackte die Gottsaugenuhr an der Mauer: »Tu's! Tu's!
Tu's!« Ob's der Engel oder das Teufelchen sagte, immer klang es mit
der gleichen heimlichen Freundlichkeit, und immer blickte das rollende
Gottesauge im Zustand des Wohlwollens gegen die Ofenbank, blickte nur
finster, wenn es hinüberschielte gegen die lautwerdende Straße. An der
schönen alten Uhr, die sich in tadellosem Gang befand, war nicht die
geringste Spur einer irrsinnigen Mißhandlung zu erkennen. Da mußte
der Pfarrer Ludwig, als er dem Luisli jene sonderbare Uhrgeschichte
erzählte, entweder an Wahnvorstellungen gelitten haben wie der
Chorkaplan Jesunder, oder der Pfarrer hatte wieder einmal gelogen,
diesmal anscheinend ohne Erfolg. Mit Spinozas Lehre von den für das
Menschenglück ersprießlichen Geschehnissen schien es in diesem Falle
nicht zu stimmen.
Leupolt kam zur Tür herein, in dem verwitterten Bergjägerkleid, das er
getragen hatte, als er die preußischen Herren hinaufführte zum Toten
Mann. »Jetzt bin ich fertig.« Frau Agnes schien nicht zu hören; beim
Packen beugte sie nur das Gesicht ein bißchen tiefer gegen den Korb
hinunter. Für den Vater war das ruhige Wort des Sohnes wie ein Stoß
vor die Brust gewesen. Mit tattrigen Händen schnallte er die zwei
Kappen der Lederkatze zu. »So, Bub!« Er schob sich aus der Bank heraus.
»Schau, da ist, was du kriegst von mir. Sei halt ein bißl gescheit und
gib nit alles für die anderen aus. Für dich muß auch was bleiben.«
»Vergeltsgott! Tust du die Brüder nit verkürzen?«
Der Alte schüttelte den Kopf. »Beredet haben wir schon alles. Machen
wir's kurz. Ich muß ins Bräuhaus hinüber.« Als er die Arme um den
Hals des Sohnes legte, war er noch mannhaft. Kaum aber spürte er den
eisernen Zärtlichkeitsdruck seines Buben, da verlor er alle Fassung,
wühlte das Gesicht an die Brust des Sohnes und keuchte: »Bub, ich
wollt, ich tät mitdürfen!«
»Ja, du!« grollte Mutter Agnes beim Packen mit zerdrückter Stimme
über die Schulter. »Du wärst der Richtige zum Exulieren! Wo du schon
den Schnaufer verlierst bis hinüber zum Bräuhaus. Möcht wissen, was
du sagen tätest auf der Wanderschaft, wenn du Wasser trinken müßtest,
statt Tag für Tag deine fünf Maß Bier.« Nun drehte sie das blasse
Gesicht und blinzelte dem Sohne zu, daß er's dem Vater leichter machen
sollte.
»Komm, Vater!« sagte Leupolt ruhig. »Tu dich aufrichten als festes
Mannsbild! Bloß die Füß laufen von einander fort. Die Herzen bleiben
allweil beisammen.«
»Bub! Bub!« Meister Raurisser, hin und her geworfen zwischen Zorn und
Kummer, war einem Schreikrampf nahe. »Alles Gute für dich! Alles Gute
auf der Welt! Du hast's verdient! Und so einen Buben jagen sie aus
dem Land! Die Herrgottsakermenter! Wenn sich so was nit strafen tät,
da müßt unser Herrgott -- Jesus, Jesus, zu was für einem Herrgott
muß ich denn hinaufschreien?« Er wollte die geballten Fäuste gegen
die Stubendecke heben und klammerte die Arme wieder um den Hals des
Sohnes. »Bub! Mein Bub, du mein lieber! Alles Gute für dich -- und
alles -- Bub, ich kann nimmer, es reißt mir alles auseinander!« Wie
ein Betrunkener machte er sich los, taumelte gegen die Türe hin und
brüllte: »Kronäugeln tu ich ins Bier, vergiften tu ich die Unmenschen,
die rotzmiserabligen!« Er schlug die Türe hinter sich zu, daß es wie
ein Böllerschuß durch das Haus hallte.
Erschrocken sah Leupolt die Mutter an. Sie schüttelte den Kopf und
wischte die Tränen von den Wangen. »Auf die Wörtlen därf man beim Vater
nit gehen. Ist er drüben im Bräuhaus, so sucht er wieder das beste Malz
für die Herren aus. Wahr ist's, Bub, es hat nit leicht ein Kind auf der
Welt einen bräveren Vater, wie du!« Mit fahrigen Händen fing sie wieder
zu packen an. Und Leupolt stand inmitten der Stube, unbeweglich, den
Kopf zwischen den Fäusten. Nach einer Weile sagte er zaghaft: »Mutter!
So kann's das Luisli doch nit gemeint haben. Der Einsamkeit zulaufen
müssen, das ist hart. Meinst du nit, ich sollt noch eine letzte Frag an
das liebe Mädel tun?«
Erst nach einer Weile konnte Frau Agnes antworten: »Da muß ich
abraten. Will Gott es haben, so gibt er's. Mag er es nit, so mußt du
es leiden.« Als sie das Gesicht von dem fertiggepackten Korb abwandte
und ihren Buben ansah, mußte sie barmherzig sagen: »Fürgestern hab
ich mit dem hochwürdigen Herrn geredet. Der hofft noch allweil.« In
der Gottsaugenuhr ein leises Geräusch, wie von einem schnurrenden
Rädchen; dann schlug die Uhr mit schönen, tiefen Klängen die sechste
Morgenstunde. Frau Agnes ging auf den Tisch zu und löschte die Lampe.
»Jetzt müssen wir von einander. Schau, es tagt! Da mußt du auf dem
Markt beim Brunnen sein, wenn die Notigen und Ratlosen kommen. Du bist
ihr Helfer und Wegweis.« Ihr Gesicht bekam etwas weiß Versteinertes,
während sie zur Türe ging und den Riegel vorschob. Stumm, mit müden
Bewegungen, trat sie an jedes Fenster und zog die blauen Vorhänge
zu. Eine milde, neblige Dämmerung war in der Stube. Mutter Agnes ging
zur Gottsaugenuhr, löste die Gewichte von den Schnüren und hängte den
Perpendikel aus; der Engel und das Teufelchen blieben auf halbem Wege
stecken, jedes auf der Schwelle seiner Pforte; das Auge Gottes, weder
böse, noch freundlich, blickte ruhig aus der Mitte des von Strahlen
umzüngelten Dreiecks, und Mutter Agnes sagte, nicht laut, nur in ihrem
zerrissenen Herzen: »Die Uhr soll von der jetzigen Stund an nimmer
schlagen, solang ich noch leb.« Ganz ruhig war sie, als sie auf Leupolt
zutrat. Von ihrem Schmerz war nichts an ihr zu erkennen; heiß und
gläubig strahlte die Liebe in ihren Augen. »Bub! Ich kann dich nit
segnen, wie's deinem Glauben recht ist. Darf ich dich segnen, wie's
mein Herz versteht?«
»Eine Mutter darf alles.« Er ließ sich hinfallen auf die beiden Knie,
faltete in einer starren, hölzernen Art die Hände vor der Brust
und sah mit glänzenden Augen zum weißen Gesicht der Mutter hinauf.
Wortlos, kaum merklich die stummbetenden Lippen rührend, besprengte
sie ihrem Sohn den Scheitel, das Gesicht, die Schultern und die Hände
mit geweihtem Wasser. Und bekreuzte ihm die Stirne, den Mund und die
Brust. »Im Namen Gott des Vaters, Gott des Sohnes und Gott des heiligen
Geistes! Ist Gerechtigkeit im Himmel, und da glaub ich dran, so muß die
gütige Dreifaltigkeit dich hüten auf jedem Weg. An deiner sauberen Seel
ist nie kein Fleck und Schaden gewesen. Nie hast du ein Ding getan, von
dem ich sagen hätt müssen: das ist schlecht. Allweil bist du die Freud
deiner Mutter geblieben --« Die Stimme versagte ihr. Wie von einem
Frostschauer gerüttelt, beugte sie sich zu ihm hinunter und preßte das
Gesicht auf seinen Scheitel. »Vergeltsgott, Bub!« Er umklammerte die
Mutter, ohne einen Laut zu finden, und küßte den Schoß, der ihn geboren
hatte. Dann sah er zu ihr hinauf. »Dich und mich -- gelt, Mutter -- uns
schneidet man nit auseinander? Und nit mit der schärfsten Säg.«
Nur den Kopf konnte sie schütteln. Und nun wurde sie von einer
Verstörtheit befallen, die sich ansah wie Raserei. Die Hände mit
gespreizten Fingern emporstreckend, schrie Mutter Agnes zur Höhe
hinauf: »Allmächtiger! Rührst du dich nit ein bißl? Siehst du nit,
wie's zugeht in tausend Mutterherzen von Berchtesgaden?«
Am verhüllten Fenster ein heftiges Pochen. Und eine Stimme: »Bruder
Leupi?«
Die beiden in der Stube umklammerten sich stumm. Erst als das Pochen am
Fenster sich wiederholte, konnte Leupolt antworten: »Wohl! Ich bin noch
daheim.«
»Geh, komm! Die armen Leut wissen nit aus und ein. Alle schreien nach
dir.«
»Ich komm.« Er sprang vom Boden auf, umhalste und küßte die Mutter
-- »Gelt, du Liebe, jetzt muß es sein?« -- vergaß den Rucksack, den
er tragen sollte, vergaß die Geldkatze und den Zehrungskorb und kam
auf der Straße gerade zurecht, um ein kränkliches Weib, das zwischen
schreienden Kindern ohnmächtig geworden war, von der Erde aufzulupfen
und auf einen Wagen zu heben.
Aus hundert Stuben von Berchtesgaden war der Abschiedsjammer
herausgetreten über die Schwelle, mit zärtlichem Gestammel und
Schluchzen, mit Umarmungen, die nicht enden wollten, mit Kindergeschrei
und Muttertränen, mit erbitterten Zornflüchen und himmelschreienden
Klagen zerrissener Herzen. Der ganze Marktplatz und alle zuführenden
Gassen waren unter dem Frühlingsblau und in der milden Morgensonne
verwandelt zu einer einzigen großen Stube des Menschengrams. Alle
Glaubensfeindschaft und aller religiöse Gegensatz schien erloschen und
verschwunden; der Schmerz der Wandernden, die man aus der Heimat jagte,
war übergeflossen in die Herzen der Bleibenden; in allen war das Gefühl
der Zusammengehörigkeit wach geworden, die nachbarliche Freundlichkeit
und das menschliche Erbarmen.
Immer dichter und lärmender füllte sich die lange Marktgasse. Von
den Armen und Ärmsten, die nicht zu bleiben brauchten, bis Haus
oder Feld verkauft war, hatten sich Neunhundertundsieben zur ersten
Schar unter Leupolts Führung gemeldet, Greise, Männer und Weiber,
Burschen, Mädchen und Kinder. Unter ihnen auch Kranke, die nimmer
bleiben, nicht länger warten wollten auf den Tag der Seelenfreiheit.
Ein Bauer hatte seine siebzehnjährige Tochter, die den Fuß gebrochen,
auf eine Kraxe gebunden und brachte sie auf dem Rücken getragen. Den
Jakob Aschauer, einen Hundertjährigen, der schon ein Sterbender war,
mußten seine grauköpfigen Söhne auf den Leiterwagen heben und betten
im Stroh. Jede Mahnung, zu bleiben und den nahen Tod in der Heimat zu
erwarten, lehnte der Greis mit harter Handbewegung ab und sagte: »Das
ist vor Zeiten ein Sprichwort gewesen: Wen Gott lieb hat, den laßt
er fallen ins berchtesgadnische Land. Jetzt ist eine Zeit gekommen,
daß aus Berchtesgaden hinauskriechen möcht, wer nimmer laufen kann.«
Erschüttert durch diese Worte, das Gesicht von Tränen überflossen und
vom Geist befallen, stieg ein junges Weib auf den Wagen des Greises,
hob die Arme zum Himmel und begann zu predigen über das Wort: »Gehe
von deinem Vaterland, von deiner Freundschaft und deiner Mutter Haus
in ein Land, das ich dir zeigen werde.« Beim Brunnen begannen die
Evangelischen das Lutherlied zu singen:
»Ein feste Burg ist unser Gott --«
und auf der anderen Seite der Marktgasse sangen Hunderte das Wanderlied
der Salzburger:
»Ich bin ein armer Exulant
Und därf daheim nit bleiben,
Man tut mich aus dem Vaterland
Um Gottes Wort vertreiben --«
Mit dem inbrünstigen Klang der singenden Stimmen, mit dem verzückten
Lautgestammel des predigenden Weibes und mit den klingenden
Helferworten des Leupolt Raurisser, der ruhelos von Wagen zu Wagen
sprang, vermischte sich das Gerassel der verspäteten Karren, das
Gebrüll der Kühe, das Ziegengemecker und das Blöken der ängstlichen
Schafe. Der Tier- und Menschentrubel des Brunnenplatzes und der
Gasse glich dem Bild eines Viehmarktes, dessen Geschäft und Handel
unterbrochen wurde durch die Nachricht einer bösen, alle Menschen
verstörenden Landsnot. Köpfe und Arme streckten sich aus allen
Fenstern, und von überall warf man Kleiderbündel und Päcklein mit Geld
und Eßwaren herunter auf die Wagen der Exulanten. Aus allen Türen
kamen Frauen, Männer und Mägde, um herbeizuschleppen, was sie zu
geben hatten. Pfarrer Ludwig mit seiner Schwester, Lewitter und die
stumme Lena, die Sus und Meister Niklaus brachten große Körbe. Und
die Mälzmeisterin, als sie ihrem Buben die Geldkatze um die Hüften
geschnallt und die Rucksäcke mit dem Zehrkorb untergebracht hatte
auf dem Scharwagen, unter dessen Bocksitz die eiserne Truhe mit den
preußischen Hilfsgeldern an die Leitern angeschmiedet war, lief von
Karren zu Karren: »Ihr guten Leutlen, brauchet ihr noch was?« Sie
sprang in alle Kaufläden, raffte zusammen, was nötig war, hatte kein
Geld mehr und mußte immer sagen: »Schreibet nur auf! Ich zahl schon!«
Zwischen Gram und Schluchzen spielten sich Szenen ab, über die man
in unbedrückter Stunde hätte lachen müssen, und die der Jammer der
Abschiedsstunde zu einer herzerschütternden Begebenheit machte. Zwei
Geschwister, die einander verlassen mußten, hielten einen kleinen
weißen Hund, den sie lieb hatten, am Strickl und stritten verzweifelt
miteinander, weil ihn jedes dem anderen überlassen wollte. »Nimm ihn,
um Gottes Barmherzigkeit, so nimm ihn doch, du tust mir was Liebes an!«
Auf einem Wagen spielte ein ähnlicher Streit, noch tränenreicher, noch
verzweifelter. Drei Kinder, die beim Vater blieben, hingen am Hals der
exulierenden Mutter und beschworen sie, den kleinen Käfig mitzunehmen,
in dem ein Distelfink zwischen den Stäben scheu umherflatterte. »Nimm,
Mutterle, nimm, du hast das Vögerl so viel lieb, du kannst nit leben
ohne das Vögerl!« Und die Mutter, von Schluchzen geschüttelt: »Nit!
Und tausendmal nit! Wandern muß ich nach meinem Herrgotts Willen.
Euer Vögerl ist nit des Himmels und nit der Höll. Eh tät ich lieber
sterben am Fleck, eh daß ich meinen Kinderlen die singende Freud aus
dem Leben tät reißen mögen.« Ihr Schluchzen verwindend, mit den Zähnen
knirschend, preßte sie den kleinen Käfig zum letztenmal an ihre nasse
Wange und schlang mit dem anderen Arm die Blondköpfe der weinenden
Kinder an ihre Brust. Und neben dem Wagen, zwischen einem Ziegenknäuel,
redete ein junger Bauer mit erbitterten Worten zu seinem blassen,
unbeweglichen Weib: »Um aller Seligkeit willen, tu dich besinnen im
letzten Stündl! Weibl, Weibl, bist du denn ganz verloren, daß du mich
lassen und mit den Luthrischen laufen kannst?«
Die ekstatisch glänzenden Augen zur Höhe gerichtet, sagte sie leis:
»Ich geh, weil der liebe Gott mich ruft.«
Er klagte: »Weibl, Weibl, du laufst dem Satan zu!« Und weil in ihm
die Sorge noch größer war, als der Zorn, machte er das schützende
Kreuzzeichen auf ihre Stirn.
Da sah sie ihm lächelnd in die Augen. »Vergeltsgott, du Gütiger! Jetzt
kann mir die Höll nimmer schaden. Deine Lieb hat ein heiliges Kreuz
über mich gemacht.«
Ein alter Mann und eine alte Frau, beide mit bleichen, entstellten
Gesichtern, hingen an die Arme ihres zwanzigjährigen Sohnes geklammert
und beschworen ihn zur Reue und zu christlichem Bleiben. Er zog die
Alten an sich, hielt ihre Köpfe an seine Rippen gepreßt und sagte: »Es
ist auf der Welt kein Ding, das mir lieber wär als Mutter und Vater.
Aber Gott ist mehr. Ihr habt euch anders besonnen, und ich tu's nit
schelten. Jeder so, wie er muß. Ich getrau mich bei eurem Glauben nit
selig zu werden. Und lügen kann ich nit. Ich tät mich schämen müssen
vor dem Leupi, der geblutet hat für uns alle. Jedem Redlichen muß die
Wahrheit heiliger sein als Glück und Leben.«
Das hörte einer, dem dieses verzückte Wort den letzten Blutstropfen aus
den bärtigen Wangen jagte. »Meister?« stammelte die Sus erschrocken.
Er sagte zwischen den Zähnen: »Gib! Und gib! Wie mehr, so lieber ist
mir's. Ich hab einen Weg.« Vorüber an lautem Schluchzen und stillem
Weinen, vorüber an Zorn und Gram, an Tieren und Menschen. Beim Brunnen
sah er den Pfarrer und drängte sich hin zu ihm. Der fragte betroffen:
»Nick? Ist dir nit gut?«
Der Meister sah ihm in die Augen. »So geht's nit länger. Ich kann's
nimmer hehlen. Ob Ruh oder Elend, ich muß bekennen heut.«
»Dein Gesicht hat mir's kürzer gesagt.« Der Pfarrer legte den Arm um
den Hals des Freundes. »Tu, was du mußt! Jetzt red ich dir nimmer ab.«
Seine trauernden Augen irrten über den tausendköpfigen Jammer hin, der
die Gasse füllte. »Aber was du tun mußt, tu als mutiger Mensch! Der Weg
zum Listenkommissar ist leicht. Erst geh den härteren zu deinem Kind.«
Der Meister nickte und bot dem Freunde die linke Hand, die lebende.
Stumm ging er davon und sah nimmer, daß ein leises Lächeln den
trauernden Ernst im Warzengesicht des Pfarrers milderte. Um sich in
der langen Gasse nicht wieder vorüberwühlen zu müssen an Menschen und
Tieren, schritt der Meister hinüber zum gestutzten Hofgarten und suchte
den Heimweg hinter den Zäunen. Wie das Rauschen eines großen Wassers
begleitete ihn der klagende Lärm der Marktgasse.
Friedlich umschimmerte die Morgensonne sein Haus inmitten des Gartens,
in dem die Rosenstauden zu knospen begannen. Der Meister trat in den
Flur und rief über die Treppe hinauf: »Kind? Wo bist du?«
In der Werkstätte ein erwürgter Laut.
Durch das Fenster mit den verbogenen Eisenstäben flutete eine
goldschöne Sonnenfülle in den großen, schweigsamen Raum, umglänzte
die Holzstatue der >heiligen Menschheit< und streifte den Schoß des
jungen Mädchens, das im ziegelfarbenen Hauskleid hinter dem Spinnrad
auf der Holzbank saß, ähnlicher dem jungen Tod als einem atmenden
Menschenkind. Schweigend betrachtete Niklaus seine Tochter, in deren
Augen eine angstvolle Frage brannte. Dann glitt sein Blick, der wie
ein gramvolles Abschiednehmen war, über die Mauern, über alles Gerät,
und blieb an seinem Werke haften: an der schlanken, von dürstendem
Erwarten durchglühten Gestalt des jungen, ärmlich gekleideten
Weibes, das die Arme auseinanderbreitet und verklärt einem kommenden
Wunder entgegenblickt, aus starrem Holz verwandelt zu heißem Leben,
durchleuchtet von opferwilliger Liebe und hoffendem Glauben. Die Hand
auf seine Stirne legend, mit einem halb bitteren, halb frohen Lächeln,
wiederholte der Meister leis die Worte, die er an dieser Stelle vor
vielen Wochen zu seinem Kinde gesprochen hatte: »Lang muß man harren
auf Erlösung. Einmal kommt sie.« Er wandte das Gesicht. Sorge und
Zärtlichkeit waren in seiner Stimme. »Kind! Jetzt muß ich dir sagen,
was dir hart sein wird.«